Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 24 ausgesprochen hatte. Bei unserer Verhandlung spielte’ereine recht tragikomische Rolle. Er fungierte nämlich als Sachverständiger der jüdischen Sprache und sollte das in jüdischer Sprache geschriebene Pamphlet ins Polnische übersetzen. Br, 'der Allpole, musste aber zur Heiterkeit der Zuhörer gestehen, dass er der polnischen Spräche nicht mächtig sei! Eine neue Kultusgemeinde in Galizien. Boryslaw (Orig.-Korr.) Die Juden unseres Städtchens standen bis nun unter der Patronanz der jüdischen Kultusgemeind;; in Drohobycz, deren Oberpascha der berüchtigte Jakob Feuerstein ist Unserer Gemeinde waren aber schon die Wohltaten und die Obhut eines solchen Vormundes und Beschirmers satt. Die besonneneren Elemente unseres Städtchens unternahmen eine Aktion zur Eliminierung aus der Drohobyczer und Kreierung einer selbständigen Kultusgemeinde. An die Spitze dieser Bewegung stellte sich unser wackerer Gg. Lippe Schutzmann, Bürgermeister der Gemeinde Boryslaw. Auf seine Veranlassung wurde eine jüdische Volksversammlung eänberufen. Trotz der Gegenaktion des Wahlsdiwindlers Feuerstein, der vergeblich die Versammlung zu sprengen versuchte, — er hatte seine bewährte •Garde, die Fiakerkutscher aus Drohobycz aufgeboten, — beschloss die Versammlung einstimmig, bei der Statthalterei in Lemberg wegen der Gründung ein;r Kultusgemeinde in unserem Städtchen vorstellig zu werden. 7u diesem Zwecke wurde ein Komitee mit Og. Schutzmann an der Spitze eingesetzt Die Statuten sind bereits eingereicht worden und es ist zu erwarten, dass die Statthalterei ein heisses Bedürfnis der jüdischen Bevölkerung unserer Stadt berücksichtigen wird. Das überreichte Statut unterscheidet sich in demokratischer Hinsicht von den sonstigen derartigen Statuten. Denn auf Grund desselben wird das Wahlrecht nicht nur den Simpelsteuerzahlenden längeräumt werden, sondern allen 24jährigen jüdischen Bürgern, welche irgend eine Staatssteuer entrichten. Auf diese Weise wird die Zahl der Wähler von 250 auf 1500 wachsen und unsere Stadt wird die erste sein, deren jüdisch; Kultusgemeinde eine demokratische Wahlordnung besitzen wird. Poale-zionistisches Volksmeeting in Lemberg. Lemberg. (Orig.-Koirr.) Im Anschlüsse an den p.-z. Parteitag fand Freitag abends, den 5. d., im grossen Saale des Vereines „Jad Charuzim“ ein Volksmeeting statt. Den Vorsitz führte Gg. Salman Herz (Lemberg). Es sprachen Gg. Sok o I '(Czernowitz) über die Kulturbestrebungen der p.-z. Partei; Gg. Max Rosenfeld (Drohobycz) über den Einfluss der p.-z. Bewegung auf die nationale Evolution innerhalb der sozialistischen Organisationen in Galizien, in denen das jüd. Proletariat vertreten ist. Ferner sprachen die Gg. Kenner (Brzezany), Meller (Krakau) und O k in (Reschowoth-Palästma), der die Grüsse der Arbeiter überbrihgt, die die Golusländer verlassen haben und nach Palästina zogen, um dort zu arbeiten. Er fordert die jü’d. Arbeiter aus Galizien auf, nach Palästina zu gehen, wo sie als Menschen, Arbeiter und Juden sich unbehindert werden entwickeln können. Gg. Ehre (Lemberg) kündet den Kampf gegen die jüdischnationale Partei an. Ful. Herstein (Krakau) und Gg. Kaplanski (Wäen) besprechen die Rolle des1 jüd. Proletariats in der Internationale und schildern den Kampf um eine jüdische Sektion im intern, sozialistischen Bureap. Ausserdem sprachen noch Gg. Wattenberg (Stanislau) und mehrere andere. Erst in später Nachtstunde war das imposante Meeting, welches von einigen Hunderten Arbeitern und Arbeiterinnen besucht war, zu Ende. a. k. Ungarn. Landeskongress der Zionisten. Budapest Unter sehr reger Beteiligung hat hier der Landeskongress der Ungarischen.Zionisten stattgefunden. Den Vorsitz führte Pr. Bela Oesterreicher, der in seiner Eröffnungsansprache ' die Ziele der zionistischen Bewegung