Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 23 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Christen. Es entfallen im Durchschnitt der Jahre 1895—1901 auf je 1000 Christen 26'6, auf . 1000 Juden aber nur 19'01 Gestorbene. In Wien starben im Durchschnitt 1901—1904 von je 1000 Christen 20‘6, Juden 13 0. Unter den Verstorbenen überwiegen die Männer bei den Juden in höherem Masse als bei den Christen. Was das Alter der Gestorbenen betrifft, so haben die Juden, wie ja allgemein bekannt ist, die geringste Kindersterblichkeit aufzuweisen. Das beeinflusst die obigen günstigen Sterblichkeitszifiern am meisten. Dies geschieht aber auch durch die geringere Disposition zu gewissen Krankheiten,. namentlich zur Tuberkulose. Es starben 1901—1903 auf je 100.000 Personen an Tuberkulose bei Katholiken 388 bei Juden bloss 131 (!) Bemerkenswert ist ferner die geringere Sterblichkeit der Jüdinnen an Krankheiten in der Schwangerschaft und im Wochenbett Diese ist ebenso wie die geringe Kindersterblichkeit auf das innige Familienleben und die dadurch bedingte bessere Pflege und Wartung erkrankter Familienmitglieder zurückzufuhren. Natürliche Vermehrung. Wird die Zahl der Gestorbenen in jedem Jahr von jenen der . Lebendgeborenen abgezogen,- so erhält man die natürliche Vermehrungsziffer. Diese ist bei den Juden günstig beeinflusst durch die geringe Sterblichkeit, während die Geburtenzahl, wie oben mitgeteilt, hinter der der Christen zurückbleibt Die Vermehrung auf je 1000 Personen betrug 1899—1900 durchschnittlich bei Katholiken 11'2, bei Evangelischen 12‘7, bei Juden 15’5, bei Griechisch-Katholischen 17 0. Dieser Zunahme entgegen steht aber ein grosser Verlust durch Auswanderung, sowie durch Austritte aus dem Judentum. Die erstere wirkt namentlich im Osten sehr stark, die letzteren im Westen. Während im letzten Jahrzehnt die natürliche Vermehrung der Juden 16‘30 Prozent betrug, verloren sie durch Austritt und Auswanderung nicht weniger als 916 Prozent! (Wird fortgesetzt). | Die Judenfrage in der Duma. (Eine Enquete.) Das in Petersburg in jüdischer Sprache erscheinende Tagblatt „Der Fraind“ veranstaltete unter den bedeutendsten Persönlichkeiten der jüdischen Gesellschaft Russlands eine Enquete. Er stellte folgende Fragen: 1. Ist es angezeigt, die Judenfrage durch Einbringung eines Antrages auf die Tagesordnung der dritten Duma zu setzen? 2. Was soll ein solcher Antrag enthalten, wie wäre er zu formulieren? Viele Antworten liefen ein. Wir geben heute seitens einiger hervorragender Führer der russischen Juden geäusserie Ansichten wieder: Der der Kadettenpartei angehörende Dumadeputierte L. N. Niselowicz erklärt in seiner Antwort, er betrachte sich in erster Linie als Vertreter der Interessen des jüdischen Volkes. Er hege die Absicht, in der Duma einen Antrag einzubringen, der die Gleichberechtigung der Juden verlangt Doch halte er es für zweifelhaft, dass die Duma in ihrergegen wärtigen Zusammensetzung den Juden irgendwelche Erleichterungen gewähren werde. Das zweite jüdische Dumamitglied N. Friedmann wünscht vorerst die Meinung aller jüdischen Kreise zu hören. An die Aufrollung der Judenfrage in der Duma sei nur mit grosser Vorsicht heranzutreten. Die Forderung einzelner Erleichterungen perhorresziert er. Die nationale Würde des jüdischen Volkes verbietet, um kleine Gunstbeweise zu betteln. Er verlangt die volle Gleichberechtigung für das jüdische Volk. Er meint schliesslich, dass die Zeit für die Einbringung noch nicht gekommen sei. Die Stimmung der Mehrheit der Dumamitglieder sei entschieden gegen die Gleichberechtigung der Juden. Der bekannte Schriftsteller Lilienblum rät, die Judenfrage in der Duma anzuschneiden. Ihm genügt auch die Erlangung 'einzelner Erleichterungen. Das ehemalige Dumamitglied und Mitglied der jüdischen Volksgruppe Ostrogorski, der auf dem Boden des Programmes der jüdischen