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Jüdische Zeitung · 1908-04-15 · 16-17 (15.4.1908) · p. Seite 10

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
16-17 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 16 aber es neu zu begründen. Wenn man dies Chauvinismus zu nennen beliebt, so lehnen wir jede Verantwortung für den Gebrauch dieses Wortes ab. Jeder Zionist muss sich ganz entschieden gegen die Statuierung einer Ausnahmestellung für Elemente verwahren, die sich anders motiviert wähnen, während sie in Wahrheit die Welt der Tatsachen sich anders motivieren. Und wenn man uns die Ueberzeugung von, der Wahrheit des Oppenheimersdhen Theorems: „Nationaljude in demjenigen Sinne, wie es der russische oder rumänische Glaubensgenosse sein muss, kann der westeuropäische unmöglich sein", zwingend beibringen sollte oder könnte, 60 ständen wir wohl nur vor der einzig sich aufdrängenden Konsequenz: Revision, inwieweit ein Zusammengehen mit jenen Zionisten, die wirklich so fühlen, noch möglich ist! Entwurzelte Bäume. Hört Ihr das wilde Singen? Es ist der junge Föhn! Er pfeift durch die schüchternen Täler, Er braust um die eisigen Höh’n. Er peitscht die grünen Fluten, Er jauchzt im Felsenspalt, Und alles zertritt und zermalmt er, Was morsch und krank und alt Wie dröhnen die starken Stämme Und heben ihr trotziges Haupt, Die Schwachen aber fallen Entwurzelt und entlaubt. Doch hinter dem Sturme, da ziehen Viel blaue Engelein Und streuen duftende Keime ln dürstende Schollen hinein. Und wo die Keime fallen, Da spriesst ein jedes Reiss; Ein Knöspchen undwieder ein Knöspchen Und Blüten, rosig und weiss! Die Luft beginnt zu leuchten, Das Feme deucht so nah’ — Horch da! Ein Vogelrofen! Der Frühling, der Frühling ist da! Doch unten an den Wassern, Da hört das Freuen au£ Da liegen entwurzelte Bäume Wie frische Leichen zu Häuf. Sie mochten sich biegen und schmiegen, Es schlug sie der wilde Sturm, Und über die nackten Wurzeln Kriecht langsam der schwarze Wurm. Seht Ihr die heulenden Feinde, Die Schrecken blutig und blass? Es kommt der Sturm geflogen, Der Völker-Föhn, der Hass! Er zischt in unserem Frieden, Er jauchzt ob unserer Not, Er frisst an unserer Ehre, Er nagt an unserem Brot — Doch hinter den wilden Wettern Da dämmert es licht und frei, . Es zieht in erwachende Seelen Der junge, der jüdische Mai! Uud tausend Knospen spriessen Und blühen in fröhlicher Hast Nach zweimal tausend Jahren Im schimmernden Sonnenglast.-— Doch unten, an den Wassern, Da liegen, entwurzelt vom Sturm, Die Alten und Morschen lind Schwachen; Und gierig frisst der. Wurm. Wien, Passah 1908. Beda. Auszug. In dunkler. Nacht erdröhnt der Ruf: „Ihr mühbelad’nen Sklaven Erwacht, brecht auf zum Freiheitszug, Genug, genug geschlafen!“ Von allen Seiten zieh’n heran Die Qual- und LeidgewoHnten', Die jahrelang als Sklavenvolk Im fremden Lande frohnten. Der Haufen schwillt zum Heeresbann, Unendlich sind die Scharen, Und kriegsbereit steh’n alle, die Noch gestern Knechte waren. Und stromesgleich ergiesst der Zug Sich in die weite Ferne, Den dunklen Weg bestrahlt kein-Mond, Beleuchten keine Sterne. Doch innen in den Herzen glüht Ein lichtes, helles Feuer, Die Freiheitssehnsucht führt die Schar. Und lenkt des Zuges Steuer. Von fern erglüht das Morgenrot, j Der Heimat zieht entgegen - In stöTzer’Kräff ' ein jüngeS Wölfe', :'’ Auf 'selbstgebahnten Wegen. Und wieder schallt der alte Ruf: „Ihr golusmüden Sklaven Erwacht und zieht zur Heimat hin, Genug, genug geschlafen!* i4. Nissan 5668. M. Waldmahn. Parlament und Politik. Die Ermordung des Grafen Potocki. Wie scharf; man auch das von der galizischen Bureaukratie praktizierte System der Unterdrückung der nicht polnischen Bewohner des Landes bekämpfen mag, die Tat Siczynskis muss unbedingt verurteilt werden. Sie schlägt allen Geboten der Menschlickeit und der Zivißsatiö’n’jns Gesicht. Trotz aller Sympathien, die jeder moderne Oesterreicher mit dem Befreiungskämpfe der ruthenischen Nation empfindet, muss gesagt werden, dass der politische Mord' kein Mittel ist, um diese Sympathien zu verstärken. Siczynski dachte in dem Statthalter ein System zu treffen, allein die Folge seiner Tat ist doch nur eine Steigerung des nationalen Hasses. Es wäre dringend zu wünschen, dass alle freiheitlich gesinnten Elemente in Oesterreich sich vereinigen mögen, um endlich einmal gesetzliche Zustände in Galizien herzustellen, damit dem System der Gewaltanwendung auf allen Seiten im politischen Leben dieses Landes ein Ende bereitet wird. Oesterreichische Judenschaft. Ein stolzer Titel dasl