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Jüdische Zeitung · 1908-05-22 · 21 (22.5.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
21 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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schlag knüpfte sich eine längere Debatte, in welcher Herr cand. iur. S c h a p i r a den Standpunkt der jüdisch-nationalen Verbindungen - in folgenden Ausföhrungen präzisierte: Redner bezeichnet zunächst das vorgeschlagene Memorandum als nichtssagend, weil es nur allgemein gehalten sei und die Motive aus denen die Angriffe gegen die akademischen Lehrer gemacht werden, nicht nenne, und fahrt sodann fort: „Der Klerikalismus ist nur eine Form menschlicher Borniertheit und Verdummung und wir echt freiheitlich gesinnten Studenten müssen auch gegen einen Chauvinismus ankämpfen, der nur die Freiheit für sich und nicht für andere kenntund das Recht der anderen Nationalitäten mit'Füssen tritt Wir verdammen mit gleicher Entschiedenheit den Antisemitismus und sind gewohnt, die freiheitlichen Korporationen nicht nach ihren Namen, sondern nach ihrer Gesinnung und ihren Handlungen zu beurteilen. Bei diesen Worten sprang ein „freiheitlich“ gesinnter Deutscher auf und machte in sehr erregter Weise folgenden Zwischenruf: „Ich bitte nicht Tatsachen vorzubringen, die nicht hierher gehören und die geeignet sind, ein einiges Vorgehen unmöglich zu machen“. Herr Schapira fahrt fort: „Ich beabsichtige niemand in seiner Ueberzeugung zu verletzen. Wir jüdischen Studenten wollen in dieser Sache solidarisch Vorgehen; nur müssen wir hier erklären, dass wir Gewicht darauf legen, dass in dem Memorandum Protest erhoben werde gegen Angriffe, von welcher Seite immer sie gerichtet werden, also auch wenn sie von studentischer Seite kommen, und die Lehrfreiheit wegen politischer oder nationaler Ueberzeug u n g des betreffenden Lehrers behindern. Handelt es sich doch im Falle Wahrmund in erster Linie darum, dass unter dem Drucke der klerikalen Studenten die Sistierung der Vorlesungen erfolgte. Deshalb beantragen wir, es möge im Memorandum lauten: Die Studentenschaft nehme Stellung gegenüber den in letzter Zeit vorgekommenen Angriffen auf die Lehr- und Lemfreiheit; ferner verwahre rieh die Studentenschaft gegen jedwede Behinderung eines akademischen Lehrers in seiner Lehrtätigkeit, wegen seiner politischen, religiösen und Wissenschaft-; liehen Ueberzeugung, mag dieser Angriff von welcher Seite immer kommen.“ An diese Ausführungen knüpfte sich eine längere Debatte und schliesslich wurden die Zusatzanträge der Jüdischnationalen, welche ein Ignorieren der Affäre Mahler nicht dulden wollten, angenommen. Dem Rektor wurde folgendes Memorandum überreicht: Hoher akademischer Senat! Die freiheitliche Studentenschaft der Francisco-Josephina, vertreten durch die Unterzeichneten Korporationen und die Finkenschafl, bringt einem hohen akademischen Senate zur Kenntnis, dass sie gegenüber den in letzter Zeit vorgekommenen Angriffen auf die Lehr- und Lemfreiheit an den Universitäten folgenden Standpunkt einnimmt: Die freiheitliche' Studenten-' schaff verwahrt sich auf das nachdrücklichste gegen j e d w e d e Behinderung eines akademischen Lehrers in seiner Lehrtätigkeit wegen seiner politischen, religiösen und wissenschaftlichen Ueberzeugung, mag dieser Angriff von welcher Seite immer kommen. Sie setzt in ihre Professorenschaft das grösste Vertrauen, dass sie ihre Ueberzeugung teilt und dass sie im gegebenen Falle einig mit der freiheitlichen Studentenschaft diese heiligsten Güter des akademischen Lehrers wahren wird.“ ln seiner Ansprache an die Deputation sagte Rektor Dr. Eugen Kozak mit Bezug auf die Angelegenheit Mahler wörtlich folgendes: jEs ist in diesem Jahre ein Fall vorgekommen, der einen Eingriff in die Lehrfreiheit ah unserer Universität bedeutet; wir haben aber entschieden dagegen Stellung genommen. Und ich kann Ihnen nur versprechen, dass der Senat stets diesen S ta n d p u nk t zur Aus führ un-g $ e langen lassen wird. Von unserer Seite wir:d es nicht ermangeln, geigen solche Eingriffe mit"Ents chie denhe it aufzut re ten.