Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438167-2438190--0590-2440116- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 3× ep/1047930
OCR text
Nr. 24 äeilc t JÜDISCHE ZEITUNG Palästina. Trof. O. Warburg über die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas. iP,ror\ Warburg hielt am Breslauejr deutschen Zionistentag, Dienstag den 10. Juni ein mehrstündiges Referat über die Entwicklung Palästinas und die zionistische, Palästinaarbeit. Leider erlauben es uns die Raumverhältnisse nicht, das äusserst interessante Referat vollinhaltlich abzudrucken. Wir müssen uns daher, beschränken, einige Stellen daraus wiederzugeben. Wir behalten uns, vor, weitere Auszüge daraus in späteren Nummern zu veröffentlichen. Handel. •Mit dem H and e 1, sonst die Domäne unseres Stammes, scheinen wir in unserem Stammlande wenig Glück zu haben; bisher liegt der Grosshandel Palästinas im wesentlichen in den Händen der Griechen und Araber. Da de.r Handel eine Sache ist, bei welchem der Privatmann, der schnelle Entschlüsse fassen kann, im allgemeinen im Vorteil gegenüber schwerfälligen und durch Statuten behinderten Gesellschaften ist, so muss derselbe imwesentlichen der privaten Initiative überlassen bleiben und die Palästina-Kommission konnte nichts weiter tun, als belehrend und aufklärend zu wirken. Hingegen ist sie bei der Gründung der Hamburger P a 1 ä s t i n a - Handelsgesellschaft, welche den Import palästinensischer Wiaren gewidmet ist, tätig gewesen. Leider hat es diese Gesellschaft nicht verstanden, in Palästina grössere Geschäftsverbindungen anzuknüpfen, andererseits ist sie durch Verluste beim griechischem Korinthengeschäft arg mitgenommen worden. Im allgemeinen kann man aber sagen, dass zwar gewöhnlich kleine Betrügereien, z. B. durch 'Beschwerung der Wolle mit Steinen und Schmutz, auch in Palästina häufig Vorkommen, dass aber solche Schwindelgeschäfte, wie sie die griechischen Kaufleute , Konstantinopels, Griechenlands und Kleinasiens machen, bei den jüdischen und arabischen Kaufleuten Palästinas so gut wie ausgeschlossen sind. DeV Misserfolg der Palästina- Handelsgesellschaft ist also keineswegs 4den palästinensichen Zuständen' zur Last zu legen. im übrigen wird ja der Handel in erheblichem Masse von der A n g Jj q - P a 1 e s t ® n e Co. in Jaffa, Jerusalem und B e i r u t h unterstützt, jener von dem. Jewish Colonial Trust finanzierten Bank, die im letzten Jahre nicht weniger als 2 - Millionen Mark an jüdische Kaufleute ausgeliehen hat und auch schon mit einer zahlreichen arabischen und christlichen Kundschaft arbeitet. Besonders erfreulich ist es, dass diese 'Bank sogar die Anerkennung unserer Gegner gefunden bat und dass die durchaus bureaukratisch geleitete und 'daher Neuerungen gegenüber wenig zugängliche Jewish Colonisation Association, J C A genannt, anfängt, sich derselben an Stelle der christlichen Banken für kleinere Geschäfte zu bedienen. 'Bedauerlich ist es aber, dass noch immer keine wirklich kapitalkräftigen jüdischen Kauileute es der Mühe wert gefunden haben, sich als Exporteure in den Küstenstädten Jaffa, Haifa, Gaza zu installieren. Jetzt, wo sie an den dortigen Kaufleuten so ausgezeichnete Landeskundige und an der Bank einen so guten Rückhalt besitzen, sollte es doch nicht allzuschwer sein, mit den griechischen und arabischen Kaufleuten zu konkurrieren und den Export der grossen Artikel wie Gerste, Wolle, Sesam usw. in die Hände zu bekommen, zumal da doch der Handelsumsatz Palästinas in geradezu erstaunlicher Weise zunimmt. Z. B. stieg der Gesamtwert des Imports und Exports von Jaffa von 1905 und 1906 um 40 Prozent, d. h. von 830.000 Pfund Sterling auf 1,160.000 PiitriJ Sterling, und zwar verteilt sich die Zunahme in ungefähr gleicher Weise aui Einfuhr und Ausfuhr. Der Petroleumimport hat sich in den letzten 6 Jahren verdoppelt, was speziell dem steigenden Petroleumverbrauch der Landbevölkerung und der Zunahme der Petroleummotoren zuzuschreiben ist, was wiederum