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Jüdische Zeitung · 1908-05-29 · 22 (29.5.1908) · p. Seite 8

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
22 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Oie Bezirkskommissionen gegen den Kultusvorstand. Eines der interessantesten Kapitel in dem famosen Statut der Wiener Kultusgemeäiide ist jenes über die Zusammensetzung dex Bezirkskomnrissionen. Diese werden nach freiem Ermessen des Kultusvorstandes aus 240 Vertrauensmännern gebildet, von denen 120 von den Kultuswählern gewählt (hiervon 36 von der Gruppe der Höherbesteuerten) und 120 vom Kultusvorstand ernannt werden (hiervon zumindest 36 von der Gruppe der Höherbesteuerten). Scheidet ein Vertrauensmann, mag er nun gewählter oder ernannter sein, während seiner Funktionsperiode aus, so ein e n n t der Kultusvorstand an dessen St eile, einen anderen Vertrauensmann. , .i Durch diese Bestimmungen glaubten die Herren Verfasser des Statuts .jde^i. Ka'hai in den Bezirkskommissiouen eine, verlässliche Garde bereitgestellt zu haben, da ja die vom Vorstand eriiannten und ihm so verpflichteten Vertrauensmänner, vereint mit den vom Grossgrundbesitze gewählten, auf jeden Fall die Majorität bilden. Doch das WEikürreghnent in der Seitenstettengasse und insbesondere die brüske Weige- | jung, welcher jeder Ruf nach einer 'Modernisierung des Statutes dort begegnete, hat das wahre Wunder gewirkt, dass inmitten dieser treuen Garde eine einhellige Rebellion gegen den hohen Kultusvorstand zum Ausbruch gekommen ist. Anders lässt sich der Schritt, welchen jüngst die Obmänner sämtlicher 10 Bezirkskommissionen auf Grund einhellig gefasster Beschlüsse dieser Kommissionen unternommen haben, nicht werten. Die Obmänner haben nämlich an den Kultusvorstand eine Eingabe gerichtet, in welcher sie die unverzügliche Aenderung des Kultusstatutes nach vorläufig zwei Richtungen mit Nachdruck fordern, und zwar: „1. Die Vermehrung der Vorstandsmandate aus der sogenannten allgemeinen Kurie von 24 auf 33; 2. die bezirksweise Wahl aus der allgemeinen Kurie mit Aufteilung ihrer 33 Mandate an die Bezirksgruppen .nach . Massgabe des Mittels ans Wählerzahl und Steuerleistung. Die kommenden Kultuswahlen müssen schon auf Grund dieses geänderten Statutes vorgenommeii werden.“ Den Kennern des zionistischen Gemeindeprogrammes wird es nicht entgangen sein, dass diesem die Forderung nach der bezirksweisen Wahl entnommen ist. Wenn anderseits unsere programmatische Forderung nach Einführung des allgemeinen und gleichen Kultuswahlrechtes von den Bezirkskommissionen nicht aufgegnffen wuinde, sondern vielmehr die zwölf Mandate des Grossgrundbesitzes noch respektiert wenden, so ist doch in dem Verlangen nach einer Vermehrung der Mandate gerade aus der allgemeinen Kurie der unserem Programm kongeniale demokratische zug offenbar. Wie wir schon anlässlich des jüngst stattgebabten österreichischen Judentages mit Genugtuung festzustellen Gelegenheit hatten, brechen sich unsere Forderungen auf allen Gebieen jüdischen Lebens unaufhaltsam Bahn. Vielleicht soll die Bescheidenheit ln den Ansprüchen der Bezirkskommissionen nur eine kluge Politik sein, um vorläufig das Emdrangen oppostionefllerr Elemente aus den Bezirken zu ermöglichen, welohe dann erst der tyrannischen Geldherrschaft hi unserer Kultusstube den Garaus machen sollen. Da aber die Herren vom Kahal gerieben genug sind, um diesen Werdegang selbst vorauszusehen, steht nicht zu erwarten, dass den Forderungen der Bezirkskommissionen vom Kultusvorstand entsprochen wird. Nur im ehrlichen Wahlkampfe wird das jüdische Volk die von Dünkel, Trotz und selbstsüchtigem Ehrgeiz verteidigten Bastionen in dar Seätenstettengasse für sich erobern. Dr. Egon Zweig. Vereins- und Versammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Wien. (Verein „Poale Zion*.) Samstag, den 30. d. M., um 8 Uhr abends, findet im Cafö Stefanie ein Vortrag des Genossen Kaplan-Kaplanßky über die: .Stellungnahme der Wiener Organisation zu den vom IV. Parteitag zu fassenden Beschlüssen“ statt Wien. (Der 1. Wiener jüdische Turnverein) bat m.t einem Kostenaufwande von ca. K 5000 im Hause IX., Liechtensteinstrasse 