Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-05-29 · 22 (29.5.1908) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
22 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438188--0563-2440087
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Sette 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 22 Steuer für die gleiche Zahl der Mitglieder, worauf alle Vereine, die diesbezüglich im Rückstände sind, aufmerksam gemadht werden. SchMesslich fordert das D.-K. die Vereine auf, die Wahlen für den Partei rechtzeitig vorzunehmen und die Wahlresuitate und Wahlprotokolle umgehend vorzulegen. Das I. ö. D.-K.: Max Markus, Obmann. Max Gold, Schriftführer. IV. Parteitag der Poale-Zion. Am 5., 6. und 7. Juni findet in Lemberg der IV. Parteitag der jüdisch-sozialistischen Arbeiterpartei „Poale-Zion“ mit folgender Tagesordnung statt: _ ■ Erster Tag. Vormittag. Begrüssung. Wahl des Buneaus. Diskussion über dein Bericht des Exekutiv-Komitees. Kassa. „Jüd. Arbeiter“. Nachmittag. Proletarische Kolonisationspolitik und unsere Paläsonaarbeit. Referent: Genosse S. Kap- 1 an s k y -Kaplan. — Die Aufgaben des allweltlichan jüdisdü-soziadistischen Arbeiterverbandes „Poale-Zion“. Referent: Genosse Jakob Kenner. Zweiter Tag. Vormittag. Unsere Stellung zu anderen Parteien. — Unser Kahal - Programm- Referent: Genosse Max Rosenfeld. Nachmittag. Partei und Gewerkschaft. Referent: Genosse Dr. Josef Margulies. •— Partei vertag und Parteipresse. . Referent: Genosse Juda Nussbaum. — Organisation. Referent: Genosse Feuermann (Stanislau). — ' Konferenzen: a) Ueber Frauenorganisation. Referentin: Genossin Meier (Lemberg), b) Ueber Jugendorganisation. Referent: Genosse Kenner. Dritter Tag. . Vormittag. Verbandstag des Allgemeinen jüdischen Arbeiterverbandes Oesterreichs. Nachmittag. Innere Kulturarbeit Referent: Genosse Kasriel. Palästina. Warburg Uber die Palästina Land- EntwicklungsgeseHschaft. (P, L. D. C.) Das Odessaer Komite des Chowewe Zion hat unter 13. d, an Prot Warburg einen Brief gerichtet in welchem es die Gründe seiner Gegnerschaft zur P. L. D. C. mitteilt und die Beteiligung daran .ablehnt Die Einwendungen, welche das Odessaer Komite gegen die P.L.D.G. erhebt, sind aus dem Antwortschreiben Prof. Warburgs ersichtlich, das er an Ussischkin als Vorsitzenden dieses Komites gerichtet hat aus welchem wir die wichtigsten Stellen nachstehend abdrucken: Sehr geehrter Herr Ussischkin! Im Besitze Ihres werten Schreibens vom 13. Mai 1908 tut es mir leid, dass die Gesellschaft zur Unterstützung von Ackerbauern und Handwerkern Syrien und Palesünas in Odessa sich veranlasst ge- ' sehen hat eine Beteiligung an der P. L. D. C. abzulehnen. Aus der Begründung ersehe ich zu meinem Bedauern, dass die Gesellschaft die Idee der P. L. D. C. nicht verstanden hat Denn gerade die Punkte, welche die Gesellschaft für wesentlich für die Kolonisation hält, werden ja durch die P. L. D. C. in vollem Masse erfüllt. Oie Frage der Administration. Das administrative Bewirtschaftungssystem, welches die Gesellschaft tadelt tritt bei der P. L. D. C. doch nur bei dem Lehr gut in Erscheinung, und ein Lehrgut wird immer administrativ verwaltet werden müssen, einerlei ob es einen Nutzen abwirft oder mit 'einem Defizit arbeitet. Es ist aber durchaus nicht einzusehen, warum ein solches Gut durchaus mit Schaden arbeiten muss; es mögen ja einmal schlechte Jahre kommen, im Durchschnitt wird sich aber, doch aller Voraussicht nach ein Nutzen , erzielen lassen. Uebrigens werden es die meisten Aktionäre schliesslich verschmerzen, können, wenn ihre 20 Mark betragende Aktien ihnen nicht gleich in’ den allerersten Jahren Dividende bringen. Bei der gesamten Tätigkeit' der P. L. D. C. wird doch gerade das administrative Bewirtschaftungssystem mit Ausnahme der eventuell sich als notwendig erweisenden Amelioratipnsarbeiten ausgeschaltet, genau so, wie es bei der deutschen und polnischen Kolonisation seitens der preussischen Ansiedlungskommission seit Jahren bei tausenden von Kolonisten mit dem allergrössten Erfolge geschehen ist Und gerade die Ländbanken pflegen durchaus nicht ertraglos zu