Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-05-29 · 22 (29.5.1908) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
22 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438188--0564-2440088
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr; 22 JÜDISCHE . ZEITUNG Seite 7 Korrespondenzen. Ein Birnb'aumabend. Wien, den 25. Juni. (Orig.-Korr.).' Samstag abends den 23. 'd. fand zu Ehren des aus Amerika zurüdcgekdhrten Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher) ein Begrüssungsäbend statt, welcher vom Verein „Jüdische Kultur“ veranstaltet wurde. Der Obmann des Vereines Herr Abraham Singer eröffnet« den, Abend in jüdischer Sprache und begrüsste Dr. Birnbaum aufs 'herzlichste. Nach einer 'musikalischen Produktion der Geschwister Fischer ergriff, lebhaft akklamiert, Dr. B i r nb a u m das Wort, um seine Reiseeindrücke zu schildern. ■ In grossen Zügen beschrieb er zuerst den allgemeinen Charakter Amerikas, das er in Wildwest, Wildsüd und Wildost einteilte. Der Wildwest zeichnet sich durch eine ursprüngliche, der Wildsüd durch eine überlebte und der Wildost durch eine moderne Wildheit aus. Die Amerikaner opfern die alte englische Kultur dem Newyorkisimus, indem sie die Begriffe Patriotismus und Nationalismus vertauschen. Was man dort nationale. Kultur nennt, sind die Wolkenkratzer, die aus dem trostlosen Steinmeer Newyorks emporragen, der geschäftliche Betrug, die zahlreichen Bankerotte, die furchtbare Reklame und das entsetzlichste politische Strebertum. Eine amerikanische Nationalität gibt es nur im Wildwesten. Washington macht den Eindruck einer europäischen Stadt, weil dort die Repräsentanz •dies Staates und der fremden Mächte ihren Sitz hat und , das Emigraticnselement fehlt. Boston ist das Kulturzentrum und liefert Gelehrte und Künstler ' für ganz Amerika. Newyork ist ein Hexenkessel, eine Hölle, in der sich eine beständige Auflösung der Nationalitäten vollzieht. Newyork sollte die Hölieninschrift Dantes: „Lasciate ogni speranza“ tragen. In die Newyorker Hölle sind die Juden 'hineingeraten und befinden sich dort förmlich am Rande des Abgrundes, vor der Auflösung..Freilich gibt es auch, dort Stätten der- Pflege jüdischen Volkstumes, Redaktionen grosser Tageszeitungen, Theater und Konzerthallen. Doch wirkt dler zur ‘Schau getragene politische Radikalismus unerträglich. Der Zustand ist immerhin besser, als es die wüste Umgebung erwarten Hesse. Dem Judentum - erwächst aber in den jüdischen Boys und Girls (Knaben und Mädchen) eine ungeheure Gefahr, denn die Jugend geht vollständig in den amerikanischen Verhältnissen .auf und verliert jedweden Zusammenhang mit dem Volke. Schon der Anblick der wildglänzenden Augen dieser kleinen „Ungeheuer“ ruft Entsetzen hervor. Aus den sanften Augen, der galizischjüdisdhen K'nder spricht eine viertausendjährige Kultur, aus den Augen der jüdischen „Boys and Girls" nichts als Wildheit. Um die Gefahr der vollständigen Assimilation der Jugend abzuwenden, gibt es nur ein Mittel: die Nationalisierung der .,„public schools“. Ein zweites Mittel wäre die Regelung der Emigration, damit sie sich gruppenweise vollziehe. Es wäre viel besser; «dass die ■emigrierenden Juden nach dem Wildwest zögen, als nach dem Wildost, wo sie reine business- Amerikaner werden. Eines ist gewiss: von den amerikanischen. Juden können die europäischen nichts erwarten. Die europäischen Juden sollten darum, bestrebt sein, eine gesunde.nationale Politik zu treiben, damit sie imstande sind, ein nationales Kulturzeintrum für die amerikanische Jndenheit zu werden. Reicher Beifall belohnte die zweistündigen Ausführungen des Redners. Nach einigen von Herrn - Kantor Grob, trefflioh vorgetragenen Liedern farfd der »Begrüssungsäbend, dessen Verlauf sehn würdig war, sein Ende. * ' * * Die Haltung der Jüdischnationalen in der Wahrmund-Affäre. Wien. Freitag den 22. ds. fand eine von sozialistischen' .Studenten in der Wahrmund-Affäre etabemfene Versammlung statt. Es sprachen Vertreter aller Nationalitäten, die sich einmütig «dem Proteste gegen die klerikalen Angriffe auf die