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Jüdische Zeitung · 1908-04-15 · 16-17 (15.4.1908) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
16-17 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Seite 7 Nr. 16 JÜDISCHE ZEITUNG des ganz gewöhnlichen, prosaischen Lebens — bedacht sein. Wir sollen vor allem daran denken, wie man ein solches Leben schafft, hei dem unser Volk seine Sprache und seine Bauern,'seine Schulen und seine Industrie, seine Revolutionäre und seine Bureaukratie, seine Eisenbahnen und seine Nachtwächter, sein Land und seine Freiheit besitzen wird. So verfuhren alle gesunden Völker, von den englischen Puritanen im Anfang des 17. Jahrhunderts bis auf die Bulgaren der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zuerst schufen sie die Prosa des Lebens, nachher kam die Kunst. Und wenn ich sehe, . dass bei uns lange und langweilige Debatten darüber geführt werden, ob wir hier in der Diaspora neue Kulturwerte schaffen können, oder nicht, bekomme ich unwillkürlich die Ueberj zeugung, dass diese Leute mit allen Un- | geheuerlichkeiten des Diasporalebens, eines i widerwärtigen Zwitterdinges, sich ausgesöhnt haben, sich sozusagen in die Gegenwart als in eine unabänderlicheEwigkeit; ^flinein-, gelebt haben. Und ich erlaube mir den ungeheueren Satz aufzustellen:; das ganze -literarische Schaffen der Juden der Gegen-' wart interessiert mich herzlich wenig. Ich anerkenne wohl den Wert der Perez, Schalom Asch, Scholem Aleichem usw. aber , . .-.es ist keine gesunde Kunst, weil unser Volk krank ist. Unsere Kunst kann entweder klagen, oder sich ’sehnen, oder aber sich mit der Gegenwart aussöhnen. Aber sie kann nicht lachen. Eihe gesunde Kunst muss freudig sein und lachen können. Lachen vor Freude. Ah, ihr wollt gesunde Kunst? So hilft vor allem den Boden bearbeiten, auf dem der jüdische Bauer sein Volkslied schaffen wird, hilft die Schulen bauen, in denen das jüdische Kind unsere historische Sprache neu beleben wird und dann, erst dann, werdet ihr von jüdischer Kunst " sprechen. Ja, dann werdet ihr eine rotbackige, gesunde, aus dem Boden stammende, durch;die Freiheit, befruchtete Kunst''besitzen, eine herrliche Kunst, denn sie wird schön Und gesund sein. Aber jetzt! Es ist nicht mehr als das Geweine eines verwöhnten, schwachen Kindes, das sofort den Mond bekommen will. Und was mich hoch mehr stutzig macht, das ist das ästhetische Stöhnen mancher Zio- ' nisten, die im Zionismus vor allem neue geistige Werte" suchen. Sie lieben die „praktische Arbeit“ nicht, die ihnen prosaisch und philisterhaft erscheint. Abstrakte Schönheit suchen sie und merken nicht, dass es uns und ihnen vor allem an Leben und Willen fehlt, ohne die keine Aesthetik und keine „Kultur* möglich ist. Was? Das Aufbauen neuen sozialen Lebens sei Philistertum.? Vor allem schuf, Gott Himmel und Erde, Wasser und Boden, Pflanzen und Tiere und erst nachher begannen die Engel Loblieder zu singen, die grosse Freude und das grosse Sehnen zu schaffen. Und die wollen singen, bevor die Erde durch der Menschen Arbeit die ersten Furchen erhalten hat? Kraftlos und willensschwach fühlen sie nicht die gewaltige Grösse des sozialen Schaffens, das am Anfang immer kleinlich und prosaisch aussieht, sie wollen nicht begreifen, dass in einem von jüdischen Arbeitern den gestrigen proletarischen Städtern behauten Felde, in einer palästinensischen, Kolonieschule mehr Poesie und Schaffenskraft vorhanden ist, als in Hunderten Jargondramen, und mögen dieselben von Scholem-Aleichem oder von Schalom Asch gezeichnet sein. Denn da ist Temporäres, dort — Ewiges! Nur soll der Leser ja nicht meinen, ich will da die Ansicht verteidigen, dass ein Paar gute Schuhe: mehr wert seien*; alt -die beste Dichtung. Diese Meinung wäre barbarisch und kindisch. Ich will nur folgendes sagen: der Bettler und der Sklave haben noch keine bleibenden Kuiturwerte geschaffen. Der Bettler muss vorher