Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 21 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 feait und gesetzwidrig ist. Wir perhorreszieren dieses Prinzip. Wir Juden dienen und wollen dem Kaiser und dem Staate mit allen unseren Kräften ohne Rücksicht auf den Prozentsatz dienen. Wir verlangen aber, dass wir auch vollständig gleich mit allen Bürgern behandelt und dass unsere Rechte auch voll und gleich beachtet werden. So wie wir gegen die Resolution Schmid protestiert haben, sowohl hier im Hause als auch ausserhalb, und ebenso wie in Russland die jüdischen Abgeordneten in der Duma gegen das Prinzip des Prozentsatzes in dem russischen Militär protestiert haben, werden wir auch überall dagegen protestieren, dass wir nur auf Grundlage des Prozentsatzes im Verhältnisse zu der allgemeinen Bevölkerung berücksichtigt werden. Wir verlangen gleiche Rechte, so wie wir Gleiches zu leisten uns verpflichten. Da wir aber von gleichen Re <hten (bei der Militärverwaltung nichts zu hören bekommen, vielmehr das Gegenteil gehört haben, können wir der Militärverwaltung das Vertrauen nicht votieren. Verein „Nationale Autonomie.“ Dienstag den 19. d. fand die konstituierende Versammlung des Vereines „Nationale Autonomie“ statt, welcher bekanntlich vor längerer Zeit duroh hervorragende Politiker verschiedener Nationalität und Parteistellung, wie Prof. Ma sa r yk, Dr. Karl Renner, Prof. Romanczuk, Mathias Ach er auf Anregung des Herrn Luzian Brunner gegründet wurde. Unter den Anwesenden bemerkte man den polnischen demokratischen Abgeordneten Dr. Breiter, die Jüdischnationalen Dr. Lanzer, Obmann des Nationalvereines, Dr. Nathan Birnbaum, Dr. H. K a di s c h und zahlreiche aridere Gesinnungsgenossen, die ruthenischen Abgeordneten Dr. Eugen Lewicki, Prof. Romanczuk und Dr. T rylowsk i, Vertreter der Deutschnationalen und der Rumänen. In der Debatte wurde allseits die Wichtigkeit betont, neben dem politischen auch einen kulturellen Verein zu begründen, welcher für die Annäherung der österreichischen Nationen zu wirken hätte. Die von Luzian Brunner präsidierte Versammlung wählte folgende Herren in den Vorstand: Dr. Birnbaum (jüd.-mat.), Abg. Breiter (Pole), Abg. Dr. Lewicki (Ruthene), Richter (deutsch), Dr. v.Zoppa (Rumäne), Redakteur B e r n ecker (deutsch). Dem neugewählten Vorstand wurde aufgetragen, unverzüglich idie Statuten für den zu gründenden 'kulturellen Verein auszuar.beiten. Der Vorstand konstituierte sich wie folgt: Abg. Breiter, Obmann, Abg. Dr. Lew ick i, R. Richter, Stellvertreter, Dr. Birnbaum. Schriftführer. R. v. Z o p p a, Kassier. Eine Massenkundgebung der galizischen Zionisten. (Original-Korrespondenz der »Jüdischen Zeitung“.) Zur Erinnerung an den ersten Sieg der jüdischnationalen Bewegung auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes, veranstaltete das zionistische Zentralkomitee am 16. und 17. d. M. in allen grösseren Städten Galiziens Volksversammlungen mit der Tagesordnung: „Die politische Lage der Juden in Galizien.“ In allen Versammlungen 35 an der Zahl wurden folgende Resolutionen einstimmig gefasst: I. An den „jüdischen Klub“ in Wien! Die am 16. d. M. abgehaltene Versammlung jüdischer Bürger drückt dem „jüdischen Klub“ sein vollstes Vertrauen aus und bittet ihn, auf dem bisherigen Wege weiter fortzaschreiten. II. An Se. Excellenz den Ministerpräsidenten Baron Beck in Wien! Die am 16. d. M. versammelten jüdischen Bürger verlangen die Anerkennung der jüdischen Nationalität und protestieren entschiuden gegen jede Verschärfung der Sonntagsruhe, durch welche die den Sabbath feiernden Handels- und Gewerbetreibenden geschädigt werden. III. An Se. Exzellenz den Landmarsch all Grafen Badeni in Lemberg! Die am 16. d. M. versammelten jüdischen Bürger verlangen die Anerkennung der jüdischen Nationalität sowie eine gerechte Reform der Landtagswahlordnung auf Grund des allgemeinen gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts. In Lemberg fand die Versammlung im Saale des Vereines „Tikwath Zion“ Samstag den 16. d. M., abends statt. Den Vorsitz führte Gg. David