Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 21 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Zeitim u Redaktion, Administration und Wochenschrift. 3 □ Ab jnnementspreise: Inseratenaufnahme: Erscheint jeden Freitag. In Oesterreich-U n g arn: IX., ^ärlttnsfaasse 9* Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Telephon Nr. 14.199. In Deutschland: ___ Verkaufstellen in Wien : Administration,'Türkenstrasse Nr. 9. Ganzjähr. Mk. 10.—, Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr Zeitungsbureau G o Id s ch an" e<ff/I.; WollzeUe Nr. 11. halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. vormittags. Ü C Einzelne Nummern 20 H^JLler. Im übrigen Ansland ganzj. Frcs. 15.—. □-:-D Vertretungen in der Provinz In Brünn : Zeilungsburcau, Ferdinandgasse. - In Prag: Zeitungsverschleiss W lcz ek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bachstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 21.! Wien, Freitag, den 22. Mai 1908. li. Jahrgang. Jüdische Solidarität. Die vielverschrieene jüdische Solidarität» die leider nur in der Phantasie unserer Feinde existiert, zeigt sic'h auch manchmal tatsächlich wie ein Meteor für einen Augenblick am finstern Golushimmel des jüdischen Volkes. Dazu bedarf es aber gewöhnlich eines wuchtigen Hiebes von aussen, damit sich die durch die zentrifugale Kraft innerer Zerfahrenheit auseinandergestobenen Teile unseres Volksganzen wieder vereinigen können. Die österreichischen Juden1 unterscheiden sich natürlich auch in dieser Beziehung nicht von ihren Brüdern in den anderen Ländern der Diaspora, und ihre parlamentarische Vertretung im Reichsrate gleicht daher dem ' Miniaturparlamente eines polyglotten Staates, in dem alle möglichen politischen Parteien vertreten sind.; Der österreichische Reichsrat zählt in seiner Mitfe': 16 jüdische 'Abgeord-' nete, die fast ohne Ausnahme von jüdischen’ Wählern ins Parlament entsendet wurden. Dessenungeachtet sind im „Jüdischen Klub“ nur vier Abgeordnete vereinigt; die übrigen gehören verschiedenen fremdnationalen Parteien an, oder bleiben „Wilde“ — aus dem einfachen Grunde natürlich, weil ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen wird, wenn sie in anderen Klubs Eintritt verlangen. Auf diese Weise wird die Kraft des jüdischen Volkes in Oesterreich zersplittert und seine politische Bedeutung auf ein Minimum herabgesetzt. Das ist allerdings ein Uebel, dessen Beseitigung, wie wünschenswert sie auch sein mag, in der gegenwärtigen Legislaturperiode nicht erhofft werden kann. Denn diejenigen jüdischen Abgeordneten die — o welche Anomalie! — ausserhalb des jüdischen Klubs stehen, stecken leider so tief im Sumpfe der Assimilation, dass wir nicht einmal den Versuch wagen dürfen, sie von dort befreien zu wollen, sondern auf ihre Mitwirkung zum Wohle unserer und ihrer Stammesgenossen, so schmerzlich es uns auch ist, lieber verzichten müssen. Vorläufig ist das jüdische .Volk durch unseren Klub, ungeachtet seiner numerischen Schwäche ausgezeichnet vertreten und für die Zukunft wollen wir hoffen, dass die im parlamentarischen Leben bereits guteingeführte Partei nach den nächsten Wahlen eine bedeutend grössere Anzahl Abgeordneter, als sie jetzt besitzt, in ihrer Mitte vereinigen wird. Wer aber den Gang er österreichischen ®PoKSirrnnfc AuimörksaHü&it Veifölgt?xand be- - sonders die politischen Ereignisse der letzten Zeit genau beobachtet hat, der wird auch ohne Zweifel eingesehen haben, dass es eine natürliche Zusammengehörigkeit gibt, die unabhängig von irgend welchen mechanischen Parteigruppierungen, gewaltsam auseinandergerissene Teile eines natürlichen Ganzen, trotz künstlich konstruierter Parteiunterschiede instinktiv wieder zusammenführt; dass es Bande gibt, die stärker sind als papierene Programme und geheuchelte fremdnationale Gefühle. Ein solches natürliches, mit elementarer Kraft zusammenhaltendes Band ist die jüdische Nationalität. Diese liegt in der Natur, im Blute jedes einzelnen Juden und schafft daher, bewusst oder unbewusst Kon-, nexe, die sonst unbegreiflich, ja undenkbar wären. Weil sie von der Natur gegeben ist, kann sie zuweilen Personen von grundverschiedenen Weltanschauungen und diametral entgegengesetzten politischen Bestrebungen aneinanderkitten, kann sie Elemente