Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 23 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wochenschrift. % \ Erscheint jeden! Freitag, Verkaufstellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau ßoldschmiedt, I.,WollzeileNr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Vertretungen in der Provinz ln Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitung s.versc-hleiss W I c z e k, Graben 33. — In Lemberg: Karl -Buchstab. . Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Redaktion, Administration und Inseratenäufnahme: IX., ÜF^eDsfrasse 9 Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. Aiunnemflntspreise: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Hk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15.—. □- - - .. —□ Nr. 23. Wien, Donnerstag» den 4. Juni 1908. II. Jahrgang. ftus den) Jobalie: Frühling 1907. Vom Reichsratsabgeordneten Adolf Stand. Die Fische vom. Czemichow. Von Robert S'.t ricker. Der gemässigte Israelit. Unsere lieben Freunde, die Deutschen. Politische Begiekunst. Die Demokratisierung des Judentums. Von Dr. Paul Weiseugrün. Blumenkorso. Von Beda.; Hilfsverein und Allianz. Die Haltung der „Chowewe Zion“. Die Judenfrage in der Duma. Zur Interpellation des Abg. Dr. Gabel. Feuilleton: Der deutsche Jude. Von Dr. J. . ,Mei.sl-'(Berlin), , Korrespondenzen. Farteinaobrichten.-rVe?- einsnachrichten. Zionisten! Es ist unbedingte Pflicht jedes Gesinnungsgenossen, die »Jüdische Zeitung« zu abonnieren und für sie unablässig Werbearbeit zu leisten! Frühling 1907. Vom Reichsratsabgeordneten Adolf Stand. Wem könnte je die Erinnerung an diese Tage der heissesten Kämpfe und des erbittertsten Ringens schwinden, an diese Stunden der keimenden Hoffnung, an diese herrliche Zeit des Erwachens der Völker aus dumpfem Schlafe? Das neu,e Gesetz sandte einen neuen Geist über sie. Er hat alle wachgerüttelt und auch des jüdische Volk. Dass dies geschehen konnte, grenzt ans Wunderbare! Die jüdische^.Massen! Einen Haufen physischer Krüppel, se'elisch gebrochener Individuen mit: siecher Moral stellten sie dar. Sie lebten in einem dumpfen Kerker und den Schlüssel hüteten der Zaddik und die Kahalgewaltigen. Sie allein durften diese Massen lenken. Statt jedoch das Volk aus der Finsternis zu befreien, ihm Bildungs- "mogUclikeiten susöhsffen iThu äeine-übergrosse Not zu lindern, stiessen sie es immer tiefer und tiefer in den Abgrund des Vorurteils! Ist doch ein dummes, ein unfreies Volk leichter für selbstsüchtige Zwecke zu missbrauchen! Und wenn sich einem solchen Volke die Gelegenheit bot, seinen Willen kund zu tun, seine Macht zu betätigen und seine Wortführer zu wählen, folgte es keiner grossen Idee, sondern Furcht und Aberglaube trieben es zur Urne. Statt selbstloser Männer gingen Auswürflinge der Gesellschaft, statt der besten die schändlichsten aus der Wahl hervor. Den andern Völkern war das Erwachen früher gegönnt. Lachend blickte der schlaue, durchtriebene galizische Jude auf den polnischen Arbeiter und ruthenischen Bauern herab und nannte sie unintelligent. Der Lauf der Ereignisse aber bewies, dass der galizische Jude, trotz ailer Schlauheit und Verschlagenheit, an Urteilskraft und politischer Vernunft weit hinter Arbeitern und Bauern zurückstand. Denn diese unintelligenten Arbeiter hüteten sich vor Verrätern und wählten Männer, die ein ganzes Leben lang an der Hebung ihrer Klasse gearbeitet hatten. Diese dummen Bauern machten nicht den Feudalherrn, sondern den Stammesgenossen, der das Bauernelend am eigenen Leibe verspürt hatte zum Führer. Das Jahr 1907 bedeutete eine Wende. Als wir uns in seinen Märztagen zum Volke begaben, quälten ans die Fragen: Ist es überhaupt möglich diese seit Jahrhunderten : hindämmernde Masse in Bewegung zu setzend Wird es je gelingen, diesen schweren Panzer des Aberglaubens und der Stampfbeit za durchbrechen und zum Herzen des Volkes zu gelangen? Wir arbeiteten mit dem Aufgebot all unserer Kräfte, fieberhaft und begeistert, zwei lange Monate. Tagsüber reisten wir, am Abende, sprachen wir zum Volke, in der Nacht hielten wir Rat. Körperliche Bedürfnisse existierten für uns nicht. Das Echo der Versammlungen und die Nachrichten vom Wahlschauplatze