Schreiber, Referent war Gg. Efroim Fischei Waschitz. Namens der Poale Zionisten sprach noch Herr Salmann Herz, dessen Zusatzresolution, in welcher das allgemeine Wahlrecht für die Kultusgemeinde gefordert und Abgeordneter Straucher als Präsident der Kultusgemeinde in Czernowitz ersucht wird, eine bezügliche Aktion einzuleiten, ebenfalls angenommen wurde. A. K. Czernowitzer Brief. Die Haltung der jüdisch-nationalen Studentenschaft in der W ahrmund-Affäre. Czernowitz, am 16. Mai 1908. Die gegen die klerikalen Angriffe gerichtete Bewegung unter der Studentenschaft Oesterreichs hat naturgemäss die jüdisch-nationalen Akademiker in besonderem Masse interessiert. Abgesehen davon, dass die jüdisch-nationale Studentenschaft eminent freiheitlich.gesinnt ist, und ihr die freie Forschung und die freie Wissenschaft mehr am Herzen liegen, als so mancher deutschen Verbindung, die im Falle Wahrmund die erste Geige spielt, ergriff sie die günstige Gelegenheit, den sogenannten „Freisinn“ der deutschen Studenten entsprechend zu beleuchten und ihren Standpunkt vor der Oeffentlichkeit klarzulegen. Sie ist hiebei zielbewusst, kraftvoll und würdig vorgegangen. In Czernowitz war es für die jüdischnationale Studentenschaft keine einfache Sache, in der vorliegenden Atlare die richtigen Massregein zu treffen. Es ist noch in frischer Erinnerung, welcher Haltung sich unsere „freiheitlich“-deutschen Studenten im Falle Mahler befleissigten. Die nämlichen deutschen Studenden, welche heute wegen der Sistierung der Vorlesungen des Professors Wahrmund so erregt sind, haben erst vor wenigen Monaten gegen die Uebertragung der venia legendi an den Prof Mahler protestiert, nur aus dom Grunde, weil Prof. Mahler jüdisch-national ist. Als sich nun die deutschen Verbindungen anlässlich der Wabrmundaflare an die Jüdisch nationalen um Mithilfe wandten, zeigten sich diese selbstverständlich nicht gewillt, bedingungslos Gefolgschaft zu leisten. Nach mehrfachen Konferenzen der Vertreter der hiesigen jüdisch-nationalen Verbindungen „Emunah“, „Hasmonäa“, „Hebronia“ und „Zephirah“ wurde einhellig der Beschluss gefasst, im Prinzipe solidarisch mit den anderen Studentenkorporationen vorzugehen, dieses gemeinsame Vorgehen aber von der Haltung der deutschen Studenten gegenüber den berechtigten Forderungen der Jüdisch nationalen abhängig zu machen. Diesen Beschluss brachte Herr cand. phil. Gabe der allgemeinen Seniorenkonferenz am Donnerstag, den 14. d. zur Kenntnis, indem er im Namen der jüdisch-nationalen Verbindungen folgende E rklär un g abgab: „Die jüdisch-nationalen Studenten sind sich wohl bewusst, dass sie in dieser Angelegenheit mit Studenten Zusammengehen, die vor ungefähr vier Monaten dagegen gekämpft haben, wofür sie heute kämpfen. Angeblich freisinnige deutsche Studenten waren es, welche den Professor Dr. Arthur Mahler wegen seiner politischen Leberzeugung an der Prager Universität unmöglich machten, ebenso waren es angeblich freisinnige deutsche Studenten, welche in Czernowitz, als es sich um die Uebertragung der venia legendi an Professor Mahler bandelte, in einer Versammlung dagegen Stellung genommen haben. Wenn also der Fall Wahrmund für unsere Empfindung um nichts krasser, als der Fall Mahler ist, so stehen wir jüdischen Studenten dennoch nicht an, treu unseren freiheitlichen Prinzipien, unsere Solidarität mit der freiheitlichen Studentenschaft von ganz Oesterreich zu bekunden. Noch am selben Tage hatte die jüdisch-nationale Studentenschaft Gelegenheit, ihren Standpunkt nachdrücklich zu betonen. Ebne zweite Seniorenkonferenz sollte über das an den Rektor der hiesigen Universität, Dr. K o z a k gerichtete Memorandum schlüssig werden. Ein Mitglied einer deutschen Verbindung schlug eine kurze Abfassung vor, wonach sich sämtliche freiheitlichen Studenten gegen jeden Eingriff in die Lehr- und Lernfreiheit an den Universitäten aussprechen. An diesen Vor- Das sympathischeste an Roosevelt ist sein Temperament. Man sagt ihm automatische Allüren nach. Die Mätzchen der Autokraten hat er aber jedenfalls nicht. Er gibt sich natürlich in seiner