Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 16-17 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 13 sei der .Mannschaft das Menagegeld bar zu bezahlen. Ich 'begehre von der Kriegsverwaltung nichts anderes, als die strikte 'Durchführung der Gesetze und der Bestimmungen des Dienstreglements sowie die strikte Durchführung aller jener Erlässe und Verordnungen, 'die so vielfach d!ie Registraturen belasten, ohne dass aber diese Bestimmungen tatsächlich durchgeführt würden. Wir können uns die vielfachen Zurücksetzungen nicht gefallen lassen, denn dadurch soll "uns Juden der Stempel der Minderwertigkeit aufgedrückt werden. Sehen Sie, wie es da mit den anderen Konfesstonen bestellt ist. für die Soldaten aller Konfessionen sind aktive Militärgeistliche bestellt; so nir die römisch-katholischen: 1 apostolischer Feldvikar, 1 Eeldkonsistorialdirektor, 2 Feldkonstistorialsekretäre, 2 Feldsuperioren I. Klasse, 13 Feldsuperioren II. Klasse, 2 Akademiepfarrer; für die griechisch-katholischen: 2 Felderzpriester; nir die griechisch-orientalischen: 2 Weltpriester; für die evangelischen: evangelische Feldsenioren:. 1 für jene Helvetischen Bekenntnisses, und 1 für jene Augsburger Bekenntnisses; für die mohammedanischen Soldaten: mohammedanische Seelsorger: 2 Intams lI. K'asse für die bosnisch-herzegowinischen Truppen. druck der Minderwertigkeit des jüdischen Volkes und seiner Angehörigen hervorgerufen. Wir sind vollwertige Bürger. Dagegen protestieren wir mit allem Nachdruck. Wir sind nicht minderwertig! Wir sind in diesem Staate vollwertige und gleichberechtigte Staatsbürger. Wir verlangen Gleichberechtigung als Staatsbürger und Gleichwertigkeit als Volk. Wir bringen die gleichen Opfer an Gut und Blut für diesen Staat und tragen die gleichen Lasten. Die fortwährenden Zurücksetzungen müssen endlich auihören! (Beifall.) Zu allen Zeiten. — das werden Sie doch wohl zugeben, Herr Koliega — waren die Juden im eminentesten Sinne staatstreu und dynastisch. (Lachen.) Ihr Gelächter widerlegt gar nichts! Unsere staatliche und dynastische Treue ist unanfechtbar und notorisch. Das ist durchaus keim Verdienst, namentlich Sie sollten darüber nicht lachen, weil Sie immer Patent-Oesterreicher sein wollen. Wir glauben aber, dass wir als treue Staatsbürger auch das Recht haben, in diesem Staate als gleichberechtigt und gleichwertig behandelt zu werden. (Zustimmung.) Es gibt keine jüdischen Militärseelsorger. Für die jüdischen Soldaten aber j gibt es.keinen einzigen aktiven Mii litärseelsorger. Das ist geradezu auifal- 1 leiul. (Abgeordneter Prohazka: Wahrscheinlichsind zu wenig Juden!) O neiin, da sind Sie sehr im Irrtum, es sind nicht zu wenig Juden. Uebrigems werden ja vieliach Juden aus der Armee hinausgedrängt. (Abgeordneter Prohazka: Das ist kein Unglück!) Für Sie ist es allerdings kein Unglück. Die Frage der Militärärzte. Was das Militärärzte wesen anbelangt, ist in dieser Beziehung seit dem Regimen., des Generaloberstabsarztes v. Uriel — (ich sage es ganz offen und ich habe dies auch in den Delegationen vorgebracht — ein Geist . . . (Abgeordneter Prohazka: Ein besserer Geist) Nach Ihrer Auffassung, nach unserer aber nicht! Sie glauben, Sie werden durch solche Witze den Ernst der Ausführungen beeinträchtigen. Durchaus nicht, Herr Prochazka! ■Wenn Juden zum Militär kommen, heisst es, sie überschwemmen das Militär — kommen sie aber nicht, dann entziehen sie sich dem Militär. Ihnen 'kann man es ja nicht recht machen, das w issen-wir sehr gut. - . . Wenn der Jude sich bescheiden abwärts hält, dann.ist.er riickständ i g (Gelächter), wenn er aber m i 11 u t, und seine 'Rechte fordert, ist er gleich frech und arrogant! (Abgeordneter Prohazka: Der Jude ist immer frech!) Ith glaube das Gegenteil, Sie