Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 19 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 Seite 3 JÜDISCHE ZEITUNG zum Rekrutenkontingent darauf hingewiesen, dass es im militärärztlichen (Korps an Aerzten fehle und dass trotzdem gut qualifizierte jüdische Bewerber zurückgewiesen werden — und Minister v. Georgi erzählt, dass das Aerztekorps. 18 Prozent Juden habe, darunter 5,6 Prozent Oberäizte, gibt somit zu, da die Oberärzte die niedrigste Charge im aktiven Aerztekorps bilden, dass in der letzten Zeit keine Juden ausgenommen werden, denn sonst wäre es nicht möglich, dass in den höheren Chargen der Prozentsatz der Juden ein grösserer wäre. Herr v. Georgi betonte dabei auch, dass die Juden nur 4,5 Prozent der 'Bevölkerung betrügen. Er scheint also die Theorien der Christlichsozialen akzeptiert zu haben, wonach den Juden nur nach, dem Prozentsatz ihrer Volkszahl Anteil an den staatlichen Stellen etc. gebührt. Diese Auffassung steht dm striktesten Gegensätze zu den Staatsgrundgesetzen, ist aber auch ganz sinnlos in ihrer praktischen Anwendung. Denn es ist Tatsache, dass ein grosser Mangel an Militärärzten besteht, andrerseits die zahlreichen jüdischen Aerzte, die sich um diese Stellen bewerben, abgewiesen werden. Also man lässt lieber die krassesten sanitären Gefahren hn Heere bestehen, als dass man vom Prozentstaridpurfkt abgeht. Das erinnert lebhaft an den berühmten 'Ausspruch Gregorigs, lieber auf der Gasse' mit gebrochenem Fuss liegen zu bleiben, als sich von einem jüdischen Arzt der Rettungsgesellschait helfen zu lassen. Wir Jüdischnationalen werkten gegen die'Einführung jener famosen Prozentregel in die Praxis den energischesten Widerstand leisten. * * * Magyarisch-Antisemitisches. Man könnte den Satz, jedes Land hat die Juden, die es verdient, variieren und behaupten, jedes Land hat die Prozesse, die es verdient Frankreich hatte den Dreyfus-, Oesterreich den Pilsner-Prozess, Deutschland die Moltke-Eulenburg-Affäre und Ungarn seinen Polonyi-Prozess. Doch gilt für Ungarn auch der Satz ohne Variation, es hat nämlich auch die entsprechenden Juden. Im Prozess Polonyi hat man erfahren, was man von den Liberalen Ungarns erwarten kann, auch wenn sie Minister und Leiter der Justizverwaltung sind. Ausser höchst verdächtigen Manipulationen und unsauberen Korruptionsgeschichten erfuhr man auch, dass Polonyi als Minister des freiheitlichen Ungarn treu nach russischem Muster mit Pogromen gedroht habe. Der Abgeordnete Paul Sandor sagte nämlich u n t e r E i d folgendes aus: Der damals noch im Amte befindliche Justizminister Polonyi habe . eines Tages einen Vertrauensmann zu ihm entsandt,- der ‘von ihm. im Namen Polonyis forderte, er (Sandor) solle dem „„Solange willst Du leben?““ „Nein ... für das späte Glück würde ich so viel nicht zahlen wollen. Schlafen will ich, diese Zeit verschlafen! Du kannst es! Schläfere mich ein, Fakir! . ..“ * * * Der Fakir schweigt. „Du willst Dein Wort nicht halten?“, fragt der Gast. „„0 ja““, antwortete der Fakir, „„ich denke nur daran, wer Dich wecken wird. Ich nicht, meine Kindeskinder auch nicht. .. Wer wird sich Deiner erinnern?“ “ „Hab’ keine Sorge ... Mich wird jene Zeit wecken; denn still wird sie nicht kommen!:..“ (Aus dem Jüdischen von M. W.) Allerlei. Ein Mendelssohn-Bartholdy über die jüdische lleberlieferung. In einer jüngst in der „Frankfurter Zeitung“ veröffentlichten Besprechung schreibt Professor Mendelssobn-Bartholdy in Würzburg folgendes: „Die Gemeinschaft der Zeitgenossen ist selbst von einer fiühen Erziehung zum Gemeinschaftsempfiaden abhängig: wer sich nicht mit den .grösseren Herren“, den Toten, verbunden fühlt, der ist sicherlich kein gebildeter Mensch, wenn er nichts Schlimmeres ist. Alles Grosse und Gute auf der Welt ist eine Erfüllung von Versprechungen und Verhe ssungeen der „Väter“. „Ist das nicht die Lehre; die das jüdische Volk den andern gibt, dass das Volk der ältesten, innerlichst gehüteten Ueberlieferung das stärkste, das ewige Volk ist?