Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 24 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 zesses, nach den von antisemitischen Ausfällen strotzenden Kundgebungen der „freiheitlichen“ Regierungsparteien zugunsten des als Opfer jüdischen 'Betruges hingestellten dunklen Ehrenmannes kommt dieser vom brutalsten Judenhasse zeigende Vorstoss gegen die so „geliebten ungarischen Brüder“ mosaischer Konfession. Ob sich in Hinkunft die Gesinnung der Herren P o t o c k i und Konsorten an derartigen „friedlich“ beigelegten Aktionen wird genug sein lassen, ist mehr als fraglich. Die im Lande eitrigst betriebene christlichsoziai?; Propaganda macht das etwas unwahrscheinlich. Die Zeit, da man Ungarn als das „freiheitliche" Land, als das Goldland; der Juden hinstellen konnte, geht ihrem Ende entgegen. * * * Hütet Euch vor den Getauften! Anlässlich des Kischinewer Pogroms, also bereits vor mehreren Jahren, brach zwischen den christlichen und jüdischen Schülern der griechischoribntaiischen O-berrealschuIe in Czemowitz ein Streit aus. Die Jungen erhitzten sich mehr und mehr, es kam zu Prügeleien und die Sache nahm schliesslich einen sehr hässlichen Charakter an. Die beteiligten katholischen Schüler Hessen sich zu einer Verleumderischen Denunziation ihrer jüdischen Kollegen hinreissen und brachten beim Direktor die Anklage vor, dass ein jüdischer Realschüler Schmähungen gegen die katholische Kirche ausgestossen habe. Zu einer Nameimemiung aber waren sie nicht zu bewegen. Sei es, dass sie ■nicht konnten oder nicht wollten. Der Direktor der Anstalt fand nun einen Ausweg, indem, er mehrere jüdische Studenten unter Androhung der Relegie- ■rung rügte. Nach dier Fällung dieses hier weiter nicht kritisierten, aber wenig salomonischen Urteils, amtierte an dieser Anstalt Herr Josef Weissberg, seinss Zeichens Supplent und Jude. Vor einigen Wochen bot sich nun Gelegenheit, die Bekanntschaft des genannten Herrn in einer Wiener Gerichtsverhandlung zu machen. ■Freilich ist eine kleine Wesensändsrung an ihm zu bemerken, indem er nicht mehr Josef, sondern „Josef Maria“ heisst und nun bereits eine viarmonatliche christkatholische Vergangenheit hinter sieh hat. Er klagte einen seiner ehemaligen Schüler einer hier weiter belanglosen Angelegenheit wegen. Der Verlauf der Verhandlung gestaltete sich für den frisch gewässerten Josef Maria immer ungünstiger und in seiner Not griff er zu einem Mittel ausgesuchtester Gemeinheit. Er brachte dem ■Richter zur 'Kenntnis, dass der Angeklagte vor Jahren Mitglied einer Gruppe jüdischnationaler Realschüler war und als solcher Gotteslästerungen und Schmähungengegen die katholische Kirche ausgestossen habe. Dieses ungeheuerliche Bubenstück eines jüdischen Renegaten versetzte alle diglich ein allgemeines soziales Interesse spricht aus seinen Leistungen, die für die Zukunft Palästinas von höchster Bedeutung sein können Nicht nationale Motive, sondern praktisches Er. kennen der Notwendigkeiten brachte Doktor- P a u 1 Nathan die Ueberzeugung bei, dass das Hebräische die Unterrichtssprache Palästinas werden müsse. Da die deutschen Juden trotz ihrer ziffernmässigen Unbedeutendheit über beträchtliche Kapitalien verfügen, da ferner zu erwarten ist, dass es unter ihnen stets Leute geben wird, die das jüdische Problem mindestens als eine Möglichkeit für soziale Betätigung ansehen werden, so dürfte die Bedeutung des deutschen Judentums auch fernerhin eine grössere sein,, als man auf dee ersten Blick erwarten würde. Trotz eifrigster Propaganda kann meines Erachtens in Deutschland nie ein Nationaljudentum gedeihen, auch kein Kulturjudentum, wie Oppenheimer meint. Die überwiegende Mehrheit der deutschen i Juden wird wohl den dunklen Pfad der Assimilation weiterschreiten, und dank ihrer politischen Unbeträchtlichkeit mit jedem Schritte ein Stück ihrer ohnehin zerbröckelten jüdischen Seele