Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. .18 JCD1 SCH E , ZELT ÜNG Seite 5 nach , Aussprüchen „ verschiedener .anderer Partedroäiiiier eine Reiiaissaiice des fiidis<?hen].Lebens .an-‘ gejbrodten sei. Redner beklagt .deii. .Mangel an Kenntnis der jüdischen Geschichte beim grössten Teile , der jüdischen Bevölkerung. Der demokratische Gedanke des Judentums muss sich bei der , Zusammensetzung des Komitees darin zeigen, dass es hier aus dem Plenum der Versammlung gewählt .wird. Kämpfen wir als ein einig Volk von Brüdern, sch Messt der Redner, gegen die grossen Gefahren, um zu zeigen, dass sich Männer finden, welche in den jetzigen schwierigen Zeiten die Aufgabe übernehmen,, an der Liitderung des jüdischen Elends mitzuarbeiten. (Stürmischer Beifall.) . Gg. Dr. Reich wünscht, dass der Bund nicht; nur autoritativer nach aussen,- sondern er.- ziehend nach innen wirken möge. Der .Bund müsse ajrf den breiten Schichten, des..jüdischen Volkes basieren und deshalb sei es nötig,, dass nicht nnr die-: oberen Zehntausend der Kultusgemeinde das Recht, haben, in das Komitee entsendet zu werden. (Beifall.) : Gg. Dr.Z w e i g (Gaya) spricht sich iür den Antrag aus, dass ein 17giedriges Komitee aus dem Plenum gebildet und auf einzelne Strömungen Rücksicht genommen werde und schlägt einen Aufteilungsschlüssel hiefür vor. (Beifall.) M a r g u 1 i e s (Czortkow) polemisiert gegen die Ausführungen des Dr. StrauchCr und verlangt eine weitergehende Berücksichtigung der kleinen galrzischen Gemeinden und der ' überwiegenden Majorität. Dr. L e v y (Brünn) verweist, anknüpfend an die Ausführungen des Herrn Dr. Eeuchtwang, darauf, dass im deutschen Judentag im Badischen Synagogenrat und in der französischen Konsistoriaftverfassung das rabbische Element in entsprecheiKl-er Weise vertreten ist. Es sei selbstverständlich, dass im Komitee die hauptsächlichsten Parteirichtungen und Strömungen ihre Vertretung finden. Redner wendet sich gegen die Ausschaltung aller innerer Fragen aus dem Wirkungskreise des Zentraiorganes, da gerade für die Ausgestaltung des inneren Lebens eine kompetente Le'tuug nottue. . i.(iPr,t.Ko hiLbemerkt, dassman vorläufig nur einen Qrganisatioiisentwurf scharfen wolle und es gleächgiltig sei, in welcher Weise man sich für den Entwurf entscheide. Die Debatte wird hierauf geschlossen. Präsident erklärt in seinem Schlussworte, er halte es persönlich zwar iür praktischer, dem Vorstande des Bundes das Recht der Kooption zu verleihen, erklärt sich aber mit Rücksicht auf die verschiedenen in dieser Richtung gemachten Entwänden mit der Wahl des Komitees durch die Versammlung einverstanden. (Beifall.) Er unterbricht behufs Einigung der Delegierten auf eine Liste die Sitzung auf kurze Zeit. Nach Wiederaufnahme der Sitzung wird zunächst die Resolution des Referenten Dr. S o nnensciiein einstimmig angenommen, worauf Dr.'S onii-e n s c h-e i n a^s Resultat der bezüglichen Besprechungen folgenden Wahlvorschlag unterbreitet. In der sich hierüber entspiuuendeu Debatte fordert zunächst Rabbiner Dr. F e u c li t w a n g nochmals zur Zuziehung eines Rabbiners in das Komitee auf. Des weiteren beteiligen sich an der Debatte i die Delegierten Dr. Braude, Dr. Kraus (Tepilitz), J Dr. Rosenbachcr, Abeies (Mistelbach), Dr. Tilles, I der den Vorschlag machte, zwei Vertreter der Orthodoxie in Galizien zu kooptieren, deren Namhaftmachung dem Kultusvorstande in. Lemberg und Krakau überlassen bleiben soll, Dr. Körb ei, Wolfliier und Rabbiner Dr. Oppenheim (Olmütz). Gg. Böhm konstatiert im Namen der zionistischen Organisation, dass bei Aufstellung der Kandidaten für Wien die Wiener zionistische Organisation. nicht gehört wurde. Hierauf wird zur Abstimmung geschritten. Der Wahlvorschilag des Referenten Dr. Sonnenschein wird nunmehr in folgender Form angenommen. Gewählt wurden: Für Wien: Dr. Stern, Dr. Gustav Kohn, Bnurat Marmorek, Qberrabbiner Güdemann. F ü r , Niederös 1e r re ic h: Ludwig Abeies, Mistelbach. Für die Bu ko win a: Gg. .Dr. Strauch er, Czernoxvitz; ,.Gg..,I)r.. B ie r, e.r, Radautz. . -Für Böhmen: Dr.;Rosenbacher, Prag; Dr. Kraus, Teplitz-Schönau; Dr. Schanzer*- Pilsen. Mähren: Dr. Fiaila, Brünn; Dr. Hilf, Mährisch-Ostrau.. Schlesien: Dr.