“ Schade, dass Felix Mendelssohn-J3art1Ö&Wf. nicht ebenso gedacht hat 1 - Vlii? w - - - . •- ■ Justizminister binnen 24 Stunden diejenigen Fälle mitteilen, die der (seither verstorbene) Bürgermeister Haimos gegen den Herrn Justizminister Polonyi Vorbringen wollte. Sollte Sandor diese Auskunft verweigern, so würden der Justizminister — das Hess er gleich mit bestellen! — und seine ganze Anhängerschaft in Ungarn eine noch nicht äagewesene Judenverfolgung inszenieren! Trotzdem Herr Polonyi sich natürlich krampfhaft bemühte, 'diese sensationelle Aussage Sandors zu entkräften, gelang es ihm nicht, die Glaubwürdigkeit des Abgeordneten, der '(fiese Aeusserung natürlich auf seinen Zeugeneid nahm, zu erschüttern. Uebrigens ist Polonyi nicht eine Ausnahmserscheinung. Auch Graf Apponyi denkt und — was noch schlimmer — handelt gegen die Juden irioht anders. Seit seinem Amtsantritte hat er noch keinen jüdischen Lehrer ernannt Seine Minister- 'kollegen folgen seinem 'Beispiele. Das Ministerium des Innern hat erst vor einigen Tagen den Befehl erlassen, eine förmliche Razzia auf die Ausländer (lies: Juden) im Lande zu veranstalten und am 1. Mai wurden nicht weniger als 10.000 Juden mit Ausweisungsverordnungen bedacht. Das wird aber die mosaischen Magyaren nicht iin geringsten hindern. Apponyi, Polonyi und ihrer Partei nach wie vor treue Gefolgschaft zu leisten und die Ruier im Streite gegen die nichtmagyarischen Nationalitäten Ungarns zu sein. Es ist zum Verzweifeln, dass die Assimilanten allüberall förmlich mit Blindheit geschlagen sind und aus der Geschichte nichts lernen. Ein Blick über die Grenze müsste doch die Visontai und Vaszony und Konsorten belehren, was d!as Ende einer solchen wahnwitzigen Politik ist Aber bevor nicht auch in Ungarn der Antisemitismus die schärfsten Formen annimmt, wird das ungarische Assimilantentum nicht hören und nicht sehen. Meine Fragen. Von Dr. D. Passmanik. II.*) Wer soll diesen Anschauungsunterricht im Zionismus erteilen? Die aufopferungsfähige Elite des jüdischen Volkes. Schauen Sie sich die verschiedensten nationalen und sozialen Bewegungen der anderen Völker an! Auch ihre Ziele gründeten sich auf „objektiv-geschichtlichen“ Ursachen. Und trotzdem ging es nicht ohne Pioniere. So war es mit den Bürgerlichen, als sie gegen den feudal-bureaukratischen Staat, mit den Sozialisten, als sie gegen den kapitalistischreaktionären Staat zu kämpfen begannen. Denn die Geschichte war wenigstens bis jetzt immer nur von einer Elite, von einer Garde geschaffen. Die objektiven Interessen und das anspornende Beispiel zwangen dann die grosse Masse nachzufolgen. Und nur so kann auch der Zionismus fortschreiten. Vor einigen Jahren sprach Herr Ussischkin den Gedanken aus, der Zionismus brauche eine Garde, Dieser Gedanke rief den Spott der einen, das Achselzucken der anderen aus. Es mag ja richtig sein, dass Ussischkin seinen, nach meiner tiefsten Ueberzeugung sehr tiefen Gedanken etwas plump formuliert hatte, indem er unter Garde diejenigen jungen Leute bezeichnte, die nach Palästina gehen werden und sich dort einige Jahre dem Ackerbau widmenwerden, ln dieserForm ist derGedanke unannehmbar, weil unfruchtbar. Aber die Motive, die diese Idee von einer zionistischen Garde hervorriefen, sind richtig und tiefausgreifend. Es handelt sich im wesentlichen um folgendes: Es muss eine zionistische Elite zum Vorschein kommen, die den Zionismus schon jetzt praktisch betätigt, indem sie schon jetzt alle ihre Kräfte nach Palästina verpflanzt. In meiner Vorstellung kann diese Elite nicht einer Klasse angehören, sondern muss sich ausdenMitgliedern der verschiedensten Klassen rekrutieren. Mit anderen Worten: Kapital *) Siehe Nr. 16/17 der „Jüd. Zig.