eine Folge der Anlage neuer Orangengärten ist. Aber auch die Baumwollwaren und besonders Baumaterialien, Holz und Eisen, werden in schnellsteigender Menge eingeführt, infolge der grossen Bautätigkeit in den jüdischen Kolonien und den Städten Jerusalem, Jaffa und Haifa. In Jerusalem sind vor wenigen Wochen 200 neu erbaute Häuser vollendet worden und in Jaffa ist die Bautätigkeit eine verhältnismässig nooh grössere; die jüdische Baugesellschait Agldath Barth, die auch von unseren offiziellen Institutionen ein grösseres Darlehen erhalten wird, beabsichtigt sogar, demnächst einen ganz neuen Stadtteil in Jaffa de/ Bebauung zu erschliessen. Auch in H a i i a rüstet sich alles auf den in den nächsten Jahren ganz sicher eintretenden Aufschwung; Haifa ist ja der Ausgangspunkt der Hed- , jäzbahn, der Hafen soll dort ausgebaut werden und dann wird es mit Hilfe der jetzt beschlossenen Bahnverbindung mit Jerusalem auch wohl der Haupthafen des palästinensischen Fremdenverkehrs werden. Vorläufig ist die jüdische Gemeinde dort noch sehr klein, aber es ist zweifellos, dass sie sich schnell entwickeln wir;', namentlich wenn, wie zu erwarten ist, der Hilfsverein dort eine Schule und das Technikum gegründet haben wird. Energischen Kauiieuten ist daher vor allem zu empfehlen, sich an diesem bald einer rapiden Entwicklung entgegengehenden Platze anzusiedeln; lieben der Zunahme des Warenexportes und -Importes kommen auch die Lieferungen für die Regierung und die Verwaltung der Hedjazbahn hier in Betracht, die grösstenteils von Haifa aus vergeben werden. Zur Ermöglichung solcher grösseren Geschäfte kann die Einrichtung einer Filiale der Anglo-Palestine Co. in Haifa nicht dringend genug angeraten werden. Industrie. Einer korporativen Behandlung weit besser zugänglich als der Handel, ist die Industrie. Um diese zu fördern, hat die Palästinakommission die Gründung eines Palästinasyndikates veranlasst, das, vorläufig mit 100.000 Mk. begründet, momentan mit Vorarbeiten in Palästina beschäftigt ist. Der Arbeitsplan des Syndikates geht nicht allein dahin, selbst Industrien in Palästina zu betreiben, sondern informative Materialien zu erlangen, Konzessionen zu erwerben und zu verwerten, Projekte auszuarheiten und die Finanzierung der Betriebsgesellschaften in die Hand zu nehmen. Selbstverständlich ist das Syndikat genötigt, sehr vorsichtig zu arbeiten, um nicht gezwungen zu sein, sein kleines Kapital auf Jahre hinaus iestzulegen. Es wird im wesentlichen von der Unterstützung der vom Syndikat zur Reife gebrachten Projekte durch das Privatpublikum abhängen, ob die Tätigkeit des Syndikats eine fruchtbringende sein wird; würden wir uns hierin täuschen, so würde das Syndikat durch Begründung einer einzigen Industrie sein Kapital bald erschöpft haben. Infolge des starken Wunsches vieler russischer und rumänischer Stammesgenossen. ihre Kapitalien und ihre Arbeitskraft in Palästina zu rruktiftzieren, ist schon mancher Anfang einer Industrie geschaffen worden, ich erinnere nur an die grösseren Mühlenbetriebe. wie z. B. Serubabel in Jerusalem, an die Oelrafiinerie und Seifenfabrik Hathid bei Ramie und Haifa, an die Steinsche Maschinenfabrik in Jaffa, die schon zwei Jahre hindurch über 20 Prozent Dividende gezahlt hat und jetzl im Begriffe steht, nach dem sie sich als englische Gesellschaft hat eintragen lassen, ihr Kapital zu erhöhen. ln dieser Beziehung lässt sich noch vieles machen, 'besonders bezüglich der keramischen und der Konserveninkhistrie, sowie in bezug aui Spinnerei und Weberei. Anfänge sind schon vorhanden, aber meist fehlt es an Kapital oder an Fachkenntnis, zuweile auch an beiden. Für den ruhigen Beobachter des Landes kann es einem Zweifel nicht unterliegen, dass die nächsten Jahre der palästinensischen Industrie einen nicht unbedeutenden Aufschwung bringen werden, besonders wenn in zwei Jahren die beschlossene Eisenbahn Haifa—Jerusalem, fertiggestellt sein wird. . v Kleinindustrie.' Erfreulich ist es, dass man in