Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Ni. 18 J-.Ü'D I SO H E ZE1 T U N G Seite 3 willenlose Sklaven-behandeln konnten, als-wenn dieselben eine Vereinigung gebildet hätten. - Auch in unserem Staate Tiiachte sich 'das Bedürfnis nach einem die Kultusgemeinde äusserlich umschlingenden Bande alsbald nach dem Inkraft-, treten -des Gesetzes vom Jahre 1890 geltend; zahlreiche Belange, deren Regelung im Interesse der Erhaltung des Judentums unabwedslich notwendig war, mussten ungeregelt bleiben, weil die einzelnen Kultusgemeinden, zu schwach waren; diese Angelegenheiten zu ordnen, eine Verbindung mit den anderen Kultusgemeinden jedochiehite. Um nur einige dieser Fragen anzuführen, sei erwähnt, dass die Regelung des Religionsunterrichtes, die Heranbildung von tüchtigen Religionslehrern insbesondere für die Volksurfd Bürgerschulen, die Entlohnung und Versorgung der Rabbiner und der übrigen -Kultusbeamten, die Schaffung -eines jüdischen Archivs dringend notwendig geworden sind, wenn das Judentum, nicht dauernden Schaden leiden soll; doch 'konnte an die Lösung dieser Fragen, welche nur einheitlich für ganz Oesterreich erfolgen kann, nicht herangetreten werden, weil das gemeinsame Organ fehlte, welches die gesetzliche Autorität hätte, diese Fragen zu lösen und auch durchzuführen. Hierzu kam in den letzten. 25 Jahren noch ein weiteres Moment, welches es als dringend notwendig erscheinen liess, dass die Juden eine autoritativ ausgestattete -Repräsentanz erhalten, die be rechtigt wäre, im Namen der gesamten Judenschaft Oesterreichs das Wort zu 'ergreifen. Die Art. 2 und 3 des Staatsgrundgesetzes vom 21. Dezember 1867, dass vor dem Gesetze alle Staatsbürger -gleich sind unld dass die öffentlichen Aemter für alle Staatsbürger gleich zugänglich sind, haben von allem Anfänge an. für die Juden in zahlreichen Belangen nur formelle Geltung erlangt. Nach und nach wurden diese Bestimmungen des Staatsgrundgesetzes, um. -einen jetzt üblichen Ausdruck zu gebrauchen, via factiauch dort ausser Kraft gesetzt, wo sie bisher Geltung hatten* und wir mussten es erst in dien letzten Tagen, erleben, dass der Budgetausschuss des Abgeordnetenhauses eine Resolution annahm, welche bestimmt ist, unsere Jugend nach .russischem Muster von den Mittel- und Hochschulen auszuschliessen. . Schliesslich sei es min gestattet, nochauf einen, Umstand aufmerksam zu machen, der bei Beratung der vorliegenden Frage gewürdigt werden muss und nicht unterschätzt werden darf. Die staatlichen Behörden entscheiden in zahlreiche» Kultussachen der Juden ohne jede Kenntnis -der einschlägigen Verhältnisse und ohne dass einem Juden Gelegenheit gegeben -würde, in autoritativer Weise sein Gutachten abzugeben. Gewiss wird ein gewissenhafter Referent sich bei einem Juden informieren, wenn er seine Entscheidung treffen soll, allein dem. Gutachten eines solchen unverantwortlichen Beirates, den sich der- Reierent nach seinem Belieben aussucht, kann.- auch, wenn die verschiedenen im Judentum bestehenden Strömungen ausser acht gelassen werden, doch nicht jenes Vertrauen entgegengebracht werden, das eine hierzu eingesetzte Körperschaft gemessen würde. Um diesen Uebelständen bei Zeiten abzuhe'fen, um grösseren. Schaden zu verhüten, müsste daher eine Körperschaft ins Leiben gerufen werden, welche gleichwie die Geiteralsynolle der Protestanten gesetzlich berechtigt ist, „Anträge und Beschwerden in Angelegenheiten, welche die öffentliche Rechtsstellung deir 'Glaubensgenossen im Staate und ihr Verhältnis zu anderen Kirchen und Religionsgesellsohaften betreuen;,“ zu erstatten. (§ 133 Z. 3 des kaisierl. Patentes vom 8. April 1861 Nr. 41 R.-G.