Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 v-' Bie jüdische .'Zeitucig“ tjnrd Jijn l?esehrfttenen Weg fest iirid u^eügsam^eit^r geben: Unseren Gesinnungsgenossen ^Wächst die JPflidfl^ äE:dieJKkßmtni^^degi51attet., zu sorgen, damit es stets weiter ausgebaut ' -und dereinst zu einem jüdischen Tagblatt ausgestaltet werden kann. Das ist unser Ziel? dem-wir unbeirrt durch gehässige Anfeindungen, . zum Wolile unseres Volkes, mit aller' &aft zustreb’en. ‘ ~r Rundschau. Das Urteil!m Bankprozess. Das englische Gericht hat das Ansuchen um Abänderung des Memorandums der Jüdischen Kolonialbank abgewiesen. So entschieden auch die österreichische Landsmannschaft den „territoriailistischen Spuk“ abgewiesenhat, .so wenig konnte sie sich für den prinzipiell völlig bedeutungslosen Prozess erwärmen. Solange die Majoriät der Aktienbesitzer streng palästinensisch ist, wird unsere Bank nur in Palästina arbeiten. Sollte aber die Majorität territorialistisch werden, so würde sie, wenn die Aendeaung zugefassen worden wäre, es -In der Hand haben, die Aenderung wieder rückgängig zu machen. Auch rein praktisch ist das Urteil bedeutungslos, weil ja heute schon ein grosser Teil der Bankgelder in Palästina investiert ist. Viel wirksamer aäs jede Statutenänderung wäre es für unsere Zweckei, alle nichtpalästinensischen Geschäfte der Bank endlich abzuwickehi und alles verfügbare Geld an die Ango Palestme Company, welche in anerkannt mustergültiger Weise und mit grösstem Erfolge für die Hebung der Wirtschaft der palästinensischen Juden tätig ist, zuwenden. Diese Forderung ist wiederheft von verschiedenen Seiten gestellt worden und eine diesbezügliche Resolution wird auch dem nächsten österreichischen Parteitag vorgelegt werden. Die Brünner Konferenz. Die Konferenz der drei westeuropäischen Distrikte hat einen sehr erfreulichen Verlauf genommen. Der Wunsoh nach einem engeren Zusammenschluss dieser drei Distrikte kam nicht nur in der guten Beschickung der Konferenz zum Ausdruck, sondern manifestierte sich auch .dadurch, dass alle Beschlüsse einstimmig gefasst wurden. Darunter befand sich auch einer, welcher sich für die Entfaltung einer gesamtösterreichischen Föderation ausspricht. Hiefür wird sicherlich der Zusammenschluss der homogenen westlichen Distrikte zu einer organisatorischen Einheit nur förderlich sein. Die österreichische Gesamtorganisation krankte früher daran, dass auf die Verschiedenheit der örtlichen Verhältnisse nicht ge- ^fÖlpSCHE- ZEITPNCj|f' säugend ■■tjücksächt genommen, wucjje. jj^rdem abet% undfWest mit einer geWisse^;|Aül^ioi^e! ajis- ^gestattet,-Sj? ^ist dieser Vferschiötj&il&ijj Reöijnüng •' getragen und -ei ne Zu samittenfasSu ngr|ftr ...g^jnein-,. same Angelegenheiten, wre das Auftreten nach aussen und am Kongress, ist dann leicht durchzuführen.- - ..