Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 23 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 23 Fast wäre ein Herr Dr. Pöllak vergessen worden, der regelmässig alle „Deutschen“ zur Einheit aufforderte. Wahrlich, die Herren Hock, Ofner und Konsorten sind -die reinsten politischen Verwandlungskünstler. Am Samstag . ist man demokratisch, am Sonntag ' freiheitlich-sozial, am Montag deutschnationaWiberäl. kaufleute sich erstreckt. Fast das ganze heutige Judentum ist undemokratisch,, weil, unjüdisch. In kleinbürgerlichen Kreisen; wo man nicht „fein“, d. h. reich genug ist, um sich die Gesellschaft vornehmer Arier zu erkaufen, begnügt man sich damit, zustimmender Zuschauer der interessanten Komödie zu dem Zeitalter nicht angepasst. Es ist ja das tragische Schicksalder assimilatorischen Jaden, dass sie modern, zu sein, glauben und dabei lächerlich unmodern sind. Eine andere Entwicklung, als: die hier angedeutete, kainn es für uns nicht geben. Die nationale Existenz des Judentumes stützt; sich auf dieselbe.; Eins; zwei, drei, Geschwindigkeit ist keine Hexerei! Leider hatten unsere politischen Resisteure ein furchtbares Pech. Am. 24. Mai .fand in dem-. selben Saale, wo die Deutschnational-freiheit- Iichen getagt hatten, ein Massenmeeting echter Deutscher statt, die alle sowohl gegen den Klerikaüsmus als auch gegen die . ve rindeten D e u t s c h n a t i o n a 1 e n demonstrierten. Gegenüber diesen schlimmen Teutonen hilfteben die geschickteste Regiekunst nichts und es ist . zu befürchten, dass den Herren Hock und Ofner in Zukunft nur der „d e u t s c h e“ Dr, P o 1 ia k als : getreue Masse übrig bleibt. Die Demokratisierung des Judentums. Von Dr: Paul Weisengrün. Jeder, assimilatorische Jude ist vom Hause aus undemokratisch. Ich möchte fast sagen, das liegt in seinem Wesen. Will er doch mit. Bewusstsein unjüdisch sein, strebt er doch mit all seinen Kräften darnach, sich von den anderen, den übrigen Juden abzusondern. Ja, sich von den anderen abzüsondera und dabei sich als i Besonderer“ fühlen, ist das bezeichnendste Slreben des assimilatorischen Juden. „Du bist ja eigentlich kein Jude“, mit diesem Satze fängt der plumpste Antisemit den gescheidtesten Assimilationsjuden. Sich durch Absonderung' auszeichnen, für mehr gelten als der gewöhnliche Jude, vom Christen als die Ausnahme bevorzugt zu werden, als der besonders »feine“ Isrealit anerkannt zu Werden, wird förmlich zur Älanie. . ... .. ■; Nicht Bildung, " nicht edles Mäcenätep-i tum, sondern einzig und allein der Verkehr mit echt, arischen, wenn möglich, hochgestellen Persönlichkeiten bedingt die Höhe des sozialen Einflusses. Indem s i c h das assimilatorische Juden tum seelisch des Judentums fö r ml ich entkleidet, wird ein neuer, dem alten Judentum unbekannter pseudo-aristo-' krat ischer Geist erz eugt. Natürlich, Pseudo-Aristokratismus! Denn ebenso unecht, rein äusserlich, geistig unverarbeitet wie ihr Judentum, ist auch die »Vornehmheit“ dieser Leute. Impotente Separationsgelüste, ein Wille zum vornehmen Ariertnm, dem das Können nicht entspricht, so kann man kurz das assimilatorische Judentum der sogenannten höheren Kreise charakterisieren. Diese seelische Entwicklung musste naturgemäss auch auf die „Politik* der assimilatorischen Juden einwirken. Man tut so, als ob man „liberal“ wäre, man gebärdet sich »demokratisch“. Im Innern aber ist man so undemokratisch, so antiliberal als möglich. Das ältere Judentum war wirklich liberal und tolerant, musste