Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 9 Uabei. das ausgerottet werden müsse. Ich bin Herrn JBitalahilaiweik dankbar, dass er mir uimL speziell unserem 'Klub, Gelegenheit -bietet, zu dieser wichtigen Frage Stellung zu nehmen. Wir wollen endlich einmal sagen, wie wir uns zu dieser so sehr gerühmten Solidarität der Juden verhalten. Solidarität! Es gibt keine grössere Utopie unter den Juden als eben -die Solidarität. Schauen Sie sich nur in diesem Mikrokosmus des Hauses um. wie die Juden zueinander stehen! Sie sehen da Juden in allen 'Parteien und Nationen und da sagt man, wir seien solidarisch. Es gibt da einen u n abhängige n Jude n. demnach muss ich a contrario annehmen, dass es auch a fall ä n g i ge Juden gibt. Es gibt da zwei w i 1 d e Juden und das Pendant dazu ist der bekannte gemässigte Israelit. Es gibt sozialistische, zionistische Juden usw. Kurz, ein Dutzend Menschen sind unter alle möglichen Parteien und Nationen verteilt. Und da spricht man von der Solidarität der Juden! Sie selten also, wie sie existiert! (Heiterkeit und Beifall.) . Man macht uns zum Vorwurf, dass wir den Dreyfus-Fall ausgenützt 'hätten, dass wir uns aller angeklagten und verurteilten Juden annehmen. Wir nehmen uns nur der Verurteilten an, welche unschuldig verurteilt oder deshalb verurteilt wurden, weil die Gerichte nicht so funktionierten, wie siesollten. Das ist wieder ein neuer Fall in Galizien; ich will ihn kurz skizzieren; Ein 81 jähriger Jude, namens Stern, wurde vor zwei Jahren des Mobdes angeklagt und in Rzeszow auf Grund der Aussage dieses einzigen Zeugen Tomasz Balawender, trotzdem drei Zeugen das Alibi dieses Stern nachwiesen, wegen Mondes zum Tode verurteilt. Er' rekurrierte und der Oberste Gerichtshof verwies die Sache zum zweiten Male vor das Schwurgericht Rzeszow und er wurde jetzt von dem Schwurgerichte in Rzeszow einstimmig von der Anklage des Mordes freige- Q,b,erste.,,9ericKt^9t..fae^ste sich, nun weiter mit dieser Sache, verwies sie zum dritten Male vor das Schwurgericht in Rzeszow und nun wurde er vor nicht langer Zeit wegen Totschlages zu vier Jahren schweren Kerkers verurteilt. Am 9. Mai d. J. bestätigte der Oberste Gerichtshof dieses Urteil, jetzt ist es rechtskräftig und er wandert in den Kerker.' Meine Herren! Sie werden sagen, wir nehmen uns eines jeden Juden an, der verurteilt wird. Da 'haben wir doch unlängst gesehen, dass eine Falschmünzerbande verurteilt wurde. Hat je ein Jude — speziell ein Jude von unserer Gruppe — ein Wort darüber gesprochen oder haben wir uns überhaupt je mit einem anderen Verbrechen tbeiasst? Aber wo berechtigte Zweiiel, wie in dieser Sache, auftreteu können, müssen wir die Angelegenheit untersuchen und das werden Sie doch selbstzugeben — zweifelhaft, ja im höchsten Grade zweifelhaft, ist diese Sache. Ich komme nun zur Solidarität selbst und Will klar sagen, wie wir Juden von unserer Gruppe uns zur Solidarität der Juden verhalten. Ich sage 'hier ganz offen; Wenn Säe glauben, dass wir uns solidarisieren mit den Kohlenwucherern, mit den Börsenmagnaten, mit 'den Geldprotzen, mit den Juwelenhebräerinnen, mit denjenigen, welche Tafelorgien veranstalten (Abgeordneter von Srransky: Mädchenhändlern!), mit den Mädchenhäodlern, mit denjenigen, durch deren Mäitressenwirtschait Skandale entstehen, mit denjenigen, die man beim Rennen oder beim Spiele sieht, so täuschen Sie sich. Diese sind die wuchernde Eiterbeule am jüdischen Körper, diese scheiden wir als die ungesunden Kräfte und Säfte unseres Organismus aus. Wir solidarisieren uifs mit ganz anderen Gruppen. Wir solidarisieren uns mit dem armen darbenden Volke; wir solidarisieren uns zum Beispiel mit diesen Hausierern, denen Ihr fortwährend Kampf predigt; wir solidarisieren uns mit dem ärmen jüdischen