Volksgruppe steht, ist mit den Plänen des Abgeordneten Niselowicz nicht einverstanden. Unser Gg. Wladimir Schab otinski, ein genauer Kenner der russischen Verhältnisse, hält die Einbringung eines solchen Antrages in der Duma für zwecklos, da die Erringung moralischer, geschweige denn praktischer Erfolge völlig ausgeschlossen sei. Die Zahl der jüdischen Abgeordneten in der Duma sei so gering, dass einem solchen Anträge nicht einmal durch die Macht der Rede der S'empel einer grossartigen Demonstration . des jüdischen Massenwillens aufgedrückt werden könnte.. Er schlägt vor, eine Konferenz der russischen Juden nach Finnland oder nach dem Ausland .einzuberufen, welche die' Aufgabe hätte, .die einzuscblagenden Wege festzulegen. Kommt die Konferenz zustande,, gut, .wenn, nicht, dann ist jedes Wort nutzlos und es bleibt nichts übrig, aJs zu schweigen. — Wie berechtigt der Pessimus unseres Gesinnungsgenossen Schab otinski ist, beweist folgende aus Petersburg eingelangte Depesche: „Auf höhere Weisung wurden die Arbeiten der erst vor kurzem - eingesetzten Spezialkommission für die Judenfrage völlig eingestellt: Die Fertigstellung der Gesetzesvorlage zur Einbringung in die Duma ist somit auf unabsehbare Zeit verschoben.“ Korrespondenzen. Ein jüdischnatiprialer Hochschulausschuss. Wien. Die jüdischnationale Studentenschaftder Wiener Hochschulen veranstaltet am 4. Juni eine Versammlung, in welcher die Gründung eines jüdischnationalen “HochschuAusschusses beschlossen werden wird. Einer Deputation der jüdischen Studenten gegenüber erklärte der ‘Rektor sich berat, mit dem zu schaffenden jüdischen Hochschu-1ausschusse in Verbindung zu treten. Galizien. Zur Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Lemberger Hochschulen. Lemberg. (Orig.-K,orr.) An dem hiesigen Polytechnikum fand Montag den 1. Juni 1. J. eiine zahlreich besuchte jüdische: -Studentenversamm-!ung in Angelegenheit der Anerkennung der jüdischen Nationalität an der -hiesigen technischen Hochschule statt, an -der auch der Rektor Magniiicus S y g n i e w s k i teilnabm. Den Vorsitz führte stud. ing. Gg. S ti'e f.d i. Als-Referent fungierte Gg. Moses A r n o i d, Obmann des poale-zionistischen akademischen Vereines in Lemberg „Chejruth“. Seine vortrefflichen Ausführungen fanden reichhaltigen Beifall und machten auf den Rektor e^nen sehr ‘günstigen Eindruck. Derselbe gab auch seiner Zufriedenheit mehrmals Ausdruck. Der Redner schilderte den seit einigen Jahren mit unaufhörlicher Energie von der jüdischen Studentenschaft Oesterreichs geführten Kampf. Nachdem noch einige fortschrittliche polnische Techniker gesprochen hatten,. ergriff der Rektor das Wort und erklärte, er könne vom allgemein menschlichen und! historischen Standpunkteaus die Existenz der jüdischen Nationalität nicht leugnen. Er sympathisiere mit den Forderungen der j.üdischnati. onalen Jugend. Das Studium der'Bibelund-d er jüdischen Geschichte habe ihn sogar zum Zionismus bekehrt. Hierauf wurden folgende Resolutionen! angenommen: 1. Die jüdischen Hörer -der Lemberger technischen Hochschule verlangen die Anerkennung der jüdischen Nationalität an1 dem Polytechnikum. 2. Die Zuzählung aller jener Hörer, welche die Rubrik „Muttersprache“ mit „jüdisch“ oder „hebräisch“ und die Rubrik „Nationalität“ mit „jüdisch“ ausiiillten, zur jüdischen Nationalität und Berücksichtigung derselben in allen statistischen Staatsausweisen. 3. Die jüdische Hörerschaft bittet das Professorenkollegium, diese Resolutionen an das Unterrichtsministerium weiterzuleiten. Ferner wurde auch ein Antrag angenommen, das akademische Exekutivkomitee in Wien, wel- 4 ches die 'ganze Bewegung zur Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österreichischen Hochschulen leitet, zu seinem Erfolge zu beglückwünschen. A. K- Ein jüdisches Studentenheim in Lemberg. Lemberg. (Orig.