Palästina nicht mehr ausschliesslich auf Hilfe von ausserhalb wartet. sondern dass man dort jetzt Organisationen schafft, um sich selbst zu helfen. Und in der Tat ist die Kl-inhtdustrie in Palästina noch einer bedeutenden Ausdehnung fähig. So bezweckt die vor kurzem gegründete Gesellschait Bnei Jehuda in Jerusalem allgemein die Hebung der Gewerbe und Industrie in Palästina; sie hat eine kleine Weberei errichtet und plant eine Wollspinnerei; ihre Abteilung Kod&sch Mikodesch '(Heiliges vom Heiligen), will die Herstellung von Kultgegenständen für den lokalen Gebrauch und den Export organisieren: Leuchter, Tiffilin. Mesusoth, Megiloth. Bibel, Haggadah. Gebetbücher usw. sollen dort für die ganze Welt hergestellt werden. Auch Kreditvereine werden jetzt überall unter Mithilfe der Ar.gh>-Palestine Co. gebildet; so zählt der Kreditverein in Jaffa 190 Mitglieder und hat im vorigen Jahre 60.1100 Francs Darlehen seinen Mitgliedern gewährt; auch ein Tischlerverein existiert in Jaffa. Die Anglo-Palestine Co. hat nicht weniger als 500.000 Francs jüdischen Industriellen, Fabriken usw. im letzten Jrbre als Darlehen gegeben. Korrespondenzen. Die jüdische Studentenschaft und die Wahrmund- Aiiäre. Der Vollzugsausschuss der jüdischnationalen Studentenschaft hat in seiner Sitzung vom 10. d. folgenden Beschluss gefasst: „Die iüdischnationaie Studentenschaft hat von vorneherein und des öfteren betont, dass es sich ihr lediglich um das Prinzip der akademischen Freiheit und der Freiheit der Forschung handelt, daher hat sich die Situation durch die Verzichtlsistung des Prof. Wahrmund auf seine vorläufige Lehrtätigkeit für die jüdischen Studenten nicht geändert und sie erklären, dass sie auch wei te r h i n im Kampfe für die Freiheit dei Forschung und der Wissenschaft die schärfsten Mittel anzuwenden gedenken. Gaiiiien. Der Zionismus vor dem Schwurgerichte. Tarnow. (Orig.-Korr.) Am 1. und 2. Juni fand vor dem hiesigen Schwurgerichte eine Prozessverhandiung statt, die interessante Streiflichter auf unsere Kahalsclique und die mit ihr eng verhandelten M-oschkos wirft. Unser Gg. Samuel S a i i e r hatte gegen den sattsam bekannten Pamphletschreiher und Kahalnik Josef Ehrenberg und den Sekretär der Kultusgemeinde Lazar Lehrhaupt eine Ehrenbeleidigungsklage eingebracht, weil dieser ihn in einer anlässlich der letzten Reichsratswahlen herausgegebenen Flugschrift arg beschimpft hatten. Dieser Prozess bot an sich nichts Interessantes und würde den Rahmen eines alltäglichen Pressprozesses nicht verlassen haben, wenn nicht der Verteidiger des Angeklagten, der Assimilant Dr. G o l d h a m m e r, ihn zum Anlass genommen .hätte, sein Mütchen an den bösen Zionisten zu kühlen und die Angeklagten als polnischen Nationalhelden hinzustelleu, weil sie die Zionisten bekämpften. Doch die polnischen Geschworenen gingen Dr. Goldhammer picht aui den Leim und verurteilten Lehrhaupt zu einem Monate Arrest. Dr. Goldharamer hatte schon wiederholt auf verschiedene Programme in den Reichsrat kandidiert und ist bisher immer durchgefalien. Er wollte ofienbar mit seinen Ausfällen gegen die Zionisten den polnischen Nationalrat kaptivieren, um die Aufstellung seiner Kandidatur im Wahlkreise Tarnobrzeg-Mielec zu erwirken. Schon einmal hatte dieser Verteidiger die grenzenlose Taktlosigkeit begangen, Bauern als Heldern zu verherrlichen, weil sie ein jüdisches Mädchen entführt hatten. Freilich, er /1er seipe Kinder schon glücklich bekehrt (getauft) hat. kann in der gewaltsamen Konvertierung eines jüdischen Mädchens nichts anderes als eine Heldentat erblicken. Bei dieser Gelegenheit sei auch noch des Verhaltens des Rabbiners Abraham Schnur gedacht Dieser Herr ist natürlich Allpole. Den Befähigungsnachweis für sein Allpotentum hatte er bereits im Vorjahre erbracht, als er in einer vom Landesschulrate in Lemberg veranstalteten Enquete sich gegen die Einführung der hebräischen Sprache in den- Schulen .:)! I ',r| | -ri^j * % :v; --fc ‘i'i -■/4 ■‘w, -'i ''x ‘ ''1 ■!