-Bl.) Es wurde wohl bereits der Versuch gemacht, eine solche Organisation durch die Bildung des ,-Allgemeinen Oesterreichiisch-Jsraielitfechen Buln- Öes“. ins Leben zu rufen. Allein der Zweck, der angestrebt wurde, ikoomte uicht erreicht werden, weil die Regierung nicht obligatorisch und nicht autoritativ. In jedem Falle fehlte dem Bunde die gesetzliche Autorität im Namen der gesamten Jndeuschaft Oesterreichs aufzutreten, er konnte wohl beratend! und helfend den- Rultusgemeinden zur Seite stehen, die sich an ihn wandten, und dankend sei an dieser Stelle der mannigfachen segensreichen Tätigkeit gedacht, die der „Bund“ bisher entfaltete, und die in jüdischen Kreisen viel zu wenig 'gewürdigt wird, weil dieselbe zumeist nur den beteiligten Kreisen bekannt wurde, -die Beschlüsse des „Bundes“ hatten jedoch keine zwingende Kraft den Kultusgiemeinden gegenüber. ■Nicht anders ist es mit dem Gemeindebunde in 'Böhmen und -dem Gemeindebunde in Galizien bestellt und müssen wir es daher dankend anerkennen, .dass auch der Verband der österreichischen Humanitätsvereine Buai-B’rith für Oesterreich die Schaffung einer gesetzlichen1 Organisation der Judenschaft in Oesterreich anregte. ■Wie soll nun die angestrebte Organisation beschaffen sein und mit welchen Mitteln wollen wir dieselbe erreichen? Die historischen Reminiszenzen über die Organisation -der Juden hatten den Zweck, Ihnen vor Augen zu führen, dass wir nicht etwas ganz Neues zu schaffen brauchen, sondern an bestandene Verhältnisse anknüpfen können, dass wir eine solche Organisation schaffen können, welche die Juden heute in einem Teile Deutschlands undi die Protestanten in Oesterreich bereits besitzen. Meine Auigabe kann es jetzt nicht sein, ihnen ein. -n bis ins .kleinste Detail ansgea rbeite fcen Gesetzentwurf vorzulegen,' sondern lediglich die. Grundsätze auseinamderzusetzen, von welchen derselbe ausgehen müsste. 1. Die unterste Stufe der Organisation müsste die Kultusgemeinde bilden. 2. Sohin müssten Verbände mehrerer Kultusgemeinden geschaffen werden, in welchen diese durch Delegierte vertreten sind. Wie viele Verbände zu bilden sind, wäre Sache der praktischen Ausführung, wobei ins Auge gefasst werden könnte, dass Mähren und Schlesien je einen Verband*. Böhmen, Qaifizien und Bukowina je zwei Verbände und die Alpenländer samt Niederösterreich, Triest und das Küstenland zusammen einen Verband, zu bilden hätten. Wien würde einem. Verbände nicht angehören* sondern reichsunmittelbar sein, das heisst direkt dem Obersten J-udenrate unterstehen. 3. Die oberste Stufe in der Organisation soll der „Oberste Jndenrat“ 'in Wien bilden, welcher aus den Delegierten dfer Verbände zusammengesetzt wird. 4. Die Leitung des Verbandes am Sitze der Landesregierung soll als Beirat iür jüdische Angelegenheiten, der Oberste Judenrat als Beirat im k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht fungieren. 5. Die Feststellung der Kompetenz der Verbände und 'des Obersten Judtenrates bleibt dem abzuiassenden Gesetzentwürfe Vorbehalten, doch wäre' grundsätzlich auszuspreohen, dass von der Wirksamkeit -derselben alle Fragen des Ritus ausgeschlossen sind. 6. Die Kosten der Organisation sind, von den Kultusgemeinden nach Verhältnis der Steuerleistung zu tragen. Zur -Abfassung eines Gesetzentwurfes nach diesen Grundsätzen wäre ein- Komitee einznsetzen, welches das Elaborat einer im Herbste laufenden Jahres ernzu berufenden Versammlung sämtlicher Kultusgemeinden Oesterreichs zur Beschlussfassung vorzulegen hätte und bleibt es dieser Versammlung -überlassen, über die einzusch Jagenden Schritte schlüssig zu werden, damit die Organisation von der Regierung genehmigt und im Gesetzgebungswege ins Leben gerufen werde. Auf Grund dieser Ausführungen bitten wir Sie daher, nachstehende Beschlüsse zu fassen; L Die heute versammelten Vertreter von Kultesgemeinden Oesterreichs erklären den gesetzlichen Ausbau der jüdischen Kultusverfassung in Konsequenz des Gesetzes vom 21. März 1890 iür eine unabweisliche Notwendigkeit, wenn nicht die wichtigsten Institutionen des Judentums unwiederbringlichen Schaden leiden sollen. gesucht und Ihr widmet Eure Kraft und Eure Energie der Golusarbeit. Freunde! Schüttelt den Golusstaub ab und kommet zu uns nach Erez Israel! Denket an die Gefahr, wenn unsere Arbeit von arabischen Händen . gemacht wird! Gebet Eure Kraft, Eure Muskeln Eurem Volke und nicht Fremden, welche auf Euch verzichten. Genossen! Wir erwarten Euch. Das Volk und das Land erwarten die Avantgarde der jüdischen Arbeiter, welche kommen sollen und kommen müssen.