Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 16-17 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Meine Herren! Die Forderungen des militärärztlichen Ofnzierkorps sind aber auch derartige, .dass'die Heeresverwaltung dringend, zu mahnen wäre, solchen einmal gerecht zu werden. Diese Forderungen allgemeiner Natur beziehen sich zunächst darauf, dass die Militärärzte im Range den Offizieren des Armeestandes gleichgestellt werden. ' Der Herr Kriegsniinister hat-auf eine diesbezügliche Interpellation in den Delegationen erklärt, es gehe nicht an, die Militärärzte den Offizieren dies Soldatenstandes gleichzustelien, weil dies erstens den Bestimmungen der Genier Konvention widersprechen würde, und weil überdies in keinem Staate. Europas die Gleichstellung der Militärärzte mit den Offizieren des Heeres erfolgt sei. Diese Behauptung des Herrn Kriegsministers muss geradezu frappieren; denn sie ist entschieden unrichtig. Sowohl in England* wie zum Teil in Deutschland, Italien und Norwegen, ist bereits die Gleichstellung der Militärärzte mit den Offizieren des Soldatenstandes ausgesprochen. Was aber die Genfer Konvention betrifft, so ist es unfasslich, wie diese mit der FTage der Gleichstellung der Offiziere mit den Militärärzten in Zusammenhang gebracht werden kann. Die stabsärztliche'Prüf ung. Auch andere Massnahmen, die Herr v. Uriel im miltärischen'Korps ergriffen hat, sind nicht im Interesse dieses Standes .gelegein, so zum Beispiel die im vorigen Jahre durchgeiührte sogenannte Reform der stabsärztlichen Prüfung. Man sollte glauben, dass eine derartige Prüfung wirklich modernisiert würde; das ist aber nicht der Fall. ' Zunächst sind, was den Lehrstoff betrifft; nicht weniger als 55 Bücher militärischen Inhaltes vörgescfariebeu, welche von den Zöglingen . gelernt werden müssen, und überdies 22 Gegenstände wissenschaftlicher Natur. Es ist absolut undenkbar, dass Menschen eine derartige Stärke des Gedächtnisses besitzen, dass sie im Verlaufe eines Jahres diesen gewaltigen Stoff bewältigen könnten. Modernisiert wurde die Prüfung in gar keiner Weisej und applikatonsch, das'heisst an einzelnen schriftlichen Beispielen wird; die Prüfung auch nicht vorgenommen, sondern die Gegenstände — bis aut drei — müssen ganz einfach mechanisch auswendig gelernt weiden. Die sogenannte Applikationsschule ist unzulänglich, und es müsste mindestens ein zweites Jahr angefügt werden. So könnten wir eine ganze Reihe von Uebelständen anführen, die gegenwärtig im militärärzt- Hcben Offizierskorps bestehen, und die nur deswegen geduldet werden, weil das andere System des Herrn v. Uriel goutiert wird. Er hat nach und nach viele Elemente, und zwar nicht nur jüdische, aus dem militärärztlichen Offizierskorps hinausgedrängt und hinausgedrüokt Herr v. Uriel ist alt, schweigsam nach oben, gefürchtet und unsanft nach unten. (Abgeordneter Proh azka: Tüchtig!) Das verstehen Sie auch? Sie hören ja von seiner Tüchtigkeit! Wie tüchtig er ist, mög ,n Sie übrigens aus den Klagen entnehmen, die hier so oft über die schreienden Uebelstände laut geworden sind, welche in den einzelnen Gamisonsspitälem der Monarchie bestehen. Diese Zustände sind in den Debatten des Privilegienparlamentes von allen Seiten als unhaltbare und) desolate geschildert worden. Und Sie loben dieses System, weil Herr v. Uriel Fleisch von Ihrem Fleische Ist. (Abgeordneter P r o - k a z ka: Er ist Antisemit!) Ja, deshalb braucht man nichts zu wissen; es genügt für Sie, wenn jemand sagt: Ich bin Antisemit, und dann ist alles gut Ein Staat aber, In welchem nicht Recht und Gerechtigkeit der oberste Grundsatz der Verwaltung ist und nicht nach Recht und Gerechtigkeit regiert wird, wo Gesetz und Recht straflos verletzt werden, ein solcher Staat wird immer von Katastrophen heimgesucht werden. Ich bitte, sehen Sie sich enunaT doch das Auditö.iat an. Sagen