vereinigen, deren Lebensnerv die inneie Zersetzung ist, die sich die Vivisektion des eigenen Volkes zur Lebensaufgabe gemacht haben und ihrem eigenen Naturell zuwiderhandelnd, das Aufgehen unter Fremden, mit anderen Worten, das nationale Verschwinden von der Oberfläche zum politischen Programm erhoben haben. Dieses instinktiv hervorbrechende Zusammengehörigkeitsgefühl wäre ohne Zweifel von unschätzbarem Werte, wenn es nicht so unangenehme Anreger zur Voraussetzung haben müsste, wenn die hiezu notwendigen Prämissen nicht sn traurig wären. Unglücklicherweise aber ist die Konstruierung eines Zusammenhanges zwischen engen Blutsverwandten und Mitgliedern einer und derselben Volksfamilie — eine selbstverständlichere und natürlichere Sache kann es doch wohl nicht geben — nur unter der Einwirkung recht schmerzhafter Schläge von aussen möglich. Ein solcher Schlag wurde dem jüdischen Volke durch die Annahme der Resolution Schmid im Budgetausschusse des Abgeordnetenhauses versetzt und die Wirkung desselben konnte daher auch nicht ausbleiben. Wie durch magnetische Kraft angezogen, schlossen sich 11 jüdische Abgeordnete ohne FEUILLETON, Briefe aus Amerika. Von Mathias Acher. Chicago, 10. April 1908. Ich suche Kultur in Amerika und bin dankbar, wenn ich sie irgendwo finde. Darum fühlte ich mich so wohl in den Neü- Englandstaaten. Da ist Menschentum in volklicher Vollendung. Da ist es noch! Auf Bostons Plätzen, in seinen Strassen wohnt noch ein Reichtum, der sich nicht aus Dollars zusammensetzt, der Reichtum einer gezüchteten, einer erzogenen Volksseele. Und über den kleineren Städten, von welchen ich Hartford (Connecticut) und Providence (Rhode Island) etwas genauer und andere im Vorüberfahren sah, schwebt noch ruhige, sinnige Heiterkeit, die'ich wie einen Gruss aus Europa empfand. Da überall ist noch Adel, Schönheit, Stimmung. Noch! Denn viele meinen, dass auch in diesem Winkel des Reiches, der es bisher fast durchaus mit , bedeutenden Geistesmenschen versorgte, schon die Zersetzung begonnen hat. Ich weiss es nicht, ich fühlte nur immer dankbar die Gegenwart und wusste, wiewohl ich England selbst nie gesehen habe: Das ist der europäische Mensch in seiner englischen Spielart, das ist Kulturpflanzung von jenseits des Weltmeers. Weniger konnte ich mich in Washington orientieren. Auch dieses ist durchaus unplebejisch, Menschenwohnstätte in feinerem Sinne des Wortes. Doch von einer Nuance, deren Ursprung ich weder feststellen noch erraten konnte. Nichts erinnert an die Neu- Englandstaaten. Sollte es die angebliche amerikanische Nationalität repräsentieren P Ich glaube nicht. Dazu sieht es wieder zu aristokratisch-historisch, zu europäisch aus. Vielleicht ist es vielmehr das Spiegelbild aller der verschiedenen europäischen Kulturen, die hier durch das Gesandtschaftspersonal der verschiedenen Nationen in ihren anspruchsvollsten und zum Teil ja auch verfeineristen Typen vertreten sind. Und man muss nur noch auch die Anstrengungen der regierenden Kreise, vor diesem zuschauenden Europa würdig bestehen zu können, sowie die über der Stadt ausgebreitete Feiertags weihe der Reichslenkung mit in Betracht ziehen. Viele Amerikaner sind geneigt, im »Kapitol“, in welchem die beiden Häuser des gesamtstaatlichen Parlaments untergebracht sind, und in der grossen Staatsbibliothek das Schönste des Schönen von Washington zu sehen. Ich kann mich diesem naiven Glauben nicht anschliessen. Das „Kapitol“ wirkt wohl, sowie man es, den Bahnhof verlassend, erblickt, mächtig und machterinnernd, sinkt aber doch, in der Nähe besehen, allzusehr zum einfachen Kolossalbau herab. Die Bibliothek wiederum ist zwar musterhaft eingerichtet und in der Anlage grossartig, auch baukünstlerisch gewiss nicht zu verachten; aber wer zum Beispiel die Wiener Universität oder die Wiener Hofmuseen kennt, hat denn doch höhere, verwöhntere Ansprüche. Schön, wirklich schön ist das „Weisse Haus“, das Wohn- und Amtshaus des Präsidenten. Hier ist es ohne Riesenkuppeln, ohne Ueberhöhe, ohne Massenumfang, einzig, und allein durch edle, weisse, einstöckige Schlichtheit gelungen, höchste Würde auszudrücken, dem Beschauer die Ahnung der Macht beizubringen, der dieses Haus dient. Namentlich sind es die vier schlanken weissen Säulen in der Mitte der Faqade, vom Erd-