Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 23 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 JÜDISCHE ZEITUNG Seile 3 frühere Politik der unbedingten Unterstützung der Polen im Kampfe wider die Ruthenen letzteren zugefügt hat. Wir haben weiters des Umstandes zu gedenken, dass die Ruthenen die ersteh und einzigen waren, welche sich den Zionisten als treue und opferwillige Bundesgenossen erwiesen haben. All das weist uns zwingend den Weg. Wir folgen nicht durch dick und dünn. Wenn heute die Wortführer der Ruthenen in der Hitze des leidenschaftlichen Kampfes zu Aeusserungen und Kundgebungenhingerissen ^werden, die überschwänglich sind, werde« wir nicht miteinstimmen. Nie und nimmer aber dürfen wir die verfehlte Form als billigen Anlass für die Abkehr von der guten Sache benützen, weil die gute Sache, wie so oft auch diesmal, die unbequeme und beschwerliche ist! Den grossen bürgerlichen und sonstigen Parteien in Oesterreich darf es passen, uns nicht! Wir haben das erlebt, wie sich nach und nach alles von der Seite der Ruthenen fortgestohlen hat, unter scheinheiligem Hinweis auf die .destruktiven“ Tendenzen, innerlich froh, so spottbillig die beschwerliche Rolle des ehrenhaften Politikers loszuwerden und ungeniert bei den regierungsfähigen Polen scharwenzeln zu können. Wahrhafte programmgetreue jüdischnationale Politik gebietet treues Ausharren an der Seite der um ihr Recht kämpfenden Ruthenen, unermüdlichen und tatkräftigen Beistand. Das ist nicht nur die einzig gegerechte, sondern auch die einzig kluge Politik und bewahrt unsere Brüder im Osten vor drohender Gefahr, indem sie langjähriges, verhängnisdrohendes Uebehvollen und Misstrauen aus dem Herzen des ostgalizischen Bauern reisst! Die österreichische Judenheit befindet sich in einer kritischen Situation, ein Abweichen vom rechten Wege kann Verderben bringen. Die Fische von Czernichow haben Ruthenenfleisch gefressen, sie könnten nach Judenblut verlangen! Robert Stricker. Rundschau. Der „gemässigte Israelit“. Den Freunden guten Humors ist bei den vorigjährigen Reichsratswahlen in Qa'Mzien herzlich wenig Neues geboten worden. Dank der Dummheit der Bauern und. politischen Blindheit der Juden haben die Wahlschwindler ihr Gehirn nicht sehr anstre 'gen und neuartige Tricks ersinnen müssen, sondern konnten mit den alten Gaunerstückchen und Spitzbübereien reichliches Auslangen finden. jüdischen Bevölkerung in normaler Werse entwickelt hat. Das Jahr 1906 weist für Südwest- Russland keine grössere Ziffer auf als das Jahr 1S97! In diesem Jahre belief sich die Zahl der Juden z. B. im Gouvernement Wolhynien auf 187.486 Seelen, im Jahre 1903 aus 233.348, 1906 auf 208.421. Wie hat nun diese ungewöhnlich starke Auswanderung — diese ist nämlich die alleinige Ursache des Rückganges der jüdischen Bevölkerung! — auf die ökonomische Lage der zurückgebliebenen Juden gewirkt? Es liegt nahe, anzunehmen, dass dadurch eine Hebung des materiellen Niveaus eingetreten sei. Indessen lässt sich ziifemimässig 'beweisen, dass diese Wirkung ausblieb. Gewiss hat die 'Auswanderung die Konkurrenz verringert und .für manche eine gewisse Erleichterung herbeigeführt. Eine Reihe ökonomischer Ursachen, die in der Eigenartigkeit der Lage der Juden begründet sind, 'Wirken jedodh einer allgemeinen Verbesserung entgegen. Durch die fortwährenden neuen Beschränkungen und, die immer ärgere 'behördliche Willkür werden unzählige Existenzen ruiniert und verschlechtern so die ökonomische Lage der Gesamtheit. Ferner ist es eine bekannte Tatsache, dass gerade die gelernten und lebenskräftigsten Arbeiter auswandern und die Zurückgebliebenen wirtschaftlich oft viel zu schwach sind, um die neue vorerst vorteilhaftere Lage genügend auszunützen. 