Krämer; wir solidarisieren uns mit dem Handwerker in Galizien. (Zustimmung.) Und da komme ich auf etwas, was Herr Schmid vor einigen Tagen hier gesagt, hat. Er hat uns den grossen, guten Rat gegeben, wir sollen uns nicht mehr dem leichten Gewerbe hingeben, sondern wir sollen schwere Arbeit auisuchen. Herr Schmid kam um Jahrhunderte zu spät mit diesem Rate. Schauen Sie sich die Werkstätten eines Handwerkers in Galizien an! In einem kleinen, dumpfen Lokai, umgeben von einer Reihe armer Gesellen, darbender, hungernder, durstender, frierender Kinder, arbeitet ein solcher Mensch 16, 18 Stunden täglich, um einen oder eineinhalb Gulden für sich und seine Familie .zu bekommen. •Und da gibt uns Herr Schmid. den Rat, dass wir die Arbeit nicht meiden sollen! Sie wollen Juden bei der Arbeit sehen? Gehen Sie hin nach Saloitichi, gehen Sie nach Galatz, wo bei den Schiffen grosse Juden, stämmige Spaniolen, mit grossen, breiten Rücken die Leute und Waren erwarten und Zentner auf ihren Rücken tagelang tragen. Wenn Sie Juden bei deir Arbeit suchen, gehen Sie nach Boryslaw in Galizien. Tausende von jüdischen Arbeitern sitzen tief in den Schächten und arbeiten 12 und 1-1 Stunden für die fremden Millionäre im Schweisse ihres Angesichtes und stets den Tod vor den Augen, um aus diesen Schächten das Gold heraufzuholen. So sitzen dort Tausende von Menschen und arbeiten schwer. Ein Missgriff, es entsteht eine Explosion und viele Familien verlieren ihre Stütze. Und wenn Sie uns fragen, mit welchen Elementen wir uns solidarisieren, so sagen wir offen: Nicht mit denjenigen, -die ich zuerst geschildert habe, sondern mit diesen Hausierern und Krämern, mit diesen Arbeitern in. Boryslaw und den Schneidern in New York, mit diesen Trägern in Brody und Tsrnopol und in allen anderen kleineren Städten, mit diesem Kern des jüdischen Volkes teilen wir <ive Gegenwart und die Hoffnung auf die jüdische' Renaissance in der Zukunft.' Und wenn einmal über die Rechte dieser gesprochen wird, so werden Sie uns an unserer Stelle finden; für diese Rechtet;werden wir immer voll und ganz uns eiusetzan für -die Rechte der bedrückten Nation, gegen welche alle Elemente kämpfen. Redner spricht -darüber, i-dass für die Kultuszwecke anderer Konfessionen, vom Staate grosse Mitte! aufgewendet werden, für jüdische aber nichts. •Ich komme nun zu einer zweiten Angelegenheit, die isst eine jüdische Sache ist. Unter den Anträgen, welche dem hohen Hause vorliegen, finden wir einen Antrag des Abgeordneten Sturm und Genossen, welcher dahingeht, dass man den Hausierhandel in Oesterreich entweder abschant oder wenigstens in den Wirkungskreis einer Jeden Gemeinde das Recht legi, den Hausierhandel innerhalb ihres Gebietes zu untersagen. Ich muss mich dieser Frage jetzt ebenso widmen, wie ich mich ihr auch teilweise bei der letzten Budgetrede gewidmet habe. Zuerst muss ich offen sagen, dass es befremdend wirkt, dass die christlichsoziale Partei. wenn sie schon ihren Antisemitismus betätigen will, ihn nicht bei den Elementen betätigt, -die ich früher hervorgehoben habe, bei den sehr reichen Juden, die die Solidarität mit uns gar nicht wollen und wir ebenso gerne selbst ableugnen, sondern ihn bei der Kategorie der hungernden Dienstmänner in Wien, der Tramwaykondukteure oder Hausierer betätigt. Istdas wirk liehe hristl ich sozial, wenn man schon gegen eine Natron auftreten will, -nur gegen die gesunden, wahren Säfte, gegen den organischen Teil dieser Nation auizutreten, nicht aber gegen 'die Schädlinge dieser Nation? (Abgeordneter Dr. Mahler: Sie sind aber die Schwächeren!) Ja, sie sind die Schwächeren. Und so sehen wir es auch im Anträge über das Hausiergesetz und ich will mich darüber teilweise äussern. Die christlichsoziale Partei hat mit diesem Hausiergesetze