Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 21 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 21 Unterschied der Parteirichtung zu einer Einheitlichen Protestkundgebung zusammen, um das gegen das gesamte Judentum Oesterreichs yeplante Attentat abzuwehren. Wie schön wäre es, diese 11 Juden, die doch zur Vertretung jüdischer Interessen ins Parlament geschickt wurden, nebeneinander zu sehen, Schulter an Schulter überall kämpfend, wo es gilt, eine dem Judentum drohende nationale Gefahr abzuwenden! Es wäre schön, ja zu schön; doch kann es vorläufig nur ein schöner Traum sein! Die Resolution Scbmid spricht doch nicht von jüdisch nationalen Studenten; die Tore der Wissenschaft will sie für s ä m tliche jüdische Mittelschüler nach dem Prozentsätze der Bevölkerung verrammeln lassen. Sie macht dabei keinen Unterschied zwischen jüdischen Deutschen und Polen mosaischer Konfession oder zwischen sogenannten „unabhängigen Juden“ und sozialdemokratischen „Genossen“ — die Herren Abg. Diamant und Liebermann mögen das Gegenteil behaupten, wenn sie es beweisen können — denn unsere Feinde sehen in uns nur Juden und ihre Angriffe gelten uns allen ohne Aus- * nähme. In den Augen der Feinde sind wir bereits e in Volk, warum dürfen wir es aber nicht in unseren eigenen Augen sein? M ü s s man denn zum Beispiel dem deutschnationalen Verbände angehören wollen, aber nicht können, weil man — als Jude schmählich zurückgewiesen wird? Ist es denn wirklich notwendig, sich mit einem Maulkorb versehen, in den Polenklub, wie in einen Käfig einschliessen zu lassen, sich krümmen und winden, eine bittere Pille nach der anderen schlucken zu müssen und dennoch nicht immer — wie es erst kürzlich bei der Abstimmung in der Wahrmund-Affäre der Fall war — durch Dick und Dünn mit den blaubiütigen und bäuerlichen Klub,genossen“ gehen zu können, weil man — Jude ist? Dürfen sich denn die zerstreuten Glieder eines natürlichen Ganzen in normalen Verhältnissen nicht' finden? Müssen sie sich gegenseitig abstossen, um erst durch einen lebensgefährlichen Stoss des Feindes nähergerückt zu werden? Könnte man sich doch durch die Anziehungskraft der Nationalität brüderlich vereinigen und man brauchte der Natur keinen Zwang anzutun! Man könnte, wenn nur der Wille da wäre, die Wahrheit als Wahrheit gelten lassen. Nim, auf unserer Seite fehlte es an gutem Willen nie. Für die Assimilanten aber sollte die Resolution S c h m i d eine genügende Lektion sein, um ihnen die Ueberzeugung beigebracht zu haben, dass man einen starken Feind nicht dadurch erfolgreich bekämpft, dass man sich auflöst und j in seinen Reihen flüchtet, um dann einzeln ) leichter geschlagen undautgerieben zu werden, sondern dass man alle nur vorhandenen Kräfte sammelt und zu kräftiger Abwehr einigt. Sollte, der letzte antisemitische Vorstoss diesen Erfolg zeitigen, sollte er zur Verwirklichung der jüdischen Sölidarität beitragen, dann könnten wir der christlichsozialen Partei recht dankbar sein, denn sie würde das Schlechte gewollt, aber das Gute gestiftet haben. Parlament und Politik. Abgeordneter Dr. Gabel gegen die Zurücksetzung der Juden beim Militärärztekorps. Gegen die Interpellationsbeantwortung des Landesverteidigungsministers wegen der Zurücksetzung der Juden im. militärärztüchen Korps, m welcher er, wie vir bereits dargetan 'haben, die Tatsachen geschickt zu verschleiern suchte, wendete sich Abg. Dr. Gabel in der Sitzung vom 15. Mai a. c. Da es ihm wegen Schliessung der Debatte nicht möglich wurde, in dieser selbst das Wort zu ergreifen, wählte er die Form einer tatsächlichen Berichtigung. Er sagte: Meine Herren! Idh berichtige tatsächlich, dass die Ausführungen des Landesverteidigungsministers, dass die Heeresverwaltung