natürlichen Lebhaftigkeit. Seine Art, mit den Händen das Werk der Lippen auszubauen, heimelte mich an und liess mich unsichtbar lächeln. Vielleicht hätte er mirs gar nicht verargt, wenn ichs sichtbar getan hätte. Denn es fehlt ihm nicht an Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit. Sicherlich, er ist ein ganzer Mann I Einer, der das „Weisse Haus“ ausfüllt! Aber doch nicht einer, der bange Fragen bannen kann, wie etwa die: Wo treiben sie hin in diesem seltsamen Staate, der einst, den grössten Teil der Menschheit beherbergen wird? Wie werden sie sichs’ einrichten? Was wird aus allen den Völkern werden, die sich da ansiedeln? Was aus den Juden? Wann wird Amerika so schön werden wie Europa? Und wann noch schöner, viel schöner., .? Allerlei. Die Humanisten und das jüdische Schrifttum Ueber dieses. Thema entnehmen wir einem Vorträge des Herrn Direktor Dr. F e i 1 c h e n f e 1 d in Fürth folgende interessante Ausführungen: In der Periode des Humanismus und der Renaissance sind trotz der bedeutenden Erweiterung des geistigen Gesichtskreises die Sitten und Anschauungen der breiten Massen nicht edler und humaner geworden, was sich besonders bei der Behandlung der Juden in Deutschland in jenem Zeitalter zeigte. Allein man machte im Anfänge des 16. Jahrhunderts nicht bei der Unterdrückung der Juden Halt, sondern man strebte auch die Vernichtung der „Judeubücher* an, wobei sich der getaufte Jude Pfefferkorn im Einvernehmen mit dem Dominikanerorden in Köln besonders hervortat. Die nachbiblischen, namentlich aber die rabbinischen Schriften, wurden als chriatenfeindlich denunziert und schliesslich gelang es Pfefferkorn sogar, durch Vermittlung der Herzogin Kunigunde von Bayern beim Kaiser Maximilian die Konfiszierung aller nachbiblischen hebräischen Schriften zu bewirken, Als ersten und besten Wirkungskreis für sein Zerstörungswerk wählte sich Pfefferkorn Frankfurt a. M. Einen gerechten und wohlwollenden Verteidiger fanden aber die Juden in dem damaligen Erzbischof Uriel von Gemmingen in Mainz, der sogar den Geistlichen seines Sprengels verbot, bei den Bücherkonfiskationen in den Synagogen mitzuwirken. Die Frankfurter Juden boten ihrerseits alles auf, um den Kaiser umzuslimmen, und erzielten durch einen eigenen Gesandten tatsächlich eine einstweilige Einstellung des Konfiskationswerkes. Durch eine merkwürdige Verkettung von Umständen war es aber der Kaiser selber, der auch die Zurückgabe der bereits beschlagnahmten 1500 hebräischen Bücher an die jüdische Gemeinde veranlasste. Ein deutscher Fürst, der sich besonderer Gunst beim Kaiser erfreute Herzog Erich von Braunschweig, hatte nämlich bei reichen Frankfurter Juden wertvolle Kleinodien verpfändet und grosse Geldsummen dafür entliehen. Hach häufigen Verlängerungen der Zahlungsfrist bestanden die Gläubiger endlich auf Bezahlung der Schuld oder Verfall der Kleinodien. Da gelang es dem Kaiser, eine nochmalige Verlängerung der Zahlungsfrist für seinen Günstling zu erlangen, er gab dafür aber den Befehl, den Juden die konfiszierten Bücher wieder zurückzugeben. Aber die Gefahr, die den Jadenbüchern drohte, war damit noch nicht beseitigt. Der Mainzer Erzbischof holte im Aufträge des Kaisers bei verschiedenen Universitäten und einzelnen Gelehrten Gutachten über den Inhalt und die Tend-iiz der jüdischen Schriften ein and die Befragten sprachen sich fast alle in dem Sinne aus, dass die jüdischen Schriften ausser dem alten Testament voll von Schmähungen gegen das Christentum and daher zu verbrennen seien. Johann Reuchlin allein, der gelehrteste and edelste der Humanisten, hatte den Mat, sowohl vom Standpunkte der Wissenschaft, wie vom Standpunkte des Rechtes aus ein Vorgehen gegen die jüdischen Schriften aufe entschiedenste za verurteilen. Ein wichtiges Ergebnis war durch Reucblins mannhaftes Eintreten für das jüdische Schrifttum gewonnen: Fortan konnte es wohl noch Vorkommen, dass einzelne jüdische Schriften wegen ihres Inhalts beanständet und konfisziert wurden; eine allgemeine Verfolgung der »Judenbücher“ aber war seitdem in Deutschland ausgeschlossen.