schon manche schlechte Erfahrung gemacht, z. B. in Linz. Dr. Ebenhoch erklärte in der Sitzung des oberösterreichischen Landtages vom S. Februar 1894, also fast ein Jahr, nachdem diese Verordnung für Linz erlassen wurde (liest): „Durch das Verbot des Hausierhandels im Stadtbezirke Linz ist tatsächlich einer Reihe von Gewerben des oberen Mühlviertels ein Absatzgebiet verschlossen worden, welches dieselben iiir die in ihrer Hausindustrie erzeugte Produktion früher besessen haben. Es ist sehr empfindlich, wenn einer Hausindustrie die durch Jahre und Jahre bisher wohlerworbenen Rechte in einem Absatzgebiete verdrängt werden.“ ‘Also Exzellenz Ebenhoch spricht gerade, das Gegenteil von dem, was Herr Dr. Gessmann sagte, und Sie sehen, welche Erfahrungen man in Linz damit gemacht hat. Meine Zeit ist um und ich will nur noch die Bilanz ziehen. Wenn wir die Verhältnisse betrachten, so können wir dieser Regierung kein grosses Zutrauen entgegt «bringen. Bevor ich aber schüesse, muss ich aufmerksam machen, dass wir dringend fordern, dass noch in kürzester Zeit ein grosser Wunsch aller gaJizischen Völker erfüllt werde. Es ist dies nämlich der Wunsch, dass man das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für den Landtag geben soil. (Zustimmung.) Waren die österreichischen Völker reif für das allgemeine Wahlrecht in den Reichsrat. so sind sie auch reif für das allgemeine Wahlrecht in die Landtage (Sehr richtig!) und es muss schleunigst dieses Wohlrecht gegeben werden. Mit wenig Hoffnung, aber mit grosser Wärme will ich für diesen Gedanken eintreten. Dass allgemeine Wahlrecht ist überhaupt aut dem Marsche und wird nicht aufzirhatteu sein. So verlangen wir als Juden auch das allgemeine Wahlrecht für unsere Kultusgemeinden und ich glaube, dass, wenn es dort das allgemeine Wahlrecht geben wird, so werden die verrotteten, derouten Zustände in den Kuitusgemeirtden, wo nur Knechte und nicht Herren herrschen, dort authören und es wird in dieses Land, wenn dies gesetzlich geregelt sein wird, Ruhe und Ordnung kommen. Wenn ich also die Bilanz ziehe, so muss ich nicht nur als Jude, sondern auch als Demokrat sagen, dass die drei Völker, welche Galizien bewohnen. in ihren primitivsten Rechten fortwährend bedrückt und geknechtet werden, und ich kann als Volksvertreter, der zum Schutze dieser Rechte hergeschickt wurde, die 2148 Millionen einer solchen Regierung nicht bewilligen. W; r werden gegen das Budget stimmen. (Beifall. — Redner wird beglückwünscht.) Vereins- und Versammtungs- Nachrichten. Voranzeigen. Wien. Samstag am 13. Juni 1908, präzise halb 8 Uhr abends, findet im Saale des Verbandsheims, VI., Königseggasse 10, eine Vollversammlung der jüdisch nationalen Studenten statt. Die jüdischnationalen Abgeordneten haben ihr Erscheinen in Aussicht gestellt. •Kommilitonen! Erscheint in Massen! Wien. Der Arbeitsausschuss der mähiischschlesischen Ferial verbin duneren beruft für Samstag den 13. Juni, 8 Uhr abends, eine Versammlung der F e r i a 1 v e r b i ndüngen flnnerösterr-, Mähr., Schien., Galiz.) ein. Ort: IX., Türkenstrasse 9. Viian. Am 15. Juni d. J. werden 50 Jahre seit der Einweihung d<*s Leopoldstädter Gemeindetempels in der Tempelgasse verflossen sein. Aus diesem Anlasse veranstaltet der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien am 18. Juni d. J., 10 Uhr voi mittags einen-feierlichen Gottesdienst, bei welchem der Oberrabbiner und die Rabbiner des Leopoldatädter Tempels fungieren werden* Wien. (Akademische, jüdischnationale sozialistische Gruppe „Poale Zion*.) Samstag den 13. d. M., präzise 6 Uhr abends, findet die konstituierende Versammlung der Gruppe statt. Gg. Leo Goldhammer wird über .die Aufgaben unserer Gruppe* referieren Die Gesinnungsgenossen werden ersucht zahlreich zu erscheinen.