einbüssen. Das Judentum existiert dann für die meisten nur mehr als eine historische Reminiszenz, die wohl stark genug sein mag, um das soziale Gewissen angesichts des verschleppten Stückes Mittelalters ein wenig wachzurütteln. Anweeirden, den Richter mitinbegriffen, in entrüstetes Staunen. -Dieses Vorgehen eines Menschen, der noch vor vier 'Monaten Jude war, schien -ihnen einfach unbegreiflich. Uns scheint die Sache nicht unbegreiflich. Ein Mensch, der sich um schnöden Vorteils willen aus einer bedrängten Volksgemeinschaft iorlstiehlt, tut absolut nichts Unbegreifliches, wenn er in seinem Privatleben sich der schmutzigsten Mittel bedient und schliesslich der ärgste Feind der von ihm Verratenen wird. Mit einer kleinen Zahl von Ausnahmen ist ja die Geschichte der Täuflinge aller Zeiten nichts als eine Kette von dem jüdischen Volta; zugefügten Niederträchtigkeiten.- Nichts ist unsinniger, als die Methode der rücksichtsvollsten Duldung, ja liebevollen Schonung, der sich die Juden im Verkehre mit den- Renegaten befVrissigen. Der besprochene Fall diene als Illustration hieftir. Hütet Euch vor den Getauften! * * * Ein Zadik gegen das Hebräische. Nicht hur gelehrte Professoren, sondern auch Wunderrabbis haben am Klassifizieren Vergnügen. Der Wiznitzer Zadik zum Beispiel hat eine neue Einteilung für die hebräische Sprache gefunden. Während einer seiner bekannten Exkursionen in das Gebiet der Bibelexegese sagte er. man unterscheide ein ti'aar (reines) Hebräisch und ein tomeh (unreines) Hebräisch. Was er unter dem t»m:eh verstand, konnte mm bald erfahren. Ein Lehrer des Hebräischen aus Russland war nach Wiznitz gekommen und eröifnete dort im Hause des Schächters, eines armen Mannes, dem der ■ Mietzuschuss um so mehr zustatten kam. als er eine kranke Frau in einen Kurort schicken sollte, eine Schule. Jung und Ali, besonders Mädchen, die bis dahin kein 'Wort Hebräisch verstanden, begannen das Studium der heiligen Sprache zu treiben, ohne zu ahnen, dass das bei einem Zionisten gelernte Hebräisch vom Zadik als „tomeh“ betrachtet werden könnte. Sie wurden bald eines Besseren belehrt. Der Rabbi berief nämlich den Kultuspräsidenten. dessen Tochter sich euch dein sündhaften Studium des HeDräischen ergeben hatte, zu sich und machte ihm Vorwürfe, warum er denn seine Tochter solch unnütze Dinge treiben lasse. Auf die Einwendung des Rosch-hakohol, dass das Studium einer Sprache seiner Tochter nur nützen könne, meinte der vieledle Rabbi: „Nun, so lerne sie Französisch, dies wird ihr in Paris zustatten kommen ■ ■ aber das Studium des Hebräischen möge sie bleiben lassen." Nicht genug daran! Der Zadik lud den Schächter zu sich und forderte ihn auf, dem hebräischen Lehrer sofort die Wohnung zu kündigen. Der Schächter bat. flehte, der Zadik moge von seiner Forderung abstehen. Doch ohne Erfolg. Der Rabbi drohte mit dem Schächtverbot. Der Schächter ging nach Hause und kündigte dem Lehrer die Wohnung nicht. Da sprach der Rabbi über den armen Schochet das Schächtverbot aus. Mit dieser Massregel erreichte er seilten Zweck: Der Lehrer musste vorläufig die Schule auflösen und sich auf die Suche nach einem entsprechenden Lokale begeben. Das ist die glorreiche Geschichte des Kampfes eines Rabbi gegen die hebräische Sprache. Die Motive, die den Zadik geleitet haben, liegen klar zutage. Er und seine Kollegen, welche den Aberglauben und den Fanatismus der ärmsten SchichtJd;s jüdischen Volkes so auszubeuten wissen, das sie in einem Ozean von Not und Elend sich Prachtpaläst; bauen und Millionen zusammenscharren können, sind die geschworenen Feinde unserer nationalen Kultur- und Aufklärungsarbeit. Sie sind die Helfershelfer der Bedrücker des jüdischen Volkes, der Schlachzizen, Kahalsatrapen und' Propinationspächter, mit denen sie das gemeinsame Interesse verbindet: Die Juden möglichst in Elend und Unwissenheit zu erhalten, um sie nach