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Jüdische Zeitung · 1908-06-04 · 23 (4.6.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
23 (4.6.1908)
Date
1908-06-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 23 unter welcher das jüdische Volk begraben gelegen und es erhob sieb, als letztes der Völker Oesterreichs. Lange und laut mussten wir rufen, um es zu wecken. Und es erwachte und zog in den Kampf. Nach vollzogener Schlacht konnten wir endlich vor die Verleumder unseres Volkes, vor die fremden und die jüdischen, hintreten und ihnen zurufen: Haltet Ihr noch weiter die Lüge aufrecht, dass der Jude nur die Selbstsucht kennt, ihn einzig die Geldgier leitet, sein Stern der Profit sein Traum das Geld, sein letztes Ziel der Gewinn ist? Gibt es solche Juden, dann sind es die Schüler der alten Verleumder und Verführer, die Bastarde des Ghetto. Die wahrhaften Juden sehen wir, treu den Führern, sich und die Ihren der neuen Ueberzeugung opfern, ihre Existenz der Vernichtung preisgeben und ihre Zukunft gefährden, im Dienste einer Idee, deren Inhalt eines Volkes Wiedergeburt, deren Ziel die Grösse Judas ist Sie sind die Kinder des Ghetto. Die Juden, die dumme fanatische Masse von gestern sind heute ein Volk; sie waren gestern ein Phantom und sind heute ein realer Faktor, gestern die gefügigen Werkzeuge der schmutzigen Instinkte entarteter Individuen, heute das herrlichste Instrument in der Hand ihrer Führer. Im Frühling 1907 erwachte unser Volk und wir feiern das Andenken dieser Tage. Wäre es auch, dass damals reale jüdische Interessen vorübergehend gelitten, so hat doch die jüdische Ehre unendlich gewonnen. Wer das nicht gelten lässt, kennt die Ehre nicht Sie überzeugen wollen, ist nutzlose Mühe, sie sind moralische Daltooisten. Das Schild der jüdischen Ehre ist reingewaschen und die Würde des jüdischen Namens zu alter Höbe gewachsen. Im Volke ist die Spreu vom Weizen gesondert die jungen Triebe sind von den zehrenden Schmarotzern befreit, der starke Organismus von den krankhaften Auswüchsen. Beide Elemente haben ihre Repräsentanten und ihre Wortführer. Die einen sind Träger des sich verjüngenden, die anderen des versinkenden Judentums. Die ersten haben ein Recht sich des Frühlings zu freuen und den Jahrestag ihrer Siege mit Begeisterung zu begrüssen. Ein ganzes Jahr standen wir, die vier parlamentarischen Vertreter des sich verjüngenden Judentums im Kampfe. Wir und die Unseren sahen die jüdische Freiheitssonne, die Masse tappte aber noch im Dunkeln. Ihr ungeheures Elend, ihre Verzweiflung und die Grösse ihres Unglückes standen vor unseren Augen. Wir sprachen laut und vernehmlich von der Not des Volkes und forderten Abhilfe. Wir dienten dem Volksinteresse ehrlich und treu, wir scheuten keine Mühe, wo es galt, denjenigen zu helfen, die unsere Unterstützung erbaten. Gegen uns richten bestochene Pamphletisten feiler Blätter ihre Geschosse, die Kahaljuden überschütten uns mit Schmähworten und Wundermänner schleudern ihre Bannflüche gegen uns. Die jüdischen Massen aber verstehen uns und wir fühlen, dass ihr Vertrauen wächst. Daraus leiten wir, die freigewählten Vertreter eines aufstrebenden Volkes, die Berechtigung ab, für dieses Volk zu arbeiten, und dieses Vertrauen gibt uns die Kraft, für unseren Stamm zu wirken. Von hoffnungsvollen Empfindungen beseelt, begrüssen wir den Jahrestag unserer grossen Schlacht und unseres ersten Sieges, den Jahrestag des jüdischen Heroismus, den Jahrestag der Wiedergeburt. Die Fische von Czernichow. An den Ufern des Sereth sitzt ein blonder Ruthenenbub und angelt. Die Fische brauchen keine sonderliche Angst zu haben, das Mordwerkzeug ist ein dünner Stecken, eine zerschlissene Schnur und ein krummer rostiger Nagel baumeln daran. Das müsste noch ein ganz frisch, aus dem Ei gekrochenes, dummes Fischbaby sein, um da hängen zu bleiben. Der Junge ist aber ganz bei der Sache und kommt