gegenüber allen Nationen und Konfessionen, insbesondere gegenüber der jüdischen Nation, vollständig objektiv und gerecht vorgeht, den Tatsachen nicht entsprechen. lieber die Behandlung der jüdischen Mannschaft hat schon mein Kollege Dr. Straucher und auch der Abgeordnete der Stadt Przemysl, Dr. Liebermann, gesprochen. Ich konstatiere, dass auch gegenüber den jüdischen Offizieren, insbesondepl gegenüber dep jüdischen Militärärzten, nicht der gleiche Massstab angewendet wird. Der > Herr Landesverteidigungsminister 'hat Daten zitiert, die willkürlich zusammengestellt sind und jeder logischen Begründung entbehren. Die Daten .reichen bis zum Jahre 1888, wo noch ein liberales und gerechtes Regime in der Heeresverwaltung geherrscht hat. Nehmen vir aber den Zeitpunkt, von dem an der General-Oberstabsarzt v. Uriel das Regime übernommen hat, so sehen wir, 'dass diese Periode der militärärzßichen Verwaltung nicht nur kein gerechtes Vorgehen gegenüber den bereits funktionierenden jüdischen Militärärzten oder den Aspiranten autfveist, sondern eher die Verdrängung der jüdischen Militärärzte zum Zwecke hat. Meine Herren! Tatsache ist, dass seit dem Amtsantritte des Dr. v. Uriel keine jüdischen Oberärzte ernannt wurden, obwohl noch bis zum 15. Dezember 1907 240 Oberärzte zum regelmässigen Stande dieser Ohargengruppe. fehlten. Erst am 1. August 1907 hat sich Dr. v. Uriel veranlasst gesehen, fünf jüdische Oberärzte zu ernennen, um auf diese Weise zu der bekannten Prozentzahl von 5,6 Prozent, mit der er jetzt Staat macht, kommen zu können. Ich konstat:ere weiter, dass im Jahre 1906 von 231 Regimentsärzten II. Klasse nur 11 Juden waren. Ich konstatiere ferner, dass unter der Amtstätigkeit des Dr. v. Uriel die bekannte Beförderungskommission eingesetzt worden ist, welche schon bei der Qualifikation zum Oberstabsarzt II. Klasse auszusprechen hat, ob der Beschriebene auch die Eignung zum Oberstabsarzt I. Klasse habe. Den jüdischen Aerzten wurde in der Regel seitens dieser Kommission die Eignung abgesprochen und ihnen das Exequatur versagt. So ist es gekommen, dass unter 44, Oberstabsärzten I. Klasse nur zwei Juden figurieren. Laut des letzten Avancementsverordnungsblattes sind wiederum zwei Oberstabsärzte II. Klasse über- ' gangen worden und einem von ihnen wurde eröffnet, dass, wenn er nur das Hindernis der Religion beseitigt, er ohne weiteres avancieren wird, weil er alle Qualifikatinoen zum Vorrücken besitzt. Esist weiter eine Tatsache, dass bei der Prüfung der Regimentsärzte zu Stabsärzten 80 Prozent der Durchgefallenen Juden, sind, obwohl dieselben die beste Qualifikation als Regimentsärzte hatten und auch allgemein als tüchtige und talentierte Offiziere bekannt waren. Ich konstatiere schliesslich auf Grundlage der Daten des Kriegsministeriums, dass in den letzten Jahren überhaupt keine Militärstipendien an jüdische Bewerber verliehen wunden. So hat -der Reichskriegsminister von Pitreich am 2. Juli 1906 in den Delegationen dem Abg. Dr. Straucher erwidert, dass bis zum 2. Juli 1906 114 Stipend en au Juden verliehen worden sind, der Herr Landesverteidigungsminister aber behauptet, dass bis zum 5. Mai 1908 nur 108 Stipendien verliehen wurden. Also zwei Jahre vorher wurden nach Angabe des Reichskriegsministers mehr Stipendien verliehen und doch sagt uns der Landesverteidigungsminister . . . Vizepräsident Dr. Z a c e k (unterbrechend): Herr Abgeordneter, ich bitte, sich vor Augen zu halten, dass ich Ihnen das Wort zu einer tatsächlichen Berichtigung erteilt habe. Abg. Dr. Gabel (fortiahrend): Ich berichtige also tatsächlich, dass die Berufung des Landesverteidigungsmimsters auf die Prozentzahl der Juden in der Bevölkerung und die Beziehung dieser Ziffer auf die