Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 19 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Anschauungen, jener zwischen Wohltätigkeit und sozialer Hilfe, zwischen privatwirtschaftlicher Tätigkeit und staatsähnlicher Fürsorge muss sich gerade bei der Arbeit zeigen, welche in Palästina unternommen wird. W i e wir in Palästina arbeiten wollen, das geht am besten aus den Schöpfungen hervor, welche der politische Zionismus, hauptsächlich durch Initiative Warburgs, ins Leben gerufen hat: Bank, B e z a 1 e 1, Industries y n d i k a t, landwirtschaftliche Versuchsstation, Hausbauge n o ss en sch a-f-tj- Development Company, Palästinaa m t usw. Aus der Fülle der Schöpfungen gerade Oelbaum spende und Pflanzungsverein herauszugreifen und sie als Kleinigkeiten zu verspotten,. ist keine loyale Kampfesweise. Auch diese kleinen Gründungen haben neben jenen grossen ihren Wert, sie üben auch auf die verhärtesten Gemüter ein gewissen Reiz aus und zaubern dadurch Gelder für Palästina hervor, die sonst überhaupt nicht eingeflossen wären. Die Oelbaumspende brachte in den eisten 3 Monaten des Jahres nicht weniger als Mk. 13.450.— ern. Aber Warburg hat gewiss nie die Bedeutung dieser Gründungen überschätzt und mit ihnen etwa Palästina erobern wollen. Ebenso zeigt es von einer vollkommen Verkennung der Idee der P. D. C., wenn die Chowewe Zion sie ausschliesslich von dem Gesichtspunkt aus betrachten, ob sie in den ersten Jahren Dividende zahlen wird, oder nicht. Die P. D. C. ist geradezu ein Schulbeispiel für den erwähnten Unterschied der Arbeitsmethoden. Gegenüber der völlig gescheiterten Wohltätigkeitskolonisation der Chowewe Zion stellt sie ein Erziehungs- und Ausbildungsmittel in technischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht dar. sie ist daher im eminenten Sinne ein Instrument des politischen Zionismus. Ausser richtigen Methoden der Arbeit benötigen wir aber auch die Männer, welche die Arbeit ausführen sollen. Und hier liegt die wichtigste Differenz. Die Chowewe Zion glauben, dass sie diese Männer in ihren Reihen haben, wir anderen Zionisten glauben das nicht. Selbst Ussischkin, der Mann mit der eisernen Faust, hat in Palästina mit der Organisation der Kolonisten Fiasko gemacht. Wir sind der Ansicht, dass Verwaltungstalente, wie wir sie nötig haben, sich bis heute unter den Chowewe Zion nicht gezeigt haben. Die Ursache liegt in der ganzen russischen Atmosphäre, welche der Ausbildung solcher Talente nicht günstig ist. Die Männer, die wir brauchen, werden wir zum grössten Teil im Westen finden, vor allem in Deutschland, wo die Erziehung durch Schule und Leben, sowie das Vorbild der öffentlichen Verwaltungen für die Ausbildung solcher Talente sehr günstig ist. Es ist gewiss kein Zufall, dass Männer wie Warbu r g undRuppin oder, in einem anderen Lager, Dr. Nathan, deutsche Juden sind. Unser Vertrauen zu dem Leiter des Palästinaressorts wird durch solche kleinliche Angriffe nicht erschüttert werden. Prof. Warburg hat die Palästinakommission aus einem Nichts zum Angelpunkt der Bewegung, zur Initiatorin immer bedeutsamerer Schöpfungen gemacht. Sein Auftreten war es, das in den Stürmendes siebenten Kongresses Vertrauen und Zuversicht wieder herstellte. Auch am achten Kongress hat es sich in imposanter Weise manifestiert, in wie hohem Grade sich Prof. Warburg die Liebe und das Vertrauen der ganzen Bewegung erworben hat. Auch der Angriff Ussischkins wird nichts daran ändern, dass die Organisation sich wahrhaft glücklich fühlt, einen Mann, wie Prof. Warburg, als Leiter der Arbeit für unser geliebtes Heimat- und Zukunftsland zu besitzen. Rundschau. Die Brunner Konferenz. ■ Sonntag den 10. d. M. wird in Briinn eine Konferenz der