Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 23 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 23 JÜDISCHE ZEITUNG Seite- 7 -den Stamm der künftigen Kolonisten heranzieht und die wichtige Möglichkeit der Ausbildung einer . immer grösseren Anzahl" von Ackerbauern bietet, verspricht ausserdem, auf Grund sehr vorsichtiger -Voranschläge*) bereits nach dem ersten vollen 'Wirtschaftsjahre eine Dividende vonl 1%. Hiermit ist der Anfang der p 1 a n m ä s s i g e n, -e r sp r i e ss li c he n Besiedlung Palästinas gemacht, wird das Vorbild für vdie künftige Massenkolonisation geschaffen. Um nun jedem die Möglichkeit der Beteiligung zu geben, ist die „Sammelstelle des Jüdischen i Nationalfonds für Oesterreich“ bereit, Teilbeträge von einer Krone aufwärts zur Erwerbung einer P. D. C.-Aktie, die mittels Posterlagscheines ein- . gezahlt werden können-, entgegenzunehmen. Nach vollem Erläge von K 25.75 erhält der Einzahler gegen Einsendung der als Quittung dienenden Posterlagsempiangsscheine eine Aktie der P. D. C. Die grundlegende Wichtigkeit des Unter- - nehmens macht es jedem Juden, mag er dem zionistischen Gedanken näher oder ferner stehen, zur ' unbedingtem Pflicht, sich nach vöiler Massgabe seiner Kräfte zu beteiligen. Das vorliegende be- •queme Sparsystem macht dies auch dem minder Wohlhabenden ohne weiteres möglich. Sammelstelle des Jüdischen Nationalfonds Wien IX., Türkenstrasse 9. Die Haltung dar Chowewe Zion“. Ein Ussischkin nahestehender angesehener 'Gesinnungsgenosse aus Odessa sendet uns eine Entgegnung auf den Artikel „Ussischkin kontra Warburg“, der in Nr. 19 der „Jüd. Ztg.“ enthalten war. Leider gestatten es uns die knappen Raumverhältnisse dieses Blattes nicht, den umfangreichen Brief zur Gänze abzudrucken, doch wollen wir -die wesentlichsten Stellen daraus mitteilen. Wir ■schicken voraus, dass es uns völlig ferne liegt, um jeden Preis Recht behalten zu wollen, sondern wir würden uns herzlich freuen, wenn die bestehenden Differenzen durch die offene Aussprache in unserem Blatte beseitigt werden könnten. Der mit „Dr. S. N.“ zeichnende Verfasser des Briefes wirft uns vor, dass wir nur Bruchstücke aus dem Artikel Ussischkins herausgegriffen und daran unsere Kritik geknüpft hätten, während jener im „Haschiloach“ erschienener Artikel im wesentlichen nichts anderes gewesen sei, als eine sehr kräftige Abwehr eines Angriffs, den ein gewisser „Pleini“ in demselben Hefte des „Haschitoach“ (vom März. 1. J.) nebst anderen heftigen Ausfällen gegen unsere Leitung gegen die Gründung einer Bankfiliale in Konstantinopel gerichtet hat. Wir bemerken hiezu, dass der „Haschiloach“ unter dem Einflüsse Ussischkins steht und ohne -dessen stillschweigende Billigung so gehässige Angriffe, wie jene des Anonymus „Ploni“ gegen 'unsere Leitung und unsere Institutionen in dieses Blatt nicht aufgenommen worden wären. Ussischkin hat ferner auch dadurch diesen Angriffen stillschweigend zugestimmt, dass er kein Wort der Missbilligung über Form und Inhalt des Artikels von Pleini gefunden hat, sondern sich lediglich in -einem einzigen speziellen Punkte (eben in der Frage der Filiale in Konstantinopel) mit den Anschauungen Plonis nicht einverstanden erklärt hat. Ueberdies haben wir nicht Ussischkin allein angegriffen, sondern ihn nur mitverantwortlich gemacht Tür alle Angriffe seiner Gruppe auf unsere Leitung. Dr. S. N. sagt weiter, dass die Gründe, die Ussischkin für die Errichtung einer Bankfiliale in Konstantinopel ins Feld führt — dass wir eine •feste Stellung in der Hauptstadt des türkischen Reiches einnehmen und dort eine politisch-zionistische Atmosphäre schaffen müssen, um den geeigneten Moment, der für unsere Bewegung •eintreten kann, nicht zu verpassen — beweisen, dass Ussischkin „politischer Zionist“ ist. Der geehrte Einsender meint daher, dass „ein Organ von dem Ernst und der Bedeutung der Jüdischen -Zeitung das für den organischen, evolutiven Zionismus eintritt“ — wie er sich ausdrückt — kein Recht hätte, von einem Gegensatz zwischen Warburg und Ussischkin zu sprechen. Die österreichische Landmannschaft, welcher der Verfasser des Briefes Zielbewusstheit und politische Schulung zuerkennt, dürfe nicht die alten Schlagworte vom Chowewe-Zionismus, der im Gegensatz zum politischen Zionismus