sich riesig wichtig vor. Tut er doch, wie sonst der Vater, was der Grossvater und Urahn seit Menschengedenken getan, er fischt. Was weiss dieses kleine Gehirn vom neuen Pachtvertrag, der drin im Amtshause liegt, von diesem gesiegelten Papierfetzen, der dem Bauern die Fische nimmt und sie dem reichen Herren schenkt. Der Grossvater und der Vater haben gefischt, so tut er es auch. Und wie er sich plötzlich rauh angefasst fühlt und ein Mann. mit Pickelhaube und Gewehr ihn barsch anfährtund in die Höhe zerrt, weiss er nicht, warum und heult. Die Mutter kommt herbeigelaufen und zetert, die Dorfgenossen sind bald da und schreien wütend mit. Immer wilder wird der Lärm, dann krachen Schüsse und Kind und Mutter und paar andere liegen tot auf dem Sande. Die Fische im Sereth schiessen lustig hin und her, in ihren kaltglotzenden Augen glitzert es jetzt rot und boshaft, sie haben Menschenfleisch gefressen und warmes Menschenblut getrunken. Diese Fische von Czernichow werden im Ruthenenliede ewig leben. Wutbleiche Lippen werden es singen und wieder singen, bis ein Zornesrausch die Herzen erfasst und die Fäuste fliegen, .bis zum Tage der Abrechnung zwischen dem ruthenischen Bauern und dem polnischen Herren. Wenn wir Juden uns nicht hüten, kann dieser Tag einer der blutigsten unserer Geschichte werden. Im Ruthenenlande wohnen viele tausende unserer Brüder, nicht auf Gütern verschanzt, wie der polnische Herr und vom wehrhaften Gesetze jeden Augenblick sorgsam bewacht, sondern zerstreut in armseligen Dörfern und Flecken. Auch nicht von einem Schutzwalle der Liebe umgeben, denn viel Liebe schuldet der Ruthene dem Juden nicht. Die Wahrheit klingt rauh, aber die Zeit ist zu ernst, als dass wir ihr das Ohr verschliessen dürften, weil sie uns Unbehagen schafft. Habgierige und verblendete Juden haben, als Geschäftsträger des polnischen Herrn, dem ruthenischen Bauern oft Leiden zugefügt. Eiu Bauernhirn differenziert nicht allzu fein. Dass es nur ein kleiner Bruchteil der Juden war, dass die meisten dieser wieder nur zu Peinigern wurden, weil sie selbst unfreie Werkzeuge in der Hand Mächtigerer waren, fällt nicht ins Gewicht. Es wäre Wahnsinn vom ungebildeten Leibeigenen Unterscheidungen zu fordern, welche dem zivilisierten Westen nicht geläufig sind, wo ja auch für eines Juden Tat alle Juden einstehen müssen. Und erwägt und wählt des Bauern Hirn nicht, um wieviel weniger seine zorngeballte Faust! Gehts auf den Polen, dann könnte auch des Juden gedacht werden und zuerst gedacht werden, denn seine Schwäche lockt! Wir müssen uns hüten! Es braucht nicht raffinierter Klügelei und diplomatisierender Tüftelei, um in dieser Situation den rechten Weg zu finden. Herz und Verstand weisen uns zu den Ruthenen. Der Schlachziz mag guten Glaubens handeln, recht handelt er nicht. Der ruthenische Bauer hungert, er hat fremde Richter, fremde Behörden, man verweigert ihm Schulen, man verkürzt ihn in seinem politischen Rechte, indem ihm weit weniger parlamentarische Vertreter zuerkannt sind als ihm gebühren.. Lauter Tatsachen, um die es kein Herumdrücken gibt. Wenn er Abhilfe begehrt, ist das Recht auf seiner Seite, und wo das Recht ist, müssen auch wir zu finden sein. Der entrechtete Jude ist der natürliche Bundesgenosse des entrechteten Ruthenen. Zwei Momentespielen noch mit. Wir haben tatsächlich manchen Schaden gutzumachen, den die polnisch-assimilatoriche Judenpolitik, die nationalen Sondergedanken abhold. Er hat unter dem Einflüsse des Protestantismus, der nicht wieder Katholizismus religiöse Ekstase und Fanatismus, sondern konfessionelle Modeheuchelei und traditionelle Verstandesreligion züchtete, sich ein möglichst bequemes, den Umständen angemessenes, d. h. reformiertes Bekenntnis zurecht gelegt, dass. die Entwicklung zu dem heute vollends entnationalisierten Judentypus am meisten begünstigte wenn man von der Orthodoxie auch hier absieht. Er kann, wie dies Oppenheimer neulich etwas ungenau ausdrückte, bestenfalls Kulturjude, niemals Nationaljude sein. (Schluss folgt).'jSf Allerlei. Die Juden in Südwest-Russland. Die Auswanderung aus dem südwestlichen Rayon Russlands ist in fortwährender Zunahme begriifen. Dies ist am klarsten aus dem ungewöhnlichen Rückgang der jüdischen Bevölkerungszahl zu ersehen. Auf Grund dar Matritoelbücher beträgt der Bevölkerungszuwachs z. B. in Uman für das Jahr 1903 941, 1904 878, 1905 735, 1906 725 Seelen; in Rowno 1903 699, 1904. 