Mratärverhältnisse unstattboden bis zura Dacbe reichend, die in ihrer keuschen Schönheit die Idee der Stärke auslösen. Mit vielem Danke muss ich meines Führers gedenken, des jüdischen Parlamentsmitgliedes Goldvogel, eines Erwählten/ der New-Yorker Unterstadt, der sich, wie man mir erzählt, der jüdischen Interessen stets mit warmer Hingabe an nimmt Er war es auch, der mich ins „Weisse Haus“ geleitete, vor den Mann, der von einer unglaublichen Volksbeliebtheit getragen wird und den kennen zu lernen, ich begierig war. Ich hatte mir Roosevelt immer als dem deutschen Kaiser, den man ja aus seinen Verlautbarungen ziemlich gut. kennt, kongenial vorgestellt Aber er ist anders, ganz anders. Der deutsche Kaiser ist Europäer vom Scheitel bis zur Sohle, kulturbedingt und kulturgetragen, kompliziert und vielgestaltig. Der Präsident aber ist kein Europäer, in seiner Seele scheint keine »Vergangenheit zu wirken, er ist geradlinig und eindeutig. Politische Sittlichkeit und politischer Ernst sind selten in Amerika. In Roosevelt wird, wenn nicht alle Anzeichen trügen, diese Seltenheit Ereignis. Er hat sein Ideal und lässt keine Gelegenheit vorübergehen, uin es zu verkünden. In seinen Botschaften sowohl wie in jedem Gespräche, das er mit irgend einem Gast führt. Und dieses Ideal, als dessen Verkörperung er jetzt geradezu gelten kann und gilt, ist der Amerikanismus. Wir Europäer, und namentlich wir Oesterreicher, die wir einen sehr lehrreichen geschichlichen Kursus über die nationale Frage und das Wesen des Nationalen durchgemacht haben, wissen nicht recht, was wir mit dem Begriffe anfangen sollen. Als Idee einer eigenartigen Zivilisation des ganzen amerikanischen Erdteiles könnten wir ihn noch begreifen. Als Vereinigte Staaten - Patriotismus könnten wir ihm den etwas zu geräumigen Namen verzeihen. Aber er macht offenbar, indem er ein bisschen unbeholfen zwischen Nations- und Staatsbegriff hin- und herschwankt, gewisse Nationalitätsansprüche. Und das verdriesst unsere Sachverständigkeit. Wir fühlen uns fast versucht zu dozieren, unterlassen es aber, die Geschichte' selbst wirds besser treffen. ... Mit den Juden meints Roosevelt wirklich gut Nur darf man nicht erwarten, dass er geradezu ihnen zuliebe von seinen Idealen lassen soll. Es ist ganz selbstverständlich, ■ und niemand darf es ihm nachtragen, dass er sie seinem Amerikanismus unterordnet. Er tuts ja mit keinem Volke anders. Roosevelt verwies mich darauf, dass er einen jüdischen Handelsminister in sein Kabinet berufen, dass er soeben einen Juden zum Chef der Indianerschulen ernannt und dass er in der Armee recht patente jüdische Kerle gefunden habe. Ich war ihm für diese praktische Vorurteilslosigkeit, sowie für die Anerkennung jüdischer Tüchtigkeit gewiss sehr dankbar. Doch konnte ich den Gedanken nicht verscheuchen, dass mit allen diesen Tatsachen und Zeugnissen, so erfreulich sie auch im Allgemeinen und noch mehr im Besonderen für die betreffenden jüdischen Persönlichkeiten sein mögen, die Frage dei grossen ostjüdischen Massen in Amerika weder politisch, noch wirtschaftlich, noch kulturell gelöst ist. Und es tat mir sehr leid, Roosevelts energischen Geist so ganz und gar unvorbereitet für die Aufnahme dieser Erkenntnis zu wissen. Wie sollte er auch . . .? Er müsste ja früher allgemeine Revisionen seiner Gesinnung vornehmen, die einfach undenkbar sind. Die kluge Ahnungslosigkeit dieses Holländerstämmlings auf dem Präsidentenstuhl der Vereinigten Staaten, kann von ihrem geraden, allzu geraden Wege nicht weichen. Ein Roosevelt lernt nicht um. Die Zeit des Umlernens ist ja auch noch lange nicht gekommen in Amerika. . . . Noch sehen die Amerikaner ailfes von der Wolkenkratzer - Perspektive. Auch im schönen Washington.