- Sonnenschein, Troppau. Triest: RichettL. Graz: Beruh. BiMeri Galizien: Samuel v. Horowitz, Dr. Schaff, Lemberg; Dr. Tilles, Dr. Rafael Landau, Krakau; Gg. Dr.'Br a ud e, Gg. Abg. Stand, Gg. Abg. Gabel, Klerngemeinden; Dr. Ringelheim. Taniow: Rauch, StauisCau. Ferner zwei Vertreter der. giJizischen Orthodoxie, deren Namhaftmaohung den Kuitusvorständeu von Krakau und Lemberg anheimgestellt wird. Zweiter Verhandlungstag Präs. S t e r u verliest die von der Kabinettskanzlet des Kaisers eiaigelahgte Antwort auf die Huldigung des Bundestages: Protest gegen die Resolution Schmid. Dann tritt man in die Verhandlung über folgende Resolut:on gegen den bekannten Antrag Schmid im ßudgetausschuss ein: Resolution. In der Sitzung des Budgetausschusses des österr. Reichsrates wurde mit 19 gegen 9 Stimmen der Resolutiohsantrag augenennmen, die Regierung aufzufordern, „Erhebungen darüber zu pflegen, wie das Zahlenverhältnis der jüdischen zu den christlichen Mittelschülern einigermasseu in Eiukla'ng mit der wirklichen Bevölkerungszirier gebracht werden kann; über den Frfolg dieser Erhebungen wäre dem Hause Bericht zu erstatten". Dieser Resolutionsautrag bezweckt nichts anderes, als den Juden noch eines der wenigen. Ihnen bisher ungeschmälert belassenen staatsbürgerlichen; Rechte, das Recht der Lernfreiheit, zu benehmen: es:snllen die Juden nicht bloss wie bisher in derf Verwertung der erworbenen Kenntnisse behindert, sondern sie sollen von vornherein in der Möglichkeit beschränkt werden, solche Kenntnisse zu erwerben; es soll den Juden die wichtigste Waffe iu ihrem durch Glaubenshass und Unduldsamkeit so sehr erschwerten Kampfe um die wirtschaftliche Existenz systematisch entzogen werden. Die jüdischen Mitglieder des Abgeordnetenhauses haben sich eingedenk ihrer Flicht zu einer solennen Abwehr dieses neuerlichen Versuches, an den Rechten der Judenschait Oesterreichs zu rütteln, in einer würdigen Protestkundgebung vereinigt und erklärt, diesen volksbildungsieindliohen Antrag im Abgeordnetenhause zu bekämpften. Sie haben feierliche Verwahrung eingelegt gegen eine Aktion, welche in schroffem Widerspruch steht zu dem Staatsgrundgesetze, das volle Lernfreiheit gewährt, zu dem Streben nach Wissen, welches der Kulturwelt innewohnt, zu dem modernen Leben, das theoretische und praktische Bildung verlangt, um schaffend wirken zu können. Die versammelten Vertreter der österreichischen Kultusgemeinden schlossen sich diesem Proteste nachdriicklrchst an und erwarten, dass auch sie mit derselben Entschiedenheit ihren Standpunkt in dieser Angelegenheit im Abgeordnetenhause vertreten werden. Dr. Zip s e.r erklärt, dass diese Resolution problematischen Wert hat, da sie die Antisemiten ohnehin nicht zur Umkehr bewegen werde, wenn ihr nicht die Tat folgen werde. Die reichen Juden müssten bei Anleihen nicht nur an ihren eigenen Profit, sondern auch an das Wohl ihres Volkes denken. Dr. Imaiis mehit, dass keine Zutallsmaiarität diese ResoIuFon angenommen, sondern es Hege eine bewusste Absicht einiger freiheitlicher Parteien vor. Gg. Hie kl verlangt: Der Gemeindebund möge seinen Einiluss dahin geltend machen, dass in allen Gemeinden Oesterreichs Protestversannntungeh veranstaltet werden. Das Volk müsse aufgerüttelt werden, um dem' Proteste Nachdruck zu verleihen. Weit