Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2438141-2438167-2438186--0534-2440056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 20 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 genug! Dieses fortgesetzte Treiben muss endlich auch dem politisch unreifsten Juden die Augen öffnen- und darüber belehren, wie es mit der Jir-denfreundlifehkeit und. dem Gleichheitsideal der Sozialdemokratie steht. : Jüdische Richter. ‘ Von Judex. Allmählich hat man in Oesterreich die geduldigen Juden daran gewöhnt, dass der sogenannte „Prozentsatz der Bevölkerung* bei der Ernennung von Richtern massgebend ist, obzwar nach Vernunft und Gerechtigkeit gerade bei dem hochwichtigen und verantwortungsvollen Beruf des Richters lediglich die Befähigung und Gesetzeskenntnis für die Ernennung ausschlaggebend sein sollen. Nachstehende tatsächliche Verhältnisse, zeigen, auf welche Weise jener jesuitischpolitische Standpunkt unter dem wissenschaftlichen Mäntelchen der „prozentuellen Gerechtigkeit“ eingehalten wird. Im niederösterreicbischen Oberlandesgerichtssprengel sind seit einer ‘ geraumen Reihe von Jahren keine jüdischen Auskultanten ernannt worden, von den Alpenländem gar nicht zu reden. Im Reiche der Wenzelskrone hingegen entbrennt hitzig der Kampf um die Richterstellen zwischen der tschechischen und der deutschen „Nationalität“, wobei der Jude erwiesenermassen weder als Tscheche noch als Deutscher angesehen wird, obwohl unsere böhmischen Juden im Kasino unter „Heilgeschrei* die schwarz-rot-goldene Fahne wehen lassen, während die „Gesko-zidowska Jednota“ das anekelnde Nachlauferturn auf tschechischer Seite propagiert. Nur in Galizien, .Mähren und Schlesien hatte man längere Zeit hindurch eine Ahnung der „prozentuellen“ Gerechtigkeit. Der frühere Oberlandesgerichtspräsident zu Brünn konnte sich sogar einmal rühmen, dass er der einzige sei, der es „mit dem Pakt“ ehrlich halte. Darunter verstand der grossherzige Herr den „Pakt“ mit dem Wiener und Prager Oberlandesgerichtspräsidenten, demnach die Juden „nach den Bevölkerungsverhältnissen“ zu Auskultanten — der Vorstufe zum Richteramt — ernannt werden sollen. In/Mähren und Schlesien kann bereits seit Jahren nur jeder zwölfte Auskultant ein Jude sein. Wenn aber ein jüdischer Auskultant ausscheidet, wird der jüdische Status nicht ergänzt, sondern des öfteren ein jüdischer Bewerber vom Personalreferenten „auskultierl“, ob er noch Israelit sei. Und ganz offen konnte der frühere Präsident einem jüdischen Rechtspraktikanten sagen: „Ja, Sie sind Jude; da muss Ihr Gesuch mit Vorsicht behandelt werden.“ Bei den jüngsten Ernennungen zu Räten und. Sekretären sind wieder zwei Juden ohne jeden Anlass präteriert worden, darunter ein Sekretär, der fünfundzwanzig Jahre zur Tollsten Zufriedenheit der Behörde, und der Bevölkerung gedient hat, und ein Adjunkt, der durch zwölf Jahre für 2000 Kronen nach zwanzigjährigem Studium und zehnjähriger Praxis sein Leben dem aufreibendsten der Berufe opfert. Nun stehen neuerdings Beförderungen in die IX. Rangsklasse im Brünner Oberlandesgerichtssprengel bevor und der triste Kampf der politischen Leidenschaften hat bereits begonnen. Vor Wochen war bereits das Ernennungsreferat fertig; nunmehr ist es sistiert worden, weil die beiden Landsmannminister „die Rechte der Nationalitäten ■ wahren müssen“. Wer unter dieser „Wahrung“ am meisten leidet, wissen die klarblickenden Herren : vier Juden sollen nach dem Status vorrücken, von denen der älteste acht