Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nn 22 J ÜDISCHE ' ZEITUNG Seite-3 Abgeordneten zusammen, sind numerisch zu schwach, um durch ein gemeinsames Vorgehen das Inkrafttreten irgend eines Gesetzes zu verhindern, erfolgversprechend ist bloss der Weg des „a male informato ad bene informatum“. Diese neue Methode wählten die jüdischen Abgeordneten,. Sie reicht aber nicht völlig aus. In unseren Reden, Anträgen und Interpellationen wimmelt es von Ziffern und Tatsachen, welche die traurige Lage des jüdischen Volkes auf allen Gebieten dartun. Aber man kann nicht beständig Reden halten. Man kommt selten zu Worte und wird noch seltener vom ganzen Hause gehört. Ausserdem verflüchtigt das gesprochene Wort sehr rasch. Die Anträge und Interpellationen erfahren nur in vereinzelten Fällen eine Behandlung im Plenum. Es fehlt uns noch das geschriebene Wort, welches direkt für die Abgeordneten und die Regierung bestimmt ist, ein Organ in Form einer Korrespondenz — gleich denjenigen der Polen, Deutschen und Ruthenen — welches eine Informationsquelle für die Presse, die Regierung und die parlamentarischen Gruppen abgeben könnte. Ein vorzügliches Instrument dieser Art wäre eine Wochen-, Halbmonäts- oder Monatsschrift (gleich der „Polnischen Post“, „UkrainischenRevue* etc.), welche längere Artikel und Referate über jüdische Fragen brächte. Leider fehlen uns die materiellen Mittel für derartige Publikationen. Nicht minder empfindlich berührt uns der Mangel an entsprechenden Informationen. Was wir über die Lage der Juden wissen wollen, müssen wir uns selbst aus Publir kationen hervorsuchen, in welchen vielfach der Juden nur so nebenher gedacht wird. Wer sich mit statistischen Studien beschäftigt hat, weiss, wie ermüdend und schwierig sich das Zusammenscharren von Daten über Juden gestaltet. Die Publikation „Die Juden in Oesterreich“ von Dr. Thon enthält wertvolles Material, berücksichtigt aber nicht die gegenwärtig in? Vollzüge begriffene Neugestaltung der Verhältnisse in der Judenheit. Neue Fragen bilden für den Forscher förmliche „terrae incognitae.“ Wir kommen als Abgeordnete mit unzähligen Leuten aller Stände in Berührung, aber es ist uns nie gelungen, eine erschöpfende Darstellung der Lage irgend einer Klasse oder Berufskategorie zu erlangen, geschweige denn ausgearbeitete und bei Behandlung laufender Gesetzesfragen zu verwertende Sanierungspläne. Die Erledigung der meist persönlichen Angelegenheiten unserer Wähler und Nichtwähler raubt uns viel Zeit. Wir entziehen uns dieser Aufgabe nicht, müssen aber unsererseits von der akademischen Jugend wissenschaftliche Mithilfe, von den jüdischen Behörden und Korporationen Beistellung alles verfügbaren Materials verlangen. Die Proklamierung unseres nationalen Programmes hat im Hause unzweifelhaft den besten Eindruck gemacht. Bisher verachtete man den Juden, weil man ihn bloss in der Rolle des Dieners anderer Parteien und Nationen kannte. Einem angeborenen Triebe zufolge meist im Vordergrund stehend, erweckte der im Dienste einer fremden Partei tätige Jude bei der Gegenpartei Hass, den man später allzu gern auf das ganze jüdische Volk übertrug. Unser Erscheinen im Parlamente lehrte die anderen zum ersten Male, dass der Jude eigene Ideale und Bestrebungen kennt, dass er reiche Schätze eigenartigen Denkens besitzt und kulturellen Zielen zustrebt, dass er die Kraft besitzt, den eigenen Weg zu gehen und ein eigenes Urteil zu fällen. Dieser Eindruck ist hervorgerufen und er wird unserem Vojke beim Gegner jene Achtung erringen, welche man der kraftvollen und mutigen Individualität schuldet. Das selbständige Auftreten der Juden bietet auch in anderer Beziehung grossen Vorteil. Allen freiheitlichen und demokratischen Aktionen haftet bisher immer das Odium jüdischer Angelegenheiten an, nur darum, weil Juden an ihrer Spitze standen. Die Gegner hatten so einen guten Angriffspunkt und konnten die Masse des Volkes, welche sich durch antijüdische Schlagworte leicht betören lässt, für sich gewinnen. Kaum standen die Juden abseits oder zumindest an weniger exponierten Stellen, fand die Sache der Freiheit