Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 18 daheim die Aufnahme Herzls in das Seelengedächtnis den Zionisten glaubte weigern zu müssen, erstaunt aufgehorcht haben! Ja, ja, die Zeiten ändern sich und selbst Herr Dr. Stern hat es gelernt, den bösen Zionisten Konzessionen zu machen. Wir, die seinen herrschsüchtigen, gewalttätigen Charakter nur zu gut kennen, rechnen ihm das Einlenken doppelt hoch an. i Herr Dr. Stern liess es als Präsident des Judentages nicht nur zu, dass die zionistischen Wortführer, die in verblüffender Stärke aus Ost und West vertreten waren, für die künftige Reicbsorganisation Agenden wie für einen „Staat im Staate11 reklamierten, er nahm es selbst resigniert hin, als unser Verlangen nach dem allgemeinen Wahlrecht für jene Reicbsorganisation und natürlich auch für die einzelnen Kultusgemeinden mit grösstem Nachdruck verfochten wurde. Einen trefflichen Vorgeschmack von der erziehlichen und zugleich ausgleichenden Wirkung der Reichsorganisation bekam man, als zum Punkte „Ausbildung von Religionslehrem“ die galizischen Zionisten Anlass nahmen, Professor Stembach und die anderen Moschkos vor diesem jüdischen Tribunal in Anklagezustand zu versetzen. „Euere Lehrerbildungsanstalt wird jüdisch sein oder sie wird nicht sein“, war der Refrain, den die „fortschrittlichen“ Herren aus. Lemberg mit gesenkten Ohren anhören mussten. Die Zionisten beherrschten den Judentag so sehr, dass zeitweise der Wunsch in mir rege wurde, sie sollten sich mehr Zurückhaltung auferlegen aus Schonung für die anderen, denen es schwer fällt und schmerzlich ist, so viel auf einmal lernen zu müssen. Unser grösster Triumph bleibt ja doch der Zusammentritt des Judentages als solchen. Nicht unwürdig schloss sich der ernsten Beratung des ersten Tages ein von Kultusgemeinde Wien veranstaltetes Bankett zu Ehren des Delegierten an. Wie ein frohes Aufatmen nach dem Alpdruck des Bruderkrieges, wie ein Willkommgruss des Wiederfindens drang es aus all den herzlichen Toasten, die zwischen Gemeindehäupten von Wien und Prag, den zionistischen Abgeordneten, den Rabbinen und Laien, den weisshaarigen Alten und jungjüdischen Studenten gewechselt wurden. Dank, Dank, den Feinden, die uns Juden zu einem Block zusammenschweissen! Alles in allem genommen, haben wir Zionisten Grund mit dem Judentag zufrieden zu sein: Die Autonomie unseres Vo1kes in Oesterreich istauf dem Marsche. Unsere Sorge sei, darüber zu wachen, dass ihr dieBahn frei bleibt. Der Bundestag. Erster Verhandlungstag. Präsident Dr. Alfred Stern eröffnet die Sitzung mn halb 11 Uhr vormittags und begnüsst die Erschienenen namens des Vorstandes dter isxUe- Ilöschen Kultusgemeindte und des Bundes. Er erj innert daran, dass schon im. Jahre 1890, als das Judengesetz gegeben wurde, die Bildung einer höheren Organisation in Aussicht genommen war, die sieh an däe Konstituierung der Gemeinden anschliessen sollte und berufen gewesen wäre, diejenigen Interessen dies. Judentums nach aussen und innen hin geltend zu machen, die in genügend wirksamer Weise zu vertreten die einzelnen Gemeinden nicht in der Lage sind. Damals wurden die äCuItusgemeiraten, :däe Jahrzehnte und speziell die Wiener Kultusgemeinde, die. fast ein Jahrhundert lang, ohne gesetzliche Anerkennung bestanden hatten, sanktioniert. Schon die Gründer des israelitischen Bundes sprachen sich für die Notwendigkeit der Vorarbeiten betreffend die Vereinigung der einzelnen Gemeinden zu einer höheren Organisation aus, die nach ihrer Durchführung von der Regierung und der Gesetzgebung anerkannt werden sollte. Er hofft, dass die in dieser Richtung unternommenen Schritte in der heutigen Versammlung endlich zu einem befriedigenden Resultate führen werden. (Beifall.) Der Präsident bringt nun einen aus der Mitte der Versammlung gestellten Antrag zur Kenntnis, Sr. Majestät ein H u 1 d i g u r g steüegramm zu senden, welcher Antrag unter stürmischem Beifal'le. angenommen wird. Herr Dr. Sonnenschein (Troppau) erstattet hierauf das Referat. Sehr geehrte Herren! Ein Jahrhundert wird bald