westösterreichischen.' Distriktskomitees tagen, um über die Neugestaltung der Organisation schlüssig zu werden. Nachdem Galizien sich von der üesanÄorgaiiisatioii losgerissen und ein eigenes Zentralkomitee in Lemberg gewählt hat, ferner die Wiener Mitglieder der Landeskomitees ihre Mandate niedergelegt haben, weil eine, gemeinsame Konferenz nicht zustande gebracht werden konnte, so fällt iiaturgemäss die Ordnung der we$tÖsterrcächischen Organisation den Distriktskomitees zu. Es ist kein Zweifel, dass die Gründung eines . Zentralkomitees für Imierösterreic'h, Böhmen, ■ Mähren jund Schlesien beschlossen werden wird. Sollen sieh angesehene Parteigenossen finden, welche dieses zu übernehmen geneigt wären, so wird es nötig sein, Idem Zentralkomitee einen entsprechenden Wirkungskreis zu schaffen und ihm die zur Geschäftsführung nötigen Mittel zu sichern. 'Denn hei weiterer völliger Autonomie der Distrikte wä re das Zentralkomitee ebenso wie das frühere Landeskormtee zur Ohnmacht verdammt und nach den bisherigen Erfahrungen würde sich wohl kaum ein Parteigenosse von Namen finden, der trotz Beibehaltung der Distriktsautonomie in das Zentralkomitee eintreten würde. nicht Kall und streng sprach er: ,Der Adler muss essen, wenn er leben will; und um Nahrung zu finden, muss er zur Erde niedersteigen . . . und die Nahrung liegt oft im Schmutze.“1 ..Sehr weise!“- .Ich aber verstand ihn nicht und vergass seine Worte vollständig.11 * * * .Ich erinnerte mich an sie als icli erster Minister wurde.41 ..Manzipari?““ .So pflegte man mich zu nennen.41 ..Und heute?*“ .Bin ich namenlos.41 ..Wann und wie geschah es?“1 .Einige Jahre sind seither verflossen ... Es freut mich, dassDu nichts davon weisst . . . dass dies alles so hoch, to tief oder so weit von mir ist! Einst stand ich lange tief gebückt vor der Sonne, dass mir unwillkürlich der Gedanke kam, die Säulen im Palaste zu beneiden, die die Decke stützen und sich nicht beugen . . „.Du hast diese Gedanken geäussert?4“1 „Nein; meine Lippen vermochten es nicht, aber das Rückgrat! Es machte eine ungeduldige Bewegung — Die Sonne merkte es .. .* „„Und Du lebst?“1 „Gross war die Gnade des Königs. Man machte mich zu einem Mond, man vertraute mir eine Provinz an.41 „„Du warst zufrieden?“1 „Ein« kurze Zeit bloss, bis die Sonne kam und der Mond sich nur wenig bückte.' „Man degradierte mich zum Stern. Man übergab mir eine Stadt. ..“ .„Du regiertest solange, bis der Mond kam.4141 „Richtig. Das Rückgrat verlernte das Bücken immer mehr .. . Ich gelangte in die Milchstrasse unter tausende kleine Sternchen-41 „Und?“1 „Das Rückgrat! Man machte mich mit dem Bambusrohr bekannt und trieb mich aus dem Himmel;41 „„Und Dein Vater, der stolze Schlossherr?““ „Er konnte es nicht überleben und hinterliess mir eine grosse Erbschaft. .. Ich konnte mir einen eigenen, kleinen Himmel bauen.11 „„Du tatest es nicht?““ „Nein, ich hatte eine Leidenschaft. Ich wollte, was alle anderen auch wollen, dass die Menschen mir ähnlich werden, dass sie aufhören, sich zu bücken.“ „„Eine gefährliche Leidenschaft!““ „Ich kaufte Kleidung und Lebensmittel, öffnete die Tore meines Schlosses und liess verkünden : Wer Lust hat, komme und nehme nach seinem Wunsche, unter einer Bedingung: niemand darf danken. Wer es tut, muss zahlen.“ „„Trafen dies viele?““ Wenige, doch langsam stieg die Zahl der Nichtdankenden, nur wurde ich —“ „„Arretiert?