Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438167-2438184--0511-2440031- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Opava 1× ep/1048047
OCR text
-Kais. Rat Pollaic (Bielitz) wendet sich gleichfalls gegen das allgemeine Wahlrecht für die Kultusgememden und verlangt, dass auch die •Rifltusbeanrten staatliche Subventionen!, gleich den Priestern der anderen Konfessionen, erhalten. Dann erzählt er Geschichten über seine Tätigkeit in Bielitz. Gg. Dr. L. Reich tritt, in entschiedener Weise für das allgemeine Wahlrecht in den jüdischen Gemeinden ein. ' Hierauf werden die Wahlen in die Bundesleitung vorgenommen. Gewählt werden: Dr. Stern, Dr. G. Kohn, Wilhelm Pappenheim, Baurat Marmorek, Dr. Ascher, Dr. Berger, Gg. Dr. Mahler. Oberrabbiner Güdemaim (Wien); Dr. Rosenbacher (Prag), Bernh. Biller (Graz), Glesinger (Teschen), Dr. Soimenschein (Troppau), Gg. Dr. Straucher (Czemowitz), Dr. Hilf (Mähr.- Ostrau), Saxl (Chrudäm), Dr. Fiatta (Bnünn), Dr. Schanzer (Pilsen), Dr. Löwenstein (Lemberg). Fürsorge für den Religionsunterricht In der Nachmittagssitzung wird zunächst über die Schaffung eines einheitlichen Lehrplanes, für Religionslehrer und über die Gründung eines Religionslehrerseminars für Westösterreich verbandest. Der folgende Vorschlag des Vorstandes wird angenommen: Es wird eine einheitliche Lehrerbildungsanstalt für Westösterreich in Wien in Aussicht genommen. Die [Lehrerbildungsanstalt äst als Institut zur Heranbildung von Religkmsllehrern gedacht Bei der Ausbildung der Zöglinge dieser Präparandie soll sowohl auf die in Wesfösterreich herrschenden Sprachen Verhältnisse sowie darauf Rücksicht genommen werden, dass die Zöglinge sich soweit sie die Eignung dazu besitzen, auch für kantorale Funktionen' und den Kanzleidie nötigen Kenntnisse erlangen. Gg. Schmorak wünscht, dass der Religionsunterricht auch auf die hebräische Sprache, jüdische Geschichte und' Literatur ausgedehnt werde Er beantragt eine Resolution gegen die Art der Gründung des theologischen Seminars in Lemberg. Steiner (Kolin) ist für die Gründung einei Lehrerbildungsanstalt da die Lehremot sehr gross sei. Er legt Gewicht darauf, dass die Lehrer auch die böhmische Sprache verstehen. Der Delegierte aus Marienbad ist für die Einholung von Gutachten der kleineren Gemeinden, besonders Böhmens und für eine nachherige Entscheidung dieser Frage. Gustav Koiui tritt auch für die spätere Entscheidung der Frage ein, ob die Anstalt in Wien oder in Prag gegründet werde; den Lehrplan bittet er aber schon anzunehmen. Der Antrag der Bundesleitung wird im Prinzip angenommen. Die Besdi'ussfassung über die Verwirklichung des Lehrplanes wird dem nächsten Bundestage überlassen. Jubiläumswerk über die Geschichte der Juden in der k. u. k. österr.-ung. Armee. Kraus teilt mit,, dass der Schriftsteller Frühling mit der Sichtung und Sammlung des -Materiales betraut wurde. H i c k I ersucht um nähere Angaben, die ihm auch gegeben werden. Dr. Freimann legt Wert darauf, dass das Werk wissenschaftlich und vollständig werde, meint aber, dass das Werk bei dem jetzigen desolaten Zustande der jüdischen Archive ein Torso bleiben müsse. Kraus (liest Referat Frühling vor. Abg. Stand' tritt für die Veröffentlichung ein, da ’as Werk sehr wichtig sei, es könne den jüdischen Abgeordneten nützen, um die Vorwürfe der Gegner, die Juden seien feig, zu entkräften. ■ Dr. Kraus (Trüban) ist auch für die Drucklegung, nur meint er, dass das Material ungenügend sei. Schliesslich wird der Vorschlag des Vorstandes, -die Prüfung des Materiales der historischen Kommission der Wiener Kultusgerneinde zuzuweisen, angenommen. Regelung des jüdischen Archivwesens. Sekretär Krausz