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Jüdische Zeitung · 1908-05-15 · 20 (15.5.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
20 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 20 auch im Staatsleben Geltung bekommen. Ein Präjudiz ist geschaffen. Eine staatliche Behörde von grosser Bedeutung hat die jüdische Nationalität anerkannt Das Parlament, die Minister werden nachfolgen müssen. Mit juristischen Kniffen und pseudowissenschaftlichen Argumenten ist das nicht mehr aufzuhalten. Die jüdischen Studenten, die sich bereits manches Verdienst um das jüdische Volk erworben haben, können stolz darauf sein, durch ihre Einigkeit und ihr zielbewusstes, energisches Vorgehen wieder einmal nationale Vorarbeit geleistet ‘ zu haben, die von der höchsten Wichtigkeit ist. Denn die Anerkennung der Juden als Nation durch den Staat ist die Vorbedingung zur Erringung der nationalen Autonomie, die unser wichtigstes und oberstes Kampfziel und überhaupt das Höchste ist, was die Juden im Golus erreichen können! * * * Versammlung den jüdisch-nationalen Studentenschaft. Samstag den 9. Mai fand eine von über 400 Studenten besuchte Versammlung statt, die von dem Exekutivkomitee der jüdisch-nationalen Studentenschaft einbartufen wurde. Der zum Vorsitzenden der Versammlung gewählte Gg. med. Theodor Ko h n teilte mit, dass das Exekutivkomitee alle Professoren der Wiener Hochschulen eingeladeji habe; doch sei keiner erschienen- Bloss der Rektor der Bodenkultur hat sein- Nichterscheinen entschuldigt. Hierauf erteilte er dem Herrn -iur. Felix W i n t e r s t e i n das Wort, welcher der Versammlung die Mitteilung von der Anerkennung der jüdischen Nati-onailii'tä t du rch dem Rek tor der Wiener Universität überbrachte. Die Anerkennung hat auch eine politische Bedeutung Wenn einmal, die jüdische Nationalität anerkannt ist, so weiden die jüdischen Studenten die Forderung auf Kreierung einer Lehrkanzel für jüdische Literatur ' und Geschichte aufsteltan. Er erklärt, dass die jüdische Studentenschaft nicht mehr das Ziffernmaterial für die UniversitätsmajoTität abgebsn wolle. Er spracht dem Rektor der Wiener Universität den Dank der jüdischen Studentenschaft aus und fordert die Studenten auf, treu und einig im Kampfe auszuharten. Er gedenkt in dankenden Worten der Förderung, die die jüdischen Studenten (beim Jüdischen Klub gefunden haben, der durch den Reichsratsabgeordneten Dr. Mahler, welcher im der Universitätsdebatte die jüdischen Studenten als den Stolz des jüdischen Volkes bezeichnet hat, auf der Versammlung vertreten sei. Hierauf ergriff, lebhaft akklamiert, Reiohsratsabgeördneter Dr. Mahler das Wort, um sowohl als akademischer Lehrer, wie auch als jüdischer Abgeordneter die jüdisch-nationale Studentenschaft zu ihrem Erfolge zu beglückwünschen. Als sich das Gerücht von der Aktion zur Anerkennung der jüdischen Nationalität im Abgeordnetenhause verbreitete, suchten zuerst einige Israeliten die Aktion zu himtcrtreiben. Sie bezeichnetem die ganze Aktion als bedeutungslos, hernach aber erklärten sie sie als gefährlich. Hierauf spielten sie sich als Retter des Zionismus auf und behaupteten, die Zionisten seien nur mehr jüdischnational geworden und keine Zionisten mehr; Die : Arrerkennung der jüdischen Nationalität ist aber eminent wichtig für unsere Stellung im Staate. Es ist eine Ehrensache der jüdischen Studenten, sich als das bekennen zu dürfen, waä sie wirklich sind. Sie sotten aufhömeu. Auch-Deutscha, Auch- Polen ürtd Auch-Tschechen zu sein, sie sollen Nur-Juden werden und sich für das Wohl ihres eigenen Volkes betätigen. Die jüdischen Studenten wollen nicht auf dem moralischen Niveau eines verfolgten Verbrechers stehen, der sich einen falschen Namen beilegt, denn der Vorgang, sich hinter der iMaske einer fremden Nation zu verstecken, steht moralisch nicht höher. 