20 neue Turnlokalitäten adaptieren lasser, die in jeder Beziehung geeigneter sind als das bisherige Lokal. Die feierliche E> Öffnung der Halle findet am Samstag, den 30. Mai, abends, statt. Gleichzeitig beginnt wieder der regelmässige Turnbetrieb und zwar: für Herren: Montag und Donnerstag .7,8—9 Uhr abends, für Damen: Mittwoch und Samstag 7—7,9 Uhr abends. Anmeldungen am Turnplätze. Gegen die Wifikürherrschaft in der Kultusgemeinde. Wien. Das Memorandum, welches seinerzeit von den Vertretern vieler jüdischer Vereine und zahlreichen Privatpersonen in der bekannten Angelegenheit des Brigittenauer Wobltäligkeitsvereines „Schomiei dadatU“ an den Vorstand der israelitischen KnLusgemeihde in Wien überreicht wurde, ist nur zum Teile erledigt' rückgelangt, ln dem an Herrn Dr. Josef Z i p s e r; gerichteten Bescheide vom 2. April 1908 erklärt der Kultnsvorstand, dem Ansuchen-auf Aufhebung des Betverbotes im Vereine „Schomrei hadath“ keine Folge geben zu können, äussert sich aber in keiner Weise über den zweiten Teil des Begehrens im Memorandum, welcher dahin giog, es möge der Vorstand die §§ 79 und 80 des Kultnsstatutes, laut welcher dem Kultusvorstande angeblich das Recht zosteht. selbst solchen Minjanim, denen dis Bewilligen zum Beten erteüt wurde, diese nach eigenem Ermessen zu entziehen, im Interesse der Rechtssicherheit'dieser Minjanim abändern. ' Am 21. Mai fand nun eine neuerliche Konferenz, die von zahlreichen Vereinen beschickt wnrde, statt, in welcher Herr Dr. Josef Z i p s e r über den Bescheid des Kultusvörstandes und über den nicht erledigten Teil des Memorandums ausführlich referierte, ln der sich an das Befehlt ankhüp.fenden Diskussion kam ein bis jetzt unberücksichtigter, doch sehr empfindlicher üebelsfand zur Sprache. Der Kultusvorstand subventioniert bekanntlich viele Privatbethäuser und geht hierbei' nach vollständig freiem Ermessen, also willkürlich vor. Während manche dieser Betbäuser eine ausgiebige Subvention erhallen, werden d n anderen lächerlich gelinge Beträge verliehen D:eses .freie Ermessen“ stützt der Koltusvorstend auf § 82 des Kultusstatutes. Dieser § 82 steht aber in» bellen Widerspruche ii.it dem Kultusgeselze vom 21. März 1890 insbesondere aber mit der Vorschrift des § 25 Abs. 3 desselben, nach welcher die Statuten einer Kultusgemeinde genaue Bestimmungen darüber erhallen müssen, unter welchen Voraussetzungen, in welchen Fällen, and nach welchem Ausmass Subventionen an Piivatbethäuser gewährt werden. Es liegt daher nicht im Ermessen des Kultusvörstandes, Subventionen in beliebiger Höhe zu gewähren, sondern es muss hierbei nach einem bestimmten Schlüssel vorgegangen werden. Durch Einhaltung dieser gesetzlichen Bestimmungen wurde die Unabhängigkeit der Vereine und Betbäuser vollständig gewahrt worden nnd der Kultnsvo siand könnte bei Gewährung der Subventionen nicht mehr die bill ge Rolle des grossmütigen Geschenkgebeis spielen. Um nun das Kultnsstatut .mit dem Gesetze in Uebereinstimmung zu bringen und die besprochenen Mängel zu beseitigen, wurde ein dreigliedriges Komitee bestehend aus den Herren Dr. Zipser, Dr. Bybaczewski und Wolf Pappenheim (.ewälilt, die sowohl beim Kultusvorstande als auch hei der Behörde wegen Aenderung der Bestimmungen der Statuten, iusoferne dieselben mit dem Gesetze nicht im Einklänge stehen, einzuschreiten und einer einzuberofenden Konferenz hierüber zu . berichten haben. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass sich dieser Aktion selbst solche Vereine angeschlossen haben, welche, mit der Kultusgemeinde auf gutem Fusse stehen, jedoch in Anbetracht des ungesetzlichen und ungerechten Vorganges bei der Verteilung von Subventionen sich mit den anderen Vereinen solidarisch erklärt haben. Wien. (Jüdischer Nationalverein) Samstag, « den 25. d. M. fand in der Brigittenau eine Versammlung des jüdischen Nationalvereines statt, in welcher Gg. Dr. Emil Krasny über die Ziele und daB Wesen der jüdiscnnationalen Politik sprach und auf die Notwendigkeit eines engen Zusammenschlusses aller Juden auf national-jüdischem Programm fainwies. Ausser dem Referenten sprachen noch die Herren Dr. Grün, Nebenzahl und Dr. Kadi sch. Nach Schluss