Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Konstantinhügei im Prater. Wie die hundert Türme Prags Ragen hier die Damenhüte Durch des .Maiennachmittags Farbenfrohe Sonnengüte — Blusen, die wie Blumen blühen, Rosig Fleisch in Brüssler Kanten, Leuchten aus dem satten Grün Und es blinzeln die Brillanten. Auf den Tischen steht das Eis, Teilerchen und Löffel klingen; Die Kastanien blühen weiss Und man plauscht von hübschen Dingen. Von Volants und Faltenwurf, . Gmunden; Gossensass und Baden, Von Musik und Kunst und Turf Und von Schweizer Ghokoladen. Von Herrn Kairiz, dem Wundermann Und von Slezaks süssem Kehlchen, Und zur Würze dann und wann Von vertraulichen Skandälchen — Alles lächelt, tut charmant IVie am Bild im grünen Rahmen; Ich allein sei ennuyant, Meinen die verehrten Damen. Denn mir ist, als dränge schwer Durch der Luft wollüstig Flimmern, In das sanfte Freudenmeer Ein anklagend wehes Wimmern- Aus den Gassen grau und dumpf Wo gehetzte Juden lungern, Krank an Leib, das Auge stumpf, ■ Und verzweifeln und verhungern- Beda Ist die Assimilation der Juden " " möglich? Unter diesem Titel veröffentlicht, wie wir bereits in der vorigen Nummer kurz mitgeteilt haben, MaximAninin dem wissenschaftlichen Organ der sozialistischen Revisionisten, den „S o zialis ti schen Monatsheften* (Jahrgang 1908, Heft 10) einen interessanten Artikel, worin er auf Grund der tatsächlichen Verhältnisse die Assimilation der Juden — zumindest jener des Ostens — für unmöglich erklärt. Hatte noch Otto Bauer behauptet, dass durch die wachsende Industrialisierung das jüdische Proletariat assimiliert werden müsse, so weist A n i n auf Grund von authentischen Ziffern nach, dass dies deshalb nicht richtig sei, weil die jüdischen Proletarier nur zu einem verschwindend kleinen Teil Industriearbeiter werden. Ueber die Ursachen dieser nicht wegzuleügnenden Erscheinung sagt er folgendes : .Der russische und polnische Fabrikant, die im Konkurrenzkampf mit dem jüdischen Fabrikanten die bekannte antisemitische Parole: .Kauft nicht bei Juden* in die Masse werfen, verpflichten sich eo ipso selbst, die wichtigste jüdische Ware, die jüdische Arbeitskraft, nicht zu kaufen, was ja nur allzuleicht durchführbar ist, dank der eigenen grossen Reservearmee ... Noch mehr, selbst der jüdische Fabrikant . . . der mit allen Kräften bestrebt ist, sich der herrschenden nationalen Bourgeoisie zu assimilieren, sucht die jüdische Arbeitskraft zu vermeiden.* Dies weist A n i n statistisch nach. Er fährt fort: .Also auch die Assimilationstendenz der jüdischen Grossbourgeoisie führt zur Verschliessung selbst der jüdischen grossindustriellen Unternehmungen für den jüdischen Arbeiter. So körnigen wir zum Resultat, dass die sozialökonomische und daher auch individuellkulturelle Assimila tion der breiten jüdischen Arbeitermassen in absehbarer Zeit eine Unmöglichkeit ist. JÜDISCHE ZEITUNG An in betrachtet sodann die zahlreich- I ste Klasse des jüdischen Volkes, die Klein- I bürger. Er schildert die Gründe der furcht- I baren Pauperisierung dieser- Klasse, — das Fortschreiten der Industrieentwicklung und das stete Wachsen des Antisemitismus — eine Pauperisierung, die er .erschreckend* nennt. Er fügt aber noch hinzu, dass sich dieser Zustand immer mehr verschärfen muss. Er kommt zum Schluss: .Also auch die Analyse der sozialökonomischen Lage und der Entw i c klu ng stendenzen des jüdischen Kleinbürgertums führt uns zum gleichen Ergebnis; Eins Assimilation an die nationale Umgebung ist auch hier ausgeschlossen. Die nähere Betrachtung der ökonomischen Lage der überwiegenden Mehrheit der Juden lässt uns vielmehr eine immer schärfer werdende Ab sonder u n g erkennen. An Stelle der alten Ghettomauern türmen sich immer höher und höher die Mauern eines sozialökonom ischenGhettos, die keineswegs durch die juridisch-bürgerliche Emanzipation der Juden vernichtet werden können. Eine Behauptung, deren Richtigkeit die Vorgänge in Rumänien und Galizien gezeigt haben, wo die durchaus elende Lage der meisten Juden sich durchihre Emanzipation in keiner Weise gebessert hat.* A n i n spricht davon, dass diese Verhältnisse die Ursache eines bedeutenden nationalen Aufschwunges der Ostjuden sind; er sieht in dem Aufblühen der jüdischen Literatur einen Ansatz zu einer mächtigen nationalen Entwicklung und ein Anzeichen für das Erwachen der breiten jüdischen Volksmassen zu neuem kulturellen Leben und Schaffen. Er schliesst; Oie Assimilation der grossen Mehrheit des jüdischen Volkes ist unmöglich und: wirdo es < immer’ mehr mit dem Fortschreiten des Kapitalismus. A n i n weicht als Sozialdemokrat begreiflicherweise der Frage aus, „welche Wege die weitere Entwicklung der Juden einschlagen, welche Formen ihre nationale Selbstbestimmung annehmen wird.