Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 24 f Seite 6 nationalen Partei, wodurch -die poale-zionistisc-he Organisation erheblichen Schaden erlitten haben sollte, ln dem Sinne sprachen die Del. Buchbinder (Rzeszßw), welcher auch die Anstellung eines 'bezahlten Sekretärs fordert. Locker (Wiznitz) macht der Partei zum Vorwürfe, dass sie die ausgesperrten Weber in IKossöw nicht unterstützt hatte. Bienenzucht (Krakau) nimmt die Verbandsleitung in Schutz und repliziert auf die den Intelligenten in der Partei gemachten Vorwürfe. Damit wird die Sitzung 'bis nachmittag unterbrochen. N a c h m i 11 a g s s i t z u r g. An Steile des Gg. Dr. ■Margulies, der wegen eines plötzlich eingetretenen 'Hindernisses am Parteitag nicht erscheinen konnte, wird Gg. Kaplanski zum Vorsitzenden gewählt. Nachdem eine Reihe von Delegierten gesprochen hatten, ergreift das Wort Gg. K a p - lanski, um sich für den Antrag des Gg. Kenner, betreffend das Absolutorrum für das E.-Kausznsprechen und manche, von den Rednern vorgebradite Vorwürfe, insbesondere betreffend die -Steilung der Partei, wähnend der Rcichsrats- und Landtagswahlen in Galizien richtigzustdleii. ln dieser Beziehung war die Exekutive durch einen Beschluss des III. Parteitages gebunden und es wurde auf Grund einer Verständigung mit der jüdischnationalen Partei vorgegangen. Letztere bat gewisse Konzessionen zugunsten unseres sozialen Progvatmr.es gemacht und bei Nominierung der Kandidaten um urser Gutachten angesucht. So bewirkten wir es, dass die Kandidatur des Rabbiners Schmelkes von Buczacz zurückgezogen worden ist und dorthin der wahre Demokrat Doktor Birnbaum designiert wurde. Aber die Partei rach den Wahlen ist nicht mehr jene vor den W!ah- - len. Sie hat uns bald durch ihre konsequente Abweichung von ihrem ohnehin programmlosen Wege ihr Doppelgesicht gezeigt. Zum Schluss befasst sich noch der Redner mit der Intelligenzfrage. (Starker Beifall.) Frl. Herschstein (Krakau) gibt den Kassabericht der Partei,- welcher die Zeit vom . I. Oktober 1906 bis 31. Mai 1908 umfasst. In diesen beinahe 2 Jahren hat die Partei ein Einkommen von 12.4-48,10 K und ein Defizit von beinahe 500 K auizuweisen. Hierauf nimmt noch der Parteisekretär Gg. Nussbaum das Wort, um sich mit manchem Redner - auseinanderzusetzen und ihre Vorwürfe zu widerlegen. Namens des Legitimationsausschusses teilt nun Gg. Moses Arnold mit, dass der Parteitag von 30 Städten mit 67 Delegierten beschickt ist von denen 61 als Vertreter von 29 Städten anwesend sind. Darunter befinden sich 9 weibliche Delegierte. Nun iolgt das Referat über „P r o 1 e t a r i - I sehe K o 1 o n is a ti o ns p o 1 i ti'k und um- I sere Palästinaarbeit“ des Gg. Kaplans k i (Wien). Redner befasste sich mit der historischen Entwicklung der Immigration nach Palästina und söhi'dert den jetzigen Stand der ökonomischen und wirtschaftlichen Lage des Landes. Er konstatiert dass Palästina gegenwärtig — so wie in Amerika vor Jahren — ein Land des niederen Druckes, ergo ein gut bedingtes Aumahmsiand nir den jüd. Emigrationsstrom ist. Dafür Sprechen bereits Tatsachen. Denn schon sehen wir, wie sich ein kleines Bächlein von Einwanderern ohne irgendwelches Zutun nach dem Oriente W'endet Redner sagt die jüd. Arbeiterschaft dürfe die Einwanderung weiterhin nicht sich selbst überlassen, sondern müsse im Sinne der Entwicklung eingreifen. Es gebe eine proletarische K otonisationspolitik. Redner erläutert den Unterschied zwischen einer proletarischen KolonisationspoHtik und der sozialistischen Kolonisationspolitik. Redner spricht sich gegen die Möglichkeit einer letzteren aus. Unter proletarischer Kolonisationspolitik solle man nicht eine solche verstehen, die unbedingt von Proletariern aui eigene Faust geführt wird, sondern-eine solche, die unter Mitwirkung aller anderen Schichten eines Volkes für die Interessen des einwandemden Proletariats dienstbar gemacht wird. .Die bisherige Kolonisationspoiitik in Palästina habe w'eder den Interessen der jüd. Arbeiterschaft noch denen des jüd. 