der Versammlung traten viele Teilnehmer dem Nationalvereine bei .a Wien. (Der „Erste österr. Rechtsschutz-Verein für Hausierer“ in Wien), ersucht alle jene ungarischen Hausierer . ohne . Unterschied der Konfession' und des-’ Geschlechtes, - welche mehr als zehn Jahre in Oesterreich ansässig sind und gemäss dem ungarischen Heimatsueeetze ihre Zugehörigkeit bereits verloren haben, diesem Vereine behufs Feststellung ihrer Zugehörigkeit ihre genaue Adressen zukommen zu lassen. Diese Zuschriften sind, bis längstens 1 Juni l.J. an den Sekretär dieses Vereines, Herrn S. A. Freund, Wien, II., Taborstrassj»-66 zu richten^ welcher umgehend und unentgeltlich einen „Fragebogen“ einsenden wird. Trembowla. (Verein „Zion Dr. Herzl“) hat den Reichsratsabgeordneten Herrn Dr. Artur Mahler zum Ehrenmitglieds ernannt. Berlin. Ans dem Deutschen Bureau der Alliance Israelitä Universelle erhalten wir folgende Mitteilung: Die AllianceIsraelite Uoiverseile hat. für die Feuerbeschädigten in Kutais eine UeterStützung von 1000 Francs bewilligt und dem Israelitischen Asyl tür arme und obdachlose Kinder der Stadt Odessa eine Zuwendung von 5000 Francs gemacht. . Usoie-Biskupie. Das jüdische Kasino veranstaltete am 19. d. M. einen zahlreich besuchten Abend im Lokale des Vereines. Nach der Begrüssung des Vereinspräsidenten ertönte unter Violinbegleitung das von dem Vereinschore gesungene Hatikwablied. Darauf ergriff Herr Czaczkes aus Buczacz das Wort, der auf Veranlassung des Tarnopoler D. K. gekommen war. Für seinen .glänzenden Vortrag in jüdischer Sprache über „Die Mission des Judentums“, fand er allgemeine Anerkennung. Herr Czaczk es zeichnete sich aber auch als Balladendichter aus. Es wurde nämlich vom Herrn Samuel Morgenstern, Mitglied der jüdischen Lesehalle in Mielnica, die stark vertreten war, eine vom, Herrn Czaczkes verfasste Ballade unter Beifall vorgetragen. Hierauf sprach Jurist Herr Hersch Bergmann, der in deutscher Sprache die Idee des Zionismus entwikkelte. Reicher Beifall lohnte seine Ausführungen. Nach ihm sprach unter dem Beifalle der Anwesenden Fräulein Biermann aus Kolodröbka in hebräischer Sprache. Sie trat mit Wäime für die Pflege der hebräischen Sprache ein. Zum Schlüsse sprach noch Gg. Herr Sigmund Geller und einPoalezionist Herr Wern bt. Die PauBen wurden sehr interessant durch den Gesang nationaler Lieder ausgefüllt. Die Versammlung nahm' einen: über alle Erwartungen würdigen Verlauf. Die meisten der Anwesenden fanden eich sodann in einem öffentlichen Lokale zu einem Kommers zusammen,, wo auf die Redner Toaste ausgesprochen wurden. Aufruf | Der humanitäre Verein zur Unterstützungjüdischer Kurbedürftiger in Wien hat es sich zur Aufgabe gestellt, der Not und dem Elend, welche unter den jüdischen Glaubensgenossen herrscht, dadurch Abhilfe zu schaffen, dass er den Aermsten der Armen, den mittellosen Kranken das Aufsuchen eines Kurortes ermöglicht. Trotz des erst zweijährigen-Bestandes ist es dem Vereine gelungen, aus seinen bescheidenen Mitteln 35 Kranken den Aufenthalt in Karlsbad und 2 Armen die Kur in Gleibenberg zu ermöglichen. Ueberdies wurden während des zweijährigen Bestandes an Unterstützungen für solche Personen, welche laut ärztlchen Attestes zur Erlangung ihrer Gesundheit eines Aufenthaltes in einem Kurorte dringend benötigten, insgesamt K 2575 ausbezahlt. Durch die Tätigkeit des Vereines wurde eine grosse Anzahl von Existenzen gerettet und vielen Familien den Ernährer erhalten. Bei den beschränkten Mitteln des Vereines müssen jedoch alljährlich Hunderte von Gesuchen solcher Personen, welche einer Unterstützung würdig wären, abgewiesen werden. Die Vereinsleitung hat nun in ihrer Sitzung vom 2. April 1908 beschlossen, aus Anlass des 60jährigen Regierungsjubiläums Seiner kaiserlichen und königlichen apostolischen Majestät des Kaisers Franz Josef I., eine Stiftung zum Zwecke der Errichtung einer Kuranstalt in Bad Hall ins Leben zu rufen. Zu diesem Zwecke hat der Verein aus seinen aus K 4000 bestehenden Reservefond einen Betrag von K 2000 festgelegt. Dieses Kapital soll durch freiwillige Spenden auf eine entsprechende Höhe gebracht

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