Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 16-17 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 15 fei 4er Bevölkerung in steter Üebimg sind, wurde keine symptomatische Bedeutung beigemessen, sie wurden lediglich als vorübergehende Launen hingestellt. Und alles das im Vertrauen auf die Heiligkeit eines Gesetzes, das nicht In' -den Köpfen und Herzen wohnt,- sondern led'glich in der Luft schwebt! Jetzt hat dieses papierene Gesetz einen Riss erhalten, dass das blödeste Auge ihn sieht! Nie ist die Legende von seiner Heiligkeit und Unerschüftedichkeit gründlicher und augenfälliger zerstört worden, als durch den Antrag Schmidt und dessen beifällige Aufnahme seitens der Majorität des Parlaments! Haben einmal die Führer bewiesen, dass ihnen die Rechtsgleichheit der Juden nichts weniger als unantastbar, als ein staatsrechtliches Dogma gilt, um wieviel eher werden sich die Gefühle der Massen darüber hinwegsetzen! Mag es nun stehen oder fallen: das Gesetz vcra der Gleichberechtigung der Juden ist erschüftert.und sein Ansehen schwer geschädigt. Zur leeren F o rfn h e r ab ge Wii r d ig t, kann es uns weniger als je einen dauernden Schutz vor Anfeindungen bieten! Nie wären schwächlicher Protest, hohler pathetischer Appell an die Gerechtigkeitsliebe uni grossgebärdige Entrüstungskundgebungen schlechter angebracht, als in der jetzigen Situation. Lächerliche Zeit- und Kraftverschwendung! Der Weg, 'den. wir Judennunmehr zu beschreiten haben, ist klär vorgezeichnet. Da auf die Dauer nur reale Machtiaktoren, nicht aber künstliche Gesetzesformeln schützen können, muss -es unser Bestreben sein, eine jüdisch-politische Macht.zu schaffen. Kein Schächern mehr find Betteln um die wetterwendische Gunst anderer,- sondern bewusste Konzentrierung aller wirtsthäftlichen und mtellektureüen Machtmittel des jüdischen Volkes. Fort mit -1er von heute auf tfförgeri b •‘rechneten Kompromiss- und Assimilationspolitik! Ihr Bankerott ist gerade jetzt dieut- H6her bewiesen als je. Die Vertreter des deutschen Volkes waren es, welche diesen drsten grossen Versuch der politischen Entrech- -füfig ■der-*»-österreichischen, Jiiden unternommen haben. Der Schmidtsche Antrag ist ein“ Produkt deutscher Denkart, seine beifällige Aufnahme dtif Ausdruck des Willens des deutschen ‘Volkes, j nes -Volkes, in dessen Diensten die Juden selbstlos bis zur gemeinsten Selbsterniedrigung gekämpft haben! Fort mit der kläglichen und fruchtlosen Rechnung, die sich auf die Danicbar- 16 ft (Fremdbr grürdet! Für die überlegenen Fähigkeiten des jüdischen Individuums darf es nur mehr einen Dienstherrn geben: die jüdische Nätiöh! Darin sind wir eine Macht; die sich selber schützt und das ängstliche Kauern hinter HiorScfien Qesetzesschranken hat ein Ende! k Str. Renegatenpolitik. Aut die Tragödie folgt die Komödie, auf den Gewa'tstreich der Antisemiten der Schelmenstreich eines jüdischen Renegaten, hi eien letzten Tagen der ParlamemtssesSion erhob sich ein grosses Streiten um die moralischen Qualitäten des berüchtigtsten und bösartigsten Antisemitenführers und nunmehrigen Arbeitsministers Gessttiann. Die Sprecher aller freiheitlichen Parteien wehrten sich aus vollen Kräften dagegen, dass dien Händen dieses Mannes blindlings eihe Fülle exekutiver Machtmittel anverträrit würden. Da erhob sich für ihn ein wärmer Fürsprecher und begeisterter Lobessänger in der Gestalt des Universitätslehrers Dr. Redlich, Abgeordneter und getaufter Jilde dazu, tri Nfkölsbürg dnd. Gödihih also in eirieni Wahlkreise, in welchem gegen 5p Prozent Jiidfen stimmen und den Ausschlag geben; auf eni freiheitliches Prögrärhni gewählt; Mät ÜS&er gelehrte; bdgtttertfe und interessierte Täiiiiüig <Üai MÜii gefaibt, däs töfcfidäGessmAiAik M SiSgen. Er stfeiitd iÜH, den allmäcHt^n Führer. der GhrfetlichSozfälen; den veraäfotföriPcHeh Rtiddfcteur aller himirtelscfireiAiJÜS GfSMSft&elten; Üܧ je äölSis difeS&r