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Jüdische Zeitung · 1908-05-29 · 22 (29.5.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
22 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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und verdummende Wirkendes deutschliberalen Gedankens unter den Juden wohl nie beleuchtet worden. Und uns Jüdischnationalen wurde der erbitterte Kampf gegen den verlogenen deutschen Liberalismus zum argen -Porwurf gemacht, man hat uns vorgejammert, dass wir den Juden ihre besten Freunde abspenstig machen. Angesichts dieses Ritualmordhelden, dieses edlen Tribunen von liberaler Judendummheit Gnaden bekennen wir freudig, an der Schwächung der pseudo-liberalen Judenpolitik ein Jahr lang emsig und erfolgreich gearbeitet zu haben und wollen gern die Verantwortung für ihren völligen Ruin auf uns nehmen. * * * Die zionistischen Akademiker haben vor wenigen T'agen nach hartem Kampfe denstaatlichen Behörden die Anerkennung derjüdischen Nationalität ab gerungen! Von allen Seiten angefeindet, von den in Israel leider noch massgebenden Krämerseelen auf Schritt und Tritt behindert, von den eigenen Vätern als „unreife Stänkerer und gefährliche Krawallmacher* vor der Oeffentlichkeit desavouiert und denunziert, haben diese jungen Leute die Basis für die Konsolidierung des österreichischen Judentums geschaffen. Vor dem Auftreten der Jüdischnationalen war die Hochschule der Ort, wo unsere Jugend ihrem jüdischen Volks turne am gründlichsten und raschesten entfremdet worden ist, eine rationell arbeitende Assimilantenfabrik. In deutschen und sonstigen fremdnationalen Vereinigungen hat der jüdische Student als perzentuell geduldetes und zur Verleugnung seiner Eigenart statutenmässig gezwungenes Mitglied an Gemüt und Charakter unendlichen Schaden erlitten. In dem grossen Korps jüdischer Aerzte,- Juristen und Techniker hat die Massentaufe grassiert Die Parole „Kultur ist Abkehr vom Judentume“ hat den letzten Funken Selbstvertrauen erstickt. Unter den bittersten Entbehrungen hat derärmste Jude seinem Sohne das Eindringen in die Gebiete höheren Wissens ermöglicht und das Resultat war die Entfremdung. Ein ungeheures, mühsam zusammengerafftes Kapital an jüdischer Kraft wurde in unsere Jugend förmlich hineingepfercht, die Zinsen bekam das jüdische Volk nie zu sehen. Es zog sich Lakaienseelen, Verräter, Wegläufer, bestenfalls schwächliche Gleichgiltige auf und hat sich resigniert in diesen widernatürlichen und unleidlichen Zustand hineingefunden. Der offiziell als „verderblich und hetzerisch" gekennzeichnete Einfluss des jüdischen Nationalgedankens hat ihn beendet, er hat unserem Volke seine Jugend und seine geistige Elite wiedergegeben. Und mehr noch! Diese langentfremdete Jugend beschränkt sich nicht auf treue Gefolgschaft, , sondern wirft sich an die Spitze und erkämpft den ersten grossen Erfolg! Hätte dieses Jahr jüdischnationaler Arbeit nichts anderes gebracht, man müsste, es ein gesegnetes nennen. * * * Die jüdisch-nationale Partei hat vier Juden ins Parlament gebracht. Von jüdischen Müttern geborene Klubsklaven deutscher, tschechischer und polnischer Zunge waren schon oft drin, jüdische Männer zogen zum ersten Male ein. Wenn wir sie inmitten dieser Redlich, Licht, Kuranda, Löwenstein u. a. sitzen sehen, lacht uns das Herz, der Vergleich macht sie uns doppelt lieb. Steht so ein Kuranda auf und weiss als Abgeordneter eines ausschliesslich jüdischen Wahlkreises kein schöneres Liedei zu krächzen, als das von der „Vergewaltigung“ der Deutschen, von dem bedrohlichen Ansturm der „slawischen“ Hochflut, greint darüber, dass in den Ministerien zu wenig Deutsche und zu viel Slawen sitzen .. Dass jüdische Studenten mit prächtigen Zeugnissen jahrelang brotlos vor den verschlossenen Türen aller Aemter stehen, kümmert diesen Juden nicht, et hat für die Germanen zu sorgen. Dass seine verschimmelten Phrasen von der „slawischen* Hochflut tausende kleiner Judenexistenzen in Böhmen und Mähren