“ Aber es ist genug, dass er als erster Sozialdemokrat bezüglich der jüdischen Frage den Mut zur Wahrheit hat und so viel wissenschaftliche Ehrlichkeit besitzt, Tatsachen zuzugeben, die für ihn als Sozialdemokraten sehr unangenehm sein müssen. Allerdings war es unausbleiblich, dass die Sozialdemokratie, je mehr die jüdischen Massen zum nationalen Bewusstseinerwachten, immer mehr zur Revision ihrer Ansichten über die J ud en frag e ge z wu n ge n wurde. Das haben wir immer vorbergesehen. In Nummer 3 d. Bl. vom 17. Jänner 1908 schloss Gg. Dr. P a s m a n i k seine Kritik des Buches von Otto Bauer .mit den Worten: „Die Zeit ist nicht mehr ferne, wo die Sozialdemokratie ihr Verhältnis zur Judenfrage ebenso radikal ändern wird, wie sie es in bezug auf die Nationalitätenfrage überhaupt getan hat.“ Diese Prophezeihung hat sich nun erfüllt. Schon der Standpunkt Bauers war ein Fortschritt gegenüber jenem der früheren sozialistischen Theoretiker. Erkannte er doch den Juden Nationscharakter zu, und wenn er auch nachzuweisen suche, dass die jüdische Nation verschwinden müsse, so äusserte er sich doch mit grosser Reserve und schloss seine Untersuchung mit den Worten: „Wir stehen hier vor Fragen, welche die Wissenschaft unserer Tage nicht beantworten kann.“ Anin ist nicht so bescheiden. Er weiss sehr gut, dass eine wirklich wissenschaftliche Untersuchung voraussetzt, dass man sie ohne vorgefasste Meinung und ohne Rücksicht darauf, dass sie Ergebnisse zeitigen kann, welche dem Forscher unangenehm sind, unternehmen muss. Bisher aber sind die sozialistischen Theo- Seite ü Iretiker an die Juden frage, wie an so viele andere Probleme, wie An in selbst sagt, „mit einer gewissen Voreingenommenheit* herangetreten. An in hat das Verdienst, durch seine Artikel die sozialistische Theorie in bezug auf die Judenfrage richtiggest eil t zu hab en. Ob aber die neue Erkenntnis der Sozialdemokratie auch in Praxis und Taktik zur Richtschnur dienen wird? Wir zweifeln daran. Hat man auch bisher immer notwendigen Revisionen der Anschauungen durch theoretische Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften präludiert, um den Umschwung oder Rückzug als Konsequenz der Ueberwindung eines wissenschaftlichen Irrtums zu maskieren, so dürften der Rezipierung des Standpunktes An ins durch die praktischen Politiker der Sozialdemokratie starke Widerstände entgegenstehen. Denn aus jener Auffassungder Judenfrage, welche An in vertritt, ergibt sich eine unerbittliche Konsequenz :DassderajüdischenPro.- letariat auch mit einem jüdischnationalen Sozialismus nicht geholfen wäre, sondern dass nur der Zionismus, der eine nationale Wirtschaft der Juden aufbaut, die richtige Form de r „nationalen Selbstbestimmung“ der Juden, nach der Anin fragt, sein kann. Für uns ist all das nichts neues. Denn die theoretische Begründung des Poale- Zionismus, wie sie namentlich Gg. Pasmanik gegeben hat, fusst genau auf denselben Tatsachen, aus denen An in seine Schlüsse zieht. Sein Artikel kann eine sehr wohltätige Folge haben. Wir meinen nicht die, dass die Sozialdemokratie endlich auch die jüdische Nationalität in ihrer Organisation anerkennen wird, denn dass würde dem jüdischen Volke blutwenig nützen. Aber die wissenschaftlichen Arbeiten der Sozialisten werden von zahlreichen gebildeten Juden gelesen, von solchen, die zum grössten Teile die Lektüre irgendeiner zionistischen Schrift ablehnen, während sie die Lehren der sozialistischen Theoretiker als Dogmen verehren. Auf diese Schichte wird der Artikel An ins zweifellos Eindruck machen. Und das kann von grossem Nutzen sein. Denn die ungeheuere Masse des jüdischen Volkes, der nur durch den Aufbau einer nationalen Wirtschaft geholfen werden kann, ist infolge ihrer erwiesenermassen wachsenden Verelendigung, auch bei grösstem Opfermut, nie und nimmer in der Lage, diesen Aufbau aus eigener Kraft zu vollführen. Sie bedarf dazu der Hilfe der wohlhabenden Westjuden. Alles, was uns darin unterstützt, diese über ihre wahren P fli c hten gegen das Judentum aufzuklären, begrüssen wir aufs wärmste. Der Artikel An ins, den wir dazu für sehr geeignet halten, hat uns deshalb eine aufrichtige Freude bereitet. A. B. Parteinachrichten. Innerösterreichischer Distriktstag. Mit Rücksicht auf den Ende Juni stattfirvdenden österreichischen Parteitag beruft das i-ö. D.-Kfür. Sonntagden 14. Juni 1908, 9 Uhr vormittags einen öffentlichen Distriktstag ein. — Tagesordnung: Besprechung der Thesen der Referate für den Parteitag. — Ort: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9. Das D.-Kerwartet mit Rücksicht auf die Wichtigkeit der Besprechung eine zahlreiche Beschickung des Distriktstages, insbesondere seitens der auswärtigen Vereine. Ferner bringt das D.-Kin Erinnerung, das« jeder Verein für je 25 Mitglieder einen Vertreter zu entsenden berechtigt ist. Voraussetzung für die Teilnahme ist jedoch die Bezahlung der Partei-