'Volkes entsprochen. Redner spricht weiter über die Vorschläge zur Führung deir Palästinaarbeit seitens der Poale-Zlonisten. Dabei berührt er auch die Taktik des „HapoeL Hazoir“, welcher bekanntlich auf dem Standpunkte des Idealismus und nicht .des Klassenkampies stehe und meint, dass die palästinensischen P o a 1 e-Zio nis t e n u n t e c Klassenk a m p f nicht verstehen, dass sie jedwede k a p i t a 1 i s t i s c h e W i r t s c h a f t in Palästina unmöglich machen w o I - len, sondern nur, dass dem jüd. Arbeiter in Palästina eine seinen europäischen Kulturbedingungeri entsprechende Existenzmöglichkeit gegeben werde. „D e r j ü d. p.-z. Ä r b e i t e r w i r d doch nicht den Ast absägen wollen, auf d e n e r seihst sitz t..“ Es müsse darum eine parteilose Gewerkschaft in Palästina gegründet werden, die die jüd. Arbeiter aller P a r t eii r i c h t u n g.e n zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen vereinigen soll. Redner bespricht dann die Aufgaben eines p.-z. Informationsbureaus in Palästina, die A g r a r k o 1 o n i s a t i o n, die Gründung eines G e n o s s.ens c h a f t s l o n d s und schlägt folgende Resolutionen zur Annahme vor: I. Die Zuführung besitzloser jüdischer Einwanderer zur Landwirtschaft muss die dringendste Aufgabe einer zielbewusste« nationalen Kolonisation sein, dessen Endzweck die Besitzergreifung aller ökonomischen Positionen im Lande durch die jüdischen arbeitenden Massen ist. In Erwägung dessen, dass nur eine höhere Produktionsform, die die Vorzüge des landwirtschaftlichen Grossbetriebes und des genossenschaftlichen Zusammenschlusses vereinigt und den Arbeitern den vollen Arbeitsertrag sichert, geeignet ensoheint, liüd.-städtischen Proletariern den Uebergang zur Landwirtschaft zu ermöglichen, erblickt der Parteitag in den landwirtschaftlichen Arbeiter-Proiduktiv-Oanossenschaften das wirksamste Mittel, um Besitzlose zur Landwirtschaft zu erziehe«, an den Boden zu fesseln und ihnen zur Kreditfähigkeit zu verhelfen. Der Parteitag bringt daher dem zionistischen A.-C. den Beschluss des VIII. Kongresses in Erinnerung, wonach der nächsten Jahreskonferenz aui Grund an Ort and Stelle vorzunehmender Studien ein Kosieiivoranschlag zu unterbreiten ist, damit die Gründung der ersten Genossenschaft von einer kapitalkräftige« Gesellschaft in Angriff genommen werden kann. ‘ 'Der Parteitag erwartet auf das Bestimmteste, dass das Palästinaamt beauftragt werden wird, die erforderlichen Massnahmen ziu ergreifen, damit der Beschluss des Kongresses nicht unausgeführt bleibt, wodurch das Vertrauen zur höheren Instand der Kongressorganisation aufs schwerste erschüttert werden müsste. Der Parteitag beantragt, die Exekutive auizufordern, für die zu gründende Gesellschaft, zur Finanzierung der Genossenschaft gegebenenfalls eine energische und grossangelegte Agitation m entfalten, um Organisationen und Einzelvereine zur Zeichnung von Beträgen für den Genossenschaftsfonds zu bewegen. ■II. Der Parteitag lehnt es von vornherein ab, in der neugegründeten . P a 1 ä s t i n a -La n d- Deveiepement'Compaiiy (Landentwicklungs-Gesellschait) einen Ersatz iiit die Genossenschaft oder eine ihr an saziahvirtschaftlicher Wirksamkeit gleichwertige Institution zu erblickent, wiewohl ihre Bedeutung zunächst als Lehr- und Musteriarm nicht unterschätzt werden soll. Der Parteitag