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Jüdische Zeitung · 1908-05-08 · 19 (8.5.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite, 4 ständig wird. Er soll eben als eine Elite neue soziale Verhältnisse schaffen, indem er vor allem nicht einzeln, sondern organisiert aiifireten soll, durch Konsumgenossenschaften, Wphnungsassoziationen, Bildungsanstalten einerseits, durch Gruppenkontrakte’) mit den Unternehmern andererseits. Wer da mit den einfachen Klisches des Klassenkampfes kommt, der begreift einfach nicht die Eigenartigkeit des'sich erst entwickelnden Kapitalismus, worüber wir uns liier leider nicht verbreiten können. J Selbstverständlich gehört hierzu noch ein Element: Die Elite der Intellektuellen,, die an Ort und Stelle das kulturschäffende Element bilden muss. Was aber das Charakteristische aller Gruppen der zionistischen Elite bilden muss, ist ihr praktischer Radikalismus, der darin bestehen muss, mit dem Golus radikal zu brechen und sich von keinen Rücksichten ■ auf die Diaspora leiten zu lassen. Die zionistische Elite muss vollauf mit Palästina verwachsen sein, um wirklich neues nationaljüdisches Leben zu schaffen. Solange wir in der Diaspora leben und national-jüdische Politik treiben, sind wir gezwungenerweise? Opportunisten und könnennichts anderes sein,; weil das ganze Leben für uns ein Anpasseü, ■ ein Rücksichtnehmen ist Nur dort - in t Palästina, losgelöst von wenigstens allen äussern Banden mit dem Gulus, kann man jüdisches Leben schaffen. Ich sage, „wenig . stens“, weil 18 Jahrhunderte Golus aus den - Seelen nicht so leicht ausgemerzt werden . können. Der schmutzige Niederschlag kann erst nach mehreren Generationen abgewaschen werden. Aber äusserlich müssen alle Fäden mit dem Golus abgeschnitten werden. Der; Wille und die Tat müssen . palästinisch werden, das übrige würde dann nackkommen. Haben wir diese Vorkämpfer, die den Mut nicht bloss der zionistischen Meinung, sondern auch der zionistischen Tat besitzen? Das ist meine Hauptfrage, auf die nur das . Leben eine Antwort geben kann. Theorien sind da unnütz. Was kann mir die Theorie : sagen? Dass der^Zioaismus-einegeschieht- 1 liehe Notwendigkeit ist? Mein lieber GpU! Ich kenne diese Litanei. Aber ich .weiss auch, dass nicht alle geschichtlichen Notwendigkeiten sich auch realisiert haben. Und speziell wenn keine passenden Menschen da waren. Keine Menschen, die imstande wären, ein Schicksal zu schmieden.. Und ein dumpfes Gefühl sagt mir, dass die Kräfte des jüdischen Volkes sehr schwach sind. Und ich weiss, dass keine national-jüdische Politik in der Diaspora die zionistische Elite schaffen kann. Denn Zionismus ist die konsequenteste Negation aller Diaspora, nicht ein^Auswachsen, sondern ein Entgegenwachsen. III. Ich möchte aber Missverständnisse vermeiden. Ich will nicht gegen „politischen* Zionismus auftreten, der für mich ein unantastbares Dogma ist. Und ich möchte weit von mir die Vorwürfe des Chowewe Zionismus wissen. Und ich will auch nicht Utopist gescholten werden. Der wahre politische Zionismus, wie ihn Herzl verstanden hat, ist eben darauf basiert, dass das ganze jüdische Volk eine zionistische Elite bildet. Nun, wissen wir ja alle, dass es nicht der Fall ist Aber der Fall kann eintreten. wenn unser Volk zionistisch erzogen werden wird, wenn es die zionistische Tat der Auserwählten vor Augen haben wird. Darüber müssen wir klar werden: der Zionismus ist ein Prozess und keine mechanisch - philantropische Aktion, wie es sich manche Territorialisten ’) Diese Form des Arb eitsverträges ist besonders in Frankreich und der Schweiz unter ' dem Namen contrat collectif ziemlich verbreitet. DerUntemehmerhatnichtmiteinzelnenArbeitem, sondern mit einer, für jede Branche organisierten Arbeitergruppe zu tun, die für die ganze Arbeit verantwortlich ist und selbst die Lohnpreise jedes einzelnen Arbeiters bestimmt. Dadurch werden Konflikte vermieden. ZffJTUNG. - vorstellen. In., Prozess ..aber muss immer ein...