“ /J ,n9dslc und Arbeit müssen ihre Pioniere nach Palästina aassenden. Kapital, das nur einen Hanger kennt, den des Profits? Jawohl! Bei den verschiedensten Völkern finden sich Kapitalisten, die die Initiative in nationalen and sozialen, sogar sozialistischen Bewegungen ergreifen. Etwas hat ja auch der jüdische Kapitalist in dieser Beziehung geleistet. Ich denke da nicht bloss an die von Rothschild in Palästina verwendeten Millionen, sondern auch an die einfachen Kapitalisten, — deren Zahl vorläufig verschwindend klein ist — die ihr g a n z e s Hab und Gut nach Palästina übertrugen und dort neue Unternehmungen zu begründen versuchten. Gerade weil der Kapitalist sehr profithungrig ist, braucht es seinerseits viel Aufopferung, nm nach Palästina zu gehen, dort die Rolle des Pioniers zu übernehmen. Und sollen wir vorwärts kommen, brauchen wir die kapitalistische Elite. Denn nur sie kann allmählich eine Kreditbasis für den Zionismus in grossem Stile schaffen. Haben diese kapitalistischen Pioniere nachgewiesen, dass das Kapital, sei es im Ackerbau, sei es in der Industrie, in Palästina verwendet, so und soviel Zinsen einbringt, so hat der Zionismus Geldmittel in Hülle und Fülle. Ich meine nicht bloss die Geldmittel des übrigen jüdischen, sondern einfach die des internationalen Kapitals. Ist es nicht eine Schande, dass die Land-Development Company, die einen der grossartigsten Versuche, den jüdischen Ackerbau in P alästina fest zu begründen, unternehmen will, bis jetzt die nötigen, relativ geringen Geldmittel nicht gefunden hat? Und nun verstehen die Leser die mich quälenden Fragen: Wenn man heute erfahren würde, dass die jüdische Gleichberechtigung in Russland für, sagen wir 10 Millionen Franken sicher erworben werden kann, so bin ich sicher, dass diese Summe innerhalb weniger Tage beisammen wäre, auch wenn die rassischen Juden nur auf sich angewiesen wären. Dabei handelt es sich am eine momentane Hilfe, denn die Gleichberechtigung löst, wiedieErfahrungbewiesen hat, die Jndenfrage keineswegs. Kommt aber der Zionismus und will nur 1 Million Mark, am den Versuch zn machen etwas Ewiges zu schaffen, das die Judenfrage, wenn auch nach langen Jahren, aus der Welt schaffen würde, da bleibt das Judentum bei seiner Inertie und rührt sich nicht. Und sage man ja nicht, das beweise den romantischen Charakter des Zionismns: Das Volk wird immer, wie das Kind, nur vom Unmittelbaren, Handgreiflichen gepackt and aufgerütteit, ohne in die weitere Zukunft blicken zu können. Nur die Elite kann Zukunft schaffen. Man hat sehr oft darauf bingewiesen, dass unsere Bank doch vom Volke begründet ist und nicht von den Kapitalisten. Und das Resultat? Groschen. Diese Bank hat auch nichts bewiesen. Unternehmende, jüdische Kapitalisten, die jetzt nach Palästina hingehen und dort eine wirtschaftliche Tätigkeit entwickeln, werden viel mehr beweisen, als alle unsere Banken und Fonds zusammengenommeu. Haben wir diese Elite des nationaljüdischen Kapitals? Ebenso notwendig ist eine Elite des jüdischen Proletariats, die die jüdische Arbeit in Palästina begründen sollte. Nur ist es klar, dass die jüdische Arbeit ohne Anwesenheit des Kapitals unmöglich ist. Aber trotzdem, soweit ich die Verhältnisse von der Feme überblicke, könnte schon jetzt die jüdische Arbeit in Palästina eine viel grössere Rolle spielen, als es jetzt der Fall ist. Selbstverständlich meine ich nicht, dass der jüdische Arbeiter sich aufopfern soll, am dem . jüdischen Unternehmer grössere Profite zu sichern. Das ist auch nicht notwendig. Dank^ seiner grösseren Intelligenz und seiner*1 grösseren Ergebenheit wird der jüdiscl^ Arbeiter immer höhere Löhne verlang#^ können, als der arabische. Aber der jüdisnhay Arbeiter soll auch seine Arbeit und sein Lehfetei so organisieren, dass er tatsächlich bo8fel?-w