envartet, dass die gegen den Geist der Verwaltung der Company mit Recht erhobenen Bedenken wenden beseitigt werden. III. Der Parteitag begrüsst den ‘Beschluss der Haager interterritorialen Poale-zionistischen Konferenz, ein' Bureau in Palästina zu errichten, mit der Aufgabe, die infonnative Tätigkeit, die gewerkschaftliche Organisation und die Kulturarbeit unter den jüdischen Arbeitern in Palästina zu fördern und zu leiten. . Der Parteitag fühlt sich eins mit den palästinensischen Parteigenossen in der Ueberzeugung, dass Wer gewerkschaftliche' Zusammenschluss, sowie -die Organisation von Konsumgenossenschaften zur Hebung der Klassenlage.der. jüdischen Arbeiterschaft unumgänglich notwendig sind. •Der Parteitag beauftragt die Exekutive, das Verbandsbureau in seinen Bemühungen tatkräftig zu unterstützen, die Informationstätigkeit zweckmässig auszugestalteiiv damit bei allen Unternehmungen ön Palästina, insbesondere bei den bevorstehenden Bähnbauten jüdische« Arbeitern, der Zutritt gesichert wird. . IV. Der Parteitag erblickt in. der Bewilligung eines langfristigen Darlehens von 300.000 Frcs. aus den Summen des jüdischen Nationalfonds an die Häuserbaugenossenschaft in Jaffa eine ungerechtfertigte. Festlegung eines bedeutenden Bruchteiles des N.-E.-Vermögens iiir privatrechtliche Unternehmungen, dessen Zwecke mit denen des jüdischen N.-F. nicht im Einklang zu bringen sind.. Die Bewilligung einer so bedeutenden Summe ohne ausdrücklichen Beschluss des Kongresses ist zudem ein gefährliches Präjudiz. Der Parteitag ermächtigt die Delegation beim ■ IX. Kongress dafür einzutreten, dass dem A.-C. und dem Direktorium des Jüd. N.-F. das Veriiigungsrecht über Beträge zuerkannt wird, die ein bestimmtes Maximum nicht überschreiten., (‘Langanhaltender, rauschender Beifall.) Damit sind die Verhandlungen' des ersten Tages geschlossen. Die weiteren Verhan dlungstage. (Telegramm unseres Berichterstatters.) Am zweiten Tage referierte Gg. Kenner über „die Aufgaben des allweltlichen p o alez ionis t is chen Verbandes“, Gg. Rosenfeld über „das Gemeindeprogramm, Gg. Meller über „Taktik“. Die Palästina-Thesen Kaplanskis werden angenommen. Am dritten Tag sprach Gg. Kassriel über „Partei und G ewerkschaft“., ZumSchlusse wurde das Exekutivkomitee urid die Parteileitung gewählt. (Ein ausführlicher Bericht folgt in nächster Nummer.) Wahlkreis Redlich. In einer Stadt, halb Ungarland, halb Mähren, Steht ein Kasino, teutsch und ehrenfest, Dem alle Israeliten angehören Aus Ueberzeugung und aus Budapest. Sie lieben Wack’res und sie pflegen Strammes, Sie tragen Schwarz-rot-gold und rufen „Heyl!“ Und Baldur heisst der Sangwart und ist Schammes Und Knut der Wehrschatzmeister und ist Moil. / Da kam in diesen Frieden plötzlich eine Verkomm’ne Kreatur voll Hinterlist Und stellte die Behauptung auf die Beine, Dass jeder Israelit ein Jude ist! Behauptete noch weiter frechen Tones, Dass Baldurs Ahne kein Cheruskerkind, Und dass die Worte. „Jontew“ und .Schlachmones“ In keiner Sanskrithandschrift üblich sind. Ha! Wie die Flut des sturmbewegten Meeres Wuchs die Empörung über diese Schmach, Selbst der Rabbiner machte ein Geseres Und Fürst, der Führer der Gemeinde sprach: „Wohlan! Wir wollen einen Richter fragen, Der Antwort kündet frisch-fromm-fröhlichvfrei: Der Turn wart Wizuzalek soll uns sagen, Ob nicht der Israelit ein Deutscher sei!“ Und also war des Wizuzalek Rede, Der alle lauschten mit gezog’nem Hut: „A, bitt’ scheen, Daiische is amol a jede, Der seine Mitgliedsbeitrag zahlen tut!* Hei! Hallte hell der'Heilruf durch die Halde, Man hob den Turnwart auf den Rednertisch, Man sang das Lied vom Teutoburger Walde Und speiste abends einen Pfefferfisch. B e d a'.