unterbrachen beständig den kurzen Schlaf. Endlich barst unter den Strahlen der jüdischen Freiheitssonne die dicke Eisschichte, FEUILLETON. Der deutsche Jude. Von Dr. Josef Meisl (Berlin). Seit der Mitte der Siebzigerjahre hat die änti-' semitische Bewegung auch in Deutschland tiefe Wurzeln gefasst. Der billige Traum, judenfeindlichen Kotwürfen glücklich entgangen zu sein, der das deutsche Judentum nach der Emanzipation beherrschte, war verflogen. Den unmittelbaren Anlass zu dem Anschwellen des Antisemitismus bildete der sogenannte Gründungsschwindel, die vielen unglücklichen Unternehmungen des Grosskapitals, das zum grössten Teile im Besitze von Juden war und der folgende Krach. Damals versuchte der Abgeordnete Lasker durch ziemlich energische Reden gegen die Spekulationswut eine Ehrenrettung seiner Glaubensgenossen, die jedoch vollends missglückte, indem sie der ultramontanen Presse nur willkommene Gelegenheit zu Hetzartikeld gegen die Juden bot. Der Hofprediger Stöcker, der mit ausserordentlicher Geschicklichkeit die Rolle des Arbeiterführers zu spielen verstand, brachte bald eine ansehnliche Partei zusammen, die den rüdesten Antisemitismus auf ihre Fahne schrieb. Zunächst wendete sich die neue Partei, die sich später „Antisemiten-Liga“ nannte, gegen die „Ueberhebung“ der jüdischen Rasse, organisierte aber bald gegen die „fremdnationalen“ Elemente einen regelrechten Rassekrieg. Diese Bewegung erhielt durch die Publikationen des Privatdozenten Eugen Dühring eine förmliche wissenschaftliche Grundlage und verbreitete sich nicht nur in die Massen, sondern okkupierte auch die Schule. Treitschke, Hartmann und Henne Am-Rbyn taten das übrige, um den Antisemitismus in den Kreisen der Intelligenz populär zu machen. Die Judenverfolgungen in Russland, die Ritualmordbeschuldigungen in Preussen (Skurzer Mord) und anderen Ländern (Prveso Tisza Eslar und Ritter) begünstigten das Wachstum der Stöckerschen Partei. Die Regierung verhielt sich sehr vorsichtig, indem Fürst- Bi sm ar ck stets nur verklausulierte Antworten gab, förderte aber das Treiben der Antisemiten durch nachhaltige Betonung des christlichen Charakters des preussischen Staates. Seit jener Zeit hat der Antisemitismus als Partei seine politische Bedeutung stark eingebüsst Soweit noch Anhänger der Stöckerschen .Richtung existieren, tritt bei ihnen die Hervorhebung gewisser Postulate, wie Ausweisung der nicht naturalisierten Juden, Verbot der Judeneinwanderung vom Osten, Einschränkung der Juden in der Zulassung zu Staatsstelleu etc. in den Vordergrund.- Im wesentlichen ist das aber nur ein Programm, das gegenüber anderen politischen Interessen verschwindet. Was aber mehr als alle theoretischen Erörterungen bedeutet, was den unleugbaren Erfolg des Antisemitismus in Deutschland ausmacht, das ist die völlige Durchseuchung des Volkes mit antisemitischem Geiste. Wenn man auch den Ruf „Jud“ nicht gerade bis über die Reichsgrenze vernimmt, so ist die hierzulande herrschende Nuance des Antisemitismus doch weit gefährlicher, weit demütigender und verletzender als die in Oesterreich vorherrschende, die den Juden als das Grundübel der Gesellschaftsordnung mit Pathos und urwüchsiger Lümmelhaftigkeit verschreit. Zur Erklärung dieser Tatsache ist es notwendig, einige Bemerkungen über das preussische Wesen zu machen. Die ganze Geschichte des Preussentums ist eine Geschichte von Sklaven, die sich demütig der Knute beugten, den Massengeist in unvergleichlichem Masse zu züchten verstanden, jedweder individuellen Betätigung den Respekt versagten und mit einem bewundernswerten Bienenfleisse um die Hebung ihrer materiellen Kultur besorgt waren. Bei einem so gearteten Menschenschläge mussten die Reaktionsgebärden dem fremden, d. h. jüdischen Elemente gegenüber viel schroffer und rücksichtsloser ausfallen, als dies in dem weit behaglicher und weniger provokatorisch gestimmten Oesterreich der Fall war. Man kann aus diesen Tatsachen nur den Schluss ziehen, wie wenig mit der von einem Teile so eifrig getriebenen psychologischen und sozialen Assimilation in einem sozial vorgeschrittenen Volke getan ist, wenn dieses durch die erwähnten Eingliederungsversuche zu umso schrofferer Ablehnung sich veranlasst sieht.