Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-05-15 · 20 (15.5.1908) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
20 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438186--0536-2440058
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 20 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Dienstag tt'awd eine. Vertrete-rsitzung sämtlicher Zionistischer akademischer Korporationen statt, in welcher 'den Vertretern der Verbindungen für die abgegebene Erklärung, 'das Vertrauen votiert wurde. Nach eingehender Debatte über, die Situation wurde ein Exekutivkomitee gewählt, um in diesem speziellen Falle die Studentenschaft Zu vei treten, ln das Komitee wurden, gewählt die Herren med. Th. 'K oh n, techn. L ö w e n s t e i n, phil. Schindler, jur. Stöckel, jur. W inte rs te iu. Das Komitee .beschloss auf die bekannte beruhigende Ennunzration des akademischen Senats hin eine Kundgebung zu veranstalten. Mittwoch den 13. kl1., abends, wurde der Vollzugsausschuss der jüdischen Studentenschaft vom Rektor empfangen, wo sie durch ihren Sprecher med. Th. Kobn felgende Erklärung abgab. Eure Magnifizenz! Die jüdisch-nationale Studentenschaft hielt heute zu gleicher Zeit, als sich in der Aula der Wiener Universität die deutschen Studenten zusammenfaiiden, eine Versammlung ab und beauftragte ihren Vollzugsausschuss, Eurer Magnifizenz folgende Erklärung geziemend zur Kenntnis zu bringen: Die jüdisch-natianaäe Studentenschaft spricht Sr. Magnifizenz dem Rektor der Universität ihren Dank aus für 'das rechtzeit'ge und richtige Eingreifen zum Schutze der akademischen Freiheit und der Freiheit der Wissenschaft, für welche die jüdisch-nationalen Akademiker ohne Rücksicht auf politische Motive und auf die Majoritäten stets eintreten. Durch die Kundgebung des akademischen Senats von heute sehen die jüdisch-nationalen Studenten diese ihre Interessen vollständig gewahrt, wodurch1 ihr Vertrauen zu ihren akademischen Lehrern sich als vollkommen gerechtfertigt erwiesen hat. Der Rektor antwortete: ,.M e i n e H’e r r e n! Ich bin von ihrer ausserordentlich loyalen und entschlossenen Kundgebung, d i e ■ S i e mir zum Ausdruck brachten, w äh reiul die deuts-chn-ati onaien Studenten noch schwanken, ho,c;h,Jb.£ifr.iedi.g.t. Ich habe mein Versprechen erfüllt und habe erwartet, dass auch von studentischer Seite die Streikangelegenheit erledigt sein wird'. Ich danke Ihnen daiür, dass Sie zu uns Vertrauen gehabt 'haben, und wir versprechen Ihnen nochmals dass wir, das ganze Professorenkollegium, jederzeit wie ein Mann, ialls die durch die Staatsgrundgesetze gewährleisteten Rechte eines akademischen Lehrers angetastet werden, dagegen energisch auftreten werden. Ich danke Ihnen, besonders herzlich, dass Sie gerade in diesem Moment uns das Vertrauen aussprachen.“ Unsere Studenten haben somit ihren freiheitlichen Standpunkt in einer so taktvollen Weise vertreten, dass ihr Auftreten sowohl beim akademischen Senat, als auch m der gesamten Oefientlichlkeit den ausgezeichnetsten: Eindruck machte. Das gleiche gilt für die jüdischen Akademiker ist Brün«, wo Mittwoch eine Versammlung der jüdischen Techniker stattfand. Der Referent hob in seinen Ausführungen insbesondere hervor, dass die jüdischen Studenten es ablehneu, zur Affäre Wahr.mund, welche den unmittelbaren Anlass iür , die freiheitliche Bewegung der Studentenschaft gegeben habe,' Stellung zu nehmen. Sie sch Hessen sich jedoch derselben insofern an, als es sich um' eine Kundgebung für die Freiheit der Wissenschaft- und die der Hochschule handelt. Mit Stimmenemhelligkeit wurde folgende Resolution angenommen: „Die versammelten jüdischen Hörer der k. k. technischen Hochschule in Brünn schlossen sich der von den Hochschulen Oesterreichs ausgehenden freiheitlichen Bewegung au und erklären, dass sie gegebenenfalls entschlossen sind, in einer Reihe mit allen freiheitlich' Gesinnten für die Freiheit der Wissenschaft und Unabhängigkeit der Hochschule I zu kämpfen.