Änfar^'jsein. .Ein Anfang der Tat. Der. A n f ä,jAg >-,der zionistischen Tat ist k ein. .Ch o wewqZ lonismus im traditionellen Sinne.-Er bildet dm Ausgangspunkt des : politischen Zionismus,1 ^insofern er .das ganze Volk zionistisch macht, insofern er dem Judentum das Selbstvertrauen, den Stolz, den Willen ünd die ^Schaffenskraft widergibt. Die Liebe, zu Zim^ Irn Sinne .der unmittelbaren. Tat in PalipTjinä' selbst, ist der Gegensatz zu Philahtrppijie, ist der wirklich'politische Zionismus’ 'denn sie bezeugt, vor der ganzen Welt di^upzerstörbare Verknüpfung des ,Jud€uatums ..mjt.v Palästina, wird zum Brennpunkt' alles jüdischen Schaffens. -Denn, welche Funktion-fällt der zionistischen Elite zu? So fox.t das’ganz e - jüdische Leben auch tatsächlich: leben, sich vollständig vom Golus loslösem- Dadurch aber, wirdja die Möglichkeit und.Notwendigkeit des ganzen: jüdischen Lebens.bewiesen. :. Und was den-fÜtopismus anbetrifft, so glaube ich kaum, dass es etwas utopistischer ist, als folgende zwei Vorstellungen: 1. das Volk könnte auf einmal von sich ’den Golus wegstossen. Ich kenne so ziemlich das Judentum der verschiedenen Länder und gl.aube, dass gerade das, was unsere grösste; Stärke im Verlaufe der letzten 18 Jahrhunderte ausgemacht,, hat— der passive Widerstand —: am meisten die aktive Volkskraft gelähmt hat. Unter Volk ist in bezug auf aktive Kraftsehr, sehr schwach. Und nur eine ..auserwählte Minorität, die vielleicht durch ÄraVismus die Eigenschaften der Makkabäer und der Bar-Kochba bewahrt hat, kann sehon jetzt jüdisch-aktiv sein. Und ich frage mich nur, haben wir diese Minorität? Mehr nicht, . Haben wir sie, so ist der ganze. Zionismus, da im Sinne eines geschieht ichen anwachsenden Prozesses. 2. Utopistisch ist^auch die Meinung, wir könnten durch die-Tätigkeit in der Diaspora den Zionismus reälisiereren. Die aktiv jüdische Kraft kann^riur durch den völligen Verzicht jdqht bloS's^ auf die negativen, son: dem Jäüch/: aüf1 dier‘ ‘^6'sitiveh'!"S!eite'ä dei Diasporalebens geschaffen werden. Nur d er Jude kann schön jetzt nach Palästina gehen, der nichts, aber absolüt nichts von „hier“ erwartet, der in Palästina die einzige Lebensmöglichkeit sieht. : Die Tätigkeit in der Diaspora ist aber immer Anpassung, somit Flickarbeit. Jargon' a.s nationale Sprache, Kreditkassen für arme Handwerker, und Händler statt normaler Volkswirtschaft, kulturelle Autonomie . statt sozialpolitischer Selbständigkeit. Und dabei stelle ich mir die füruns günstigste Diaspora vor, die ja vorläufig blosse Zukunftsmusik ist. Ganze Juden können hier nicht entstehen. Die müssen mit dem Bqden unserer Geschichte verknüpft sein. Und auch dann wird es sich nicht im Handumdrehen machen lassen. Täuschen wir uns nicht: unsere Brüder in den palästinensischen Kolonien sind noch lange nicht die Juden. Aber sie können und werden es werden. Wir, die hier leben, — niemals. Wir bleiben halbe oder verdoppelte, jedenfalls verkrüppelte jüdische Wesen. Selbstverständlich werden die Palästinenser Juden nur ganze Juden, insofern sie wirklich neues Leben schaffen, neujüdisches Leben, das auf normaler Wirtschaft und nationaler Kultur beruht. Ich habe ja da nur Fragen aufwerfen wollen und deshalb kann ich mich nicht in Einzelheiten einlassen. Aber das will ich hier bemerken: die wahre,” grosse, heroische, zionistische Elite existiert noch nicht in Palästina. Es wird dort viel geschwatzt und wenig getan, viel politisiert und Vereinsmeierei getrieben und wenig Positives geleistet. Die