stände, aufwärmen. Damit hätte der geehrte Einsender recht, *) Detaillierter Prospekt steht zur Verfügung. wenn wir uns wirklich dessen schuldig gemacht hätten. Wir haben aber den Chowewe-Zionismus nicht zum politischen Zionismus in Gegensatz gebracht, der die Erlangung von autonomen Rechten anstrebt, sondern wir haben davon gesprochen, dass in bezug auf die Metho de, nach welcher in Palästina gearbeitet werden soll, Differenzen der Anschauungen zwischen den Chowewe Zion und uns bestehen. Ob der Grund dieser nicht wegzuleugnenden Differenzen wirklich, wie wir es angenommen haben, in einer Verschiedenheit der Grundprinzipien und der Theorien liegt, oder nicht, ist eine Doktorfrage. Solange aber Ussischkin und sein Anhang als wichtigstes Mittel für die Kolonisationsarbeit den Agrarkredit sowie die Gründung winziger Kolonien (wie z. B. Fedge) ansieht und gleichzeitig gegen den nach erprobten Methoden unternommenen Versuch einer grosszügigen „Selbsthilfe-Kolonisation“ wie ihn die P. L. D. C. darstellt, energisch auftritt, insolange sind wir berechtigt von jenem Gegensatz zwischen rein privatwirtschaftlicher Hilfe, wie sie von den Chowewe Zion gepredigt wird und staatsähnlicher Thätigkeit, wie sie das Palästinaressorts entfaltet, zu sprechen. Es ist übrigens ganz müssig, darüber zu streiten, inwieweit die Chowewe Zion politische Zionisten sind. Denn im Grunde handelt es sich nicht um Theorien, sondern um ganz konkrete Tatsachen, die wir der Gruppe um Ussischkin und ihm selbst vorgeworfen haben. Und darauf möge der geehrte Einsender antworten. Wir fragen ihn, warum Ussischkin und seine nächsten Anhänger (vor allem die Chowewe Zion in Jaffa) immer und immer wieder gegen das Palästinaamt und Dr. Ruppin auftreten und so gegen den von der offiziellen Leitung unter einmütiger Zustimmung des grossen Aktionskomitees eingesetzten ausgezeichneten Fachmann Stimmung machen, bevor er noch seine Tätigkeit begonnen hat. Wir fragen ihn, warum Ussischkin in der Berliner Sitzung vom 6. Jänner a. c. nicht die Gründe angegeben hat, aus denen er gegen die P. L. D. C. stimmte, wo doch in Berlin Gelegenheit gewesen wäre, sich darüber mit Warburg, Ruppin, Oppenheiner etc auszusprechen? Warum bat er lieber aus seiner Umgebung durch 5 Monate versteckte und offene Angriffe auf das Palästinaressort, die P. L. D. C. und ihren Leiter richten lassen, bis er endlich, wahrscheinlich gedrängt durch den Unmut, den dieses Verhalten im Westen hervorgerufen' hat, mit jenen Gründen herausrückte. Wer wird nach der Lektüre dieser-Gründe;1,die Warburg in seinem Antwortschreiben so treffend zernichtet hat, noch an den sachlichen Ernst der Opposition glauben, wenn man z. B. hört, dass leere Schlagworte wie „Kolonisation von oben“ und „Kolonisation von unten“ ins Treffen geführt werden? Unwillkürlich sucht man nach persönlichen Motiven, die dieser Opposition zugrunde liegen müssen. Und diese haben wir auch'zu kennzeichnen geglaubt. Wir sagten, dass der Kreis um Ussischkin der Meinung sei, dass er die richtigen Männer für die Ausführung unserer Arbeiten in seiner Mitte besitzt und mit unserer Leitung deshalb grollt, weil sie diese Ansicht nicht teilt, was sie in der Wahl ihrer Beamten zum Ausdruck bringt. — Wir fragen weiter, wie der geehrte Einsender es in Einklang bringt, dass zur selben Stunde in welcher er uns schreibt, dass keine tiefer gehende sachliche und keine persönliche Differenz zwischen der Odessaer Gruppe und unserer Leitung besteht, der „Haschiloach“ neuerdings (in dem soeben ausgegebenen Heft) einen unerhört heftigen Angriff des famosen „Pleini“ gegen unsere Leitung bringt? Wir fragen ihn, warum dieser Anonymus sich nicht demaskiert und mit seiner Person für seine Angriffe einsteht? Insolange dies aber nicht geschieht, kann man die Gerüchte nicht völlig von der Hand weisen, nach welchen dieser „Pleini“ ein Intimus der Führer der Chowewe Zion sein soll, der einen von ihm angestrebten Posten in einer unserer Institutionen trotz Protektion seiner Freunde nicht erreichen konnte und deshalb so unerhörte Angriffe auf unsere Leitung richtet. Damit haben wir an die wundeste Stelle den Finger gelegt: Das Erbübel der Chowewe Zion war es von jeher, bei Besetzung wichtiger Stellen in ihren Schöpfungen nicht in erster Linie auf die