darlegte, die nichts anderes bezweckt, als die Schaffung einer völkerrechtlich gesicherten Heimstätte iür das Judentum, auf dessen Willenskraft es einzig und allein ankomme, wenn es die Gründung des jüdischen Staates gilt. Nachdem eine Begrüssungsdepesche an den König abgesendet wurde, hielt Armin Beregi einen Vortrag über die Zionistenbewegung -in Ungarn. Er beklagte es, dass die zionistische Aktion eben in unserem Vaterlande am schwächsten sei; dann trat er jenen entgegen, welche die Zionisten als schlechte Patrioten hinstellen. Er gedachte iemer des ewigen Streites zwischen Orthodoxen und Neologen, der das Judentum jetzt, wo es aller seiner Kraft bedarf, in zwei Lager spalte. Dr. Ludwig Domeny sprach über die Ausgestaltung der zionistischen Organisationen und richtete scharfe Ausfälle gegen die israelitische Landeskanzlei, welche in einer Eingabe an die Regierung gegen den Zionismus Stellung nahm. Der letzte Redner war Dr. Sigmund Alt; er führte die schwache Entwicklung des Zionismus in Ungarn auf den Indifrerentismus zurück, mit welchem die Tagespresse die jüdischen Interessen behandelt. Zum Schlüsse nahm der Kongress eine Resolution an, in welcher def Zionismus als die einzig mögliche Lösung der ’ Judenfrage bezeichnet und der Hoffnung Ausdruck gegeben wird, die Regierung werde die Berechtigung der zionistischen Bestrebungen durch Gutheissung der Statuten des Ziomstenvereines anerkennen, wie dies von seiten anderer Regierungen schon geschehen. In der nächsten Nummer werden wir einen eingehenderen' Bericht veröffentlichen. Nach Schluss des Blattes. Rede des Abg. Adolf Stand in der Bugetdebatte des Abgeordnetenhauses vom 10. Juni a. c. Hohes Haus!! Ich habe heute zum zweitenmal Gelegenheit, itn Namen des Jüdischen Klubs in der Budgetdebatte das Wort zu ergreifen. Ich will, bevor'ich in das Meritum edngehe, zuerst kennzeichnen, wie sich die Verhältnisse in den. letzten Jahrzehnten in der jüdischen Bevölkerung geändert haben. Schon vor der Konstitution vom jahre 1867 hatten wir Juden im Abgeordneteiihause Vertreter. Aber es muss offen hcrausgesagt werden: das jüdische Volk hatte nicht Vertrauen zu diesen Vertretern. Denn während der vier Jahrzehnte, die sie in diesem. Hause sassen. wurden eine Reihe von Gesetzen geschaffen, die gegen unser Volk gerichtet sind. Es wurden in Anwesenheit, ja fast .mit Zustimmung dieser Herren das Gesetz über die Sonntagsruhe, das Raten- und Hausiergesetz, das Gesetz •über den Befähigungsnachweis und eine ganze Reihe anderer, die jüdische Bevölkerung wirtschaftlich arg . schädigender iMassregeln beschlossen. Auch das Salzmonopol für Galizien wurde öingeführt. Und da sassen vier Jahrzehnte hindurch diese Vertreter und fänden nicht die nötige Zeit, um im Namen des bedrückten* Volkes für. seine Interessen ein- und gegen diese Gesetze auizutreten. Die Juden wraren in diesem Hause in sehr geringer Zahl vertreten. Beim alten Kurienparlament hatten grösstenteils nur die Handelskammer Juden entsendet, die Städte waren nicht vertreten. Es kam im Jahre 1907 das allgemeine Wahlrecht und da änderten sich die Verhältnisse vollständig. Es kam eine neue Gruppe unter den Juden in das Hans, unsere Gruppe. Wir kommen mit neuen Wünschen, mit neuen Forderungen und sind prinzipiell und wesentlich von den anderen Gruppen unterschieden. Das neue Wahlrecht trug viel dazu bei. Neben dem polnischen und ruthenischen Volke erwachte auch das jüdische. Es hat seine Interessen aufs Spiel gesetzt, wahre Vertreter in das Haus geschickt. Wie gingen unsere Wähler zur Urne? Das müssen Sie wissen! Es besteht ein wesentlicher Unterschied: zwischen Ihnen im Westen und uns in Galizien. Sie haben das Wahlrecht, bei uns ward es zum Qualrecht Der ’Bezirkshauptmann quält die Leute und malträtiert sie vor den Wahlen, während der. Wahlen und jetzt ein ganzes