gefährlicher als unsere offenen Feinde, die Antisemiten, sind die DeutsenUberaleii, die im Dunkeln schleichenden Feinde. Dem Äbg. Dr. Adolf Gross (Krakau) scheinen die Antisemiten noch nicht antisemitisch genüg zu sein. Seiner Ansicht itach sei der Resolution nicht solcher Wert beizumesseu. Die Antisemiten hätten den Antrag nicht gestellt, wenn sie auch im Plenum seine Annahme erwarten könnten. Er versteigt sich noch zur Behauptung, dass in Galizien der Antisemitismus nur bei den Strassenjuflgen Galiziens zu finden sei. Was sagen seine Wähler zu diesem „Kenner“ galiziseher Verhältnisse? Er tritt schliesslich iür die Demokratisierung des Kultusgemeindewablrechtes ein. Ihm sekundiert der Archivar Dr. Frankfurter in Sachen der Resolution Schmid. Er verlangt, dass wir die Resolution „im Interesse der Mittelschulen schädMoh fnide.i mögen." Merkwürdiger Herr! Gg. Dr. Strauch er iertigt Dr. Gross in energischer Weise ab. Er betrachtet diesen Beschluss weder als leere Demonstration, noch als durch Zufailsnuijorität zustande gekommen. Es ist k'ar, dass die koalierten Parteien in Verwirklichung ilner Grundsätze alles unternehmen, was geeignet ist. die Rechte der Juden zu beschneiden. Diese Resolution wäre nie angenommen worden, wenn isicht auch dm deutschrrcfheitlicheu Parteien iiii sie gestimmt hätten. Gegenüber Dr. Gross stellt er fest, dass die Kundgebung aller jüdischer Abgeordneten auf Initiative des jüdischen Klubs erfolgt ist. Hierauf wird die Resolution einstimmig angenommen. 80 Zustimmungskundgebungen zu dieser Resolution werden verlesen. Sekretär Herr Jakob Kraus erstattet den Tätigkeitsbericht. Der GenieiiKlebmid ist besonders den kleineren Gemeinden mit Rat und Rechtsbeistand zur Seite gestanden. Der Bund hat in der Schächtangelegenheit interveniert und im Instanzenwege eine günstige Entscheidung provoziert. Er hat ferner in Stiftungs- und Steuerangelegeuheiten und in Streitfällen zwischen Gemeindevorstämlen und ihren Beamten interveniert. Ausserdem wurde die Schaffung eines jüdischen Archivs angeregt. Der Bund hat versucht, die Dr. H e r z 1 gewidmeten Ehrengeschenke für das „Jüdische Museum" zu erwerben, um sie für ewige Zeiten zu erhalten. Diese werden jedoch später nach Palästina gebracht werden. Gg. Abg. Dr. Gabel verlangt, dass der Gemeindeburtd in seiner Tätigkeit sich nicht von kleinlichen Motiven, sondern von einem höheren Gesichtspunkte leiten lasse. Deswegen müsse das ganze Prclxem der österreichischen Judenfrage ins Auge gefasst werden. Die breiten Massen des Volkes müssen herangezogen werden und dementsprechend muss auch das allgemeine Wahlrecht für die Kultusgemeinden eingeführt werden. Von 50.000 Juden, die in Lemberg wohnen, haben nur 3000 das Wahlrecht m die Kulntsgemenide. Es gibt eine brennende Handwerker-, Kleingewerbe-, hauptsächlich aber eine jüdische Arbeiterfrage. Es müsse Arbeitsgelegenheit, geschaffen werden und der nächste Schritt hierzu wäre die Errichtung von Arbeitsnachweisstellen. Zum Studium aller dieser Fragen gehört unabweisl'ch eine jüdische Berufsstatistik, weil man sonst an die Lösung dieser Aufgaben nicht herangehen könne. Der Gemeindebund müsse darauf hinarbeiten, dass die Sonntagsruhe für die Juden Galiziens aufgehoben werde. Er müsse Enqueten veranstalten und in allen Details die aufgeworfenen Fragen, zu studieren. Es ist also eine dringende Notwendigkeit, ein statistisches Amt ins Leben zu rufen. Rabb. Dr. Stein (Radnitz) tritt iür eine Pensionsversächerung der Rabbiner ein. Dr. Rosenbacher (Prag) pflichtet den von Dr. Gabel ausgestellten Forderungen sozialpolitischer Natur bei. Er müsse jedoch ablehnen, dass der Bund bezüglich der Wahlrechtsfrage die Autonomie der Gemeinden schmälere. Das allgemeine Wahlrecht hält er gar für ein Unglück.