-Korr.) In Bälde würd die Grundsteinlegung eines jüdischen Studentenheims in unserer Stadt feierlich begangen werden. Seit einigen Jahren trug sich; der akademische Rigorosantenverein mit der Idee, ein Heim für jüdische Akademiker in Lemberg zu errichten. Seit zwei Jahren wurde unter dem Präsidium des gegenwärtigen Obmannes Dr. Emil So mm erst ein die Sammlung für diesen Zweck eingeledtet, welche die namhafte Summe von 22.000 Kronen ergab. Aber die Ausführung dieses Planes konnte - erst dank der Spende des Herrn kaiserlichen Rates Jakob Stroh zustande-kommen. Derselbe -spendete den Baugrund und einige tausend Krönen. Das Haus wird1 zirka hundert Akademikern Unterkunft bieten können. Ausserdem werden, darin eine Studentenkmcli e, eine öffentliche jüdische Lesehalle urtd ein Turnsaal errichtet"werden. Die Moschkos wittern die grosse Gefahr für das Polentum und wollen nun um jeden Preis den Bau des jüdischen Studentenheimes verhindern und ein Konkurrenzinstitut begründen. Es fand sich auch bald ein Philanthrop, Herr He r r in a nn, der sich beredt erklärte, für diesen Zweck einen Baugrund und Geld herzugeben. Das -Haus solle nur echte Polen mosaischer und Polen römisch-katholischer Konfession nach einem Prozentsätze von 75 zu 25 beherbergen. Um gegen eine solche Widmung zu protestieren, wurde für Samstag abends den 29. v. M. eine jüdische Studentenversammlung an der hiesigen Universität einberufen. Den Vorsitz führte Gg. Moses Frostig und das Referat erstattete der -Obmann des jüdischen Rigorosantenvereines Dr. Emil So-mmerstein. Nach einer längeren Debatte, an welcher sichzwei Mitarbeiter der berüchtigten „Jednosc“ und einige Gesinnungsgenossen beteiligten, welche die Wühlarbeit der A'sshnilanteii nach Gebühr beleuchteten und einer vernichtenden Kritik unterzogen. Es wurde eine Resolution gefasst, die der Solidarität der gesamten -jüdischem Studentenschaft mit den bisherigen vom Rigorosantenverein unternommenen Schritten Ausdruck verleiht und die weitere Arbeit aufs kräftigste zu unterstützen verspricht Eine weitere Resolution, von einem. Sozialisten vorgeschlagen, protestiert gegen die Verquickung von politischen Tendenzen mit rein philanthropischen Institutionen Arid wendet sich gegen die Bestimmungen im Stiftungsakte des Colosseum-Besitzers Herrmann. A. K- Russland. Judenhetze in Russland. Petersburg, 30. Mai. Der gewesene Abgeordnete der zweiten Duma Kruschewan veröffentlicht in seinem in Kiew erscheinenden Blatt „Drug“ eine Aufforderung, alle Juden in Russland totzuschlagen, weil die Regierung gegen sie nicht einschreite. Auf allerhöchstem Befehl habe man den Juden entgegen der letzten Verfügung des Statthalters des Kaukasus das Wohnrecht in kaukasischen Kurorten gestattet. N. Sokolow zum zweiten Male verurteilt. Warschau. N. Sokolow, der im Jahre 1906 eine Zeitung unter dem Titel „Telegraf“ 'herausgab, wurde vor einigen Monaten wegen Verbreitung einer Na'chricht aus Terespol, dass dort ein Pogrom gegen die Juden geplant werde, zu einer bedeutenden Geld- und Kerkerstrafe verurteilt. Sein Verteidiger legte gegen das Urteil Berufung ein und; der Prozess gelangte am 30. Mai d. J. vor dar ersten Abteilung des Warschauer Kreisgerichtes zur neuerlichen Verhandlung. Trotzdem die falsche Nachricht in einer späteren Nummer des „Telegraf“ dementiert wurde und Sokolow zur Zeit der Veröffentlichung im Auslande weilte, wurde er neuerlich zur Tragung der Prozesskosten und zu einer sechswöchentlichen Kerkerstrafe verurteilt. N. Sokolow ist derzeit Generalsekretär des zionistischen Aktionskomitees in Köki. Die Judenfrage in Finnland. Helsingiors. Der frühere. Duma-Abgeordnete Jakobsonbesuchte gestern den Vizepräsidenten des finnländischen Senats, Mechelin, um zu erfahren. r-b die finnländisvlie Regierung dem nächsten Landtag den Gesetzentwurf über die Gleichberechtigung der Juden vorlegenwerde- Mechelin antwortete, der Entwurf werde wahr-