es sein, wie wir noch später berühren werden. Das heutige dekadente, anlijüdische, „offizielle Israelitentum“ ist es längst nicht mehr. Nur aus diesen inneren Ursachen ist zum Beispiele das groteske, politische Schauspiel, das die Wiener Kullusgemeinde dadurch bietet, dass sie in Zeiten des grössten und stärksten Antisemitismus in ihrem Machtbereiche noch reaktionärer wie Lueger schaltet und waltet, zu erklären. Während die Wiener Antisemiten doch, wenn auch unter Aecbzen und Krächzen das Wahlrecht für den Gemeinderat ein wenig erweiterten, schufen sie eine privilegierte Kurie. Wäre der Demokratismus der höheren Kreise echt, seelisch angewachsen, kulturell gebunden, so wären solche Vorgänge unmöglich und unerklärlich. Aber man irrt, wenn man glaubt, dass dieser antidemokratische Zug nur auf die Grosskapitaiisten, Grossindustriellen, Grosssein, sich mit grossem Behagen daran zu ergötzen, wie getaufte und noch nicht getaufte Israeliten es auch in dieser Beziehung gottlob vorwärts bringen; Nicht der Gebildete, nicht der energisch vorwärts Strebende, nicht der künstlerisch echt Empfindende, nicht einmal der reiche Jude — wie paradox das klingen mag — findet Beifall und Geltung bei dem Kleinbürger. Ihm imponiert nur der entjudete Jude, der nach oben strebt, der hie und da von arischen Exzellenzen eingeläden wird. Den »sozialen Einfluss* hat erst In zweiter Linie der reiche Jude, in erster Linie besitzt ihnder entjudete gesellschaftliche Streber. Das geht so weit, dass selbst in Organisationen moderner Prägung, die bereits vom Kultusjudentum weit abgerückt sind, dieser antidemokratische Geist sich geltend macht. In Vereinen, die programmatisch zum Demokralismus. ver-: pflichtet sind, folgt man gern und willig der- Leitung derjenigen, von denen man. glaubt, dass sie sozialen; Einfluss haben. Herr X. ist zwar nicht fähig, heisst es, er Ist nicht einmal, angenehm, aber er' hat einen Titel, Beim Jour seiner Frau ist einmal ein leibr haftiger Sektionschef erschienen.. Das war; nicht immer so. Die Geschichte kennt kein demokratischeres Volk, als diealten Juden.- Da müssen wir schon in diesem Zusammenhänge .etwas über „echten Demokratismus“ sagen. Der formelle Demökrätismus, der ohne sozialen Inhalt, ohne bestimmte Kulturrichtung, ohne bestimmtes Zivilisationsziel nur in der formellen Geichheit aller Staatsbürger, nur; in der Nivellierung aller Staatsinstilutionen das Heil erblickt, ist ein- [Dieses undemokratische Judentum fortsetzen, heisst nur Ghettokultur. weiter züchten. Das n a t i o n a l e Ju d e n tum a h er . w i r d demo kr a tiscli sein öder es wird nic ht s ei n! Blumenkorso. -Der christlichsoziale Abgeord- . nete V.ikt o r Silb er er,'der Arrangeur de* Blumenkorsos, soll bei einer Komiteesitzung, gesagt haben,: die Konfession der Teilnehmer bei seinen Veranstaltungen sei ihm gleichgültig;; ' allerdings möchte er den j üdir . . sehen Typus gern missen.. Maufcic.e Pin eil von den Dreier-Husaren Besteigt den tulpengeschmückten Wagen, Um zu dem. Blumenkorso zu fahren;; Doch fühlt er sich.äüsserst niedergeschlagen. Ja sonst, da waren sie drei Kameraden Und zwei davon mit adligem Wappen; Beim Korso, in Kottingbrunn, Alag und Baden, Und Morizl durfte immer berappen. ■ Erst heuer sprach Nicki: „Äh, Sache wird kritisch! Mail muss —- äh—Gefühle Silberers'schonen, Das Arrangement ist antisemitisch Und übrigens — „pump’ mir hundert Kronen!