'Unsinnig ist der Vorwurf, dass di© jüdischen Studenten nur national und nicht zionistisch sind. Wer national ist, wird, kansequenfjdeaikend, zum Zionismus gelangen. 'Die ' Voraussetzung des Zionismus sei der jüdische Nationalismus. Im Namen des Jüdischen Klubs dankte er, den jüdischen Studenten für ihr einiges und energisches Vorgehen und erklärte, dass die Entscheidung über die Existenz einer jüdischen Nation nicht der israelitischen Kultusgemeinde, die die Vertreterin des assimilierten Judentums sei, zustehe, sondern den Massen des Volkes, die in unzweideutiger Weise d3rgetan haben, dass. sie national fühlen. (Stürmischen Beifall.) , . Der Vorsitzende dankte dem Abg. Dr. M a hier und erteilte dem KöU. Berthauer das Wort, der folgende Resolution' beantragte, die mit allen gegen eine Stimme angenommen wurde: „Die am 9. Mai jrp Hotel Polonia versammelten jüdisohen Studenten nehmen nachfolgende ihren Vertretern, vom; Rektor der Wiener Universität gegebene ^offizieiije Erklärung zur Kenntnis: „Es wird die Hmzüfügung der Nationalitätenklausel in der Rubrik Muttersprache gestattet. Es bleibt den Studenten mit jüdischer Muttersprache das Recht unbenommen, die Rubrik Muttersprache mit „jüdisch“ auszufüllen. Die Universitätsbehörde gibt die statistischen' Ausweise in die statistische Zentralkommission mit der Bemerkung ab, dass sich so und so viele Studenten zur jüdischen Nation bekannt haben. Die Universitätsbehörde verspricht ihren; Einfluss geltend zu machen, dass dieses in der allgemeinen Statistik zum Ausdruck kommt.“ Die Versammelten begrüssen dieses Ereignis als ersten wichtigen- Schritt zur Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Wiener Hochschulen und sprechen Sr. Magnifizenz dem Rektor der Universität iür sein loyales Vorgehen den Dank aus. Die versammelten jüdischen: Studenten halten jedoch nach wie vor ihr Verlangen nach vollständiger Erfüllung ihrer Forderungen aufrecht und beauftragen das Exekutivkomitee, dem sie für seine bisherige Tätigkeit Dank und Anerkennung zollen, die zur Durchführung . notwendigen Schritte, zu unternehmen'.“ Der Vorsitzende dankte dem Abg.Dr.Mahler und den Versammelten für ihr Erscheine« und' schloss die Versammlung. Unten Absimgung nationaler Lieder verliessen.die Teilnehmer die Versammlung. * * * Nach Schluss des Blattes. Anerkennung der jüdischen Nationalität an der Wiener Technik. Gestern sprach das Exekutivkomitee der jiidischnationalen Studentenschaft beim Rektor der Technik vor, um die (Forderung nach Anerkennung der jüdischen Nationalität vorzubningen. Der Rektor versprach, dass er denslben Vorgang einzuhalten gedenke wie das Rektorat der Wiener Universität, 'dass er jedoch aus formellen Gründen zunächst den Geschäftsaussohuss der Technik befragen müsse und im Monat Juni eine bindende Erledigung erfolgen werde. Die Haltung dar zionistischen Studentenschaft ln der Affäre Wahrmund. Montag den 11. d. wurden die Senioren der jüdischen akademischen' Verbindungen „Ivria“, „‘Kadimahf , - „Malklkaöäa“, „Urtitas“, vor den Rektor berufen, um 'in der bekannten Angelegenheit des Hochschulstreiks (ihre Stellung zu präzisieren. Der Rektor appellierte an die Studenten, sich nicht durch ’Wahlmanöver in ihrem politischen Scharfblicke beeinflussen zu lassen, zur freiheitlichen Gesinnung des Professorerrkol 1 egiums Vertrauen zu haben und ersuchte die geladenen -Vertreter in diesem) Sinne auf ihra KonnatSonjalen einzuwirken. Die Vertreter der genannten-Korporationen erklärten, dass sie sich durch Majoritätsbeschlüsse keineswegs beeinflussen lassen werden, dass sie (ihre eigene Meinung sich bilden, Heute aber noch keäire bindenden Beschlüsse abgeben können, da sie mit den jüdischen akademischen Vereinen und der 'liationaljüdischen Finkenschaft noch nicht in Fühlung getreten seien, betonten jedoch, dass