satt und der Sklave frei werden: dann, aber nur dann kann der Mensch schaffen. Wenn ein Teil des Judentums in der grössten Armut, unter dem furchtbarsten Druck lebt, wenn ein anderer Teil alle nationale Würde verloren hat, wenn das ganze Judentum ohne inneren Halt undohne äussere Ruhe leben muss, da kann keine Rede von Dichtung und Kunst sein. Da musste nur eine Losung im jüdischen Lager gelten: bauet neues Leben. Und solange das Bauen dauern wird — wartet. W i r können nicht warten — das ist unser grosses Unglück. Einen Arbeitsplan sich vorzeichnen, dessen Resultate erst nach vielen Jahren zutage treten wird — das haben wir verlernt. Wir, ein Volk von Jahrtausenden, wir haben v verlernt in Jahrhunderten zu leben, - wir haschen nach Augenblicken. Ein Schifflein ohne Steuer und ohne. Rüder, von den wilden Meereswellen bald hin, bald her geschleudert — das ist das gegenwärtige Judentum. Stellen sie sich ein anderes Bild vor: das ganze Judentum, von einem Ziele beseelt, von einem Arbeitspläne geleitet; das Ziel — die Wiedergeburt der jüdischen Nation in Palästina. Der Arbeitsplan: das suggestive Hinübertragen aller geistigen und materiellen Kräfte unseres Volkes nach Palästina. Die Konzentrierung aller Kräfte zwecks Aufbaues neuer sozialen Formen des jüdischen Lebens. Ein Zehnmillionenvolk ist imstande eine solche Aufgabe zu erfüllen, wenn es nationalen Willen und nationale Würde besitzt. Und dann würden wir nicht lange warten müssen, bis unser Volk auch neue Kulturwerte hervorbringt, Werte, die der ganzen Menschheit zugute kämen, weil wir ja dieses Geschäft noch am besten zu betreiben wissen. Wir sind ja daran von alters her gewöhnt. Statt dessen welches Bild der Zerrissenheit: der schämt sich Jude zu sein und greift zum Taufzettel oder zum Marranentum, der will bald Kulturwerte und macht aus dem Jargon ein ewiges Volkskleinod, als ob wir nicht seine Herkunft wüssten, der will auf einmal ein fertiges Land bekommen und wenn es auch auf dem Mond wäre, der will morgen schon den sozialistischen Staat verwirklichen, und alle zusamm n schaffen Theorien. Und da entsteht die leidenssehwere Frage:' besitzt noch das jüdische Volk die Kräfte, die dazu notwendig sind um neues Leben zu schaffen? Hat es noch genug Stolz bewahrt, um die ganze Schmach seiner gegenwärtigen Lage zu fühlen, besitzt es den Mut, seinen eigenen aktiven Willen zu bekunden? Da helfen keine Theorien. Da kann nur das Leben die volle Antwort geben. Deshalb ist mir alles Theoretisieren so verleidet. Denn ich will eine lebensklare Antwort auf meine Frage haben. Diese Frage quält mich nicht, weil ich sie brauche, sondern weil sie unser Volk braucht. Für mich habe ich eine Antwort : besser untergehen im Kampfe für das neue Leben, als im Ausharren und im Anpassen vegetieren. Ich glaube an den Erfolg des Zionismus, weil ich leben will. Aber das Volk? Ihm muss man anschaulichen Unterricht erteilen — im Zionismus. Christliche Hilfe für unsere Kolonisation. Hubert Auhagen, ein deutscher Landwirt, der vom Deutschen Auswärtigen Amt zu Studienzwecken nach Syrien entsendet wurde, kam am Schlüsse seines der Regierung erstatteten Berichtes (was bereits in einem in Nr. 8 dieses Blattes enthaltenen Artikel zitiert wurde) zu folgenden, für uns hochbedeutsamen Konklusionen: „Von der grössten Wichtigkeit fiir die Entwicklung Syriens ist die Kolonisationsfrage. Was nützen alle Verbesserungsvorwar wahrhaftig eine ungeheuere Sünde! Und die hatte der Vater selbst begangen; ... Der Knabe weigerte sich, zu trinken, wieviel ihm der Vater zuredete und betonte, dass Knaben in seinem Alter noch nicht fasten müssen- Das Gesicht in das Kissen gepresst, weinte Jankel die ganze Nacht, denn es war ihm, als drohe seinem Vater, den er über alles liebte, ein entsetzliches Unheil, als Strafe lur die begangene Sünde. Am nächsten Tage fragte er seine Chedergenossen, welche Strafe eine solche Sünde verdiene. Die