verstrichen sein, seitdem mit der Allerhöchsten Entsohliessung vom 5. Oktober 1817 der Hofkauzlei die Weisung zuteil wurde, „Die Grundsätze, nach welchen die Juden in der ganzen Monarchie zu behandeln wären, in Erwägung zu ziehen. Wohl wurden Infolge. dieser Allerhöchsten Entscbliessung' einzelne Fragen der Lösung zugeführt, im grossen und ganzen begnügte man sich jedoch mit der Lösung jener Fragen, die dringendster Natur waren, her vor gerufen durch die im Laufe der Zeit geänderte rechtliche Stellung der Juden. Als mit dem Staatsgrundgesetze vom 21. Dezember 1867 ausgesprochen wurde, dass vor dem Gesetze alle Staatsbürger gleich sind, und dass jede gesetzlich anerkannte Reliigionsgenossenschaft ihre inneren Angelegenheiten selbständig ordnet und verwaltet, war wohl die schwierigste Frage, die Rechtsverhältnisse der Juden, gelöst, es brauchte nicht mehr auf die alten Judenordnungen und Judenpatente zurückgegriffen werden, die Frage der Inneren Organisation harrte jedoch noch bis zum Erscheinen des Gesetzes 21. März 1890 der gesetzlichen Regelung. Wenn erwogen wird, dass bei Schaffung dieses Gesetzes aus dem Kreise der Judenscihait selbst das Verlangen gestellt wurde, eine hierarchische Gliederung der Kultusverfassung zu dekretieren, ja sogar die gesetzlichen Kriterien der Rechtsgläubigkeit festzustellen, muss es gewiss dankbar anerkannt werden, dass die Gesetzgebung die Regelung der inneren Angelegenheiten den Ji'den selbst üb er liess und sich diesbezüglich mit der Forderung begnügte, dae jede Kultusgemeinde ein Statut besitzen müsse. Das Gesetz vom 21. März 1890 knüpfte an die bestehenden und historisch gewordenen Verhältnisse an und schuf die Kultusgemeinde als Grundlage der Organisation der israelitischen Religtonsgeselisohait. Allein schon bei der Beratung des Gesetzentwurfes fasste die Kommission des Herrenhauses d-ie Einführung höherer Organisationsformen ins Auge, .ohne damit jedoch durchdringen zu können. Seit 18 Jahren besteht nunmehr das Gesetz über die Regelung der äusseren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft in Kraft, ein Zeitraum, der genügt, um beurteilen zu können, ob dieses Gesetz den Bedürfnissen der Juden entspricht. Diese Frage muss verneint werden. Es soll hier vorläufig davon abgesehen werden, dass in diesen 18 Jahren eine mächtige Wandlung Im Judentum, insbesondere aber unter den Juden Oesterreichs vor sich gegangen ist, welche'auch andere Voraussetzungen für die Organisation des Judentums geschaffen hat, als sie vor 18 Jahren noch bestanden. Allein auch bei Festhaltung des Standpunktes, dass die Juden lediglich eine Religionsgesellschaft sind, kann mit dem Gesetze vom Jahre 1890 das Auslangen nicht gefunden werden. Dem Judentum ist eine Hierarchie fremd, dasselbe wird nioht durch seine;Religionswedser (Rabbiner), sondern durch die gewählten Repräsentanten der Kultusgemeinde vertreten,, ein Standpunkt, der, seitdem, die Juden in der Diaspora sich befinden, konsequent von den Juden wie von den Gesetzgebungen festgehalten wurde. Es fehlte jedoch den Juden ein äusseres Band, das sie vereinigt hätte, und wenn ein solches nicht geschaffen wurde, so war hieran einerseits die gedrückte Lage der Juden, andererseits die Politik der Staaten schuld, in denen sie lebten, welche die zerstreuten, auf sich allein angewiesenen Juden leichter drangsalieren und als einwirkt, bemerken sie nicht das Keimen und Werden in der jüdischen Welt Wir Zionisten, welche über dem Momente stehen, erkennen, dass das jetzige Tohuwabohu ein Schöpfungschaos ist, aus dem sich der Geist kommenden Lebens an die Oberfläche hervordrängt Im jetzigen Lebenschaos spüren wir die gestaltende Lebensordnung. Wohl ist die jüdische Gesellschaft erschüttert, aber wir sehen, dass die unverwüstliche jüdische Lebenskraft die Heilmittel vor der Krankheit (Rfue vor der Maku) geschaffen hat Eben weil die jüdische Gesellschaft auf religiöser Grundlage erschüttert ist, kam der Zionismus und bereitet eine neue jüdische Gesellschaft auf nationaler Basis vor. Und dies geschah bereits