dem Boykott seitens der tschechischen Bevölkerung aussetzten schert ihn blutwenig. Seinen Wählern, meistens Grosskaufleute vom Kai, haben die Slawen noch kein Haar gekrümmt, wohl aber manchen Gulden zu verdienen gegeben, aber er muss für die Nation der Lueger, Schmidt, Wolf und Schneider „kämpfen“. Nach ihm steht der gewässerte Redlich auf und singt dem Gessmann ein Loblied, als hätten die Gödinger Und Nikolsburger Juden keinen lieberen Freund als diese brutalantisemitische Exzellenz/ Jude Licht holt sich auf deutschen Volkstagen in Prossnilz und Eger bei Schöhefiänern, Cfiristlichsoziäleh, Wolfianern und andern Freunden des Jadenvolkes gehorsamst seine Verhaltungsmassregeln, Löwen stein hetzt im Dienste der Schlachta den Juden die Ruthenen auf den Hals u. s. f. Und mitten in diesen jämmerlichen Assimilantenkreis hat unsere Partei Männer gesetzt, die keinen fremden Herren kennen und nur dem jüdischen Volke verantwortlich sind, die Juden sind, sonst nichts. Wo sind die Lacher, die ein Spottgewieher anstimmten, als man das erstemal von zionistischen Parlamentariern sprach? Ihr blosses Erscheinen bedeutete eine Ehrenrettung für (der zumeist silberne Brustscbild, der nicht selten rechtwinklig ausgeschnitten ist und durch besondere, mit verzierter hebräischer Schrift versehene auswechselbare Schildchen gefüllt wird) und „Jad“ (Thorazeiger, der beim Vorlesen der Perikopen verwendet wird, weil die Hand dazu nicht gebraucht werden darf). Der Aufbewahrungsort für die Thorarolle ist der Aron . Hakkodesch (Thoraschrein), ein zuweilen aufe reichste ausgestatteter in Holz geschnitzter, mit farbigen Hölzern, Elfenbein oder Zinn eingelegter Wandschrank, der in der rituellen Stufenreihe noch eine höhere Stufe einnimmt als der Synagogenbau und darum von jeher eine sorgfältige künstlerische Ausführung erfuhr. Unter den ausgestellten Thoraschreinen findet sich ein solcher auf Goldzwischengläsem aus dem 1. Jahrhundert n. Cbr. aus den jüdischen Katakomben in Rom. Wie der Aron Hakkodesch ist auch das Parocheth (Thoravorhang), das nach Art des Vorhanges, welcher in der Süftshütlte das Allerheiligste schützte, von dem Thoraschrein angebracht ist, Gegenstand besonders künstlerischer Ausstattung. Man sieht Thoravorhänge mit Goldstickereien auf Samt, durchbrochene Silberapplikation auf Seide mit allerlei Verzierungen, Emblemen usw. Ein sehr wichtiger Bestandteil der Synagoge ist der Almemor, das mit der Pultdecke versehene Vorlesepult, auf welchem die in Prozession dahin gebrachte Thorarolle perikopenweise verlesen wird. Ausser mehreren Almemorphotographien finden wir hier auch ein Original aus Nussbaumholz, einer badischen Synagoge aus dem IS. Jahrhundert entstammend, jedoch künstlerisch nicht ron Belang, dagegen ist der geschnitzte eingelegte Rabbinerstuhl aus der Synagoge in Rom eine sehr hübsche Arbeit. Weiter sieht man in dem umfassenden Vergleichsmaterial von gottesdienstlichen Geräten noch ewige Lampen, Waschgefasse, Zehngebotetafeln, Opferstöcke, Schopharim (Widderhörner zum Blasen am Neujahrsfeste), etwa 50 teilweise hochinteressant ausgeführte Bekrönungs- (Chanukah-)Leuchter (zur Erinnerung an den Sieg der Makkabäer), an 40 Gewürzlürmchen Kidduschbecher, Sabbatdecken usw. Eine schier noch grössere Ausbeute bringt der Seder (häuslicher Gottesdienst). Hier finden wir die Sederschüssel mit den drei in Servietten eingewickelten ungesäuerten Broten (Mazzen), die Bitterkrautschale, Kidduschbecher, Charossesbehälter, Haggaden, Megillen, Omerbürher (Kalender). Beschneidungsgeräte, Sukkablälter vom Laubhüttenfest. Von hoher Schönheit sind hier viele der 80 ausgestellten Megillahrollen, welche die Geschichte der Esther behandeln — der Miniaturen- und Illustrationsschmuck wetteifert bei manchen mit den Haggaden. Meisterwerke des Zierschmucks und der künstlerischen Schrift finden sich unter den Kethuboth (Eheverträgen), die als äusseres Wahrzeichen eines su bedeutungsvollen Lebenseinschnittes, wie es die Ehe für den Israeliten