Herzenslust politisch und materiell ausbeuten zu können. So bat der Wiunderrabbi von Beiz für S t a r c z y n k i, jener von Kuty für Moysa Wahlbeeinflussung getrieben. Aber das Ende des Zadikunwesens ist nahe. Der nationale Regenerationsgedanke dringt auch in die Wohnung des armseligsten Juden, er richtet unser Volk auf, organisiert es und über kurz oder lang wird er das morsche Wunderrabbinertum über den Haufen werten. Die Zadikims werden dann einige Mühe j haben, dem Unwillen der von ihnen bisher irregeleiteten Massen standzuhalten. Siedlungsgenossenschaft und Development Company. Die Erkenntnis, dass der Zionismus ein Problem der Massenkolonisation darstelie und dass durch einen Modellversuch die richtige Kolonisationsmethode erprobt werden müsse, hat Herzl zur Annahme des Projektes einer Siedlungsgenossenschaft in Palästina geführt Seit seinem Tode war es von diesem Plan still geworden, bis im vergangenen Jahre die österreichischen Poale Zion die Frage wieder in Fluss gebracht haben. Bekanntlich hat auch der österreichische Parteitag zu Bielitz eine Resolution zugunsten der Siedlungsgenossenschaft angenommen, ebenso gelang es, eine solche am achten Kongresse durchzusetzen. Seither ist vom Palästinaressort die Landentwicklungsgesell sch aft (The Palestine Land Derelopmeat Company) ins Leben gerufen worden und die Anhänger des Projektes der Siedlungsgenossenschaft stehen vor der Frage, inwieweit die P. D. L. C. jenen Postulaten entspricht, welche der Forderung nach einer Siedlungsgenossenschaft zugrunde liegen. Die österreichischen Poale Zion haben auf ihrem dieswöchentlichen Parteitag bereits ihre Meinung darüber ausgesprochen. Sie erklären den Wert des P. D. L. C. als Lebrj und Musterform anzuerkennen, dennoch könnten sie in ihr einen Ersatz für die Oppenheimersche Siedlungsgenossenschaft nicht erblicken. Sie verlangen daher, dass das Palästinaressort, der Resolution des achten Kongresses entsprechend, der Jahreskonferenz vom 12. August d. J. ein ausgearbeitetes Projekt einer solchen vorlege. Es ist nun kein Zweifel, dass die P. L. D. C. mit der Siedlungsgenossenschaft nicht identisch ist. Wollen wir uns klar werden, worin der Unterschied besteht, so müssen wir rekapitulieren, wie sich Oppenheimer den Plan einer derartigen Genossenschaft vorstellte : Er verlangte die Gründung einer Erwerbsgesellschaft zum Betrieb eines Gutes, welche sich, des gemeinnützigen Zweckes zuliebe, mit einer geringen Verzinsung ihres Kapitales zu begnügen und ihre Hauptaufgabe dann zu erblicken hätte, in ihren jüdischen Arbeitern durch Gewinnbeteiligung und die Aussicht auf spätere Selbstständigkeit jene Energien zu wecken, [ die imstande wären, aus städtischem Proletariat in verhältnismässig kurzer Zeit Landbebauer zu machen. Die Arbeiter dürften, insolange sie nicht ausgebildet wären, kein Risiko tragen und müssten in der Lehrzeit unter tüchtiger Administration stehen. Das Gut sollte durch allmählichen Uebergang von extensiver zu intensiver Kultur einer immer steigenden Anzahl von Menschen Nahrungsspielraum geben. Diese Postsultate werden sämtlich bei P. L. D. C. auf das genaueste verwirklicht, was in der „Jüdischen Zeitung“ — siehe Artikel: „Ein zionistischer Kolonisationsversuch“ in Nummer 4 d. J. — schon hervorgehoben wurde. Oppenheimer verlangt weiter, dass nach vollendeter Ausbildung der Arbeiter diese sich als Genossenschaft konstituieren und das Gut in eigenen Betrieb übernehmen sollen. Die Abzahlung ‘hätte in langfristigen, daher kleinen Amortisationsraten zu erfolgen. Von der genossenschaftlichen Besitz- und Betriebsform verspricht sich Oppenheimer die grössten Vorteile: Eine landwirtschaftliche Produktivgenossenschaft ist in höherem Masse kreditwürdig, als der einzelne Bauer, bei ihr entfällt eine Zerstückelung des Bodens oder eine steigende Belastung durch Erbteilungen, eine private Aneignung von Grund-