Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Säte 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 22 weiterhin seinem Aufstreben all unsere Kräfte dienstbar machen wollen, glauben wir ein Recht auf sein Vertrauen erworben zu haben. .Rundschau. «. i mim Ein rechtsgelehrter Hausjude. Im äusseren Gehaben hat sich die galizische Schiachta noch Reste des Kavaliertums der alten polnischen Adelsrepublik gewahrt Ihre allerschmutzigsten Geschäfte werden nicht höchstpersönlich besorgt, dafür hat sie ein oft seävr billiges und immer sehr geschicktes Instrument: den Hausjuden, den Moschko. In vielen Fällen ist der Moschko ein armer Teufel, dem die Not und Unkultur den Luxus einer Scheu vor unsauberem Händeln nicht gestatten, Er hat ein Gewissen, aber noch grösseren Hunger und viele Kinder. Da iällt einem das Urteilen so leicht, das Verdammen so schwer! Oft aber ist der Moschko ein reicher ■Mann, ein angesehener Mann, ein gelehrter Mann. Reine Sucht nach mehr Profit und bürgerliche Machtstellung lässt ihn sich der ieudalpolnischen Skrupellosigkeit verdingen und an sein eigen jüdisch Volk vergessen. 'Bei diesem Lumpen trübt dem Richter keine. Mitleidsträne den Blteik. — Bei der UnterdTückeraibeit der Schiachta im Lande der Ruthenen muss die gröbsten Handgriffe der Moschko besorgen, Gendarmen gegen Weiber und Kinder kommandieren, die Hütten widerspenstiger Bauemlümmei einreisseri, Schiessubungen vonm Rathaus und Kirchlein veranstalten, all dieses ist ein adelig Geschäft und schändet nicht, das besorgt der vieledle Sdhladhziz selbst. Ist doch Bauemmordi und Bauernplündern glorreiche Ueberlieferang! Aber beim Stimmenkauf und spitzfindigen Wahlbeteug, beim Spionieren und Provozieren, den dummen KaTtoheliressem Leimruten. legen, da muss der Mosch'ko herhaltem Der Westen kennt’s nur vom Hörensagen, aber die letzten Tage haben ihm die persönliche Bekanntschaft einer besonders feinen Spielart des Moschko vermittelt,'des rechtsgeteflirten Moschko, man sah den Hausjuden, welcher aus dem schmierigen Kaftan des Dorfgehers in die Robe des Rechtsanwaltes geschlüpft ist. — Vor dem Wiener Landesgerichte hatte sich Sienkiewicz, der grosse polnische Nationaldichter, wegen gröblicher Verleumdung der am Hungerstreike beteiligt gewesenen rutheaiischen Studenten zu verantworten. Anlässlich der Studentenunruhen in Lemberg gaben die führenden-Geister aller Völker, "Björnson darunter, den: standhaften1 nuthtenischen Studenten ihre Sympathien kund. Da erhob Sienkiewicz -seine Stimme, um, die öffentliche (Meinung zu wenden. Im Dienste des von ihm vielbesungenen ritterlichen Polenvolkes warf er seinen weltbekannten Namen und mit diesem eine hinHneflschreäend' ■gemeine" Lüge auf den Markt; er stellte den Hungerstreik als eine „bei Beefsteak und Wein gefeierte Komödie“ hin. Der Wurf misslang. Nicht ganz Europa liegt in Galizien und nicht überall wird das. Wort eines verlogenen Junkers höher gewertet, als der Treuschwur dreier Millionen Bauern. Die Sache geht schief und kommt vor ein Wiener Gericht Der Tatbestand; dass der edelste Spross der Schiachta, ihr Sänger und Tugendspiegel, heimtückisch gelogen hat, ist klar. Zum Himmel stinkt die Geschichte und kein Quentchen Ehre ist zu retten. / Was ein eil^er .Sdhlachzdz ist, bteibt fein zu Hause und der iiausfud, der Moschko, muss ins Treffen, Der pari' kann's nicht, vielleicht zieht der Hebräer den Karren aus dem Dreck. Weder Sienkiewicz hoch sonst ein Pölenheld lassen sich bei der Verhandlung erblicken und der Krakauer Jude Prof. Dr. Rose n b i a 11 steht als alleiniger Vertreter der grossen Polennation da. Im. Dienste der Herren sind sie eifrig, diese Hausjuderi, das muss man ihnen lassen und zimperlich sind sie ‘nicht. Zum Platzen vor Lachen und Aerger war's, Wie Roseiiblatt {schreibe und sprich: Ro s e n b 1 a f t!) iien katholisch-bigotten und bis zum Fanatismus polmsch-chauymistischen Sienkiewicz, den Verherrlichetdes päpstlichen Weihwedels und polnischen Krummsäbols, -den judenverachtenden; Schreiber des „Quo vadis?