Sie mir, aus welchem Grunde — bei Geltung der von der Regierung beschworenen Staatsgrundgesetze und der militärischen Vorschriften, bei Geltung aller jener Be- JÜDISCHE ZEITUNG Stimmungen, welche voii 'gleicher Behandlung aller Militärangehörigen handeln, von Gleichberechtigung, von Treue und Hingebung Und von Opferwilligkeit, von treuer Rflichtenfülung gegenüber' dem Staate — darf der Jüde aus diesem Korps ausgeschlossen sein? Wir fordern. Gleichberechtigung. Wir verlangen eines,, und von’ dieser F o r derun g"w e r d e h w i r nie a b ge hc;i. das ist die vollkommene Anerkennung unserer Gleichberechtigung, die Durchführung der, Gleichberechtigung und auch die Anerkennung unserer Gleichwertigkeit, und von diesem Standpunkte aus müssen Sie mir als rechtliebenden Menschen und müssen alle-Parteien diese unsere gerechten Forderungen würdigen. (Abgeordneter Prohazka: Immer nach dem Prozentsätze!) Wenn Sie, geehrter Herr, mir irgend eine Bestimmung des Gesetzes zeigen werden, nach welcher die einze 1 nen Wü rd en, Aemt erund Funk ti0ne.n im Staate nach dem Prozentsätzeder einzelnen Völkerschaften, Nationen1 oder Konfessionen verteilt und besetzt werden sollen, dann mögen Sie recht haben! Die Steuerleistung der Juden. Wenn Sie aber von diesem Grundsätze ausgehen, so frage ich Sie nur um eines: Wenn auch die Judenschaft in Oestert r eich bloss 4,7 P rozerit ausmach t, ist auch ihre Le is t u n g. an S t eu e rn, an* Gut und Blut nur 4,7 Proz ent? (Rufe: Jud ist Jud!) Sehen Sie, meine Herren, das ist Ihr überzeugendes Argument Sie brauchen ja . nichts zu beweisen, Argumente sind überflüssig,, es wird einfach gesagt: Jud — "und das findet beim dummen Kerl 'Anerkennung. „Jud ist Jud!“ und damit setzen Sie sich über alle Gesetze hinweg! (Abgeordneter P roll a z k a applaudiert.) Sehen Sie, Herr Prohazka, Sie allein pplau- ■dr. ren ■—r damit bleiben Sie ganz isoliert selbst in Ihren Kreisen! Wo Ist übrigens — um nur beim Militär zu bleiben — die prozentuelle Besetzung im A u d i t o r i a t e, ‘ in . der Intendanz, im Obersten Mi 1 i tär.ge r i c h tsh o.fe usw. mit Juden? In allen diesen Körperschaften ist kein Jude! . Jeder Mensch, in dessen Brust das Gefühl für Recht und Gerechtigkeit wohnt, muss sich empören und aufbäumen, wenn man fort und fort von allen Seiten Schimpf und Zurücksetzung, Demütigung und Erniedrigung bei allen Anlässen erfährt, wie dies uns Juden widerfährt! Dagegen müssen wir, meine Herren, energisch protestieren. Wir haben nur die einzige Tribüne hier in diesem Volkshause, wo wir unsere Wünsche und unsere Klagen, unsere Beschwerden und unsere Forderungen Vorbringen können, und wir erwarten, dass jene Parteien, deren Programm Recht und Gerechtigkeit ist, uns zu dem uns gebührenden Rechte verhelfen werden. (Stürmischer Beifall ) Rundschau. Ein antisemitischer Vorstoss. Und wieder einmal sind die faulen Propheten aufs Maul geschlagen, die seichten Schwätzer, die beini schwarzen Kaffee das unheilbare Siechtum ■des Antisemitismus konstatieren und nimmer müJe werden, sein allernächstes Ende auf die Minute genau zu bestimmen. Während sie stupid geduldig zum tausendsten Male sein Begräbnis vorbe-' reiten, hat er neuerlich ein Zeichen enormer Lebenskraft zum Besten gegeben. Im österreichischen Parlamente haben die Judenfeinde einen gewaltigen Vorstoss getan: 'Der totgeiaselte Riese hat wieder einmal den Sargdeckel gesprengt und dieoptimistischen Lefchenweiber stieben auseinander und rufen entsetzt:. „Weh 1 Wie ln Russland 1 Wie in : Rumänien 1“ Ja, wie m Russland und Rumänien! Wenn air-besser zriseht, vielleicht noch ärger als dort! . Nr. 16 lm Büdgetausschusse des österreichischen'. Abgeordnetenhauses ist in der vergangenen Woche eine Resolution eingebrächt worden, in welcher dem Plenum des Parlamentes empfohlen wird; die Zu 1 ä ssu n g de r Ju d e n zum Besu che der Mittels