Freiheit der Universität anschlossen. Von den anwesenden sozialdemokratischen Abgeordneten sprachen P e rne rs t orf e r und Dr. Karl Ren- ’ ri e r, welcher in seiner Rede darauf hinwies, d a s s einzig und a 11 ein. die jüdisch en Studenten an den verschiedenen politischen, humanitären und wissenschaftlichen Bestrebungen Anteil nehmen. Er müsse dies ab objektiver Nichtjude eingestehen und seinem Bedauern über den Indifferentismus der arischen Studentenschaft in allen modernen Fragen Ausdruck geben. Im Namen der zionistischen Studenten gab das Mitgllied des Vollzugsausschusses der jüdischnationalen Studentenschaft med. Theodor K o h n folgende beifällig aufgenommene Erklärung ab: „Die jüdäschnationate Studentenschaft erklärt, dass sie sidfo aus prinzipiellen Gründen in innere Angelegenheiten der Konfessionen nicht einmengt, es daher ablehnt, aut den Fall Wahrmund einzugehen, insoweit es sich um den Streit über kirchliche Dogmen handelt. Die jüdischnationalen Studenten waren und sind aber stets bereit,' für die Freiheit und den Fortschritt einzutretem, was sie durch ihr Vorgehen auch in jüngster Zeit unzweideutig dokumentiert haben. Sie fügen sich jedoch hierbei nicht einseitigen Diktaten, sondern wahren sich hier, wie überall, das Recht'ihrer eigenen Meinung. Es muss hier bei dieser Gelegenheit konstatiert werden, dass ausser den Jüdischnationalen niemand Protest erhoben hat, als die akademische Freiheit vom Senate der Prager Universität und den Studenten verhetzt wurde, die einem akademischen Lehrer, dem Abg. Dr. Mahl e r, ausschliesslich wegen seines politischen jüdischnationalen Bekenntnisses die Lehrtätigkeit unmöglich machten. Es muss ferner iestgestellt werden, dass ausser den jüdischnationaien Studenten keine Studentengruppe in Wien gegen die kulturfeindliche Resolution Sch m i d Worte einer energischen Abwehr gefunden hat. In diesen Fällen waren die 'jüdischnationaien Studenten allein und fanden bei den anderen freiheitlichen Studenten keine Unterstützung. ... Unbekümmgi-t, beschämenden Tatsachen protestieren die jüdischnationalen Studenten ihrem angestammten freiheitlichen Gefühle folgend, mit den freiheitlichen Studenten der anderen Nationen gegen die in letzter Zeit erfolgten Angriffe auf dfe Freiheit der Wissenschaft und' die Freiheit der Hochschulen und sind fest entschlossen, für diese höchsten Kulturgüter mit all ihren Kräften einzutreten.“ * * * Versammlung des Kultuswählervereines Ottakring. Wien. Die Statistik der seitens der Herren Wiener Kultusvorstände wohhvdHend erteilten und nicht eingehaltenen Versprechungen erscheint um einen Fall bereichert. Montag den 25. d. M. veranstaltete der Ottakringer Kultuswählerverein eine Versammlung, für welche Herr Dr. Gustav Kohn ein Referat über Kultuswahlen und Steuerbemessung zugesagt hatte und selbstverständlich nicht erschien, da der Verkehr mit der Wählerschaft einem so höchste!}-,enden Herrn wohl nicht als Kowed erscheint. Die Versammlung fand allerdings einen mehr als gleichwertigen Ersatz, indem der Obmann des innerösterr. D.-K-, Herr Max Markus, das angesetzte Thema eingehend besprach. In der dairauffcßgenden Debatte zeigte es sich, dass Herr Dr. Gustav Kohn sehr klug gehandelt hatte, fernzubleiben, da Dinge zur Sprache kamen, die für den Wiener Kultus Vorstand im allgemeinen und für ihn als Mitglied des Landesschulrates im besonderen nichts weniger als Annehmlichkeiten bedeuteten. Der Schriftführer Herr Urbach brachte der Ver- Sammlung einen Fall zur Kenntnis, der die im Interesse der Juden im Landesschulrate entfaltete Tätigkeit des Herrn Dr. Gustav Kdfcn ins rechte Licht rückt. In der. Volksschule Blumauergasse 21 ist die Mehrzahl der Schüler jüdisch. Dem Gesetze nach sollte der Leiter dieser Schule ein Jude sein. Der schon 50 Jahre im Dienste stehende christliche Direktor wurde beurlaubt und sein gleichfalls christlicher Stellvertreter ist nun •redlich bemüht, die Zahl der jüdischen Schüler nach Möglichkeit .zu . . . verringern. Der Landesschulrat Dr. Kohn; der verpflichtet ist, im Landesschulrate die jüdischen' Interessen zu wahren, hat aber nichts unternommen, um diese Missstände abzustellen. Fast sämtliche Redner der Versammlung; unsere Gesinnungsgenossen Dr.