provozieren immer. Ich könnte Ihnen mit mehr Recht sagen, dass Sie iiech sind. Hören Sie mir lieber zu und machen fie keine solchen Zwischenrufe! Nun ist es geradezu auffallend, dass in den verschiedenen 'Korpsbereichen, zum Beispiel Lemberg, Wien, Przemysl, Prag, Krakau und Budapest, in denen Tausende jüdischer Soldaten dienen, gerade für diese kein einziger aktiver Militär Seelsorger angestellt ist. (Ah, Rabbiner!) Ja! Ich versichere Sie, dass diese mindestens soviel Kenntnisse mitbringen wie die Seelsorger anderer Konfessionen. (Abgeordneter Prohazka: Das ist zwar nicht richtig, aber für Ihre Religion genügt es Ihnen, also stellen Sie sie an! — Abgeordneter Dr. M a hler: Wir haben nicht das Recht, sie anzustellen!) Sie stellen alle anderen Militärseelsorger an und bezahlen sie aus dem Staatsbudget, also aus den Steuergeldern der ganzen Bevölkerung, sonach auch der Juden; Sie müssen daher aus diesen allgemeinen! staatlichen Mitteln auch die Seelsorger der jüdischen bezahlen, nicht bloss der römisch-katholischen. (Abgeordneter Prohazka: Gewiss! Ich meine das auch so!) Also doch einmal Einsicht. Nach ’em Ausweise der Heeresverwaltung entfallen in Oesterreich auf je einen Seelsorger -099 Mann röm'sch-katholischen Glaubens, 2433 Maun griechisch-katholischen Glaubens, 2753 Man.i griechisch-orientalischen Glaubens, 2360 Mann evangelischen Augsburger Bekenntnisses, -6(55 evangelisch reformiert, 990 Mann Mohammedaner. Für die Juden wieder nichts! Auf'diese Art züchtet die Staatsverwaltung selbst die Demoralij serung, d a dm rch wird'aber der Ei n-' Es ist in beteiligten Kreisen anderkannt, dass das gegenwärtige Sustem des Herrn v. Uriel zum entschiedensten Nachteile des ganzen militärärzt-. liehen Offizierskorps gereicht. (Abgeordneter Prochazka: Das ist Ansichtssache!) Das ist nicht Ansichtssache, das ist Tatsache — selbstverständlich von vorurteilsfreier Seite. Fragen Sie nur einmal in den militärärztlichen Kreisen! Erkundigen Sie sich bei vorurtei'slosen, in dieser Frage kundigen Leuten, so werden Sie hören, welche Erregung im militärärztlichen Offizierskorps seit dem System dieses Herrn v. Uriel herrscht! Trotzdem, dass notorischer Aerztemangel herrscht, trotzdem, dass notorisch eine A e r z teil u c h t aus dem militärärztlichen Offizierskorps stattfindet, trotzdem in Oesterreich 27 Qarnisonsspitäler zu bedienen sind, trotzdem alljährlich infolge der Assentierungen, Wafienübungen und Manöver selbstverständlich viele Aerzte kommandiert werden müssen, komplettiert Herr v. Uriel nicht das mil i t ä r ä r z 11 i c h e Korps, sondern seine Massnahmen drängen viele hinaus. Und warum? Weil Herr v. Uriel-bei der Anstellung der Militärärzte eine konfessionelle Auslese macht. Für ihn ist nicht im Interesse der Mannschaft der Bedarf an Fachmännern, an Aerzten, massgebend, sondern er will sich auf die Art auch das Wohlwollen und die mächtige Unterstützung der gegenwärtig am Ruder befindlichen Partei sichern, wenn er dem militärärztlichen Ofiizierkcrps' einen Geist einhaucht, der wahrlich diesem Korps nicht zum Nutzen gereicht, deshalb nicht, weil er zum Nachteile dem gesamten Militärstande gereicht. Bedenken Sie, meine Herren, was auf dem Spiele steht! Abgeordneter Prohazka: Hört!) Hört, Ihr Herren, nur, wenn Herr Prohazka spricht! Das sind, meine Herren, goldene Wahrheiten! (Abgeordneter Prohazka: Sie haben gesagt: „Was auf dem Spiele steht!