“ Parteinachrichten. Die Briinner Tagung. Die Konferenz der westösterreichischen Distrikte. Sonntag den 10. ds. fand in Brün« im Saale der Verbindung „Veritas“ die vom Innerösterreichischen Distriktskomitee einberufene Konferenz •der drei westösterreichischen Distrikte statt. Anwesend waren: vom Laudeskomitee Gg. Fritz Löw (Prossnitz), Dr. Emil Margulies (Trautenau), Dr. Jufius Re ach (Gaya); für den Distrikt Imierösterreich: üg. Max Markus (Obmann des i.-ö. D.-K-), Adolf Böhm, Dr. Isidor Margulies, Emil Stein, Dr. Egon Zweig (sämtlich Wien); für Böhmen: Anton Glaser, Dr. Kuh, Julius Löwy, Moritz Löwy (sämtlich Prag); für Mähr.-Schlesien: Gustav Finzi. Erwin Galilus, Hemrich STatn e r (sämtlich Troppau), Viktor Altar (Prossnitz), Adolf H u pper t (Bielitz), Dr. A. W eine r (Brünn), Richard W e is-se n st ein (Igiau). Gg. Markus eröffnet und begrüsst die Konferenz. Er wird zum Vorsitzenden, Gg. Dr. Kuh zum Stellvertreter, Ggn. Gallus, Altar und Stein zu Schriftführern gewählt. Gg. B ö h m gibt auf Wunsch mehrerer Delegierter Aufklärung über die Vorgeschichte 'der Konferenz. Die Konstituierung des galizischen Zentralkomitees unter. Vorsitz Dr. Braudes, welches iür Galizien alle Rechte eines Landeskomitees beansprucht, hat zur tatsächlichen, wenn auch nicht formellen Auflösung des in Bielitz gewählten L.-K. geführt. Es ist nunmehr not- : wendig, das.* auch Westösterreich ein Zentralkomitee (Z.-K.) wählt. Wegen des organisatorischen) Zusammenhanges mit Galizien müssten so- : dann Konferenzen zwischen beiden' Zentralkomitees geführt werden. \ Dr. Emil. M a r g u Li es beantragt, die De- | batte darauf einzuschränken, ob sich die westösterreichischen Distrikte ohne Rücksicht auf ■ Gallizien organisatorisch Zusammenschlüssensollen und in welcher Form dieser Zusammenschluss eriolgeu soll. Dr. R e a c h und Julius Löwy vertreten den Standpunkt, dass das L.-K. noch existent ist und ein gesamtösterreichischer Parteitag einberufen werden muss. Moritz Löwy spricht iiir die Ein- | heit mit Galizien. Fritz L ö \v drängt darauf, dass die Debatte sich auf die Frage des Zusammen- J Schlusses der westlichen Distrikte beschränke, die j unbedingt nötig ist. Julius L ö w y ist für einen [ nach Wien gravitierenden- Zentralismus und für [ eneu Zusammenschluss der westösterreicbischen Distrikte. Er stellt einen diesbezüglichen Antrag. Aber es müsse auch ein Gesamtparteitag vom D.-K. eirrberuren werden Nach weiterer kurzer Debatte erklärt die Konferenz den Zusammenschluss .der westösterr e i c iv.i se h e n D i s t r>i k t e für nötig. Dr. Emil Margulies betont, dass die Autonomie der Distrikte nicht eingeschränkt wer- | den darf. Es solleim Z.-K. aus Mitgliedern der verschiedenen Distrikte gewählt werden. Dieses soll ein Zentralbureau mit administrativen Agenden in Wien entsetzen. Dr. Zwei? befürchtet eine gewisse Schwerfälligkeit eines aus Mitgliedern verschiedener Distrikte zusammengesetzten Z.-K. Ferner regt er innerhalb des Z.-K. Abstimmung nach Kurien an, um die Bildung zufälliger Majoritäten "zu verhindern. Finzi. Dr. Weiner, Gallus sprechensich dahin aus, dass das Z.-K- Autorität gegenüber den D.-K-’s haben müsse. Fritz Low betont, dass die Leitung schon deswegen in Wiensein müsse, weil dort das verbreitetste zionistische Organ, die „Jüdische Zeitung“, erscheint. Böhm sagt, dass das Z.-Keine Farce wäre, wenn es nicht iür die D.-K-'s eine Oberbehörde wäre. Es muss das Recht haben, diese zu beaufsichtigen. Es handelt sich um eine Konsolidierung der Organisation in Westösterrerch. nicht nur zur eigenen Erstarkung, sondern auch um gegenüber Galizien geschlossen zu sein und in der Weltorganisation eine starke Steilung emzunehmen. Das Z.-K. werde nur rein zionistische Agenden haben. Was den Zusam- * menschluss mit Galizien betrifft, so wird er viel eher als durch Verhandlungen durch Leistungen des westösterreicbischen Verbandes zustande an seiner Britanica und meint: „Die Gemeinde ist leider bei ihrem festlimitierten Budget nicht in der Lage, Spenden auszuteilen. Man muss sich nur an wohlhabende Glaubensgenossen wenden.“ „Herr Vorstand, die reichen Juden sind sehr wenig opferwillig.