chuule prozentuell zu beschränken. Antragsteller war der chiristlichsöziale Abgeordnete Prof. Schmidt "und die Resolution: wurde mit der überwiegenden Mehrheit von 19 gegen 9 Stimmen angenommen. Die Vertreter sämtli eher deutscher Parteien, die deutsch freiheitlichen inbegriffen, •haben, fürdie Resolution .gestimmt. ..Im österreichischen Parlamente sind) schön wiederholt Gesetze geschaffen worden, die ein antisemitisches Gepräge tragen, wie das Hausiergesetz, das Gesetz betreffend, die Sonntagsruhe u. a. Aberwenn auch antisemitische Tendenzen bei ihrer Schaffung hervorragend mitwirkten und die Schädigung . jüdischer Interessen ihren Schöpfern in erster Linie vorschwebte, so sind es immerhin Gesetze, die alle österreichische Staatsangehörigen betreffen und nicht Spezialgesetze für Juden. Im vorliegenden aber schreitet die österreichische Volksvertretung an die Schaffung eines nur für Juden geltenden Ausnahmsgesetzes, an eine Aenderung der Verfassung, der Staatsgrundgesetze. Die Juden werden ihres Schutzes für . verlustig erklärt: Man begnügt sich, ihnen, gegenüber nicht mehr mit illegalen Schikanierungen und willkürlichen Gesetzesübertretungen von. Fall zu Fall, sondern beabsichtigt, sie auf - dem Wege der Gesetzgebung -der Rechtsgleicheit zu berauben. Der Fall ist neu.. Nicht nur in der österreichischen, sondern in der modernen Geschichte aller uropäischen Staaten. Russland und. Rumänien inbegriffen. Russland und Rumänien sind, einzubegreifen, denn die gesetzlichen Beschränkungen der Juden in diesen beiden Ländern sind einerseits das Werk einer autokratischen, volksfeindlichen Regierung, andererseits einer durch Betrug und Gewalt zür Herrschaft gelangten Bojarenkliquet, nicht aber unverfälschte Produkte des Volkswillens. In Oesterreich hingegen sind es auf Grund eines wirklich volsstümlicjien; allgemeinen Wahlrechtes)-entsahdtepVer.treter, welche die Juden ihres bürgerlichen Rechtes zu berauben beabsichtigen. Und dieser Fall ist neu. . k Die Situation ist für die Juden bedrohlicher als je. Es sind nicht unmittelbar praktische Konesquenzen, die sie so gefährlich gestalten. Es ist nicht als bestimmt anzunehmen, dass'das Plenum des Abgeordnetenhauses die Resolution, in nächster Zeit zum Gesetze erheben und' die österreichische Verfassung —nur . aus judenfeindlichen Motiven heraus — umstosseai wird. Und wenn auch, der Fall ist absolut nicht ausgeschlossen, wird ein solches Gesetz wohl Schikanierungen und Bedrückungen schlimmster Art über u s Juden heraufbeschwören, nie aber wird es den eigentlichen Zweck erzielen und die jüdische Jugend der Bildungsmöglichkeiten berauben. Der elementare Drang nach Bildung hat unser Volk' Jahrtausende hindurch vor dem Untergänge bewahrt; er ist mit unserem Willen zum Leben identisch, er hat in . allen Zeiten, und an allen Orten feindliche Anstürme siegreich überstanden, er wird) auch die Angriffe deutscher Junker-, Spiesser- und Bauernhorden überdauern. .Solange einjüdisches Volk i ebt, son 1 ange werden der j ü d is c h en Jugend Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, raubt man ihr die alten, so werden wi r i h r neueschaffehl Nicht der faktische Inhalt des Schmidtschen Antrages verleiht -ihm die weittragende Bedeutung: Er schafft nicht so sehr neue Gefahren, als er das Bestehen'alter, längst überwunden geglaubter krass dokumentiert. Unter dein Schutze des Gesetzes von ■ der Rechtsgleichheit aller: österreichischer Staatsbürger haben die Juden sorglos ihr politisches Dasein verzettelt Sie haben nicht-daran gedacht dass dieses Gesetz—' insoweit es Juden betrifft — nie in das Rechtsbewusstseinder arischen Massen übergegängen ist dieser -Massen, die trotz aller Paragraphen, im Juden dien Fremden, : den ‘ Ungleichen gesehen; haben :iihd sehen Den täglichäi und stündiiclteit jnderiföndH'chen Verstösseii gegen das 'Gesetz, -die bei Behörden und