gegen Fbetdeukeude und Juden veräfet worden sind, als ein Muster der Objektivität hin, als einen Mann, in dessen Händen das. Wohl aller Staatsbürger gut aufgehoben und vor jedem Missbrauch besser geschützt sei, als irgendwo. Die Ausführungen des wackeren Volkstribunen von Göding erregten unter dem wahrlich an starke Stücke gewöhnten parlamentarischen Auditorium Sensation. Die eigenen Klubgenossen, Männer, die — als unentwegt deutsch-liberale Besitzer von viel Judenstimm^n und wenig Gharakter — schon manch gute Wegstrecke vor Antisemiten auf dem Bauche gerutscht sind, wandten sich angeekelt ab. Das Schauspiel, den Freiheitsmann, Universitätslehrer und Kulturmenschen Dr. Redlich um die Grinst der Vertreter der Greister-, Fleischhacker -und Kerzelweiberkultur schamlos werben zu sehen, war auch für solche Nerven zu stark. Als erster gewann der Professor Masaryk die Fassung und tat Herrn Dr. Redlich gründlich ab, dann folgten die anderen. Angesichts des Vorgehens des Dr. Redlich waren sich alle anständigen Menschen bezüglich des „Wie?“ vollkommen im Klaren, weniger klar war man sich bezüglich des „Warum?’1 Die Gödinger und Nikolsburger Juden haben es zusammengebracht, alle ihre politische Macht in die Hände eines reichen, davongelaufenen Juden zu legen, sie haben die Völker Oesterreichs mit diesem vieledlen Renegaten beglückt. Sie könnten noch mehr des Guten tun, indem sie uns die Lösung folgenden Rätsels künden: „Ist es bloss skrupellose Streberei, oder waren auch andere „Interessen“ für diese Haltung ai sschlaggebend?“ R. Str. Protestkundgebung der jüdischen Abgeordneten gegen die Resolution Schmid. Ein merkwürdiges Novum in der Parlamentsgeschichte ist zu verzeichnen. Eine Kundgebung von jüdischen Abgeordneten aus verschiedenen Lagern. Wollten im Wahlkampf die assimilatorischen Juden .' und ihre Vorkämpfer absolut nicht zugeben, dass spezifisch jüdische Interessen gibt, die eine gemeinsame Abwehr erfordern, so sind sie durch den Gang der Eieignisse lasch gezwungen worden, dies einzusehen. Die jüdischen Deutschen und jüdischen Polen mussten sich der Kundgbung des jüdischen Klubs gegen die Resolution Schmidt anschiiessen, wenn sie nicht riskieren wollten, bei ihren jüdischen Wählern arisgespielt zu haben. Allerdings werden die Herren nach dieser „Extratour“ rasch wieder in ihre alten Positionen zurückkehren. Aber sie werden ihren Wählern nicht mehr Vortäuschen können, dass die Interessen der Juden wirklich vom Polenklub oder den Deutschliberalen ebenso gut vertreten werden, als vom jüdischen Klub. Wo biteben die polnischen Klubgenossen der Herren Loewenstein und Konsorten, als es sich um Protest gegen eine russische Behandlung der Juden in Oesterreich handelte, wo blieben die Hüter der freiheitlichen Verfassung, die Gesinnungsgenossen der Oiner und Kurända, als es der Abwehr eines Anschlages auf die Gleichberechtigung aller Bürger galt? Schämen sich denn diese jüdischen Abgeordneten noch immer nicht, sich würdelos an Parteien anzubiedem, die mehr oder weniger offen antisemitisch sind? Glauben sie noch iirmer, nichts wichtigeres zu tun zu haben, ais die Interessen jener zu vertreten, welche die Rechte der Juden missachten oder verletzen? Die betreffenden Herren werden sich nicht so bald ändern. Aber die jüdische Wählerschaft wird wohl nicht lange mehr im Zweifel sein, wer die richtige jüdische Politik macht und dem Verständnis ihrer Abgeordneten in diesem Punkte sehr kräftig nachhelfen. Von Interesse ist, dass die -Juden aus der sozialdemokratischen Partei sich dem Protest nicht anschliessen. Es gibt wirklichkan abscheulicheres Assinrilatrteaiiuin als jenes in der Sozialdemokratie, täglich werden die Juden von. der sozaaMetiöfcraliscberi jPresse öder irdn den söziakieriiok rapschen Abgeordneten beschimpft nhÜ dennoA! siecicen das die biamarids, Liebenriahns, cifeiibogens etc. ruhig ein, halten schön den Mund und trauen sich