die Unterstützung aller fortschrittlichen Elemente, wie immer sie sich in bezug auf die Judenfrage verhalten mochten. Den Klerikalen wurde auf diese Weise der erfolgreiche Gebrauch antisemitischer Schlagworte im Dienste der Reaktion erschwert. Dass die Juden solcherart dem fortschrittlichen. Gedanken nicht abtrünnig werden, sondern ihn fördern, ist für jeden Kenner des jüdischen Nationalprogramms unzweifelhaft. Es ist darum eine Verleumdung, wenn man behauptet, dass die Juden die Demokratie und den Fortschritt verraten, wenn sie auf die oft unerwünschte und der Sache nicht immer zum Vorteile gereichende Führerschaft verzichten. Wohl ist die Proklamierung des jüdischen Nationalprogrammes auf parlamentarischen Boden erfolgt, doch liegt die Realisierung noch m weiter Ferne. Nur wenn die gesamte Judenheit ihre Kräfte zur Verfügung stellt, ist sie erreichbar. Das nationale Leben spielt sich nicht im Parlamente, sondern im Lande ab, bei den mannigfachsten Gelegenheiten stösst man auf nationale Fragen, welche erst in weiterer Folge eine parlamentarische Regelung erfahren können. Wenn aber die Juden im alltäglichen Leben solchen Fragen aus dem Wege gehen, wenn sie mit Rücksicht auf die Parteien, Behörden und gewisse Körperschaften, vor der'Aufstellung nationaler Forderungen zurückschrecken und jeden Kampf scheuen, so fehlen uns im Hause die Grundlagen für Interventionen, können wir uns auf nichts berufen und stützen, unsere Worte bleiben dann bloss leerer Schall. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität kann durch das Gesetz nicht dekretiert, wohl aber kann sie bei hunderten von Anlässeh im täglichen Leben erzwungen werden. Wenn solche Anlässe infolge des Indifferentismus des jüdischen Volkes ungenützt bleiben, weiden auch wir nicht imstande sein, die Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität auch nur um einen Schritt der Lösung näher zu bringen. Das reine zionistische Problem entzieht sich vorläufig der parlamentarischen Behandlung. Es kann höchstens im Zusammenhänge mit der Frage der jüdischen Auswanderung aus Oesterreich nebenbei gestreift werden. In einer Rede zum österreichischungarischen Ausgleiche habe ich versucht, die Grundprinzipien der zionistischen Idee darzulegen und es wird sich in kürzester Zeit Gelegenheit für eine ausgiebigere Behandlung darbieten. So ist der Weg beschaffen, den wir wandeln. Haben wir sichtbare Erfolge erzielt? Nein! Hat doch keine einzige parlamentarische Gruppe in diesem neuen Hause bis nun Positives erreicht. Was sie erlangten, lief bloss auf die Verwirklichung vom alten Parlament geschaffener Gesetze oder Erringung eines der Parteistärke entsprechenden Einflusses auf die Regierung hinaus. Wir Juden haben in der abgelaufenen Kadenz kein einziges vorteilhaftes Gesetz erhalten, batten daher keine Gelegenheit zur Aufstellung derartiger Forderungen. Jedenfalls können wir behaupten, dem jüdischen Volke den einzigen Weg gewiesen zu haben, welcher in Oesterreich zur Verbesserung unserer wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse führen kann, einen Weg, den auch die anderen Völker erfolgreich eingeschlagen haben. Wir haben der Entwicklung des jüdischen Volkes eine dauerhafte Stütze geschaffen, und da wir auch mission ist die Mission der englischen kirchlichen Missionsgesellschaft, rf;ie fast ausschliesslich an eingeborenen Christen arbeitet, und ihre Haupt- | Stationen in den grossen Städten d’es Landes, in 1 Jerusalem, Jaffa, Gaza, Nablus, Nazareth, Haifa und Salt hat. Die Zentralstelle der ganzen Arbeit ist in Jerusalem, wo der Missionssuperintendent seinen Sitz hat und die meisten MiSsionsveranstaltungeri und Schulen sich befinden. Es sind 3 englische Geistliche und 3 Aerzte, 5 englische Lehrer, 41 Damen als 'Missionärinnen, 2 eingeborene Aerzte, 8 eingeborene Geistliche, 122 eingeborene Lehrer und Lehrerinnen, 2331 Gemeinldiemitglieder und 59 Schulen mit 3155 Schülern. Rein deutsche Gemeinden linden sich in Jerusalem, Jaffa und Haifa, die sich um die verschiedenen .Missions- und 'Wohltätigkeitsanstalten gruppieren. Eine -eigene deutsche Schule mit 65 Kindern, einem Hauptpfarrer mit -dem Titel Propst, und einem Hilfsprediger, der zugleich Schulleiter ist, und 168 Gliedern ist in Jerusalem. Die Gemeinde in Jaffa zählt 124 Glieder, die Haifa 156. Die. deutschevangelischen1 Kirchen, haben zusammen rund 440 Seelien. Templergemeinden gibt es noch 5: in Jerusalem, Jaffa, Sarena, WSlhelma bei Jaffa und Haifa. Es sind zusammen 1330 Seelen, einschliesslich 240 Sohiilern. 