arbeiten. Wir schlagen doch nicht unerprobte Bahnen ein, sondern folgen vielmehr der bewährten preussischen Kolonisationsmethode der letzten 10 Jahre. Der einzige Unterschied ist der, dass wir, da wir vorläufig noch nicht über genügend geschulte und den palästinensischen Verhältnissen angepasste und gleichzeitig ein gewisses Kapital besitzende Ansiedler verfugen, für die erste Zeit jedenfalls eines Lehrgutes kaum werden entraten können. Wird sich mit der Zeit herausstellen, dass dieses Gut unnötig ist, so kann es jederzeit parzelliert oder als ganzes verpachtet werden. Aber auch zur Ausbildung der besten landwirtschaftlichen Methoden wird es vermutlich dauernd wünschenswert sein, wenigstens ein Muster- oder Versuchsgut zu besitzen, einerlei ob es für sich selbst allein Gewinn bringt oder gar kleine Verluste. Oie Finanzierung. Was den zweiten Einwand betrifft, dass das Unternehmen reichlich Geldmittel voraussetzt, welche die P. L. D. G. schwerlich wirdauf bringen können, so gilt das für jede Kolonisationsarbeit. Für das Lehrgut genügen die Mittel der P. L. D. G.-schon jetzt, falls die P. L. D. G. den bewilligten Kredit des Nationalfonds wirklich in Anspruch nehmen will. Wir sind aber, überzeugt, dass die P. L. D. G. schon in kürzer Zeit völlig auf diesen Kredit wird verzichten können, indem sie selbst über Mk. 100.000 eingezahlten Kapitals verfügen wird. Was die Parzellierungsarbeit betrifft, die doch frühestens im nächsten Jahre beginnen kann, so ist anzunehmen, dass die P. L. D. C. dann schon genügend Geld zum Ankauf und zur Parzellierung eines Gutes haben wird, wozu die; zweiten Mk; 100.000 ja reichlich genügen würden. Garantien des Erfolges. Es wird die weitere Ausdehnung des Ko Ionisation werk es der P. L. D. C. davon abhängen, ob die in Deutschland erprobte Kolonisationsmethode sich auch unter dem palästinensischen. Himmel bewähren wird, oder sich wenigstens den palästinensischen Verhältnissen wird anpassen lassen. Vorläufig lässt sich nnr sagen, dass die Sache unter der Leitung des Herrn Dr. Ruppin in den besten Händen liegt und dass a priori nicht einzusehen ist, warum diese schon in gewissem Sinne von der J. G. A. mit Erfolg angewandte Methode der langsamen Ueberführung von landwirtschaftlichen Arbeitern über das Pächterstadium zu selbstständigen Bauern sich nicht auch in geschäftlich rentabler Weise in Palästina wird entwickeln lassen. Ganz unangebracht ist es aber, hierüber von vornherein den Stab zu brechen, gestützt auf eine angebliche Kenntnis des Menschenmaterials;' wir sind der festen, durch Beobachtung der jüdischen und der allgemeinen Kolonisation gewonnenen Ueberzeugung, dass der Jude ebenso wie jeder andere Erdenbürger. gern die Gelegenheit ergreift, durch eigene Arbeit zum freien Besitze einer Erdscholle zu gelangen, wenn ihm die Möglichkeit und die nötige Belehrung dazu geboten wird, ln dienender Stellung mag der Jude stärrischer sein als andere Völker, in freier Bestätigung hat er sich noch stets als guter Arbeiter erwiesen. Die Frage des Agrarkredites. Was den dritten Einwand betrifft, dass durch . die P. L. D.'C. die Frage des Agrarkredits in den Hintergrund des öffentlichen Interesses rücken wird, so sind wir der Ansicht, dass gerade das umgekehrte der Fäll sein wird: Erst die Tätigkeit der P. L. D. C. wird es ermöglichen, bisher besitzlose Leute kreditfähig zu machen, nachdem sie sich als Arbeiter und Pächter vor Sachverständigen als kreditwürdig erwiesen haben werden. Die Schwierigkeit ist doch gerade die, dass, wenn wir jetzt vom Nationalfonds grössere Summen für den Agrarkredit auswerfen, es sich bei den schwierigen Besitzverhältnissen in Palästina nur um Personalkredit handeln kann, und ein solcher bei nicht an sich kapitalkräftigen Leuten im wesentlichen eine 'V e rt r a u.e n s s ac h e ist Es ist aber doch klar, dass der einzelne Geldnehmer das Vertrauen nur gewinnen kann, wenn er sich durch seih Vorleben als kreditwürdig; erwiesen hat und vor allem auch den Beweis dadurch geliefert hat, dass er imstande gewesen ist, sich sein Inventar zum grossen Teil schon selbst durch eigene Arbeit zu