ist, natürlich besondere Sorgfalt auch in der künstlerischen Ausführung der Urkunde erfuhren, solange die Juden ihre Justizautonomie hatten. Die schönsten Kethuboth gehören den italienischen des 17. und 18. Jahrhunderts an. unser Volk. Sie haben der nichtjüdischen Welt den ungekannten Anblick jüdischen Selbstbewusstseins geboten und selbst diesem österreichischen Parlamente, wo der wildeste Judenhass Orgien feiert, unbedingte Achtung abgerungen. Uns aber erfüllt ein früher nie empfundenes Gefühl der Sicherheit und Zuversicht, denn im „Jüdischen Klub" ist der jüdischen Sache ein mächtiger Anwalt erstanden. Dieses erste Jahr jüdiscbnationaler Arbeit hat sich verlohnt. Nach einem Jahre. Vom Reichsrataabgpordneten Dr. Heinrich Gabel. Ein Jahr ist verflossen, seitdem wir jüdisch-nationale Abgeordnete in das Parlament eingezogen sind. Anlässlich der Jahreswende sind wir verpflichtet aus unseren Verlusten und Erfolgen Bilanz zu ziehen und Rechenschaft abzulegen. Gingen wir den richtigen Weg und dürfen wir ihn auch künftig beibehalten? Wir dürfen dieser Frage nicht ausweichen, denn in unsere Hände hat ein Volk die Last seiner Leiden und den Schatz seiner Hoffnungen und Bestrebungen vertrauensvoll gelegt. In das Parlament kamen wir mit der Aufgabe und in der Absicht, das Judenproblem neuartig zu beleuchten und zu behandeln. Im Vordergründe stand die ökonomische Frage, die Regierung kümmerte sich nie um die ökonomischen Bedürfnisse der Juden, weil ihr bisher niemand die nötigen Informationen erteilt hatte. Die grossen Parteien des Hauses wussten nichts von der Not der jüdischen Massen, denn sie kannten nur die reichen Juden aus Wien und Böhmen. Vielleicht wurden deshalb im alten Hause so leichtfertig soziale Gesetze geschaffen, die in ihrer Konsequenz die Existenz der Juden bedrohten, vielleicht war es gerade deshalb so schwer, erleichternde Modifikation dieser Gesetze zugunsten der Juden zu bewirken. Es hätten sich möglicherweise auch im alten Hause gerechte Männer und Gruppen gefunden, die dem versinkenden Judentume hilfreiche Hand geboten hätten, wenn sie mit der wirklichen Lage des jüdischen Volkes vertraut gewesen wären. Viel ist auf fremde Hilfe in der Regel nicht zu bauen, jm gegebenen Falle aber ist es der einzige Weg, auf welchem Milderungen der gegen die Juden gerichteten Gesetze zu erwirken sind, das einzige Mittel, um die Juden vor weiteren Verfolgungen zu schützen. Der Jüdische Klub, ja selbst alle jüdischen Den Schluss der Ausstellung bildet eine „Schrift- und Drucksammlung“ von mehr als 200 Manuskripten. in teilweise hocbkünstleriscben- und interressanten Stücken (z. B. die Miniaturen aus Handschriften des Maimonides) und eine Kollektion Illustrationen zu einem demnächst erscheinenden Werke von Direktor Frauberger („Jüdische- Alphabete“), dem das Zustandekommen der Ausstellung in erster Linie zu danken ist. („Rhein.-Westpli. Ztg.“) Allerlei. Jüdisch-christliche^ Mischehen. Eine neue Statistik enthält folgende Daten:' In "derT letzten 25 Jahren bilden die jüdisch-christlichen Mischehen in Dänemark 69 Prozent der .reinjüdischen Ehen, im Deutschen Reiche sind es 21 Prozent, in Berlin kommen 44, in Hamburg 50 Mischehen auf 100 reinjüidische Ehen. Kirche, Schule und Mission. In Palästina sind derzeit mit der Judenmission beschäftigt: zunächst 'die Londoner Gesellschaft zur. Verbreitung des Christentums unter den Juden. Sie ist die bedeutendste -und gruppiert sich um die nahe beim Jaffator gelegene Cbristuskirche. Hier sind innerhalb 8 Jahren ©2 Juden getauft worden, die Gemeinde selbst zählt aber gegenwärtig nur 70 Seelen;: 3 englische Missionäre und Aerzte sind dabei verwendet. Auch in Jaffa und in Safed in Galiläa ist eine kleine Judenmission. Viel jünger als die Londoner Judenmission ist die dier schottischen Freikirche. Sie hat nur zwei Stationen, eine in Tiberias, die andere in H-ebrön; beide Gemeinden sind ganz klein. Weit bedeutender als di‘e Juden

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