'Arabisch-protestantische Gemeinden -gibt es in Jerusalem, Bethlehem, in den Filialen Betschala und ßet Sahur, im ganzen 341 Personen. Dazu kommt noch das syrische .Waisenhaus in Jerusalem und das Mädchenwaisenhaus der Kaiserswerther Diakonissen, Thalita Kumi. F»ie übrigen deutsch-arabischen Gemeinden stehen alle unter der Hand des Berliner Jerusalems- Vereines. Drei amerikanische-Gesellschaften haben ebenfalls kieine Gemeinden gesammelt. Die griechisch-orthodoxe Kirche zählt etwa 50.000, die römisch-katholische rund 135.000 Seelen. Die Bergjuden im Kaukasus. Es ist bekannt, dass hn Kaukasus ein kleiner armer Stamm von 1 Juden lebt, über den selten einmal Nachrichten indie Oenentliehkeit dringen. Dieser Stamm, die soi genannten „Bergjuden“, zumeist grosse, starke und breitschulterige Gestalten mit gebräuntem Gesicht und schwarzem Bart, mag etwa 20.000 Seelen zählen. Ihre Sprache ist das Tat die Sprache eines mohammedanischen Volksstammes aus dem Gouvernement Baku. Obgleich sie sich m Sitten und Gebräuchen wenig von den anderen Völkern i ihrer Umgebung unterscheiden, werden sie doch , vielfach angefeindet. Früher waren die Bergjuden Sklaven des jeweiligen Herrschers des Kaukasus. I während sie sich jetzt seit langer Zeit ihre Selbst- 1 ständigkeit erkämpft haben. Sie wohnen verstreut von der Provinz Wartaschin bis zum Kuban: ihre Hauptstädte sind Kuba und Derbent Ueber die Vergangenheit dieses Stammes existieren bloss Sagen und Vermutungen. Die Bergjuden selbst betrachten sich als Nachkommen der „verlorenen zehn Stämme“. Zur Zeit ihrer Sklaverei unter den mohammedanischen Herren mussten sie den mohammedanischen Arbeitern monatelang Unterkunft und Verpflegung gewähren, und wenn die Arbeiter die Gegend verllessen. so verlangten sie von den Bergjuiden Belohnungen „für die Mühe des Essens“! Erträglicher wurde ihre Lage, als sie unter die Herrschaft den russischen Fürsten kamen. Der kaukasische Fürst Michael Nikolajewitsch hatte dien- Bergjuden völlige Gleichberechtigung zuerkannt; diese blieb indes, wie anderwärts, nur auf dem Papier bestehen. .In Russland unterliegen sie heute allen für die Juden bestehenden Beschränkungen. die allerdings den Bergjuden gegenüber nicht so streng angewendet werden. Z. B. werden sie an den Universitäten auch in höherer Zahl als die übrigen Juden auigenommen. Man hielt sie ihrer herkulischen Gestalt wegen für besonders geeignet. Schutzteute zu werden, aber sie lehnten diese Pasten als ihrer Würde als freie Bergbewohner nicht entsprechend ab. Statistisches, -In dem letzten Hefte der Statistik des Deutschen Reiches befinden sich Angaben über die Religionsverhältnisse der Bevölkerung nach der Zählung vom Jahre 1905. Die Zahl der Personen, die als Konfession „mosaisch“ angegeben haben, lauten: Provinz Ostpreussen 13.553, Westpreussen 16.139, Stadt Berlin 98.893. Brandenburg ohne Berlin 40.427, Pommern 9660, Posen 30.433, Schlesien 46.845, Provinz Sachsen 8050, S c h1 e sw i g - H ol s t e i n 3270, Hannover 15.581. Westfalen 20.757, Rheinland 55.408. Hessen-Nassau 50.016. Hohenzollern 469, Königreich Preussen 409.501, Bayern 55.341, K ö n i g r e i c h Sachsen 14.697, Württemberg 12.053, Baden 25.893, Grossherzogtum Hessen 24.696, M. ec leien burg-S chwerin 1482, Sachsen- Weimar 1421, Mecklenburg-Strelitz 298, Oldenburg 1493, Braunschweig 1815, Sachsen-Meiningern 1256, Sachse n -'A lt e n b u r g 131, S a ch sen -K o bu r g- Gotha 714, Anhalt 1460, Schwarzburg- Sonderhausen 82, Waldeck 629, Reuss {ältere Linie) 54, Reuss (jüngere Linie) 290, S c h a u m h u rg-Lippe 246, Lipp.e-Detmold 735,Lüb eck 638, Bremen 1432, Ham« bü rg 19.602, E1 sas s -L o t h r i n g e n 31.708*. Deutsches Reich 607.862.