“ Eine traurige Wolke zieht über das Gesicht des Vorstandes. Er seufzt schwer auf. „Sie haben recht, unsere Glaubensgenossen sind nicht sehr opferwillig. Wenn sie mehr Herz im Leibe hätten — “ Der Blick des jungen Mannes hängt an den Lippen des mitleidigen Herrn. wenn sie mehr Herz hätten, b rauchte Pros.snitz nicht t s c h e c h i si e r t zu w er d e n.“ Beda. Allerlei. . Die Juden in Portugal. Die antiklerikale Bewegung des allmächtigen Ministers des Königs Joseph J. von Portugal (1750—1777) Marquis Pombal batte eine Abschwächung der Härten der Inquisition zur Folge: 'Bereits am 2. Mai 1768 erliess der MMster eine Verordnung, wonach die separaten Listen über die Neuchristen aufgelassen wurden. Das4 Gesetz vom 21. Mai 1773 £dem Jahre der Auflösung des Jesuitenordens), verfügt,'dass alle gegen die Marannen gerichteten Ausnahmegesetze ausser Kraft zu treten haben und die Inquisition, deren Macht durch das Gesetz vom 1. September 1774 sehr eingeschränkt worden war. wurde schliesslich am 31. März 1821 gänzlich aufgehoben. Der erste Jude, der sich seit der Vertreibung der j Ju/d'en in Portugal durch König Mapüel den Grossen i niedergelassen hatte, war Moses Levy, ein aus Gibraltar eingewanderter englischer Untertan, I trotzdem 'der Utrechter Vertrag vom Jahre 1713. durch welchen Gibraltar an England abgetreten wurde, im Artikel X ausdrücklich bestimmt, dass däe jüdischen Untertanen Englands in Portugal kein Wohnrecht besitzen sollen. Die Behauptung Thiers in seiner „Histoire du Consulat et d’Empire“, dass die französischen Truppen bei ihrem Einzug in Portugal 4m Jahre 1807 von 20.000 Juden begrüsst wird von der „Jewish Encyclopedia“ mit Recht als eine arge Uebertreibung - angesehen, ebenso die spätere Behauptung, dass es im Jahre 1825 in Portugal 2000—2500 Juden, gegraben habe. Nachgewiesen ist jedoch, dass die Juden von Lissabon bereits im Jahre 1801 einen Platz im dortigen englischen Friedhofe angekauft -hatten. Der älteste erhaltene Stein auf dieser jüdischen Abteilung-trägt das" Datum 1804. Ein von Joseph Ferray am 26. Februar 1821 im Cortes eingebrachter formaler Antrag auf Zulassung von Juden in das Land wurde abgelehnt und' die Konstitution vom Jahre 1826 erklärt wohl den Katholizismus als Staatsreligion, gewährt jedoch auch den Anhängern anderer Konfessionen die Freiheit der Religionsübung, sofern diese nicht in einem Hause erfolgt, das He äusseren Symbole eines öffentlichen Bethauses an sich trägt Ausserhalb Lissabons gibt es in Portugal nur noch veme jüdische Gemeinde, die in ein eigenes im Jahre 1850 errichtetes Gotteshaus besitzt in Faro, Diese Gemeinde, die seit 'dem Jahre 1820 entstand, zählt ungefähr 15 Familien. Ferner wohnen je einige jüdische Familien in Evora, Lagos und Porto, die jedoch keine organisierte Gemeinde bilden. Seit einiger Zeit 'besteht auch in San Miguel auf den Azoren eine jüdische Niederlassung, die jedoch noch so kleinist, dass sie alljährlich zu den hohen Feiertagen gezwungen sind; einige Glaubensgenossen von Gibraltar einzuladen, um das Miinjan zu sichern. I-m Jahre 1903 wurden -in Portugal rund 500 Juden gezählt bei einer Gesamtbevölkerung von 5,428.591 Seelen. Die meisten dieser Juden sind Kauileute und Schiifunternehmer und einige Professoren; unter ihnen auch Jakob Bensaudo, Professor der englischen Sprache und- Literatur in Porto, der auch einige, in Portugal verbreitete Lehrbücher der englischen Sprache veröffentlicht hat. Jakob Anahory Athias. ebenfalls Jude, ist sogar Marineoffizier. Die Lissabaner Judengemeinde hat einen eigenen Rabbiner, während die Gemeinde von Porto nur einen Chasan hat, der auch die rabbinischen 'Funktionen versieht. Das -Rabbineramt vorn Lissabon versah lange Zeit der im Jahre 1899 verstorbene Rabbi Jakob Toledano aus Tanger. Selbst der Adelsalma nach von Portugal weist einige Juden auf.' So wurde der’ portugiesische Konsul in Leghorn. Guido Chajes, im Jahre 1904 nach einer damaligen Meldung des „Vessilto Israelitico“ von König Carlos in den Grafenstand' erhoben-, während Sir fsaac Lyon Goltishmid und' der gegenwärtige Lord Waredsworth, Sydney James Stern geadelt wurden, indem der erste im Jahre 1845 Baron von Palmin und der zweite im Jahre 1895 zum portugiesischen Vicomte ernannt wurde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.