liest .die Vorschläge des Vorstandes vor. Freimann begrüsst die Gründung des Archivs mit Freude. R ose n b a c h e r verspricht diesem Werke jede mögliche Unterstützung. •L ö w ist für die Sammlung vom Epitaphien in d!en alten Friedhöfen. Dr. Brande (Lemberg) ist gegen die Resolution Schmorak in 'dieser 'Form, doch ist Schmorak einem richtigen Impulse gefolgt, als er diese Frage aurwaTf, 'da sie für die moralische Entwicklung der österreichischen Juden von Bedeutung sei. Die Gründung des theologischen Institutes ist ein Attentat auf die Gewissensfreiheit der Lehrer und Schüler. Sie ist ein Faustschlag in das Antlitz oer öffentlichen Meinung. Man verlangt die schriftliche Erklärung, dass die Lehrer einer bestimmten politischen Partei angehören. Das ist ein Attentat gegen die Freiheit des Gedankens, gegen den jüdischen Geist. Er ruft die moralische Unterstützung än^ damit das jüdische Gewissen Europas aufgerüttelt werde. Er bittet um Unterstützung im -Kämpfe gegen die Parteilichkeit. Abg. Dr. Gabel bittet um Unterstützung gegen die Gegner, die eine Kampagne gegen den Unterricht in der hebräischem Sprache führen. Er möchte ans Herz legen, die Bestrebungen der jüdischen Jugend, die hebräische Sprache zu erlernen, auf das kräftigste mit Rat und Tat zu unterstützen. Rauch. (Stanislau) meint, das sei eine ausgezeichnete Institution' und man müsse froh sein, dass der gaiiizische Landesausschuss eine grössere Subvention gegeben-. 'habe. Auch die Kultusgemeinde Stanislau habe eine jährliche Subvention von 10.000 K bewilligt. Er verwahrt sich gegen die Behandlung der. Resolution, da sie nicht acht Tage vorher eingebracht wurde. Abg. Dr, Gross behauptet, sowohl Dr. Straucher als auch Dr. Braude übertreiben viel zu sehr. Das theologische Institut sei nach seiner Meinung ein sehi gutes Werk. Die Zionisten seien mit der Anstalt nicht zufrieden, da der Initiator Prof. Stembach ihn Gegner ist. Darum hetzen sie in ihren Zeitungen' gegen die Gründung der Anstalt. 1; Del. Dr.'Reich'bezeichnet den Bundestag als ein jüdisches Parlament, das-, wie das österreichische, seine gatizische Debatte habe. Zum ex-offo-Verteidiger des Prof. Sternbach und der Unrechtmässigkeiten habe sich nur Abg. Dr. Gross aufgeworfen. Er gibt zu, dass in Zeitungen. behauptet wurde, das theologische Institut werde die jüdische Jugend für die Taufe erziehen. Aber, dies sohreiben, nicht die Zionisten, sondern die chassidischen Orthodoxen in ihrem Blatte „Machsike Hadas“. Diese sind keine Zionisten, auch Dr. Gross wird das zugeben. Die Beitragsleistung des gaizischen Landesausschusses im Betrage von 12.000 K sei in Anbetracht der 900.000 Juden Galiziens und ihrer Steuerleistung einfach lächerlich. Von 300 galizischen Kultusgemeinden haben bloss ungefähr 25 Subventionen bewältigt Wenn auch Stanislau 10.000 K gespendet hat, so tat dies die Kahalclique, an deren. •Spitze Rauch steht aber nicht die jüdische Masse, dam diese hat bei den Reichsratswahlen für Dr. Braude gestimmt. Nachdem noch Del. Hickl, der die zionistischen Abgeordneten als die einzigen jüdischen Volksvertreter bezeichnete und Schmorak seinen Antrag konform dem Wunsche Doktor Bräudes. 