“ Dass dieser Passus der Ansprache des Rektors eine neuerliche Rüge des Rektors an die deutschen* Studenten bedeutete, ihnen daher nicht besonders gefiel, ist klar. Die jüdischen Studenten haben aber die Ueberzeugung gewonnen, dass sie nur durch ein mannhaftes Vorgehen die ihnen gebührende Achtung, sowohl bei den Professoren als auch bei ihren Kollegen und in weiterer Folge die Berücksichtigung ihrer gerechten Forderungen werden erlangen können. dt Der neu8 Orden. Bei dem bekannten Gemälde-Prozess der Wittgensteinischen Saugesellschaft gab Herr Max Feilchenfeld; der anf dem Büde schoferblasend dargestellt ist, die Generalien ab: römisch-katholisch. Ich sass im Cafe mit schlotterndem Leib Und litt an seelischen Wehen; Ich hatte am Morgen ein altes Weib Und Hofrat Kur an da gesehenf Und da ich so sitze, verdrossen und matt,, Da las ich die Worte im Abendblatt: Max Feilchenfeld, römisch-katholisch. Vergessen, verloren, verdampft und vorbei War gleich mein schnurrender Kater, Ich lachte mir schier den Gürtel entzwei Und klatschte wie im Theater. Du sagst, es gibt keinen Wiener Humor? Ich bitte, Verehrtester, stell’ dir nur vor: Max Feilchenfeld, römisch-katholisch. So war er gemalt: Im waidlichen Wams Wie weiland Andreas Hofer, Am grünen Hütel den Bart der Gams Und in dem Munde den Schofer. Und diese symbolische Herrlichkeit Bekräftigt er unter Zeugeneid: Max Feilchenfeld, römisch-katholisch. Au!^ gründen wir einen neuen Verein Der römisch-katholischen Christen, Den Orden für-Ja it tele s, Kuffler und Klein, Benamset: Dife Mesehumedisten. Herr Singer-Sieghart wird Provinzial, Herr Porz ePr,*der .Abt, jedoch General —. ,Max Feilchenfeld, römisch-katholisch. ” Beda. Unjüdisches am jüdischen Friedhofe. Vor einigen Tagen besuchte ich die Gräber meiner Lieben. Ich wollte ein Gebet verrichten, konnte es aber nicht, denn das laute Sprechen, Lachen (!) und Scherzen, der sich im reinsten Hemalserischen ungeniert unterhaltenden, meist jungen männlichen und weiblichen Arbeitern, die an der Gräberausschmückung arbeiteten, störte jedes Andachtsgeföhl. Dazwischen hörte ich die Stimme eines offenbar Aufseherdienste verrichtenden besser gekleideten Mannes, der, obgleich er in seiner Nähe Leidtragende wissen musste (es war nämlich kurz vor dem ein Begräbnis) sans gene mit lauter Stimme rief: „Ka—a—thi.i laufens’ g’schwind ganz durch und holens’ den Schlüssel, aber schneit“ Ich weiss nicht, ob es ganz unmöglich ist, einen jüdischen Unternehmer für die Gräberausschmückung zu finden, oder ob es nur ein christlicher Italiener sein muss. Ich weiss. auch nicht, ob dieser nur christliche Arbeiter, Taglöhner auf dem jüdischen Friedhofe zu Handlangerdiensten etc. verwenden kann, doch das weiss' ich, dass ein solches Benehmen am Friedhofe unjüdisch ist. Da ich in -meiner Andacht gestört, den Arbeitern nähertrat, sah ich, dass sie die kleinen Sternchen, die die pietätvollen Gräberbesucher nachaltjüdischer Tradition, respektive Uebung zu Füssen des Grabsteins oder auf die Kanten der Sockel der Steine legten, wegwarfen. Nun ja, wo soll ein Hemalser Christ wissen, was diese Sternchen bedeuten und dass ein Häufchen solcher Steine als'Zeichen des pietätvollen Gedenkens der Hinterbliebenen ein Grab, nach jüdischem Begriffe -mehr schmückt, als der grösste Marbelstein .mit dem schönsten Wappen. Wenn schon nur christliche Arbeiter die jüdischen Gräber schmücken müssen, ist dran niemand da, der;rie Wenigstens belehrt, was sie zu tun und .was sie zu unterlassen:haben, -um nicht -die-Gefühle der jüdischen Gräberbesucher zu verletzen*? Wie ich die Hauptallee durchschritt, sah ich, dass die erste Reihe, die für die Grüfte und Prunkgrabstellen reserviert zu sein scheint, durch ein so dichtes Strauchwerk