'Mit Bestimmtheit lässt sich nur sagen, dass die Lebensverhältnisse der Juden völlig unerträglich wären, wenn eben nicht dre Auswanderung in der gekennzeichneten Weise zur Verringerung der Zahl der Juden beitragen würde. > Juden in russischen Kurorten. Während der Duma-Beratungen über das Budget des Gebirgs- Einzig und allein die vom Polenklub arrangierte Kandidatur des derzeitigen Abgeordneten Gail aus Tarnopol bildete a'I-s wirklich origineller Schelmenstreich eine rühmliche Ausnahme. Der Polenkiub fühlte sich der jüdischen Wähler dieses Bezirkes nicht mehr völlig sicher. Sie waren schon vom jüdischinationalen Gedanken ein wenig „angekränkelt“ und . hätten einen auf polnischnationales Programm kandidierenden Bewerber aller Voraussicht abgelehnt. Ein glorioser Einfall half aus dieser Klemme. Man stöberte einen himmelschreiend harmlosen und intellektuell völlig unbemakelten Juden namens Gail auf und stellte ihn den verdutzten Wählern als „ge mässigten Israeliten“ vor. Alle Welt zerbrach sich lachend und vergeblich bei der Enträtselung dieses politischen Vexierbildes den Kopf. Was ist das, ein „gemässigter Israelit“? Man drehte diesen „gemässigten Israeliten“ nach hinten, man stellte ihn auf den Kopf, legte ihn auf Bauch' und Rücken, aber es kam nichts halbwegs vernünftiges und menschliches 'heraus, er blieb „gemässigter Israelit“. Den schüchternen jüdischen Instinkten der Wähler von Tarnopol war aber Genüge getan, ihrem aKzugenügsamen Verstände auch, so fiel die Komödie für die Veranstalter glücklich aus und Gail wurde gewählt. Er verschwand in den Tiefen des Polenklubs und versah in gründlicher Ruhe die ihm zugedachte Aufgabe als „gemässigter Israelit“, einen Platz im Parlament besetzt .zu halten, den ein tüchtiger und bewusster Jude zu Schaden des Pdienklubs, also zu Nutzen des Judentumes, hätte einnetaien können. Von Gail hat niemand seither etwas gehört. Da tauchte vor einigen Tagen sein Name wieder auf. Der Polenkiub hat den „gemässigten Israeliten“ O a 11 auf den Schauplatz dor 1 e tz t e n Ru t h e nennt e t z e 1 e i e n von Czernichow geschickt, um „Erhebun ge n“ zu pflegen u nd! „B e r i c h t e“ zu erstatten! Im tiefernsten Drama erklingen plötzlich die Glöcklein der Narrenpeitsche, watschelt täppisch der Clown einher. Aber lacht nicht! Nie wäre Lachen schlechter angebracht als jetzt! Was im ersten Augenblick wie ein Fastnachtsscherz anmutet, ist in Wirklichkeit, ein h e i,m t ü c k i s c h.-g^em ei n e r Banditen streich, den niedrige Schlachzizenlist gegen das jüdische Volk führt! 'Dieser „Abgesandte“ wird zugunsten der polnischen Machthaber den Sachverhalt nicht prüfen, sondern entstellen müssen; er wird polnische Gutsbesitzer und Beamte als die biedersten aller Biedermaier, die toten Ruthenen aber als Meuterer und blutrünstige Aufwiegler vor aller Welt kompromittieren. Sein Erscheinen auf dem Tatorte wird das rut'henische Volk verletzen, seine Berichte werden es zur Raserei bringen! Heimtückisch hat der Polenklub den Juden zu dieser Rolle Departements wurde in einer der letzten Sitzungen dte-r Duma von dem 'Abgeordneten Rosanow der Antrag eingebracht, es sei allen Bürgern ohne Ausnahme, ohne Rücksicht auf Religion und Nationalität, die Erlaubnis zum Aufenthalt in den Kurorten des -Gebirgsdepartements zu erteilen. Dieser Antrag wurde indessen mit grosser Majorität, zu der auch die Oktobristen gehörten, abgelehnt. — Gleichwohl hat aber "der Statthalter das Kaukasusgebieteis mit minfisterie(ller Genehmigung eine Bekanntmachung erlassen, wonach kranken Juden, die ein ärztliches Attest vorweisen können, der Aufenthalt in den Kurorten d-es Kaukasusgebietes zwei Monate lang gestattet ist. Die Duma hat sich also durch ihren obengenannten Beschluss noch reaktionärer gezeigt, als die Regierung selbst ist. Jüdische Emigration aus Galizien. Ueber die jüdische Emigration aus Galizien und: Bukowina, die meist erheblich untersohätzt wird, unterrichten die folgenden Zahlen. Nach den- Vereinigten Staatenallein kamen aus den östlichen Kronländern Oesterreichs im Jahre 1899 11.071 jüdische Einwanderer „ 1900 16.920 „ ,. 1901 13.006 „ ,. 