sie wie bisher so auch in diesem Falle stets für die freie Forschung und freie Wissenchaft eimzutreteu gewillt sind' und, soweit dies nur irgendwie möglich ist mit dem Professorenkcllegium geben werden. jüdischen Siegfried und. einen arischen Jpsef vor —*. * * * IV. Möbel — eine Märchensammlung vonPortois und Fix. Die Fenster verhängt mit cremefarbener Seide. Auf dem Boden die leuchtenden, vielverschlungenen Ornamente des Orients. Die gnädige Frau liest in einem olivengrünen Fauteuil die Gedichte des Morris Rosenfeld; gestern sagte Felix Salten beim Jour: Dieser Dichter muss gelesen werden. Der Herr Doktor meint, als er ins Zimmer tritt: „Ah!* Die Gnädige setzt das Perlmutter- Lorgnon an; sie tut das sehr oft: es verkürzt ihr die Zeit und die Nase. Der Herr Doktor sagt wieder „Ah!“ und fügt hinzu: „Immer up to date, Gnädigste!“ „Ach, Herr Doktor, der Dichter muss gelesen werden.“ „Wenn ich mich nicht irre, ein Ghetto- Dichter, Sehr originell! Endlich wieder was Neues.“ Die gnädige Frau läutet. Ein flaumig-blondes Stubenkätzchen mit den koketten schwarzen -Schmetterlingsflügeln . am Kopfe bringt Tee und Sandwiches. . . / „Es fallt mir eigentlich schwer, dieses .Buch zu lesen, Herr Doktor“, setzte die Dame fort, während sie mit-den-fein manicurten Fingern die Miniatursilberlöflei bewegt „Es ist so grässlich,. von dem Elend zu hören, das die Israeliten einmal durchgemacht haben.“ „Gott sei Dank, die Zeiten sind vorüber,“ erwidert der Herr Doktor und nimmt ein Hummerbrötchen. * * * V. Hilda Marion Glaser ist eine feingeistige Jungfrau der Gesellschaft Sie liest zum viertenmal Otto Weininger, hat den „Tristan“ zwanzigmal gehört und besucht die Vorlesungen der Professoren Jerusalem und Pribram. „Ihre Weltauffassung“ sagt der junge Doktor zu ihr, während er an ihre Mitgift denkt, „schliesst sieh eng an Spinoza an.“ „0, ich bin eine glühende. Anhängerin des grossen Spinoza“ erwidert das Fräulein und findet in dem vis-ä-vis hängenden Spiegel, ihren Hut sehr zufriedenstellend. „Auch ich, gnädiges Fräulein, habe nur eine Philosophie, die heisst: Baruch Spinoza.“ „Baruch? Pfui, wie unästhetisch!“ Aber bitte! -So hiess ja der gewaltige Brillenmacher-- und Denker -des Amsterdamer Ghetto!“ Das Fräulein Hilda Marion Glaser rümpft ihre milchweissen Nasenflügel. „Sie sind ein schrecklicher Mensch, Herr Doktor! Sie müssen mir alle Illusionen zerstören!“ ■*; * * - VL „Herr, wenn Sie Karriere machen wollen, müssen Sie sich über lächerliche Kleinigkeiten hinwegsetzen können.“' „Was verstehen Sie, Herr Hofrat, unter lächerlichen Kleinigkeiten?“ \ „No, Religion, Nationalität und den übrigen Plunder!“ * . * .* VII. Vorhalle des Verbandsbureaus bei der Israelitischen Kultusgemeinde, zweiten Stock links. Die beiden Schamossim sitzen blinzelnd im Schatten erzählen einander ihre Erlebnisse mit -. Rettichen. Durch die gepolsterte Türe hört man einen Beamten schlafen. Ein junger Mann mit verdächtiger Energie wünscht einen Vorstand zu sprechen. „Geht nicht so rasch, junger Mann.' Der amtierende Herr Vorstand ist momentan — “ , und der gemütliche Cerberus weist mit dem Daumen seiner linken Hand nach einer herzigen Tür, hinter welcher. keine Amtsgeschäfte erledigt werden. „Also bitte, so bald es möglich ist —* „Das kann noch e halbe Stund’ dauern.“ Es dauert’ aber nur 27 Minuten. Der junge Mann wird vorgelassen. Es tändelt sich unr russische Emigranten. Sind wieder einige Hundert elend und gehetzt nach Wien gekommen.. Sie wohnen wie Tiere in schmutzstarrenden'.Massenquartieren; viele sind - totkrank, nähren sich von Abfällen des Karmeliterplatzes, versuchen Selbstmorde aus unbeschreiblicher Not —: Hilfe, dringende Hilfe ist nötig!! Der Herr: Vorstand steckt zwei Finger zwischen ' die beiden Westenknöpfe; tut einen langen Zug

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