“ als „seinen“ (Rosenblatt’s!?) herrschen Dichter pries! Das Gericht hat Sienkiewicz verurteilt, er' bat’s' verdient; Roseiiblatt hat ihn verteidigt, er ha'Fk . verdient! Womit haben aber wir Juden es verdient, dass es wieder einer der Unseren sein musste, der sich im Streite der Völker auf die Seite der Lüge und der Gewalt stellt und so ein grosses Volk den Namen „Jude“ hassen lehrt? ' * * ' * Ein wohlverdienter Fusstritt. Aus Anlass der jüngsten Polenverfolgungen in Preussen (Enteignungs- und. Versammfungsgesetz) erschien im Verlage einer Krakauer Firma ein Gedenkblatt in Form einer Landkarte des polnischen Königreiches zu Sobieskis Zeiten. Es wurde gerade diese Gescbichtspeniode gewählt, weil der polnische König Sobieski das, deutsche Reich vor einer verheerenden Invasion durch die Türken bewahrt hatte. Auf diesem Gedenkblatfe wurden auch die Bildnisse der polnischen Abgeordneten in den drei Parlamenten Deutschlands, Oesterreichs und Russlands angebracht, nur fehlen aber bezeichnender Weise vier, nämlich die Herren Löwenstein, Komischer, Gold und Gail! Da haben sich diese vier nun jahrelang ihres Judentums bis zur Selbstentäussming begeben und haben' immer nur als' „Polen“ geglänzt — und nun müssen1 sie den spöttischen Ruf hören: „Mauschel, wo bist du?“ Die edle Tugend der Dankbarkeit scheinen die Polen danach nicht sehr zu schätzen, denndiesen vier Herren und ihren Vorgängern ist es ausschliesslich zu danken, wenn heute noch immer ein grosser Teil der galizischen Juden die polnische Clique unterstützt. Den. Löwensteins hier und anderswo aber mag diese bezeichnende Tatsache ein AnCass zum-Nachdenken werden! •*. * * Bobrzynski als Antizionist. Bobrzynski, von dessen Regierungstätigkeit sich die in bezug auf igalizische Angelegenheiten so naive Wiener Zentralregierung die Herstellung von Ruhe und1 Ordnung; verspricht, hat die erste Gelegenheit benützt, urii ein Pröbchen seiner „Objektivität“ zum bestengeben. Die Lemberger Kultusvertretenund Rabhjijpp glaubten derp Manne, der als Vizepräsident des (galizischen Landesschulrates die Juden aufs äusserste bekämpft und ihnen rücksichtslos alle Lehrstellen verschlossen hat, ihre Ergebenheit ausdrücken zu müssen. Seine Antwort, einige nichtssagende Phrasen, schloss Bobnzynski mit der Aufforderung: „sie (die Mosclikos) mögen ihn in seiner. Absicht unterstützen, jene politische, Strömung im Judentum, welche diesem und dem Lande zum Schaden gereicht, zu unterdrücken.“ Eine nicht sehr schlau formulierte Kriegserklärung an die Zionisten, eine Androhung von Verfolgungen auf Schritt und Tritt. Bobrzynski scheint sich nicht a'ls österreichischen Beamten, sondern als russischen Tschlnownik zu betrachten. Wir: haben vom reaktionären Bobrzynski nichts anderes erwartet. Die ungeheure Kultur- und Aufklärungsarbeit, welche die zionistische Bewegung leistet, muss Leuten seines Schlages ein Dorn im Auge sein, denn Kultur und Aufklärung bedeutet das Ende der Schrachzizennerrschaft. Wenn Bobrzynski glaubt, dass er mit Hilfe einiger Lemberger Polenjuden der zionistischen Bewegung Herr werden könne, stimmt seine Rechnung nicht. Der zionistische Gedanke hat über Weltanschauungen triumphiert und er wird auch einem galizischen Statthalter gewachsen .sein. •* .* * Aber so sehr tot ist sie doch nicht! Die böse hebräische Sprache hat den offiziellen Totenvogel-ms Bein gezwickt! Pie vermögendsten, daher gescheidtsten, einflussreichsten. Männer in Israel, haben sie für gestorben und verdorben erklärt, und unanständigerweise lebt der verfluchte Racker noch! Undwie er lebt! Das öst e r rjel chäslc h e H and e> 1 smi nis.terium hat für den Verkehr nach Palästina, Syrien und. Aegypten Postanweismgen tind andere örucksorten in hebräischer Sprache aufgelegt. Und was das ‘Köstlichste dabei ist: Es hat sich, an die Wiener iKuitusgemeinde um Herstellung einer korrcTfteä-IJebefsetzung gewendet, an dieselbe Kul- ( tusgememde, in deren Mitte so oft von-„totem S Sprachenplunder“ gesprochen wurde. Nicht nur, dass die frechen Zionistenbuben allen