1902 12.848 „ „ „ 1903 18.759 „ „ „ 1904 ,-:20.211 ,, „ ,;.1905 17.352 „ „ . „ 1906 14.884; „ „ 1907 18.835 : -Fürwahr, ein beredtes Zeugnis für das immer mehr fortschreitende; Elend und die Ratlosigkeit der galizischen, Juden! ausersehen. Dadurch ist in die Sache ein jüdischer Zug gebracht und der grösste Teil des Risikos auf die Juden über wälzt Die Lügen wird der Pole gut'auszunützen verstehen, aber gelogen hat nicht er, sondern der Jude! Der „gemässigte Israelit“ schien den Herren vom Polenklub als der Geeignetste, auf solchen Schwindel hineinzufallen und seine „ungemässigte“ Beschränktheit hat ihre Hoffnung gerechtfertigt. Sonst ist es die Habgier oder Ehrsucht entarteter Stammesgenossen, die dem jüdischen Volke die schwersten Wunden schlägt, in diesem Falle sehen wir die jüdische Dummheit die traurige Arbeit besorgen. R. St. * * * Unsere lieben Freunde, die Deutschen! Der wohledle teutisehe Gemeinder.it der ehrenfesten Stadt Asch hat eine sehr grosse Lieferung an eine ausländische Firma vergeben. Auf einen bezüglichen Protest des Bundes österreichischer Industrieller antworteten die würdigen Gemeindeväter, dass die deutschen inländischen-Firmen der Branche — es handelte sich uni Tonröhren — nicht leistungsfähig seien, d i e Stadt Asch aber nie und n mm er bei tschechischen oder jüdischen F i r men Bestellungen machen könne, sich daher ans Ausland habe wenden müssen! Treuere Stützen des Deutschtums als die jüdischen Industriellen hat es nie gegeben. In den gemischtsprachigen Gegenden Böhmens und Mährens hält einzig und allein das Geld und die Macht jüdischer Fabrikanten die deutsche Vorherrschaft aufrecht. Sie bezahlen die Wahlen, stellen von den Bestechungszigarren bis zu den Vertrauensmännern und Wagenpferden den gesamten Wahlapparat her und — jetzt wird die Treue wahrhaft hündisch — zwingen ihre Angestellten zu Agitatorendiensten und haben nur zu oft ihre slawischen Arbeiter durch Drohungen wirtschaftlicher Natur gezwungen, deutsdh zu wählen! Aber eine wahrhaft deutsche Stadt kann nie und nimmer beim jüdischen Fabrikanten Bestellungen machen! Der Fall hat viel Versöhnendes. Während sonst der kleine jüdische Mann die Zeche für die blödsinnige deutsche Politik jüdischer Kapitalsten zahlen muss, indem der tschechische Konsument an ihm, dem Erreichbaren, durch Boykott und Hetzen Vergeltung übt, zeigt sicli diesmal des Schicksals Laune gerechter und lässt den jüdischen Fabrikanten die eigene Dummheit aus eigener Tasche berappen. Aber es geht nichts über die deutsche Treue und wir, lieber Herr Hofrat Kura n d a und geehrte jüdische Wählerschaft vom Kai, bleiben allemal und unentwegt teutsch bis in die Knochen! Gelt? R. St. * * * Politische Regiekunst. Das politische Leben Oesterreichs ist in letzter Zeit überaus interessant geworden. Es regt sich in allen Ecken und an allen Enden. Zu den vielen alten Parteien gesellen sich neue Gruppen, besonders innerhalb des deutschen Volkes in Oesterreich. Neben Deutschrad-ikäien, deutschen Agrariern, Deutschnationalen aller Art, neben der Deutschen Volkspartei gibt es in letzter Zeit noch eine freiheitliche, soziale Organisation, eine deutschdemokratische Partei usw. Zahlreiche Versammlungen bekunden regstes politisches Leben. Aber seltsam, es sind immer dieselben Herren, die reden, präsidieren und sich als Deutsche der verschiedenen Richtungen fühlen. Und noch seltsamer, sie alle sind Juden oder Judenstämrrtlinge. Der trockene Versammlungsbericht spricht beredt genug: Am 14. April: Versammlung der „Freien Schule“. Redner: Hock, Ofner, Gerzhofer. Am IS. April: Versammlung des „Freiheitlich-sozialen“ Vereines. Redner: Hock, Ofner, Gerzhofer. Am 24. April: Versammlung der „deutschfreiheitlichen“ Studenten. Redner: Hock, Ofner, Gerzhofer. Am 7, Mai: Ausilug des „Deutsch-demokratischen“ Vereines. Redner: Hock, Ofner, Gerzhofer. Am 15. Mai: Protestversammlung der „deutschnational-ireiheitlichen“ Studenten. Redner: Hock, Ofner, Gerzhofer.