- Weiseng r ü n, Dr. Z w e i g, die Ottakringer Kultuswähler, die Herren Stein, Kornmeh! und andere vertraten die Ansicht; man müsse zu diesem Kultusvorstand in schärfste Opposition treten. Def Obmann Herr Trnka verkündigte hierauf die Absicht des Vereines, in allen Bezirken Wiens Wanderversammlungen zu veranstalten, um die Kultuswähler über die Misswirtschaft in der Kultusgemeinde aufzuklären. Die anwesenden Zionisten hörten mit besonderer Genugtuung, dass die von ihnen seit langem aufgestdilten Forderungen nach Erweiterung des Wahlrechtes, bezirksweiser Wahl etc. bereits von den Massen zu eigen gemacht wurden. Erst in später Nachtstunde wurde die gut besuchte Versammlung geschlossen. Galizhn. Gallzische Beamtenwillkür. Rymanöw. (Orig.-Korr.) In unserem Städtchen hat sich ein FaH zugetragen, der so recht geeignet ist, zu zeigen, welchen Vexationen die jüdische Bevölkerung Galiziens seitens der schlachzizischen Beamten ausgesetzt ist. In das Haus des hier ansässigen Eisenhändlers Abraham Jakob o w i c z kam ein polnischer Bauer namens C y - ganrk, und erlag plötzlich einem Schlaganfafie. Die Aerzte, welche die Sezierung der Leiche Vornahmen, gaben woht als Todesursache Herzschlagan, glaubten jedoch auch Spuren einer Vergiftung zu finden, da die Milz angesdhwollen war. Diese wurde zur Einholung eines Gutachtens an die Lemberger medizinische Fakultät gesandt. Indessen Hess der Bezirksrichter, ein Allpole, ohne das Gutachten der Fakultät abzuwarten, und ohne däss irgend welche Verdachtsmomente Vorlagen, bei der jüdischen Familie eine Hausdurchsuchung vornehmen, die natürlich ergebnislos verliei, und darauf die ganze Familie — darunter ein 13jähriges Mädchen — verhaften. Das Ziel ist offenkundig: man wifc der polnischen Bevölkerung die Meinung suggerieren, dass der Bauer von der jüdischen Familie vergütet wurde. Welche Folgen dies für die jüdische Bevölkerung zeitigen könnte, braucht wohl nicht besonders ausgemalt zu werden. Die Empörung unter den Juden über diesen Akt von Beamtenwillkür ist sehir gross. Der hiesige zionistische Verein hat die Intervention des jüdischen Klubs äugenden. Wir werden über die weitere Entwicklung dieser Affäre berichten. * * * Wolfsohn in Lemberg. Lemberg. (Orig.-Korr.) Ueber Einladung der zionistischen akademischen Verbindung „Emunah“ wird der Präsident der zionistischen Weltorganisation, David Wolfsohn, Mitte Juni in einer grossen zionistischen Volksversammlung in Lemberg sprechen» Alle zionistischen Organisationen Galiziens planen, eine girosse Ovation für den Führer. Es ist ein grosser Zuzug von auswärtigen Genossen aus der Provinz zu erwarten. * * * Ausflug nach Palästina. Lemberg. (Orig.-Korr.) Der von der zionistischen Verbindung „Judäa“ organisierte Ausilug nach Palästina wird, wie uns mitgeteilt wird, ohne Rücksicht auf die Zahl der angemekleten Teilnehmer stattfinden. Die Abfahrt von Lemberg ist für den 6. August festgesetzt und die Rückkehr nach Galizien erfolgt noch vor dem 26. September. * * * Neuerliche Judenausweisungen aus Rumänien. Berlin. Aus dem deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle erhalten wir folgende Mitteilung: Nach zuverlässigen Nachrichten aus Rumänien fährt die dortige Regierung fort, die Juden besonders 5n der Moldau zu bedrängen. Infolge der systematischen, auf den Ruin der jüdischen Bevölkerung gerichteten Weisungen des Ministers Biratianu werden zahlreiche Jüdische Familien aus dem Distrikt Jassy vertrieben. In Bivolari erhielten fast alle Juden, die keine Immobilien besitzen, Ausweisungsdekrete und befinden sich in verzweifelter Lage. Einflussreicher Intervention ist es vorläufig gelungen, kurzen Aufschub zugunsten der Ansgewiesenen zu eillangen. Wenn aber nicht alsbald von autoritativer Seite nachdrücklichste Vorstellungen an massgebender Stelle erfolgen, sind unzählige Familien in ihren Existenzbedingungen bedroht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.