*x- ■Das geplänW-'’äetfImllc<Mit€«‘<-ftf-'\Vestösterreich, das eine rein zionistische Behörde sein muss, -yvipd grosse^ Aufgaben :-ijnd fgrosse., .Verantwortung^ liäberi.' Nachdem A es" aWrSvoifi' *ö'sterrdicÄisclie»r:- Parteitag gewählt und - nicht durch Delegierung seitens der Distrikte zusammengesetzt, werden - soM, so wird es genügend Autorität haben, um sich Geltung zu verschaffen. In seinem Schosse werden alle Parteischattierungen Platz finden, weshalb es zur Ausgleichung bestehender Gegensätze sehr viel beitragen ..können wird. Dies ist der Sinn der Brünner Beschlüsse, die von jedem, der eine Erstarkung unserer Organisation im Westen wünscht, aufs lebhafteste begriisst werden müssen. Sozialdemokratischer Antisemitismus. Wollten wir die antisemitischen Allüren der „Arbeiter-Zeitung“ fortlaufend annageln, so rechte der Raum unseres Blattes nicht aus. Es muss uns genügen, von Zeit zu Zeit durch ein besonders markantes Beispiel für die Haltung dieses von Juden geschriebenen und der „völkerverbrüderaden“ Soz a’demokratie dienenden Blattes zu illustrieren. Die „Arbeiter-Zeitung“ vom 12. Mai a. c. enthält folgende Notiz: Der „ludenfesfzun'1. Unter denen, die das Maul so weit aufgerissen haben, pi die Donner der Revolution anzukündigen, wenn man Urnen nicht erlaubt, einen Festzug mit Maskerade abzuhalten, sind manche unzufrieden geworden. Sie haben jetzt den Festzug, können sich die exotischesten Trachten um den Leib hängen und trotzdem ist ihnen die Freude verpatzt worden. Der Festzug ist doch eine Sache nicht nur fürs Wiener Gemüt und das patriotische Gefühl, sondern auch für das Geschäft. Er sollte eine Rettung der Gewerbetreibenden sein. Ein Wiener Tuchhändler mit einem massig grossen DetaUgeschäfte ist nun in seinem Drange, den Patriotismus zum einträglichen Geschäft zu machen, darauf gekommen, dass das Gerede vonder Beglückung der Wiener christlichen Gewerbetreibenden und Händler ein Schwindel ist und der Genuss am Festzug nur in Orden bestehen -wird. Der Mann hat nämlich selber Lieferungen von Tuchstoffen kriegen wollen und da sich seine Wünsche nicht realisiert haben, hat er geforscht, wer der glücklichere Konkurrent ist. Es präsentierte sich ein Herr — Weinmann, der die Stoffe, aus denen Festzugstrachten zu erzeugen sind, gar aus Berlin kommen hat lassen und, um die guten Christen zu täuschen, nicht direkt nach Wien, sondern nach Pressburg und von liier erst nach Wien. So schaut also die Rettung des Wiener Gewerbes aus. Der Tuchhändler war entrüstet und glaubte, er werde beim Stadtrat Hilfe finden. Zwei Stadträte, die Herren Schwer und Nr. 20 Fr a.s;s, gingen .zwar, mit ihin zu 'Herrn n’ S 'Weininami.. Dort wurden sie, wie sie meldeten, die-höch grausigere Tatsache gewahr; dass Kg';AVeinmanri -jgar nicht der eigentliche Lieferant ‘ist,..Sonderii_der Strohmann.von — Hugo Baruch & Komp, in Berlin, einer Firma, die die Theaterkostüme erzeugt und von der man allerdings meinen könnte, dass sie den Festzug-dazu benützt, -die-alten, schon-bei ihr „historisch“, gewordenen Kostüme, die sie :auf Lager hat, loszuwerden und sie dann nach dem; Festzug »wieder billig zurückzukaufen. M.'..: Nun ist die Sache nicht so arg; Baruch soll, wie es. heisst, .raus .Berlin nur.; Stoffe schicken, die man in Oesterreich in der Eile nicht mehr; herstellen kann: Als 1 niiri die Stadträte ' Schwer und Frass so gründlich in die Sache hineingestiegen sind, dass sie gar in die Höhe des Weinmann gingen, haben sie ihm, wie das „Deutsche Volksblatt“ triumphierend meldete, gesagt, dass sie „als Abgesandte der Gemeinde Wien, welche den Festzug nur unter der Bedingung subventionierte, dass bei den Lieferungen nur österreichische Geschäftsleute berücksichtigt werden, ein Recht zu ihrem Vorgehen hätten“. Nun musste