660, 1905 588, 1906 586.. Seelen. Achill ich verhält es sich in den anderen Provinzen Südwest-Russlands. Nach den Feststellungen des Statistischen Komitees für Wolhynien' ist vom Jahre 1903 bis 1906 die Z'tiier der Jüdischen 'Bevölkerung nicht nur relativ, sondern auch absolut beträchtlich zurückgegangen. Diese anormale Erscheinung datiert seit dem Jahre 1903, während bis dahin sich die Vermehrung auch der- Wie hat sich das Judentum zu diesen Tatsachen in Deutschland verhalten? Welches ist das Resultat dieser Ereignisse für die Juden gewesen? Welche Konsequenzen ergaben sich daraus für die seelische Disposition der deutschen Juden? Die gänzlich harmlosen Versuche, durch Eingaben an die Behörden dem Aufkommen des Antisemitismus Einhalt zu tun, können hier übergangen werden. Sie sind umso bedeutungsloser, als die Regierung mit vollem formalen Rechte Angriffe auf das .Judentum“ nicht als eine Verletzung der verfassungsmässig garantierten Gleichstellung der Religionsgesellschaflen bezeichnen durfte, da das Judentum nach Ansicht der Refferung nur eine soziale Gemeinschaft wie Liberalismus, Sozialismus, Manchestertum etc. bildet und keineswegs Rechtspersönlichkeit besitzt. Ja Fürst Bismarck verstand es vortrefflich, den deutschen Juden die Ueberzeugung von seinen liberalen Neigungen dadurch beizubringen, dass er auf dem Berliner Kongresse gelegentlich der verklausulierten Gleichstellung der religiösen Bekenntnisse in den vier Staaten Rumänien, Serbien, Bulgarien und Montenegro erklärte: .Der Beifall von Deutschland ist jedem Antrag gesichert, welcher der religiösen Freiheit förderlich ist.“ So beschränkten sich denn die deutschen Juden auf eine .Kritik“ all der gegen sie aus religiösen Gründen erhobenen Vorwürfe in Halbwissenschaftlicher oder publizistischer Form. Sämtliche dieser zu einer nicht unbeträchtlichen Literatur angewachsenen Verleidigungschriften gipfeln in der Versicherung, dass die deutschen Juden vor allem Deutsche wären, und nur die Existenz neben dem Ghristentume beanspruchten. Kurz, die alte Fabel, dass Judentum nur religiöse Gemeinschaft bedeute, deren Sonderbestrebungen sich in der Betätigung der Mildtätigkeit gegenüber Glaubensgenossen konzentrierte. An dieser Auffassung des Judentums als unreligiösen Bundes hat sich bis zum heutigen Tage kein Jota geändert. Im Gegensätze zu vielen Ländern Westeuropas besitzt die Uebung religiöser Gebräuche für die deutschen Juden noch immer eine hohe Bedeutung. Abgesehen von der Orthodoxie, deren Bekennern man hier mehr denn anderswo tiefe überzeugungstreue Religiosität zusprechen muss, ist der Glaube wohl meistens zum schemenhaften Kult erstarrt, dessen bizarrste Form die sogenannten Reformgemeinden repräsentieren. Aber gerade dieses Festhalten an Aeusserlicbkeiten, die für den Einzelnen wenig bedeuten, ist für die meisten deutschen Juden das letzte Restchen, das sie ihrem Stamme erhält. Wie weit man diesen öden Formalismus auf die Spitze zu treiben gewillt ist, erhellt z. B. aus einer Aeusserung eines hervorragenden deutschen Rabbiners, der jüngst erklärte, die deutschen Juden benötigten die Erlernung der hebräischen Sprache nicht, da sie ihre schöne Muttersprache besitzen. Unter solchen Umständen musste die Verständnislosigkeit gegenüber jüdischen Fragen die natürliche Folge sein. Der deutsche Jude ist jedem

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