*“ „Nein, ins Irrenhaus gesteckt . „„Richtig, als Verschwender_“* Nr. 19 Nach Ordnung der Organisation in . Westösterreich wird die Präge des. Verhältnisses zu . Galizien akut werden. Wir wollen der Entwicklung nicht vorgre fen und nur der Hotimrng Ausdruck geben, dass es möglich sein wird, die Einheit der österreichischen Landsmannschaft in einer Form zu wahren, unter welcher die Einheitlichkeit und Geschlossenheit der Teile nicht leide» müsste. Die jüdischen Militärärzte. In Beantwortung der Interpellation des Abg. Dr. Gabel betreffend die Aufnahme von Juden in das militärärztliche Offizierskorps, erklärte der Landesverteidigungsminister FML. v. Oeorgi am Dienstag den 6. Mai, dass hei Erzielung eines geeigneten Nachwuchses fiir das iriilitärärztlidie Offizierskorps konfessionelle Rücksichten nicht massgebend sind und dass auch jederzeit Stipendien an Vertreter aller Konfessionen verheilen wurden. So wurden seit' dem Jahre 1888 nebst 1534 Christen 108 Israeliten, das ist 6,6 Prozent, mit Stipendien beteilt. In welch geringem Masse aber auch die von den Interpellantein aufgestellte Behauptung, dass Israeliten seit der Wirksamkeit des derzeitigen Chefs des militärärztlichen Offizierskorps in das letztere nicht amgenommen wurden, mit den Tatsachen iiberemstrmme, gehe daraus hervor, dass nach dem Stande vom 15. Dezember 1907 nicht nur unter den Oberärzten die Israeliten mit 5.6 Prozent vertreten sind, sondern unter sämtlichen 1042. Angehörigen des 'militärärztlichen Offizierskorps 18 Prozent der mosaischen Konfession angehören, während die jüdischen Staatsbürger in beiden Gebieten der Monarchie nur 4,7 Prozent der gesamten Bevölkerung ausmachen und in der gesamten Mannschaft des Heeres die Israeliten mit 3,6 Prozent vertreten sind. Nach den tatsächlich bestellenden Verhältnissen und den vorerwähnten Daten könne von einer Verletzung der Staatsgrundgesetze durch" die Militärverwaltung in der bezeichnten Weise wohl nicht die Rede sein. Aus den Ausführungen des Ministers und aus seiner Darstellung der Verhältnisse könnte ein Uneingeweihter leicht den Schluss ziehen, dass die Interpellation jeder Grundlage entbehrt. Sieht, man näher zu, so bemerkt man aber, dass Herr von Georgi Antwort auf Prägen gibt, die an ihn nicht gestellt wurden. Abg. Dr. Gabel interpellierte ihn, warum in der letzt en Z ei t keine i ü d isc h e n Ae rzte au f g eiiommen wurde n, und darauf erklärt der Minister prompt, dass mau in den früheren Jahren jüdische Aerzte augestellt hat. Dr. Gabel beschwerte sich, dass man den jüdischen Aspiranten, seitdem v. Uriel Chef des militärärztlichen Offizierskorps ist, keine- Stipendien verleiht — und Minister" v. Georgi antwortet, seit dem Jahre 1888 sind 108 Juden mit Stipendien beteilt worden. Dr. Straucher hat in seiner Rede „Als man mich aus dem Irrenhaus entliess, war von meinem Erbe nichts mehr da... . Freunde und Bekannte hatten sich bemüht, es fanden sich Gläubiger ein, der Aufenthalt im staatlichen Irrenhause ist teuer genug.“ „,Geh arbeiten,1 sagte man mir als man mich entliess.“ „„Und dies passte natürlich dem gewesenen Minister nicht.“ “ „Im Gegenteil, nach der langen Ruhe sehnte ich mich nach Arbeit... Nur um Arbeit zu betteln, vermochte ich nicht.Bitten und Bücken ... Das hatte ich verlernt ...'.* Der Gast schweigt eine Weile und der Fakir fragt: „„Du willst, dass ich es Dich lehre?““ „Dies,“ sprach der Gast, „vermagst Du nicht, Hunger und Durst haben es nicht vermocht . . . Nur des Lebens bin ich überdrüssig .. “ . „„Du willst also, dass ich Dich vom Leben befreie?“11 „Öh nein! Dazu benötige ich Deine Hilfe nicht ... der erste Strom, der erste Baum ... Und diesen hätte ich nicht einmal nötig Geschichten zu erzählen ...“ . „„Was verlangst du also?““ „Fakir, ich glaube — jeder Mensch hat einen Glauben — denn das ist der Faden, mit dem uns die Götter ans Leben knüpfen, ich glaube, dass einmal die Zeit der aufrechten Menschen kommen wird, der Menschen mit steifem Rückgrat, der Menschen, die sich nicht bücken wollen und nicht bücken können... Ich will diese Zeit erleben!“