niem'ls als Juden zu erscheinen. Dies hi einer Partei, welche angibt, für Freiheit und Gleichberechtigung zu streiten. Es wäre wohl berechtigt, zu verlangen, dass jene Herren sich endlich einmal taufen lassen, das Judentum will absolut keine Gemeinschaft mit ihnen. Lieber die Kundgebung fiegt folgendes Commurrique vor: Die Abgeordneten Gabel, Gail, Goki, Adolf Gross, 'Koirscher, Kuranda, Loewenstein, Mahler, Öftrer, Staud und Straucber beschlossen einstimmig folgende Kundgebung: „Der Budgetausschuss hat bei der Verhandlung über die Mitt- (schulen einen Resolutionsantrag des Abgeordneten Heinrich Schmid angenommen, welcher die Regierung auffordert. Erhebungen zu pflegen, wie das Zahlenverhältnis der jüdischen zu den christlichen Mittelschülern mit der wirklichen Bevölkerungsziffer in Einklang zu bringen sei, und dem Hause über den Erfolg dieser Erhebungen Bericht zu erstatten. Der Ausschuss hat sich vertagt und es ist nicht mehr möglich, in demselben parlamentarischen Körperschaft, in welcher dieser Beschluss gefasst wurde, gegen die ihm offenkundig innewohnende Tendenz gebührend Verwahrung einzulegen. Auch den Zeitpunkt abzuwarten, in welchem die beantragte Resolution im Hause zur Beratung gelangen könnte, scheint uns untunlich, weil eine Aktion, die auch in die parlamentarische Prtxis jenes System der Rechtsungleichbeit einzuführen trachtet, welches im sonstigen öffentlichen Leben des Staates leid r allzu häufige Anwendung findet, sofort als solche stigmatisiert und von allem Anfänge an bekämpft werden muss. Der Budgetausschuss, der 52 Mitglieder zählt, hat mit 19 gegen 9 Stimmen, also mit einer reinen Zufallsmajorität, jenen Antrag angenommen. Wir können auch riioht glauben und wollen nicht annehmen, dass dieser Antrag im Hause die Majorität erzielen könnte, dass ein Volksparlament, berufen, die gleichen bürgerlichen Rechte aller zu wahren, die kulturellen Interessen der Gesamtheit zu schützen, das Gedeihen aller zu fördern, einer Massregel seine Zustimmung geben könnte, welche ku'turell und moralisch gleich verwerflich ist, die durch die Verfassung jedermann gewährleistete Lernfreiheit verletzt, die Zugänglichkeit der öffentlichen Lehranstalten iiir alle ohne Unterschied illusorisch macht. Wir besorgen auch nicht, dass eine ihrer Pflicht bewusste Regierung der in dieser Resolution enthaltenen Anregung Folge leisten könnte, denn die Regierung, berufen, ein Hüter des Rechtes zu sein, kann durch keinen Beschlussaaltrag verpflichtet werden, kulturelles Recht und beeidetes Gesetz zu verletzen. Nichtsdestoweniger müssen wir diesen offenbar neuerlichen Vorstoss gegen die gleichen bürgerlichen Recnte der jüdischen Bevölkerung sofort mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Eingedenk unserer Pflicht, unter den uns anvertrauten Gesamten te ressen insbesondere auch das Recht der jüdischen Bevölkerung auf Anerkennung als gleiche, vollberechtigte Staatsbürger im Parlament zu vertreten, werden wir im geeigneten Zeitpunkte hri Hause jenen vt lksbikhmgsferävdüchen Antrag bekämpfen; aber 'bis ins tiefste, m unserer persönlichen und staatsbürgerlichen Würde verletzt, fühlen wir uns gedrämgt, schon heute von jenem Resolutionsautrage des Budgetausschusses und der ihm innewohnendem Tendenz an die öffentliche Meinung des gesitteten Oesterreich zu appellieren. Wir legen feierlich Verwahrung ein gegen eme Aktion; welche m schratem Widersprüche Steüt zu dem Staatsgrundgesetze, das volle Lemfrefheit gewährt, zu dem Streben nach Wissen, welches der Kulturwelt mnewoftrit, zu deul modernen Lfebeh, däs theoretische und praktisch Bildung verlangt, um schaffend wirken zu können und im Wettbewerbe der Staaten und Völker zu bestehen. Wir legen solennert Protest ein gegen lenen Antrag, welcher dte Rechtsgleichheit verletzt und geeignet ist, Oesterreich zum Hohn der gesitteten Welt anf das Kultnrniveau Russlands und Rumäniens herabzudrücken.“