1 modifiziert hatte, .sprach Dr. Br au die neuerdingsi, den im Namen der öffentlichen Moral und des öffentlichen Anstandes gegen die Gründung des Seminars unter diesen Gesichtspunkten, wo es ein Rampfinstitut von Juden gegen Juden sei, protestierte. R ose nb achte r (Prag) und Stern (Wien) sind aus formalen Gründen gegen die Zulassung zun Abstimmung der Resolution. Nachdem noch die Resolution Dr. Hausners, betreffend die Systemisierung von Retigionslehrersteüen an Mittelschulen mit zumindest 100 mosaischen Sdhülern angenommen wunde und nach Verlesung einer Zuschrift des Vereines „Ferienheim“, der ein Seehospiz für tuberkulöse jüdische Kinder begründet 'hat, dankt Del. Hickl für die umsichtige Leitung und Dr. St e rn schliesst mit Dankesworten den Bundestag. Der Nachlass Dr. Herzls.; Nachstehend veröffentlichen wir 'den Wortlaut des oben erwähnten .Briefwechsels zwischen dem Gemeindebund und Prof. Kellner, dem Verwalter des Nachlasses Dr. Herzls. Wien, den. 27. März 1908. Euer Hochwahlgeboren! Sehr geehrter Herr Professor! Gestatten Sie, dass ich mich an Ew. Hoch- . wohlgeboren, als den Verwalter, des literarischen Nachlasses des sei. Dr. Herzl in folgender Angelegenheit wende. Wie mir erinnerlich, hat der verstorbene Dr. Herzl auf seinen: verschiedentlichen Reisen, wie auch bei anderen Anlässen eine grosse Anzahl für die Kulturgeschichte des Judentums wertvolle Ehrengeschenke, wie Sifre-Thora, ■ handschriftliche Widmungen usw. erhalten. Es ist mir jedoch nicht bekannt, dass diese Gegenstände, von denen mancher auch hohen kunsthistorischen Wert besitzen soll, in ihrer Totalität, gesichtet, an einem für ihre 'Erhaltung geeigneten Orte untergabracht worden wären. Von dem. Gesichtspunkte ausgehend, dass die Erhaltung solcher Reliquien' im Interesse einer späteren Geschichtsforschung gelegen ist, bin ich gerne bereit, falls anderweitige Verfügungen seitens deT Familie des verstorbenen Dr. Herzl dem nicht im W ge stehen, im Einvernehmen mit der Leitung des „Jüdischen Museum“ das Entsprechende zu veranlassen, dass die oben bezeichne ten Gegenstände aus dem 'Nachlasse Dr. Herzls im Museum untergebracht und. für ewige Zeiten erhalten werden. Ich erlaube mir nun an Sie, geehrter Herr Professor, .die höfl. Bitte zu richten, mir gefälligst mitteiien zu wollen, welche Schritte zu unter- ■ nehmen wären, um den Plan auszuführen und ob Sie die Fireundiichfceit haben wollen, denselben zu fördern. Hochachtungsvoll Dr. A. S t e r n. 2. April 1908. Verehrter Herr Präses! Besten Dank in meinem Namen und im Namen der Kuratoren für 'Ihr sehr geehrtes Schreiben vom 31. v. M. Wir toben alle die Empfindung gehabt, dass die bewussten Gegenstände eine historische Bedeutung fürs ganze Judentum haben; deshalb wurde die gesamte Einrichtung von Herzls Arbeitszimmer .nach Köln gebracht und dort sorgfältig aufgestelit. Unter günstigeren Verhältnissen wird alles nach Palästina befördert werden. Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst L. Kellner. Rundschau. Statthalter Bobrzynski. Noch vor Zusammentritt des Abgeordnetenhauses wund© der erledigte Statthalterposten Galiziens durch das Mitglied der Krakauer Stanczykenpartei Dr. Michael Bobrzynski besetzt. Der neue Statthalter ist kein homo novus. Seine Parteistellung und sein© politischen Prinzipien sind in Galizien und besonders den galizischen' Juden zur Genüge bekannt. Als Vizepräsident des galizischen Landesschulrates stellte er während der ganzen Dauer seiner Wirksamkeit keinen einzigen jüdischen Supplenten an einer galizischen Mittelschule an. Er ist einer der reaktionärsten Vertreter der feudal-konservativen Richtung der poetischen Politik. Als Vertrauensmann seiner Partei bekundete er eine ungewöhnliche Energie. Man 'kann daher von Ihm wohl kaum irgend welche Nachgiebigkeit den Rutheinen oder NationaJjudeni gegenüber erwarten^ Man muss zweifeln, ob das System der starken Hand, das "so oft Fiasko erlitten, und dennoch durch die Ernennung Bobrzynskis zum Statthalter neuerdings eingeführt wärdi, den gewünschten Erfolg^ die Be- . ruhigusig der im Lande herrschenden Erregung, haben wird. Gerade im jetzigen kritischen Momente wäre es am Platze gewesen, sich mit