“ Heraus damit!) Sie kennen ja offenbar die ganze Frage nicht! Herr v. Uriel hat nur eine Aufgabe, die Purin zier ung des militärischen Offizierskorps von den jüdischen Aerzten, unbekümmert darum, dass dier Folgen dieses Systems deshalb schädliche sind; ein Aerztemangel bedeutet: dein Militär, der Armee und namentlich der Mannschaft die ärztliche Hilfe, den ärztlichen Schutz gar nicht oder nicht rechtzeitig und jedenfalls nicht ganz bietenzu können. In den Garnisonsspitälern allein werden doch alljährlich fast 90.000 Mann behandelt! Und wir haben doch einen Aimeestand von etwa 290.000 Mann! Von 1901 bis 1906 ist kein Jude aktiver Militärarzt geworden! Und als der Herr Reichskriegsminister in den Delegationen über das System des Herrn v. Uriel interpelliert worden ist, gab er, eine , ganz merkwürdige Erklärung und Antwort. . Er sagte, die Bevölkerung :.i Oesterreich sei, was die Judenschait betrifft, bloss zu 4,7 Prozent Juden. (Abgeordneter Prohazka: Leider!) Nun. verehrter Herr, vergessen Sie mit Ihrem „Leider“ — ich höre das ja ganz gut — wohl eines nlicht, dass ja. eigentlich die Juden von den Christen nicht weit entfernt sind. ‘Rufe: Oho!) Unserer Religion nach gehören wir sehr enge zusammen. (Rufe: Ach, gehns.!), ja sehr enge! Leug en können Sie es, aber wahr ist es doch! Ich bitte, wir wollen über dieses Kapitel bei einer anderen Gelegenheit sprechen. (Abgeordneter Prohazka: Was haben die alten Juden geschwindelt! Abraham und Esau haben schon geschwindelt und denken Sie an andere Geschichten!) Pfui, Sic schmähen damit nur Ihre eigene Konfession'. (Ruf: Das ist keine konfessionelle, ndern eine nationale Frage! — Abgeordneter Dr. Mahler: So viel ich weiss. hat' der katholische Ritus die Bibel ebenso rezipiert wie wir!) Man muss, meine Herren, vor einigen Wochen nur den Bericht über einen Vortrag gelesen haben, den der bekannte zaubergewaltige Herr Ernst Vergani auf der Landstrasse gehalten hat. Er hat Felonie geübt — alles Ehrwürdige geschmäht! Erhatindiesem Vortrage die Patriarchen Zuhälter, Zuträger und Gauner und deren Frauen Dirnen genannt. Meine Herren! Ich bitte diese Erscheinungen in der Bibel sind Ihnen ebenso heilig wie uns. Sie allein müssen empfinden, wie schmählich dieses Beginnen des Her:n Vergani ist — er schädigt Sie mehr als uns —. da wir ja ohnehin stets in niedriger Weise beschimpft werden. Machen Sie das mit Ihrem Herrn Vergani aus. (Zwischemufe.) Das ist Tatsache, das können Sie nicht 1 ugnen. (Rufe: Das gehört doch nicht zum Rekrutenkontingent!) Auf <iäe Zwischenrufe des Herrn Prohazka muss man antworten. Meine Herren! Von seiten der Heeresverwaltung wurde ausdrücklich anerkannt und zugegeben, dass derzeit ein Abgang von 220 Militärärzten vorhanden 'ist; bei dem Sollbestande von 1236 Militärärzten ist gegenwärtig ein Abgang von nicht weniger als 220 Aerzten, es besteht sonach das militärärztliche Offizierskorps lediglich aus 1016 Aerzten! 'Ich bitte zu bedenken, was das heisst, in einer Zeit, wo das ärztliche Material so notwendig ist und welche Gefahren durch das Fehlen von Aerzten heraufbeschworen werden können. Der Herr Abgeordnete Schuhmeier — ich weiss, der bedeutet für Sie das rote Tuch, wenn man diesen Namen nennt — hat gestern in wirklich ausgezeichneter Weise die Gefahren des Aerztemangels geschildert. Nun, meine Herren, Sie haben darauf nur Spott und Hohn gehabt. Sie haben auch seine Ausführungen mit allen möglichen Zwischenrufen begleitet. Ich sage aber folgendes: Wenn ein Teil der Ausführungen des Herrn Abgeordneten Schuhmeier — und vielfache Ausfiihi ungen dieses Abgeordneten, die er gestern vorgebracht hat, waren tatsächlich begründet — berechtigt war, so ist dieser Teil seiner Rede höchst beachtenswert gewesen. Der Prozentsatz der jüdischen Aerzte. Die Behauptung des Herrn Reichskriegsministers, dass in der Armee 18 Prozent jüdische Aerzte sind, ist unrichtig, die Zahl beträgt bToss etwa 8 Prozent. Auch bei der Beteilung mit ärztlichen, richtiger medizinischen Stipendien werden die jüdischen Bewerber zurückgesetzt; denn bei 428- Stipendien ist nur ein einziger jüdischer Stipendist!