Knaben entsetzten sich. Einer meinte, es sei-zwar begreiflich, dass jemand, der seit langer Zeit in Wien unter den Gojim lebe, für einen Moment der Heiligkeit des Jpm Kippur vergesse, aber Gott strafe, auch ein Versehen. Ein anderer führte auch die Geschichte von der Aepfelverkäuferin Perl an, die im vorigen Jahre ihren Stand nicht verliess, obwohl die Juden in der Synagoge zum Köl Nidre schon versammelt waren und die drei Tage darauf starb. Daraus schloss er, dass auch in diesem Falle jemand sterben müsse' Wer, das sei einerlei. Wenn nur einer ans Jankeis Famile diese Sünde äbbüsse ,. . . ■ ‘y_ Wie.schrecklich die Sünde sei, beweise-der Umstand, dass die Kerze von selbst erloscht Dieser" Umstand sei auch ein Fingerzeig,; eine Mahnung von Gott. — — — _ Was hatte Jankel damals gelitten! Diu Furcht, der . Vater; konnte. sterben, zerriss .sein armes, törichtes Herz. Er rechtfertigte den Vater in seinem gramerfüllten Innern, so gut er konnte, häüfte Entschuldigungsgründe, betete inbrünstig um das teuere Leben des Vaters und wand sich in tiefster Zerknirschung und Demut vor dem Allerbarmer ... Obschon der Vater nach Jom Kippur vollkommen gesund abgereist war und dann öfters nach Hause schrieb, lebte Jankel in ununterbrochener Unruhe, zu der sich ein innerer Kampf zwischen Angst und Hoffnung, Aberglaube und Vernunft gesellte, so dass der Arme sich aufrieb, kränkelte und wie ein vorzeitig vom Baume herabgewehtes Blatt dahinwelkte. Es hatte in dieser kleine Seele ein Gedanke Wurzel geschlagen, so seltsam und tief, wie die Frömmigkeit und der Aberglaube des Kreises, in dem Jankel aufgewachsen war. Der Gedanke entwickelte sich zum Plane und dieser gedieh zum ernsten Vorsatz. Jankel wollte das teuere Leben seines Vaters mit seinem geringen Leben erkaufen, er brannte darnach, sich zu opfern, wie Vater sich einst für ihn, da er sterbenskrank war, geopfert hatte ... Aber er harrte, kämpfte, zögerte und betete. Der Vater lebte. Und die Zeit lindert alle Wunden und Schmerzen . . . Der Winter war streng und lang.Endlichstautensich die Eisschollen im •Flusse und die Knaben trugen nicht mehr ihre nissigen Laternen ins Cheder. Es erwachte der Lenz und die jungen Herzen pochten den Passahtagen entgegen'. . Da legte sich auf die freudige Erwartung das grimme Regenwetter wie ein Schleier. — — — Von Erinnerungen und Gedanken gequält, lag Jankel im düsteren Alkoven und ballte die zarten Fäuste, bis ihn hart vor Morgengrauen der Schlaf und Traum übermannten. Im Traum erschien ihm die Schwester, in Weiss gehüllt; sie nahm ihn an der Hand, geleitete ihn an einen silbernen Wasserspiegel und flüsterteihmWorte zu, wunderlich verworren und doch so klar; dann fragte sie ihn, ob er den Vater erlösen wolle und wann er sie besuchen werde. Es war ziemlich spät am Morgen, als Jankel erwachte. Sein erster Gedanke galt dem Vater. Hastig kleidete er sich an und lauschte und fing jedes Geräusch auft das aus dem Zimmer kam. Da vernahm er die Stimme des Arztes. Was dieser sprach, wusste Jankel nicht, aber schon der Gedanke, dass man den Arzt abermals zum Vater gerufen, genügte, um den Knaben zittern zu machen. Er empfand etwas wie Scham vor sich selbst und war voll quälender Selbstvorwürfe. So liebte er also den Vater, dass er Monate lang mit dessen Erlösung gezögert hatte, bis ihn die Schwester an seihe Pflicht gemahnen musste! Die Schwester hätte gewiss keinen Augenblick gezaudert Und die Meinung der Chedergenossen ging ja dahin, dass es genüge, wenn nur einer im Hause die Sünde büsste. Was die Gefährten am letzten Jom Kippur gesagt und vorausgesehen hatten, das schien jetzt zu Pessach in Erfüllung zu gehen .... . Wozu hatte ihn denn sonst die Schwester an den Fluss geführt, wenn nicht um ihm den Weg za weisen, den er zn gehen hatte? Und nun wusste er es mit eherner Bestimmtheit: Einer im Hause würde sterben und dieser

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