langes. Jahr ...nach den Wahlen. Sie, meine Herren, haben in Westeuropa Wähle r, wir haben Helden.. Stellen Sie sich mir vor, unter welchem Umständen ein solcher Mann seine oppositionelle Stimme abgab: Der Kuitusvorstand denunzierte, der Steuerinspektor erhöhte 'ihm die Steuer, der Gemeindevorit-nd raunt ihm seine Konzession, der Kreisphysikus konfiszierte seine Wären, der Bezirkshauptmann sperrte seine Läden, der Schullehrer prügelte seine Kinder, der Gensdarm bedrohte sein Leben, der Pressbandit höhnte seine Ideale. Unter diesen Umständen, verfolgt und gepeinigt-von einer Meute wilder Bestien, ging dieser arme Mensch zur Urne. Und wenn Sie, meine Herren von der christlichsozialen Partei, diese Juden höhnen und ihnen vorwerien, dass ihr einziges Ideal das Geld sei, dass in ihrem. Gewissen der Mammon Hege, so bedenken Sie: es fandensich'dreissigtansend Menschen, die. kein. Geld und keine Kon- Zessionen Annahmen, <dl-i e nur r u ’h i g i h r Gewissen sprechen Hess e n. Seit einem Jahre sprechen Vertreter aller Gruppen über die schrecklichen Verhältnisse Galiziens, aber wir fanden kein Gehör. . Ebenso wie jetzt kein RegierungsVertreter auf der M i n i s t e r b a n k s i t z t, so war es stets. Hoffnungslosigkeit beschlich unsere Wähler, als sie sahen, dass sie weder im Gemeinde rat noch im Landtage Gerechtigkeit fanden. Da honten sie wenigstens* hier im Zentralparlamente, bei der höchsten Instanz des politischen Gewissens, Abhilfe zu finden, und sie fanden sie auch hier nicht. Erst vor kurzer Zeit äusserte sich der Minister von Bienerth über Galizien. Nachdem ein ganzes Jahr hindurch hiervon die Rede gewesen, nachdem alle Parteien darüber geklagt hatten, da erzählt uns Herr Bienerth, es kämen, nur Uebergriffe „einzelner gegen einzelne“ vor. Welche Ironie! Da werden Läden gesperrt, Konzessionen entzogen, die Presse geknebelt, hunderte Menschen wandern in den Kerker, da finden Vblksaufstände statt und Herr von Bienerth findet in all dem nur „Uebergriffe einzelner-gegen einzelne“. Herr von Bienerth befindet sich mit ^diesem Gedanken auf einer abschüssigen Bahn. Eines Tages wird es auch ihm klar werden, dass die Verhältnisse tragisch und zerrüttet sind, und dann wird ein Eingreifen z u spät sein, denn was bei dieser Zentralregieruiig notwendig ist, und gerade bei diesem Minister fehlt, das ist der eis.erne Wälle, Ruhe undi.Ordnung in dieses Land zu b ringen. Und doch peinigt ihn das Gewissen und er lässt Untersuchungen anstellen und findet, dass zwei Umstände schuld sind, dass in Galizien Unordnung herrscht. Erstens die unzureichende Anzahl d’er in Galizien bestehenden politisch en B ezi rksbeh ö r&en.' Da klagen drei Nationen, sie werden verfolgt, entrechtet und gehetzt und Herr von Bienerth findet gar keine andere Ursache hierfür, als die zu kleine Anzahl der Bezirksbehörden. Als zweites Motiv führt er die grosse Anzahl von Gesetzen an, welche rm Landtage und im Reichsrate beschlossen werden, die den politischen Behörden schwierige und umfassende Arbeiten zuweTisen. Hat man es je im Leben gehört, dass Gesetze gebrochen werden, weil eine zu grosse Anzahl von Gesetzen besteht? Wenn wir uns auf dieser Linie bewegen, so kommt uns ein Gedanke: Je mehr Gesetze, desto weniger Rechte in diesem Lande. Natürlich, wenn man solche Antworten bekommt, kann man kein grosses Vertrauen in diese Regierung haben. Wir erwarten und mit uns seit Jahren unsere ganze Wählerschaft Taten, ein aktives Eingreifen in diese Verhältnisse, und wir sehen statt Taten nur Ausflüchte. Diese können es nicht zufriedenstellen. Vor einigen Tagen machte 'Abg. Bielohlawek den Juden den Vorwurf, dass säe allesolidarisch seien. Dat war sein grösster Vorwurf. Ob Anständige oder Verbrecher, ob Brave oder Schufte, alle halten zusammen. Un!d diese Solidarität,' meint Herr Bielohäawelk, sei das grösste