Jahre, die anderen fast sechs Jahre auf die Beförderung sehnsüchtig warten. Auch in diesen tristen Fällen ist abermals eine gewissenlose Präterierung zu befürchten, trotzdem bereits die Rechtspflege durch nicht ordentliche Besetzung der seit Monaten vakanten Stellen erheblich geschädigt wird und die Referate von unverhältnismässig Wenigen erledigt werden müssen. Tragikomisch geradezu erscheint es, dass just Ostschlesien als „Judenreservoir“ angesehen wird und nun a 11 e jüdischen Auskultanten in Ostschlesien dienen müssen. Und hier gilt der sogenannte „konfessionelle Schlüssel“ : jede Stadt hat eine ihr ein für allemal zugewiesene Judenzahl, die nie überschritten wird und mit der Besetzung aller dieser Stellen ist die Stadt „judensatt“. Dass die Verhältnisse durch den Tod des deutschen Landsmannministers nicht besser werden dürften, ist jedem klar, der das Schachern mit Stellen bei solchen Anlässen, wie es die Ernennung eines neuen Landsmannministers ist, kennt. Mit einer strafwürdigen Nonchalance setzt man sich über die sakrosankten Staatsgrundgesetze, die mehr zitiert als gehandhabt werden, hinweg und der jüdische Bewerber büsst am eigenen Leib die segensreiche Postulate- Politik des Sieghardtschen Systems. Die Abgeordneten Ofner, Kuranda und Konsorten aber sind der Meinung, es gäbe in Oesterreich keine spezifisch jüdische Interessen. Und sie sind ehrenwerte Männer! Ein Sieg. Die Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts wundern sich, dass man Galilei, der doch nur die heute allgemein gütige Wahrheit, dass sich die Erde um die Sonne bewege, ausgesprochen, verfolgt und zu Tode gequält hat. Mab wundert sich und ist empört darüber! Und doch wiederholen sich derlei Dinge vor unseren Augen. Jahrelang behaupten unsere Studenten, dass sie Juden seien und nichts anderes. Und trotzdem dies eine selbstverständliche Wahrheit und das Bekenntnis zu einer Nation das primitivste Recht jedes Menschen ist, vereinigten sich alle Mächte der Hölle, um die jüdischen Studenten durch Bitten, Drohungen und Repressalien zu belehren, dass sie keine Juden sind. Der gesunde Menschenverstand findet die Quertreibereien und Verfolgungen der Gegner, den Widerstand der Behörden einfach unbegreiflich, nicht darum, weil man den Gegnern der jüdischen Nationalität nicht jedwede Gemeinheit Zutrauen könnte, sondern weil man doch nicht annehmen kann, dass geistig gesunde Leute bewusst weiss als schwarz und schwarz als weiss ausgeben werden. Die Macht der Wahrheit muss aber durchdringen. Unaufhörlich agitiert sie für sich, bis auch der zäheste Widerstand gebrochen ist. Den Tatsachen kann sich keine Gewalt auf die Dauer verschliessen, um so mehr, wenn diese Tatsachen von einer numerischen Macht unterstützt sind. So ging es auch unseren Studenten. So lange sie an die Gerechtigkeit, an die Logik, an die Idee der Gleichberechtigung usw. appellierten, wurden sie nicht gehört. Erst als sie sich organisierten, einmütig vorgingen und einige hundert Studeaten die N a t ion a 1 e mi t „j üdis c h“ ausfüllten, gab man nach und „aus freien Stücken“ — wie der Regierungsrat Brockhausen sagte, wurde den Studenten erlaubt, sich als Juden zu bekennen. Ob es nun aus freien Stücken geschah, oder ob vielleicht die Macht der Zahlen, es bewirkte — die Tatsache, dass die jüdische Nationalität anerkannt ist, besteht und damit ist auch eine neue Bresche in die Mauer der Assimilation geschlagen. Denn einmal an den Universitäten anerkannt, wird der Begriff „jüdische Nation“ maqht. Trotz der vielen Fehler „.Josseles“ beherrscht Dinesobn das Herz und die Empfindungen und alles, was dem Jossele' passiert, wirkt mit ungeheurer Kraft. Man steht im Strome drinnen und aus einem Zuschauer wird man Mitbeteiligter. Mit wehmutsvollem Herzen liest man die Erzählung zu Ende. Man fühlt, dass die ganze Welt finster wird. Man war Zeuge und Mitbeteiligter eines schrecklichen Mordes — das ist die Kraft eines grossen Künstlers, der vermöge seines Instinktes den richtigen, natürlichen Weg gefunden iiat, uneinbeflusst von den grossen Göttern und ihren kleinlichen Kunstmitteln. Leider ist Dinesohn, und zwar nur durch seine ‘Erzählung „Jossele“ unser einziger Vertreter in der erzählenden Kunst. Charakterköpfe. - Sieben Silhouetten. I. Fräulein Jadwiga Henriette Cohn-Goldreich, Tochter von S. R. Goldreich .& Cie., hat sich in der Votivkirche mit dem Herrn Baron Udo von Herbley - Jaroschin - Stuart verehelicht, der im S2. Grad mit jener Linie der Stuarts verwandt ist, die einst die Königskrone von England ger tragen haben. . Ihre - Mama, Frau Rosalia Cohn-Goldreich, geborene- T.oibeles, hat gleichnach -dem'Eheabschluss vom Salon bis ins Klosett den;Wappen^ derer von Herbley-Jarosehin-Stuart, einen mit Strahlen umgebenen Schafskopf anbringen lassen. Sie fahrt nur mehr mit livrierten Kutschern und schneuzt sich nur in Sacktücher mit neunzackiger Krone. Am Jahrestage der Hinrichtung der Maria Stuart — (ist in jedem Kalender ersichtlich) — findet eine Besucherin Frau Cohn-Goldreich, geborene Toibeles, vollends in Schwarz gehüllt, die Augen heftig von Tränen gerötet. „Um Himmels Willen, wer ist Ihnen gestorben —?“ fragt die Dame entsetzt. „Heute ist Jahrestag — “ Den Satz unterbricht die gnädige Frau unter Schluchzen und weist auf ein altes, dunkles Frauenporträt an der Wand. Und mit tränenerstickter Stimme fügt sie hinzu: „Die arme Mizzi!“ * * * fl. Kämpferische Stimmung bei Herrn Dr. K. Wie gewöhnlich nach dem Essen. Das fördert: die Verdauungskraft. Er giesst den Tahakrauch und die Worte in Stössen durch die Nase. -Haben einen weiten Weg, um ans Tageslicht zu kommen. ’1'' :-i;"; Unddie Rede sprudelt iififer' zweihändiger Begleitung wie ein Wasserfall. Auch .puncto Feuchtigkeit. Drei Worte in der Sekunde. Auf offener Strecke fünf." j i',?4'AVasi.;glauben Sie eigentlich, junger Mann?! iNj|B!;ßie:'sind ein guter Jud’?. Nur;r&Se haben ' den Mut,. überall sich- - als .Judifc zu-' bekennen? Was heisst? Hab’ ich mich je geniert? Fürcht’ ich mich vor jemand? Wer kann mir das nachsagen? Wer? Können Sie sich vorstellen, dass ich — ich —“ Plötzlich ein Ruck. Doktor K. verstummt. Das Dienstmädchen bringt den Tee. Ein Monstrum von einer Hannablume. In ihrem geräumigen Angesicht, das beinahe so gross ist, wie einer ihrer Füsse, führt der Stumpfsinn stumme Orgien auf. Sie sagt „K’sstan [“serviert den Tee und verschwindet. „Warum haben Sie so plötzlich unterbrochen Herr Doktor?“ fragte der junge Mann. „Muss denn die wissen, dass wir Juden sind?!“ . III. „Siehst Du, Du bist geschmacklos! Alle Deine Kinder haben diese spezifisch jüdischen; Namen, die ärger sind, als der gelbe Fleck!“ „Aber -“ ■ „Nix aber! Vielleicht nicht! .Siegfried, Ignaz. Else —fürchterlich!“ - „Aber „Nix aber? Kann -man nicht für dasselbe Geld den Kindern sehöne christliche, oder wie Du sagst, arische Namen geben?? Können sie nicht heissen Josef, J oh an n, Maria, Elisabeth r-r? Was lachst Du?“ „Entschuldige! Ich stelle mir nur einen