von den übrigen Reihen „abgetrennt“ ist, dass man nur an gewisse Lücken in die zweite und folgende Reihe gelangen kann. Also von der misera plebs durch eine künstliche Scheidewand abgetrennt! Reichtum und Glanz galt sonst nichts in Israel an der Stätte des Friedens, am „guten Ort“. Oder ist die Scheidung nur in der Voraussicht gemacht worden, dass die Nachkommen dieser in der „reservierten“ ersten Reihe Liegenden sich von Israel scheiden werden? Wenn man durch diese Allee geht, welche im Volksmunde die „Ahnenreihe der adeligen Meschumeds“ heisst, und sieht, dass die wenigsten Grüfte und Grabsteine hebräische Inschriften tragen, manche aber nach jüdischer Anschauung unzulässige Ausschmückungen oder Aufzeichnungen — so liest man z. B. am Grabstein eines reichen Ordensbesitzer, dass er Besitzer des Christus-Ordens ist — so findet man vielleicht die Antwort für die Frage, die ein Delegierter des Bundestages an den Präsidenten der Kultusgemeinde stellte, warum im Vorjahre in Wien 651 Austritte aus dem Judentum sich ereigneten. Ausgetreten aus dem Judentum sind sämtlich oder zum Teile die Nachkommen der hier Beerdigten: M. Pollak R. v. Borkenau, Dr. L. Ritter v. Epstein, M. Freiherr v. Königs wart er, S. Freiherr v. Winterstein, Jos. Ritter v. Werthe im er,N.Ritterv.K al li er, Karl Weiss Ritter v. Weissenhall. G. Ritter von Leon, Josef Ritter von Pfeiffer, W. Ritter v. Guttmann, G. Ritter von Mauthner, R. Wiener von Welten, L. Ritter v. Stern, lg. Eisler Edler v. Terramare etc. etc. Durch Konnivenz i. e. Laxheit in den religiösen Vorschriften hat man die Nachkommen der „Reichen“ nicht dem Judentum erhalten, die Nachkommen der armen aber anhänglichen Juden hat man dadurch verletzt. Die Synagoge, der Friedhof und die Gemeindestube müssen wieder jüdisch werden. Es ist vielleicht verständlich, dass unsere Kultusrepräsentanten, welche mit schweren Budgetsorgen belastet sind, in Anbetracht der hohen Kultussteuer und der noch höheren Gelegenheitsspenden der sogenannten Höchstbesteuerten, letzteren gegenüber manchmal eine Konnivenz übten, die ihnen wohl selbst schwer fiel; aber sie sollten endlich bedenken, dass diese Konnivenz nichts nützt, denn' mit dem Austritte der Nachkommen jener Höchstbesteuerten aus dem Judentum gingen auch die „hohen“ Kultussteuer und „hohen“ Spenden verloren. Und die getauften Nachkommen der Vorgenannten oder der Baron Waldberg und Baron Kubinsky, Ritter von Fürth, Ritter von Wald stein etc., zahlen keine Kultussteuer mehr, aber die Hintansetzung der jüdischen Vorschriften und Gebräuche ist geblieben, wie z. B. die vorzitierte Grabsteininschrift. Nur auf die unteren Schichten kann man sich stützen. Es kursiert in Wien ein bitteres Scherzwort eines höheren Staatsfunktionärs „er wisse, wie man es anstellen müsse, dass in 20 Jahren kein Jude mehr in Wien existiert, man solle nämlich alle Juden zu Kommerzialräten ernennen und in der zweiten Generation wären sie alle getauft.“ Und diesen Abfallsanwärtern zu Liebe, den wirklichen Juden das allgemeine Wahlrecht in den Kultusgemeinden vorenthalten, diesen zu Liebe über Unzukömmlichkeiten in Schule und am Friedhof hinwegsehen, ist keine kluge Politik. Da sollte Wandel geschaffen werden. Ben Benjamin zeef. Parteinachrichten. Deutscher Delegiertentag in Breslau am 8. und 9. Juni 1908. Tagesordnung. 1. Verhandlungstag: 1. Ansprache des Präsidenten Herrn R.-A- Dr. Bodenheimer-Köln. 2. Bericht des Zentralbureaus. 3. Die politische Stellung der Juden in Deutschland: R.-A. Dr. Ascher-Dessau. 4. Die grossen jüdischen Organisationen in Deutschland: R -A. Dr. Klee-Berlin. 5. Unsere Stellungnahme zur jüdischen Gemeindepolitik: R.-A. Dr. Kollenscher-Posen- 6. Generaldebatte.' 2. Verhandlungstag. 1. Die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas: Professor 'Warburg-Berlin. 2. Kulturelle Aufgaben in Palästina: Dr. Schemata Lewin-Berlin.

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