“ Maurice Pinell, wie bist du gelämniert! Du fährst nun allein und tief melancholisch, Und unaufhörlich im Hirne, hämmert Die Frage: „Für wemenen bin ich katholisch?“ seitig, ..jsrwerfliqh^a, unsympathisch,: Aber hievon ganz Verschieden ist der Begriff /demokratische Kultur“, die darnach strebt, iner möglich grossen Anzahl von Menschen nicht nur die äusseren Zivilisationsgüter zuzuführen, sondern sie auch mit den Idealen iner höheren Menschheit, mit den innerlich so erwärmenden, wahren Kultur weiten, zu erfüllen. Die Juden, dieses . älteste Volk der modernen Welt, das modernste Volk dc-r antiken'Kultur, die Juden haben diesen Begiiff der demokratischen Kultur förmlich erfunden. Ja, bei keiner Nation zeigen sich schon; im Altertum soviel Ansätze, soviel Entfaltuhgskeime zu einer sozial gerechten Verteilung, nicht nur der.äussern, sondern auch der Innern Glücksgüter. Langsam und allmählich hat das tausendjährige Golus diese Keime vernichtet, diese Entwicklungstendenz zerstört. Die Juden sind unjüdisch und undemokrätisch zugleich geworden. So vvie sie naturgemäss die rein nationale Kultur der andern Völker nur äusserlich .aufnehmen konnten, so auch den demokratischen Gedanken moderner Prägung. Der unjüdische, undemokratische Geist gesellschaftlichen Strebertums ist ein Ghettoprodukt. Dieses Ghettoprodukt muss mit aller Macht bekämpft werden. Wir wollen nicht rem äusserlich moderne Juden und innerlich Ghettojuden sein. Zionismus heisst nicht nur Rückkehr ins uralte Land der Väter, sondern auch Wiedererobern aller nationalen Kulturgüter, denen auch die moderne Entwicklung nichts von der Zauberkraft zu rauben vermochte, Es gibt auch ein seelisches. Palästina, nach welchem wir uns zurücksehnen, die alte echte jüdisch-demokratische Kultur. Aber Kultur und Politik sind nicht zu trennen, siegehören zusammen - wie Form und Inhalt, bedingen sich mit Nutzen gegenseitig. Vermögen wir sie nicht zu verneinen, dann haben wir auch das Hecht auf weitere Existenz verwirkt -Dieser antidemokratische, pseudo-aristokratische Züg im heutigen Judennime muss ausgemerzt werden, denn er ist Beda. Parteinachrichten. Westösterreichischer Parteitag in Brünn. (Sonntag den 28. und Montag den 29. Juni 1908.) ' An die Distrikte: Böhmen, Mähren,. Schlesien und Innerösterreich! - Gemäss des uns durch die Brünner Konferenz vom 10. d. M. erteilten Auftrages berufen wir für Sonntag den 28-. und: Montag den 29. Juni 19ÖS einen; . .Westösterreichischen Parteitag nach Brünn mit folgender Tagesordnung ein: 1. Eröffnung und Bericht des Ausschusses. 2. Organisation. Referenten: Gg. Gustav Finzi und Dr.. Emil Marguiies. 3. Wahlen in das Zentralkomitee. 4. Nationalionds. Referent Gg. Emil Stein. 5. Palästina. Referent Gg. Adolf Böhm. 6. Wirtschaftliche Gegenwartsarbeit. Referent Gg. Reichratsabgeordneter Dozent Dr. Artur Mahler. . 7. Eventuelles. Die Wahlen zum Parteitag erfolgen auf Grund der für die Wahlen für einen österreichischen Ge- Samtparteitag geltenden Normen und werden von den betreffenden D.-K.’s durchgeiührt werden. Lokal und Stunde des Beginnes, sowie die Thesen der Referenten werden rechtzeitig bekanntgegeben werden. Der provisorische Ausschuss für die westösterreichischen Distrikte: . Adolf Böhm, .Obmann. Emil Stein, Schriftführer. Gustav Finzi. Julius Löwy. Dr. Emil Marguiies. .' Dr.; Egon Zweig. * * Oelegiertentag der deutschen Zionisten in Breslau. Bericht des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Die Beschlüsse des 10, Delegiertentages in Hannöver am 4. und 5, Jimi 1906 hatten die Span- »*e*ö*sa«s=sr!