Fachtüchtigkeit, sondern darauf zu sehen, ob der Kandidat zur engeren „Chawruse“ gehört. Mit aller Kraft werden wir unsere Leitung darin unterstützen, mit diesem „System“ aufzuräumen, und nur solche Männer in ein Amt einzusetzen, die nebst persönlicher Vertrauenswürdigkeit auch die nötige fachliche Eignung dazu besitzen. Zum Schluss appellieren wir nochmals an die Chowewe Zion, die gänzlich deplacierten Angriffe gegen unsere Leitung einzustellen. Auch wir sind nicht immer mit allem einverstanden, was unsere Führer tun, aber wir haben das Recht auf. Kritik, das jedem Mitglied einer freien sich selbst bestimmenden Gemeinschaft zusteht, nie missbraucht und uns immer in den gebotenen Grenzen gehalten. Das tut der „Haschiloach* nicht und solange er Schmähartikel gegen unsere Leitung bringt, solange Ussischkin dies und die Angriffe seiner Jaffaer Freunde duldet, insolange wird er, das geistige Haupt und der Führer des ganzen Kreises, es sich gefallen lassen müssen, dass man ihn und nicht die von ihm Geführten für dieses Treiben verantwortlich macht Nach Schluss des Blattes. Zur Interpellation des Abg. Dr. Gäbet. Eine Erklärung des Jüdischen Klubs. Wir erhalten soeben vom „Jüdischen Klub-*“ folgendes Comnumiquö: „Der Jüdische Klub hat in seiner Sitzung vom 4. Juni a. c. einstimmig folgenden Beschluss gefasst: „Angesichts der vom Herrn R.-A. Dr. H. Gabel dem Präsidium des Abgeordnetenhauses abgegebenen Erklärung, sowie angesichts der im Hause mehrfach geübten Gepflogenheit erachtet der Klub die Angelegenheit der durch den genannten Herrn Abgeordneten überreichten Interpellation als vollkommen geklärt und erledigt. Gleichzeitig wird festgestellt, dass die Stellungnahme der Herren R.-A. Dr. Straucher und Dr. Mahler keineswegs als gegen die Vertrauensstellung des R.-A. Dr. H. Gabel gerichtet aulzufassen ist.** Dr. Straucher, Dr. Gabel, Dr. Mahler, Stand. Die in diesem Ccmmunique erwähnte Erklärung, welche Herr Dr. Gabel dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses abgegeben hat, und welcher dieser im Laufe der heutigen (Donnerstag-) Sitzung zur Kenntnis des Hauses bringen wird, hat folgenden Wortlaut: „Im Anschluss an die Erklärung des Herrn Präsidenten vom t. Juni a. c. betreffend meine Interpellation vom 25. Mai a. c. erkläre ich, dass ich die Unterschriften meiner Klubkoliegen Dr. Straucher und Dr. Mahler bona fide auf dieselbe gesetzt habe. Ich erkläre aber weiter, dass ich. mich trotz Einbringung der Interpellation mit dem Inhalte des darin zitierten Aufsatzes nicht identifizieren, sondern lediglich als prinzipieller Gegner der Koniiskationspraxis überhaupt damit gegen dieselbe remonstrieren wollte. Ich glaube sonach, mich keiner Illoyalität schuldig gemacht zu haben und bitte das Hohe Haus, dies zur Kenntnis zu nehmen.“ Die Juden in Oesterreich. (Nach der Studie von Dr. Jakob Thon.) n. Bevölkerungsbewegung. Eheschliessungen: Die Ziffern über diese sind leider kaum verwendbar, weil die Mehrzahl der im Osten nach jüdischem Ritus geschlossener Ehen zu der offiziellen Statistik nicht zum Vorschein kommen. Die Zahl der Mischehen nimmt im Laufe der Jahre beträchtlich zu. Geburten: Im Vergleich zum Prozentanteil der Juden an der Gesamtbevölkerung (4‘5 Prozent) ist ihr Anteil an den Geburten viel zu niedrig (4T3 Prozent). Es ist also unwahr, dass die Juden durchschnittlich eine höhere Kinderanzahl haben als die Christen. Ueberraschend erscheint das Verhältnis zwischen Knaben- und Mädchengeburten. Bei den Katholiken entfielen auf 1000 Mädchen 1065 Knaben, bei den Juden 1162. Dieser „Knabenüberschuss“ erklärt sich aber daraus, dass im Osten die Mädchengeburten nicht regelmässig angemeldet werden. Der Prozentsatz der totgeborenen Kinder ist bei den Juden um ein geringes höher, als bei den Christen. Was die Legalität der Kinder betrifft, so wird die Ziffer beeinflusst durch die bloss mit jüdischem Ritus geschlossenen Ehen. Die Kinder aus solchen wer den als unehelich angesehen, sind es aber faktisch nicht. So beträgt der Promillesatz der „unehelichen* Kinder in Galizien bei Chriesten 109 7, bei den Juden 701"5, in der Bukowina 116'7, 528'9, dagegen aber in Wien bei Christen 3141 gegen nur 93"7 bei Juden! Sterbefälle: Die Sterblichkeit der Juden ist eine ganz bedeutend geringere als bei den