man glauben, es werde ein Donnerwetter über Weinmann und Baruch niedergehen, denn es liiess, der Bürgermeister habe die Einvernehmung der beiden Stadträte verfügt und der Magistrat habe einen Bericht verlangt. Aber was ist herausgekommen? . Der Stadtrat hat sich' vor Weimnann und Baruch geduckt und sich um die Gewerbetreibendeu, die Lieferungen wollen, nicht geschert. Er hat nämlich erklärt, dass „der Gemeinde kein Recht zpstelie“. Also haben eigentlich die Herren Schwer und Frass gelogen, als sie sagten, dass die Gemeinde nur unter der Bedingung subventioniert hat, dass hei den Lieferungen nur österreichische Geschäftsleute berücksichtigt werden, oder sie waren am Ende gar so ländisch, das selber zu glauben. Jetzt stehen nun die Gewerbetreibenden da wie die Lohgerber, denen die Felle weggeschwommen sind. Sie sehen, dass die Schosskinder der christlichsozialen Festzugmacher Weinmann und Baruch sind, und glauben im ganzen Festzug nur Judemnache zu erblicken. Wohin sie sehen, sagen sie, hei den Stoffen und Kostümen, heim Tribünenverkauf, beim Plakatdruck, sehe man nur Juden. Das hat man davon, wenn man einen Festzug mit Revolutionsandrohung erpresst und den Lügen der christlichsozialen Macher von der Rettung des Gewerbes‘glaubt. Nichts Erbauliches wird vom Festzug übrig bleiben als Orden für die „Führer“ der Gewerbler. Jetzt sollten die Enttäuschten mit erprobter Energie auf Abstellung des Festzuges dringen. Die Methode ist immer die gleiche: Man gibt vor, die Christliohsozialen zu verhöhnen, in Wirklichkeit denunziert man sie, dass sie nicht antisemitisch genug sind, und das wird von Juden geschrieben! „Es gibt kein abscheulicheres Asshnilantentum, als jenes in der Soz:aldemökratie“, so schrieben wir, ais wir die Haltung der Diamant und Liebermann gegenüber der Resolution Schmid glossierten. Wir können auch den Juden der „Arbefter-Zeitung“ gegenüber nichts anderes sagen. Ihnen sind die Luegerleute nicht antisemitisch anlagung folgt und nichts mehr als ein Erzähler sein will,.dann bietet er uns Kunstwerke, welche unter den besten Erzählungen den besten Platz einzunehmen würdig sind. „Ein Stein am Wege“, „Herscheie“ sind Machwerke, die nicht einmal eine Erwähnung verdienen. Dies rührt daher, weil Dinesohn in diesen Erzählungen den Ehrgeiz hatte, der jüdischen Masse ein Wegweiser zu sein und ihr Moral zu predigen. Auch in seinen Skizzen aus den letzten Jahren steht Dinesohn nicht auf der Höhe seiner Kunst, weil er sich bemüht, modern zu werden, das heisst sich Elementen welche der erzählenden Kunst fremd sind, zuzuwenden und dies vernichtet sein erzählendes Talent. Erst in seinem „JosseJe“, einer Erzählung aus dem Kinderleben für Erwachsene, zeigt sich Dinesohn in seiner ganzen Kraft, weil er hier in seinem natürlichen Elemente bleibt. Darum ist „Jossele“ ein Meisterwerk, würdig einen ehrenvollen Platz auch in anderen Literaturen einzunehmen. Aber auch in „Jossele“ verleugnet sich Dinesohn nicht Es ist derselbe Dinesohn, wie im „Stein am Wege“ mit der übertriebenen Neigung für melodramatische Effekte nur den weinenden, klagenden Ton. In „Jossele“ hilft ihm sein Erzählertalent über diese gefährliche Neigung hinweg. Die Geschehnisse folgen .einander in einem derart starken Tempo, dass man nicht einzelne Stücke des Lebens „morceaux de la vie“ sondern ein ganzes flutendes Leben vor sich zu sehen glaubt Eine kleine Ursache, ein Diebstahl von einem Kind verübt, rieht derart bedeutende Folgen nach sich, dass eine ganze Familie ruiniert wird, und dass das End aus der Gesellschaft vertrieben wird, in der es geboren ist und in der es erzogen werden soll. Alle diese Geschehnisse sind miteinander verknüpft und folgen derart richtig und lebenswahr eines aus dem anderen, dass beim Lesen aus der Erzählung das wirkliche Leben spricht und dass sich einem das Herz vor Weh zusammenkrampft Und im Laufe der Handlung und ihrer Entwicklung wächst ein Gefühl des Unmutes und reisst sich ein Schrei des Protestes los gegen das wilde Tier „Gesellschaft“, welches sich auf das unglückliche Kind gestürzt hat Und welche tiefe — manchmal auch grob ungeschlachte — Psychologie verwendet Dinesohn in der Darstellung der Entwicklung des Endes, bis es zum Diebe wird. Dinesohns Psychologie ist nicht grüblerisch, steht nicht wie mit einem Seziermesser da, indem sie durch ihre kleinliche Studierzimmergenauigkeit ermüdet, sondern sie ist eine Psychologie, welche aus dem Wesen der Erzählung fliesst. Eigentlich sollte man da den Inhalt von „Jossele“ angeben. Aber dies ist überflüssig, trotzdem der Inhalt an und für sich recht interessant ist Hier handelt es sich um die Analyse des Künstlers Dinesohn und der Inhalt wäre bloss etwas Nebensächliches, das für die Beurteilung der Kunst nur untergeordneten Wert besitzt. Nicht der Inhalt, sondern die. Bearbeitung und Ausführung machen den Meister aus. Manch schöner Stoff ist durch die schlechte Ausführung zu nichts und viele vaut-riens sind durch ihre künstlerische Bearbeitung zu Kunstwerken von grossem* Wert geworden. Dies ist eine alte Wahrheit, die leider von unseren Kunstkritikern viel zu wenig beachte wird. In vielen Punkten reizt „Jossele“ zu einem Vergleich mit Jonas Lies Erzählung „Lebenslänglich verurteilt“. Aeusserlich macht „Jossele“ keinen so gefälligen Eindruck, wie Jonas Lies Erzählung, weil unser moderner Geschmack in „Jossele“ viel weniger „Literatur“ als in „Lebenslänglich ver: urteilt“ findet. Als Kind seiner Zeit und seines Milieus, ist Dinesohn viel zuviel rhetorisch, moralisierend und melodramatisch, wie es scheint, unter dem Einflüsse des jüdischen Theaters. Dies stört oft den künstlerischen Genuss beim Lesen der Erzählung. An innerlicher erzählender Kraft überragt dafür „Jossele“ bei weitem Lies „Lebenslänglich verurteilt“. Lies’ Erzählung macht durch die eingeschobenen Episoden, durch den Mangel an Zeit- und Darstellungseinheit, den Eindruck, als ob einzelne Portraits. aneinandergereiht wären, während „Jossele“ durch und durch Erzählung ist. Die Einheit und die Geschlossenheit von Zeit und Handlung zeigen uns Dinesohn als echten künstlerischen Erzähler. .Vor sechs Jahren las ich „Jossele“ zum ersten Male und die ganze Zeit hindurch lebte in mir der starke Eindruck dieses Buches. Jetzt habe ich „Jossele“ noch einmal gelesen und jener Eindruck hat sich um nichts verringert. „Jossele“ gehört zu jenen Erzählungen, die man zu Ende lesen muss, sobald man sie in die Hand genommen hat, und die wie alle echten Kunstwerke wirken: man bekommt Herzklopfen und wird aufgeregt, weil man sich die Welt der Erzählung zu eigen