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Jüdische Zeitung · 1908-04-15 · 16-17 (15.4.1908) · p. Seite 9

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
16-17 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 16 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 9 jüdischen .Volkes angesehen wurden, welche für sämtliche Fragen, desselben Leitlinien aufzustellen hatten'. Es ist eben zu enge, den Zionismus bloss als eine Bewegung zu präzisieren, „welche die Auswanderung des jüdischen Volkes will“. In Wahrheit ist der Zionismus ein Komplex spezifisch-jüdischer kultureller, idealer und sozialer Bestrebungen, die der ureigensten KMtursehnsueht unseres Volkstums entspringen. Bei der Betätigung derselben kann es sich nur um die Frage handeln; welche Funktion des Zionismus mit - Rücksicht auf die gegebenen Verhältnisse :n den Vordergrund zu rücken sei, an die Gleichwertigkeit sämtlicher im Zionismus inbegriffenen Zielpunkte kann nicht gezweifelt werden. . ' Zionist kann .daher nur derjenige genannt werden, der mit seiner Gefühlswelt in der jüdisehen Volksseele auf geht, oder wenn ihm die Wärme des Innenlebens fehlt, auf den die Mittel der" Dialektik wenigstens den Einfluss ausüben, dass sein nationales Denken ihn nicht nach einer niolvtrjüdisehen völkischen' Richtung j lenkt.Dass Niehtjuden und Assimilanten Zioni- ‘ sten nicht sein können, folgt aus dem Wesen des Zionismus von selbst und es hätte dieselbe Wirkung, als wollte man demselben den Nährboden entziehen, wenn man die vom besprochenen Artikel angenommene Verwässerung des Begriffes Zionismus gutheissen würde. Herr Dr. Franz Oppenheimer spricht von einer Vielspältigkeit des heutigen Judentums in nationaler Beziehung und führt aus, dass die Juden Osteuropas, weil im Besitze einer eigenen Sprache, eigenen Sitte, eigenen, scharf gesonderten Religion, nur des Landes bedürfen, um . zum Volke zu werden, deähalb ausgesprochenermassen Nationaljuden seien, wahrend die westeuropäischen Juden, durchdrungen von der westeuropäischen Kultur, deswegen Nationaldöutsehe nsw. sind, weil sie die Bürgerrechte ihres Heimatsstaats geniessen. Es ist wohl noch nie mit einer derartigen Bestimmtheit der angeblich oder wirklich bestehende Unterschied zwischen Ost- und Westjuden zum Ausdrucke gebracht worden; es ist aber auch noch nie dieser Unterschied zur Begründung -der Behauptung angeführt worden, dass die Judenheit in eine jüdische, deutsche usw. Nation zerfalle. Es Hesse sich ohne Schwierigkeit feststellen, dass die interne Umgangssprache der jüdischen Massen in Köln und Mainz sich von der der Jnden in Jassy oder Warschau wesentlich nicht unterscheide. Dass uie oberen Zehntausend des Westens dieselbe nicht mehr verstehen, berechtigt noch nicht, von sprachlicher Differenzierung der Gesamtheit zu sprechen. Es wird auch einem Manne wie Dr. Franz Oppenheimer nicht unbekannt sein, dass das Jüdische im Deutschen wurzelt und sich von diesem nicht mehr unterscheide, als beispielsweise das Plattdeutsche vom Neuhochdeutschem Dass der. Gedankengang unseres Autors wenigstens für die reiehsdeutsehen Juden in sprachlicher Beziehung nicht zutrifft, liegt auf der Hand. Und nunmehr der kulturelle Unterschied 1 Angesichts der Rolle, die die russischen Juden in der Revolutionsbewegung spielen, der Ideale, denen sie ihr Leben weihen, möchten wir mit einiger Neugierde fragen, worin denn dieser bestehen soll. Dass die östlichen Juden, die deutsche Wissenschaft nicht kennen? Die Wissenschaft ist international und ist in jedem Volke nur das Gut der Wenigsten. Dass die sittlichen Anschauungen divergieren? Wollten wir diese j-’p.ge bejahen, so würde die. ostjüdische Auffassung von Familie unld Ehe den Vergleich schwerlich zu scheuen haben. Da sich der behauptete Külturunersehied nur auf das Innenleben, auf die Kapazität für die höchsten Güter der Menschheit beziehen kann, keineswegs