Piaffen und Krämern zum Trotz behaupten, dass unsere alte Muttersprache im Volke lebt und stärker, lebt, als je, kommt jetzt noch eine k. k. gojische Regierung damit. Sehr fatal! Der offizielle Totenvogel reibt sich den schmerzenden Knochen . . . * * * Die Reformbewegung unter den deutschen Juden. Eines der grössten Verdienste des Zionismuss ist, dass er die m bezug auf ihr Volkstum indolentesten Kredse dfar Judenheit zu einer entschiedenen Stellungnahme zwingt. Alles, was seit Jahren -hmerkalb des Judentums geschieht, vollzieht sich unter dem direkten oder indirekten Einflüsse des neu erwachten jüdischen Natibnalgedankens. Selbstdie liberalen Jiiden ii( Deutschland erkennen das Unhaltbare ihres Zwitterstandpunktes und wollen ihr Leben mit ihrem Judentum in Einklang bringen und stutzen sich ein ihnen angepasstes Judentum zurecht: sie reformieren. Das klägliche Beispiel dies Mosse- Judentums schreckt sie nicht ab und sie gründeten am 10. Mai d. J. eine jüdisch-liberale Vereinigung mit folgendem Programme:; „Die jüdische Religion vermag sich der Zeitanschauung entsprechend fortzuentwickeln, ohne dass dadurch ihr Wesen,, ihr Bestand und ihr Zusammenhang mit der Vergangenhat sich verändert. Hieraus ergibt sich für die Gegenwart die Berechtigung und Notwendigkeit, den ewigen Gehalt und die unveränderlichen Grundlagen der jüdischen Religion in Erscheinungsformen zum Ausdruck zu bringen, die unserer Zeit angemessen sind, damit nicht ein dem Judentum fremder Gegensatz zwischen Lehre und Leben entsteht. Die deutschen Juden müssen unter pietätvoller Anlehnung au die Vergangenheit ihr äusseres Leben mit ihren Anschauungen in Uebereinstimmung bringen, insbesondere darf kein Gewicht auf die Innehaltung veralteter Vorschriften und Gebräuche und abgestorbener Sitten gelegt werden. Der Gottesdienst ist gemäss den Bedürfnissen der Zeit auszugestalten, und ist in ihm der deutschen Sprache ein breiter ■Raum zu gewähren, damit Geist und- Gemüt der Besucher des Gotteshauses Erhebung und Erbauung finde. Der Religionsunterricht ist so zu gestalten,, dass er die gesicherten Resultate der Wissenschaft berücksichtigt, die EntwicklungfiflMgkeit”'des Judentums aib* erkennt, dadurch die Schüler mit Liebe zum Judentum erfüllt und sie nicht in Gegensatz zum Eltemhause bringt. Es muss der Wissenschaft des Judentums der ihr gebührende Platz und Einfluss eingeräumt werden, damit durch Wort und Schrift die jüdische Religion in ihrer modernen Gestaltung würdig vertreten und verfochten wird. Auf die stärkere ■Beteiligung der Frau im religiösen und Gemeindeleben ist besonderer Wert zu legen.“ Wie mar, aus diesem Programm, ersieht, wiird die Verwässerungstendenz sorgfältig umschrieben und die pietätvolle Anlehnung an die Vergangenheit allzu absichtlich hervorgehoben. Wir können dieser Bewegung keinen Wert beimessen, denn wer jüdisch fühlt, dem kann sie nichts bieten, wer innerlich schon äbgefallen ist, den wird eine solche, den Bedürfnissen der Zeit gemässe Ausgestaltung wohl nicht dem Judentum zurückerobem. * * * . Antisemitisches aus der „Arbeiter-Zeitung“. In der letzten Sonntagsnummer bringt die „Arbeiter-Zeitung“ eine Glosse über den Kinderfestzug. Tpyen der Wiener Bevölkerung werden vargeführt und jeder der handelnden Peronen werden einige charakteristische Worte in den Mund gelegt. Zuletzt erscheint, ein jüdisches Ehepaar. Der Mann räsoniert, worauf ihn die Frau mit den Worten beruhigt: „Schweig, sonst kommen die Lait’ darauf, dass wir ans ’e r e i n g e s c h wi n d el t haben!“ Besser weiss der gute Artrkeiscbreiber die Wiener Juden nicht zu kennzeichnen, als dass er sie in der Rolle von Schwindlern vorführt. Die Sache 'lässt sich zweifach deuten. Entweder gibt der Witzige Herr eine durch.,Selbstbetrachtung und Verkehr mit seinen; jüdischen RedaktionskoClegen erworbene Erfahrung unabsichtlich zum Besten, oder aber leistet sich, die „Arbeiter-Zeitung“, ein gegen die Christlichsozialen gerichtetes Konkürhenzmanöver, indem sie . Antisemitismus gemeinster Sorte versohleisst.