Leute scheinen dort nicht begreifen zu wollen, dass vor allem eine sozialökonomische Basis geschaffen werden muss und erst nachher kommen die Hochschulen und Akademien. Diese Basis aber muss von innen heraus Entstehen. Wenn das ganze jetzt in Palästina lebende Judentum von einem grossen Ideale geleitet, selbst beginnen würde bodenständig zu.werden, so hätten wfr in kurzer Zeit ein grosses Zentrum des wiedergeborenen Judentums. Und dass es nicht geschieht, ist für mich der beste Beweis, dass unter" den Palästinenser Juden noch keine massgebende zionistische Elite vorhanden ist. Uebrigens, ich hätte zu viele Tatsachen Vorbringen' können, um meine Behauptung zu beweisen.:. ' Bei dieser Sachlage fällt den Führern des Zionismus eine sehr schwere Aufgabe zu: die Schaffung einer zionistischen Garde, eines zionistischen Kleinzentrums. Sicherlich, keine leichte-Aufgabe, denn das“ ganze Judentum steckt zu tief in Diasporaleben respektive in -Diasporapsychologie. Ich bin weder pessimistisch, noch optimistisch. Ich - kann die mich quälenden Fragen nicht beantworten. Für mich gibt es kein aut-aut, denn es gibt nur eine Lebensmöglichkeit, Alles andere ist Vegetieren. Leben oder Tod. Jeder will aber leben und bewahrt deshalb immer die, Hoffnung. Ich glaube — ich muss glauben — an die grosse Zukunft unseres Volkes und deshalb auch an das baldige ^Erscheinen einer willensstarken’ und zielbewussten zionistischen Elite. Wenn man durchaus will,kann man ja manche Beweise für diese Hoffnungen heranziehen... Aber man muss dabei .-.sich mit sehr wenigem begnügen. Wer so Grosses wünscht, wie die Wiedergeburt eines Volkes, kann sich nicht mit Kleinigkeiten begnügen. Der verlangt viel, sehr viel. Er muss es, denn die Befreiung eines Volkes ist ein grosses, sehr grosses Werk. Es ist ein Schaffen. Zum Schaffen braucht man aber gottähnliche Menschen. Haben wir sie? Parteinachrichten. ..Komitees..: . . Sonntag den 10. Mai findet in 'Brünn eine Sitzungder drei westösterreichischen Distriktskomitees statt. Den Gegenstand der Beratungen werden O r g ä iHsa t i o n s f r a g e n bilden. Die Sitzung wird im Lokale der Verbindung „Veritas“, Brünn, Zeile 30, 2. Stock, Hoftrakt, abgehalten. Beginn 1; Uhr. nachmittags. Die in West- Österreich dooniziiierenden Mitglieder des Landeskomitees sowie die Mitglieder des Distriktskomitees sind zu dieser Sitzung eingeladen. ... * * * Deutscher Delegiertentag 1908. , Der. 11, Delegiertentag findet am Montag den S. und Dienstag den 9. Juni (Pfingsten) in Breslau Hotel „Vier Jahreszeiten“, Gartenstrasse 66/70, statt. Dem Delegiertentage’ wird eine Sitzung des Zentralkomitees am Sonntag den 7. Juli voräusgeheu. Wir bitten daher sämtliche Ortsgruppen und. Vertrauensmänner dringend, die notwendigen Vorbereitungen für die Wahlen schleunigst zu treffen und zwecks Feststellung des Wahlrechtes der Gruppen die Schekel untl. Landesbeiträge umgehend an Herrn Max Wollsteiner abzuführen. Jede Ortsgruppe wählt' einen Delegierten, Ortsgruppen von mehr als 50 Schekelzaihlern 2 Delegierte und Ortsgruppen von über 100 je einen Delegierten für jedes weitere angefangene Hundert. Die Mitglieder des Zentralkomitees haben Sitz und Stimme/'.auf dean Efelegiertentag. Herren und Damen, welche’bereit sind, ein Mandat ausserhalb ihrer Ortsgruppe anzunebmen, wollen uns dies baldigst mitteilen. Weitere-Mitteilung über die Tagesordnung und die sich an den Delegiertentag anschliessenden Veranstaltungen folgen noch. Zionistische Vereinigung für Deutschland, Zentralbureau. * * * Mitteilungen des- Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. 1. Wlir machen wiederholt darauf aufmerksam, dass die Auflage des Anfang Mai erscheinenden

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