aber auf äussere technische Fortschritte, deren Aneignung für jedes Kulturvolk nur eine Geldfrage 'ist, so liegt es bei einigem Nachdenken nahe, den Unterschied in kultureller Beziehung als eine Illusion zu erkennen, deren Ursprung von der bekannten, vom Westen gegenüber dem Osten siets zur Schau getragenen Ueberhebnng nicht feine lugen dürfte. Keineswegs genügt der kulturelle Unterschied der jüdischen Massen eines Territoriums gegenüber ihren Wirtsvölkem, um darin Kennzeichen für nationale Absonderung gegenüber den Juden eines anderen Territoriums zu finden. Mit der grössten Verwunderung muss man jedoch bei der Bemerkung innehalten, dass die Religion der Ostjuden eine scharf gesonderte sei. Gesondert, wem gegenüber? Den Wirts- Völkern oder den westeuropäischen Juden gegen-* über? Soll die Bemerkung nicht einen höchs unwahrscheinlicher Gemeinplatz darstellen, so kann sie nur in letzterem Sinne gemeint sein. Es existietr unstreitig keine solche Religion deren Lehren sieh in derartiger Gleichartigkeit und Einheitlichkeit ihren Anhängern mitgetedlt hat, wie es bei der mosaischen der Fall ist. Wenn bei den Deutschen der romanische Katholizismus und germanische Protestantismus eine Vielspältigkeit in nationaler Beziehung nicht hervorrufen konnte, bei der Religion der Judenheit, die durch Jahrtausende des Elends und der Verfolgung die jüdische Nation geschützt und erhalten hat, kann dies am allerwenigsten be- .hauptet werden. Aste der Weide an, warum presst er sich an den Stamm, als wäre es ein lebendes, mitfühlendes Wesen? Ach, so schwer fallt es ihm, das Opfer zu bringen, dass er sich schämen muss, um so mehr, als er weiss, dass der Vater sich nicht solange besonnen hatte, als es galt, ihn der Todesgefahr zu entreissen. Wie oft hatte ihm die Mutter davon erzählt! Jankel war einmal als kleines Kind schwer erkrankt und wie das herbeigerufene, im ,Kohlenlöschen‘ bewanderte Weib verordnete, einzig durch Waldkräuter zu retten, die eine verwandte Person nachts pflücken würde. Der Vater, der dazumal ständig im Städtchen wohnte, zögerte nicht und ging trotz der stürmischen Nacht, die hereingebrochen war, in den Wald, holte die Kräuter und heilte den Kranken. Und ■ er, der Undankbare, zögert und zaudert noch immer! Wo blieb nur seine Liebe, wo seine Kraft? Sollte ihm. die Schwester vergebens ermahnt -haben? ' Sollte der Vater . . .? Ohne, diesen Gedanken, zu Ende zu denken, liess, er den Ast der Weide los.. Und in seinem .kleinen Herzen quoll es auf von Opfermut und seliger Hoffnung. Erhobenen Hauptes, einen seltsamen Glanz in dem narbigen Gesichte, die leuchtenden Augen verträumt, zum Himmel gerichtet — so ging Jankel in'den Tod. — Sein letzter Gedanke galt dem genesenden Vater . . . .. Ein Schritt nur, es verdunkelte sich alles und dje jganze Welt wardein grosser Liebespsalm, der durch die - Finsternis iloss in ein Meer von Tönen und Lichtem. Da durchschnitt die Flut wie ein Schiff mit scharfem Kiel ein Schrei. Ein Ruf, so schrill und bang, gleich wie einer Möve Laut, deren Junges, von eines Matrosen Schuss gestreift, ins Meer zu fallen droht ... Es riss ihn förmlich um. Die Mutter war es. „Was machst du da?“ Er zitterte wie ein Schuldbeladener. Da nahm sie ihn sanft bei der Hand und führte ihn weg, einen dankerfüllten Blick nach oben sendend. „Und der Vater?! kam es aus seinem zerrissenen Herzen.“ „Er schickt ja nach dir.“ „Erlebt?!“ „Freilich, Närrchen. Und will dich bei sich sehen.“ „,Und die Chewra Kadischa?“ „Mit der plaudert er über dies und jenes, was zerstreuen kann.“ „Und woher wusstet ihr, dass ich hier .?“ „Der Grossvater hat’s geahnt.“ „Wird man mich nicht bestrafen?“ „Heute nicht.