um eine Zeit wo die alte jüdische Gesellschaftgrundlage — die Religion als nationales Band — noch als fest betrachtet wurde. Das „dor hamidbar* (Wüstengeschlecht), das die Fleischtöpfe Egyptens nicht vergessen kann, ist dem Tode geweiht Wir aber kümmern uns nicht um die zum Tode verurteilte Uehergangsgeneration, weil wir das Regen und Atmen eines neuen lebenskräftigen Geschlechtes fühlen. Die jüdische Gesellschaft auf religiöser Basis ist erschüttert und eine neue jüdische Gesellschaft, gesund und kräftig ist im Werden: In Palästina sahen wir das Entstehen und die Entwicklung der jüdischen, nationalen Gesellschaft. Wenn sie erst feste Formen angenommen hat, dann werden sich auch in den Golusländem neue jüdische Zentren herauskristallisieren und konzentrieren, die unter der Wirkung des jüdischnationalen Zentrums in Palästina gesunden werden. In Amerika und in Russland sind zwar kompakte jüdische Massen, aber weder da noch dort wird das Zentrum der nationaljüdischen Gesellschaft sein. Sie werden erst unter der Wirkung des palästinensischen Zentrums gesunden und aufblühen. Im Golus ist man verwirrt und verzweifelt, in Palästina aber sind alle Kräfte an der Arbeit und beim Schaffen. In der Literatur, im Schulwesen, in der Gesellschaft findet der jüdische Geist seinen eigenen Ausdruck, seine eigene Form und Dimensionen, von denen die alten Juden nicht einmal geträumt haben. Volkserziehung, Arbeit in der und für die Masse ist sehr gut und sehr nützlich. Man rette von dem Wüstengeschlecht soviel als möglich, aber nur von dem neuen Geschlecht in Palästina kann man sich etwas versprechen. Das „dor hamidbar“, die Uebergangsgeneration zwischen Religions- und Nationaljudentum, ist dem Tode geweiht und sein Agoniegeschrei lässt die jüdische Welt im Golus erzittern, ein neues Geschlecht aber ist in Palästina im Werden und sein Lebensruf erweckt in unseren Herzen .Zuversicht und Energie. Da es selbst lebens- und kraftstrotzend ist, erweckt es Kräfte in jedem, der ihre Sprache hört'und ihre Arbeit sieht. Programme, Diskussionen und Thesen sind ein Steckenpferd für die Golusjuden, die Kinder des Wüstengeschlechts.. Sie aber, die Kinder der Gegenwart und Herren der Zukunft, die Arbeiter in Palästina rufen zur Arbeit. „Genossen, lesen wir im Aufrufe des „Poel Zoir“ aus Palästina, „wir rufen Euch, kommt zu uns und unser Ruf soll in Eure Herzen dringen, damit Ihr erkennet, dass es höchste Zeit ist, zur Arbeit zu kommen. Wir jüdischen Arbeiter in Palästina haben mit Euch im Golus gearbeitet und unsere Arbeit war Golusarbeit und Golusfluch hat auf ihr geruht. Wir haben gekämpft und aus dem Kampfe kehrten wir als Besiegte und nicht als Sieger, denn der Feind hat uns nur als irgendwelche Macht betrachtet, mit der er rechnen sollte. Verwundet an Körper und Seele kamen wir aus jeder Schlacht und Haufen unserer Brüder endeten am Galgen. Da erleuchtete blitzartig ein grosser, weit einfacher und natürlicher Gedanke unsere Köpfe: Lo seh haderech! Dies ist nicht der richtige Weg! Wir zionistischen, jungen Arbeiter dürfen uns nicht in fremden Ländern opfern, dürfen nicht unser Jugendfeuer fremden Göttern weihen. Und wir zogen in unser Land, wo, wie wir hoffen, unser Volk bauen und aufgebaut werden wird. Wir erzählen Euch, dass die. Vorgefundene Wirklichkeit traurig war. Einzelne jüdische Farmer und tausende arabischer Arbeiter! Und obendrein verhielten sich die jüdischen Bauern kalt und misstrauisch zu den jüdischen Arbeitern. Unsere ersten Schritte waren schwer, aber unsere ruhige, treue Arbeit hat Früchte getragen. Und wir künden Euch voller Stolz: Dank unseren Bemühungen ist jetzt der jüdische Arbeiter in Palästina gesucht. Was wir aber geleistet, ist ein Tropfen im Meer! Noch arbeiten tausende arabische Arbeiter auf i jüdischen Feldern. Neue Felder werden urbar gemacht, Weingärten werden gepflanzt, neue Ar-! beitskräfle werden geschaffen und es fehlt an! jüdischen Händen! Die Kolonisten suchen jüdische i Arbeiter und finden sie nicht. Genossen und Freunde! Jüdische Hände werden in Palästina