Wie süsse Musik klingt er jedem'ins Ohr, der sich bis nun von dem disharmonischen Durcheinander der 546 autonomen israelitischen Kultusgemeinden Oesterreichs voll Abscheu hat abwenden müssen. Uud wenn unsere Zeit ein halbwegs würdiges Geschlecht antrifit, so kann jener stolze Titel zur Wahrheit werden und der 27. April .1908 zu einem grossen Datum in unserer, der Judengeschichte. Für diesen Tag hat nämlich der sogenannte „allgemeine österreichische israelitische Gemeindebund* — einer Anregung seines Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn gemäss — eine Versammlung der grösseren israelitischen Kultusgemeinden Oesterreichs behufs Beratung einer gesetzlichen Organisation der Judenschaft Oesterreichs nach Wien berufen. Mit dieser Einberufung hat der Gemeindebund seinen Bankerott erklärt und zugegeben, dass die ihm wünschenswert scheinende Zusammenfassung. der österreichischen Kultusgemeinden auf dem bisher verfolgten Wege freiwilligen Zusammenschlusses in. einen gewöhnlichen Verein unausführbar ist und . dass von den gesetzgebenden Körperschaften die Schaffung einer ö ff ent 1 ichre c h 11 i chen Z wangsgeme in schlaft aller Kultusgemeinden Oesterreichs verlangt werden muss. . ■' jr=" Wir Zionisten begrüssen diesen Schritt des Gemeindebundes, der ihm sicher nicht leicht geworden ist, als weiteren Fortschritt, wie schon die Gründung des Gemeindebundes selbst ein Fortschritt gegenüber dem bisherigen Zustand gewesen war. Denn zuvor hätte nicht nur kein Bedürfnis nach einem Zusammenschluss der' einzelnen Gemeinden bestanden, sondern sogar die Kultusgemeim den selbst, früher lose Vereine, waren nür unter dem Zwange der Regierung, die Ordnung und Ruhe haben wollte und gegen den .Willen der in .Fraktionen zerrissenen’ Juden als öffentlich-rechtliche Körper kreiert worden. Ewig denkwürdig und ein Schandbei Einbringung des Judengesetzes äm 7. Februar 1890 im Parlament gesprochen hat:. „Es ist eine eigentümliche Erscheinung f während sonst begreiflicherweise jede' Religioqsgesellschaft den Kreis der inneren Angelegenheiten möglichst weit zu ziehen -wünscht, daher für. sich die grösstmögiichste Autonomie in Anspruch nimmt, wird - hier in' Öer, Einflussnahme des Staates eine Par nazee gegen alle Missstände g'esücht. Dieser Standpunkt war für die Regierung ein schlechterdings unannehmbarer.“ Wer hat nun diesen Umschwung in. Herz und Kopf der Macher herbeigeführt? Die zwiefache. Erziehung, welche den Herren die Not der' Zeit und die Angriffe der Zionisten hat ängedeihen lassen. Hier haben jene kleinlauten Parteigenossen, die vor jedem: Kampf, vor jedem scharfen Wort gegen die Parnassim zurückschrecken und eine Politik der Kompromisse befürworten, ein Beispiel, wie. $jj$ch .zä^p .^am^f Jfjteßiij ddn Gegnern, oh sie wollen ” d'der 'niciif,!’eing^'- trichtert werden. Denn wir rühmen uns dessen, dass schon der 3. Parteitag, der österreichischen Zionisten zu Wien am 28. und 29. Juni 1903 zufolge der Referate „Ueber Gestaltung und Zukunft der österreichischen Kültusgemein- ,den“ speziell in Hinsicht des Programmes, unter Punkt 1 nachstehende vorbildliche Thesen beschlossen hat: „1. Die G e m e i n d e autonomie des Gesetzes vom 31. März 1891 ist eine Scheinautonomie. Die durch Art. XV des Staatsgrundgesetzes gewährleistete Autonomie jeder stäatlichanerkannten, sohin auch der israelitischen Religionsgenossenschaft, setzt deren Zusammenfassung zu; einer gesetzlich anerkannten und normierten öffentlich-rechtlichen Reichsorganisation unbediqg voraus. Diese Reichsorganisation soll sich in den Kultusgemeinden übergeordnete Provinzorganisationen gliedern, welche im Anschluss au bereits bestehende öffentlichrechtliche Provinzialkörperschaften, wie den mährisch-jüdischen Landesmassafond, und die Repräsentanz der Landesjudenschaft des Königreiches Böhmen zu bilden sind. Aufgabe dieser höheren Organisationen soll es sein, das Gemeindeleben und namentlich Seelsorge und Jugendunterricht zu überwachen, Statistik und Geschichte zu pflegen, auf Verbreitung und Vereinheitlichung volksfördernder Institutionen, auf die Ausgleichung religiöser, sozialer wirtschaftlicher oder persönlicher Gegensätze hinzuwirken, nichtlokale Stiftungen zu verwalten, schwache Gemeinden zu stützen, die Gemeinden nach dem jeweiligen Bedürfnis abzugrenzen und mit den Ländes¬ und Reichsbehörden amtlich zu verkehren. Weitere Vorteile dieser höheren Organisationen wären die Ausschaltung der heute in . das Leben jeder Einzelgemeinde eingreifenden Staatsgewalt, Schaffung einer

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