“ Und Jankel atmete erleichtert auf. Ein Sonnenstrahl durchbrach die Wolkenwand. Und wie ein Strahlenwunder ging dem frühreifen Knaben die Erkenntnis auf, dass der Opferwille oß mehr wert sei. und mehr wirke als das Opfer selbst Frohbereit sah er einem glücklichen, [sonnigen Passah entgegen. Herr Dr. Franz Oppenheimer belehrt uns, dass das Wort Nation etymologisch eine Bluiseinheit bedeute. Wer wird leugnen, dass diese ethnische Blutseinheit bei den Juden durch Jahrtausende das weithin sichtbare Merkmal der Zusammengehörigkeit war? Unser verehrter Gg. führt aber weiter an. dass die Juden die ausgesprochenemiassen Kulturdeutsche usw. sind, infolge des ihnen zuteil gewordenen Genusses der Bürgerrechte ihres Heimatsstaates Nationaldeutsche usw. sind. Wir wollen die Frage unamtersucht lassen, oh sich die Franzosen des Eisass oder die Dänen in Holstein infolge des Genusses der reidhsdeutsehen Bürgerrechte als Nat^on-aldeutfech;; fühlen wollen. Aber die Zeit ist nicht sehr zurück, da man im Deutschen Reiche über ein kleines Wörtchen stritt, welches über die Bürgerrechte der damaligen) Juden mit einschneidender Wirkung entschied. Waren die Jnden im Westen vor den diversen Revolutionen, die ihnen die westeuropäische Kultur erschlossen und die Bürgerrechte brachten, auch Nationaildteutsche usw., trotzdem diese Bürgerrechte in den Oppenhe i me rsehe n Ausführungen mit Hinblick auf die derzeitige Rechtslage der Ostjiuden ein so entscheidendes Kriterium bezüglich der derzeitigen nationalen Qualifizierung der Juden bilden? Sehen wir von den Juden ab und appellieren wir an die wissenschaftliche Ueberzeugung des Gelehrten! Genügen im Leben der Völker die Wandlungen eines halben Jahrhunderts, um von einem so wesentlichen Massenbruchteil dten historisch ihm anhaftenden ethnischen Charakter bis zur Unkenntlichkeit zu verwischen? Mit einem Worte: Ist die Assimilation von Völkern in einigen Jahrzehnten möglich? Und nun soll das jüdische Volk, das bis vor einigen Dezennien in sozialer, rechtlicher und nationaler Beziehung . auf dem ganzen ETdenmmde die homogenste ethnische Masse gebildet hat, derart zerbrechlich sein, dass das Studium moderner Wissenschaft und der „erhebende“ Hauch der Umgebung sie in ein Konglomerat von Völkern und dazu in so beschämend kurzer Zeit gespalten haben soll! Woher denn dann unsere durch Jahrtausende bewährte Zähigkeit? Mag sein, dass einzelne sich assimiliert fühlen, eine Erscheinung, die in auffallender Häufigkeit beispielsweise bei den unter den Polen ansässigen) Deutschen und Armeniern zu beobachten ist; ein ganzer Volkskörper hat sieh noch nie in so kurzer Zeit assimiliert, weder in Westeuropa noch irgend' wo anders. Wenn es wirklich wahr wäre, dass, wie Herr Dr. Oppenheimer mex~.i, nur „irgend welche Gründe des Familiena*olzes, der religiösen Pietät oder des wohlbetzchtigten Trotzes gegen ungerechte Zumutungen“ das Band der Zusammengehörigkeit zwischen Ost- und Westjuden festhalten, so wäre die Ausschi'. ess u n:g und Femhaltung der letzteren von dem Geistesleben und Zukunftsstreben der eisteren als die erste, durch den Selbsterhaltungstrieb und die gefahrdrohende Anuaherungsmögliclvkiit diktierte Massregel zu treffen, um eine Infektion zu verhüten. Aber die hier besprochenen Theorien kranken an der Wurzel. Die oben angeführten Gründe der Nodhzusammengehörigkeit der Westjuden mit den Ostjuden mögen vielleicht hei den obersten Vierhundert in Berlin, Paris, London usw., zutreffen, die jüdischen Massen selbst bilden immer und überall einen Volkskörper, eine Nation, wie sie sich in grauer Vorzeit aus dem Völkerchaos abgesondert hat, in einem Jahrtausende währenden, alle Glieder des jüdischen Volkes mit gleicher Kraft umfassenden Prozesse mit ehernen Klammern znsammengeschweisst wurde; 'das jüdische Volk besteht infolge ier Macht der Tatsachen in ungebrochener Einheitlichkeit, deren. Grundlage durch theoretische Grübeleien nicht erschüttert werden kann. Deswegen hat es sieh der Zionismus zur Aufgabe gemacht, das Nationalbewusstsein ( allenthalben zu erwecken und zu stärken, nicht

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