erwerben. Prinzipielle Gesichtspunkte. Was den vierten von Ihnen angegebenen Punkt betrifft, so lässt sich schwer darauf antworten, da der Ausdruck „Kolonisation von unten“ und „Kolonisation von oben“ doch nur Schlagworte sind, denen an sich keine bestimmten Begriffe zukommen. Aus dem zweiten Satz scheint hervorzugehen, als ob der Gegensatz bedeuten soll, nach praktischen Erfahrungen oder nach theoretischen Programmen. Ist das richtig, so ist diese Gegenüberstellung mit derjenigen des vorgehenden Satzes nicht identisch, denn ebenso gut können die Kolonisten nach theoretischen Programmen (z. B. nach marxistischen) und die Kolonisationsgesellschaften nach praktischen Gesichtspunkten arbeiten, wie umgekehrt. Jedenfjlls ist eine Methode der Ansiedlung in Form von Rentengütem, wie sie in- Deutschland so vielfach'mit Erfolg angewandt wird — allein Herr Auhagen, der uns bei unserer Arbeit beraten wird, hat fünfzehn derartige Kolonien geschaffen — nicht mehr ein theoretisches Programm zu nennen. Die Schwierigkeit liegt einzig in der Anpassung der in Deutschland gewonnenen praktischen Erfahrungen ah die palästinensischen Verhältnisse. Was hier also, die sogenannte Theorie fertig gebracht hat, das hat in hunderten von Fällen „die freie natürliche Selbsttätigkeit der Privatinitiative“ nicht erreichen können. Zum Schaden unseres leider allzu individualistisch gearteten und daher gegen sozialen Zusammenschluss misstrauischen Volkes, verspüren wir überall, welch grosse Erfolge andere Völker durch derartige Organisation zu erzielen vermögen. Hat nicht bei der Ansiedlung durch Landbanken ein jeder Kolonist in reichem Masse Raum, eine „gesunde Privatinitiative“ zu entfalten? Natürlich wäre es besser, wenn die zukünftigen Kolonisten selbst die Fonds für die Landbank oder eine andere benannte Kolonisationsgenossenschaft hergeben würden, aber wo findet man derartige Menschen? Wie oft haben wir die Poale Zion ermahnt, Geld unter sich aufzubringen zu einem genossenschaftlichen Gut, aber leider gänzlich ohne Erfolg. Und ohne Zusammenschluss ist es bene nicht möglich, grössere Güter zu kaufen, zu ameliorisieren und parzellieren, da hilft alle Privatinitiative des kleinen' Mannes nicht, das könnte höchstens ein Grosskapitalist, aber zu . einer so schwierigen langwierigen Aufgabe wird sich so leicht kein Grosskapitalist bereit finden, wohl zwar zum Landkauf, aber nicht zur Parzellierung,, und Latifundienbesitz wollen wir doch nicht in Palästina züchten. Individualismus und soziale Umgestaltung. -• Ich hoffe, dass diese Auseinandersetzung etwas zur Klärung dieser für die wirtschaftliche Erschliessung Palästinas eminenten wichtigen Frage beitragen wird, wenngleich ich natürlich nicht arinehmen kann, dass ihre Bedenken dadurch beseitigt sein werden. Ich glaube vielmehr, dass die inneren Gründe der Divergenzen unserer Ansicht aus dem verschiedenen Milieu heraus zu erklären sind, in dem Sie sich in Odessa befinden, und wir in Deutschland. Russland macht gerade jetzt die Uebergangszeit durch, von einer despotisch •regierten zu einer individualistisch sich weiter entwickelnden Gemeinschaft. Deutschland, wo der Individualismus schon seit vielen Jahren die tonangebende Rolle gespielt hat, befindet sich im Stadium der sozialen Umgestaltung. Das was die meisten Russen als Ideal anstreben, haben wir in Deutschland schon bis zur Neige durchgekostet, und das, was mau in Deutschland jetzt erstrebt, hat in Russland kaum die Schwelle des Bewusstseins überschritten. Es sei denn, wie bei den Sozialisten, in Form von groben Schlagworten und halb verstandener Phrasen. Ich bin. aber der Ansicht, dass gerade durch die innige Berührung, welche die zionistische Bewegung zwischen west- und osteuropäischen Juden und damit zwischen west- und osteuropäischen Gedankenarbeit zur Folge . hat, auch, die Entr Wicklung der osteuropäischen Judenzu den in Westeuropa zeitgemässen Ideen eine so schnelle sein wird, dass Ost und West bei der Arbeit der P. L. D. G; noch schliesslich „ Zusammenkommen wird. Hochachtungsvoll und ergebenst; gez O. Warburg.-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.