“ So reden schaffensfreudige junge jüdische Arbeiter. Nieder mit der Phrase, beginnen wir mit der Arbeit! Anders sprechen die Golusjuden. Bei ihnen herrscht noch die Phrase, die Scheu vor der Arbeit und der Drang — neue Phrasen zu schaffen. Diesmal hat uns Amerika mit einer neuen Phrase beglückt: Dr. Syrkin will ein allweltliches jüdisches Parlament schaffen und veröffentlicht darüber einen Artikel in der New- Yorker „Wahrheit“. Der Zionismus und die Kongresse sind für ihn gar nichts, weil Dr. Herzl ihr Schöpfer gewesen ist. Darum hoch das jüdische Parlament, dies wird das Judentum selig machen, denn Dr. Syrkin will sein Schöpfer werden! „Das jüdische Parlament ist die logische Entwicklung der nationalen Bewegung. Aus dem Zionismus mit seiner nationalen Ideologie und. seinem unklaren blassen sozialpolitischen Ziel hat sich eine allgemein nationale und territorialistische Stimmung bei den breiten Volksmassen, entwickelt welche jetzt den Grundton im jüdischen Leben bildet. Die Stimmung muss eine mächtige Organisationsform schaffen, welche das Volk umfassen und die Nation repräsentieren soll. Aus einer kleinen Strömung eines traditionserfullten Volksteiles (damit meint der Herr Doktor den Zionismus) ward die nationale Renaissancebewegung eine mächtige Bewegung aller Volksklassen, ein organischer Teil aller Par teien und Strömungen (damit meint der Herr Doktor den Territorialismus) da die Idee des Freilandes ihre Wurzeln im jüdischen Proletariat geschlagen hat, kann und muss eine allweltliche Organisation und ein jüdisches Parlament geschaffen werden, damit das Ideal von Volksland und Freiheit verwirklichen werde.“ Und damit — fügen wir hinzu — sich das Ideal des Doktor Syrkin verwirklicht kann, die Rolle eines neuen Messias zu spielen. Die Idee des Dr. Syrkin ist nicht neu, wie uns scheint hat sich schon Doktor Birnbaum mit der Idee eines jüdischen Parlamentes befasst. Wird Dr. Sykrin mehr Erfolg als Dr. Birnbaum haben? 'Wir glauben kaum. Denn daran vergisst unser kleiner akademisch graduierter Messias, dass es uns Juden nicht an Zeitungsartikeln oder rhethorischen Phrasen auf Versammlungen fehlt, sondern an Arbeitern. Doktor Herzl ist nicht am Schreibtische, sondern durch die Arbeit gross geworden. In seinem' „Judenstaat“ war er klein. Und hätte er nicht mehr als das geschaffen, wäre auch er ein lächerlicher Messias geblieben, wie alle anderen akademischen kleinen Messiasse. Seine Grösse bestand darin, dass er mehr im Leben als beim Schreibtisch, .: gearbeitet und dass, er gewöhnliche einfache-- Gedanken in grosse ungewöhnliche Taten,.umgesetzt hat. , ‘ .... . Sitzt dort irgendwo ein. .htaYer jüdischer , Doktor und schreibt seine Ärtikel und hält seine Referate. Dies wäre übrigens kein Unglück. Viele schreiben und referieren und die Welt ist deshalb noch nicht zugrundegegangen. Aber diese armen Herren haben in ihrem Herzen einen Messiaswurm oder Messiasbazillus — eine moderne Krankheit jüdischer Akademiker — und pressen aus ihrem Kopfe irgend einen Dutzendgedanken und dann wird an die grosse Glocke geschlagen und in die grosse Trompete gestossen Schma Israel, eine neue, moderne Erlösung!“ Eine neue Phrase und neue Worte! Und noch rascher besteigen diese Herren den Messiasesel, damit auch die äussere- Dekoration dem inneren Gedanken entspreche. Oh! Ihr armen kleinen Messiasse, Ihr Ritter vom weissen Esel! Ihr seid ja für den Eselsritt geboren und wenn man Euch, Ihr Eselsreiter, den Erlösungsruf ausstossen hört, dann wird es dunkel vor den Augen und man kann nicht mehr unterscheiden, wo der Messias aufhört und wo der Esel beginnt. 1—w. Allerlei. Aiis dsn ehemaligen Prager Ghetto. Mit der lageren Witterung hat in Prag auch sofort die Bautätigkeit wieder eingesetzt Im Assanierungs- . gebiet schwindet dia ehemalige kleine Pinkasgasse, die alten, einförmigen Häuser werde»' niedergerissen, an deren Stelle die neue Strass» ziehen and eine kleine Parkanlage sich erheben wird. Auch die ehemalige grosse Pmkasgasse, wie der von der Rabbinerzur Karpfengasse sich hinziehende Teil der Josefatädter (Breiten-)