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Jüdische Zeitung · 1908-04-15 · 16-17 (15.4.1908) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
16-17 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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der grossen Führer Israels der vergangenen Jahrhunderte, es bleibt üns daher nur ein Weg: der anschauliche Unterricht, die greifbaren Lehren des praktischen Erfolges, de!» Zionismus. Die Erfolge in der Diäsporapolitik werden sehr wenig nutzen, denn sie beweisen nichts in .bezug auf den Zionismus. Aber um die ersten praktischen Erfolge zu erzielen, ist eine Voraussetzung notwendig : das Vorhandensein wenigstens einer kleinen Gruppe Juden, die, dank ihrem tiefen Glauben und eisernen Willen, sich die Aufgabe stellen, dier erste Feuerprobe zu bestehen, die ersten praktischen Erfolge zu erzielen und wenn diese Probe auch gefahrvoll wäre. Denn immer und überall wurde neues nur auf diesem Wege geschaffen : durch Selbstaufopferung der ersten Pioniere auf dem Gebiete der Wissenschaft ebensogut wie in den verschiedenen gesellschaftlichen Bewegungen. Und so gelängte ich zur schwerwiegenden Frage: besitzen wir Juden ebensogut diese Gruppe der ersten Pioniere der zionistischen Bewegung, die nicht bloss theoretisieren, sondern welche die praktische Verwirklichung' der ersten zionistischen Bewegung übernehmen wollten? Und ich gestehe offen: bis jetzt konnte ich mir die Antwort auf die gestellte Frage nicht geben. Wohl gibt es schon etwas, aber sehr wenig. Ich begrüsse z. B. mit der grössten Freude die Mitglieder des „Hapoel-Hazoer“, die wirklich als Pioniere nach Palästina gehen, um dort die jüdische Arbeit zu schaffen. Aber es fehlt die Fortsetzung, die ununterbrochene Entwicklungslinie, der immer höher aufsteigende Zug. Es steckt noch viel Zufälliges, Vereinzeltes, Sporadisches in der ganzen Sache. Das ist die erste Frage. , * * * Ich frage mich: hat das jüdische Voik genug Kräfte bewahrt, üm selbst sein eigenes Leben zii schmieden, besitzt es noch diejenige Aristokratie des Willens und des Schaffens, die fähig wäre, dem ganzen Volke praktische 3 Lehren, .des unabhängigen und selbstgeschaffenen Lebens zu geben? Da ist das ganze Wesen des Zionismus. Da ist die .Theorie* des Zionismus und des Judentums. Denn eins ist für mich ohne alle Theorie klar: .das Judentum wird entweder zionistisch sein, oder es wird gär nicht sein.“ Da hät Nordau keine Theorie äüfgestellt, sondern eine Lebensnotwendigkeit ausgesprochen. Ob das Judentum zionistisch sein wird? Dak hängt wohl von manchen objektiven Ursache ab, aber vor allem davon, ob das jüdische Volk eine Aristokratie des Willens und der Tat besitzt. Und gerade in der letzten Zeit haben mich manche Erscheinungen aus dem Leben des russischen Judentums überhaupt, sowie mancher im zionistischen Lager speziell gezwungen dieser Frage mehr und mehr bewusst zu werden. Nach allen Ereignissen der letzten Jahre, nach allen erlittenen Enttäuschungen, nachdem däs Judentum in Russland wirtschaftlich vollständig ruiniert ist, begann man über die literarische Schaffenskraft der russischen Juden zu diskutieren. Die einen meinen, es sind Anzeichen einer neuen Kultursprache vorhanden, sie glauben, die russischen Juden der Diaspora können und werden neue Kulturwerte schaffen. Die anderen dagegen klagen über das allmähliche Verschwinden der national-jüdischen Werte, über das Verschwinden der jüdischen Sprache und des jüdischen Gedankens. Und alle diese Diskussionen scheinen von Menschen, die abseits des jüdischen Lebens stehen, geführt zu werden. Aber jedes gesunde Volk denkt doch vor allem sein sozial-ökonomisches und national-politisches Leben normal zu gestalten, bevor es an das literarische Schaffen denkt Kann dehn ein Volk, das weder eigenen Boden noch eigene Freiheit besitzt, neue Kultiirwerte schaffen? Man wird mir entgegenhalten, die Juden der. Diaspora haben doch mal etwäs geschahen. Jawohl! Soweit sie Revolutionäre der Diaspora waren, soweit sie von dem grossen Ideal der Rückkehr nach Palästina beseelt wären. Däs ist der Grund des Schaffens eines Maiihöiiides und eines Jehuda Halevy, eines Bialik und eines Achäd Haams. Soweit wir leben, schaffen wir auch jetzt. Erst vor kurzem bekam ich eine Komödie von Schölem-Aleichein zu hören, die ich für eine Perle der jüdischen Kunst halte, denn in dieser Komödie wird däs jüdische Leben so stärk und so klar dargestellt, dass sie es zu umfassen scheint. Aber aiich diese Schöpfung von Scholem-Aleiehem endet mit einef Frage, denn das ganze jüdische Leben ist'feine Frager Jä; ünser gänzes Leben ist eine grosse Frage Ohne eine Antwort Deshalb sind bei uns keine dauerhaften schöpferischen Külturwerte möglich. Denn schöpferisch sein, heisst Antworten geben! Jeder gesunde Menschenverstand muss begreifen, dass eine lebendige und dauerhafte jüdische Kunst nur dann möglich sein wird, wenn däs ganze jüdische Leben gesunden wird, wenn wir aufhören werden Auch-Menschen zu sein. Und wir sollten nicht für die Schaffung einer jüdischen Kuiist, sondern des jüdischen Lebens — Glaube an den Erfolg sich abschwächt, dann wachsen die Theorien wie die Pilze empör. Sie wissen ja, wie lange die deutsche Sozialdemokratie .trotz der fälschen Theorien sich entwickelte. Man ging so weit dass man die theoretische Kritik Marxens einfach nicht veröffentlichen wollte, weil man sich eben im Blütezustand befand. Jetzt, seit einigen Jahren erst begann man Theorie auf Theorie anzuhäufen. Und deshalb sagte ich vorhin, die Theorie sei ein Selbstbetrug : wenn das Herz ausgetrucknet ist da wird das Gehirn zum Herrn. Und so begann ich unser Haschen nach Theorien zu hassen. Nicht deshalb bin ich Zionist, weil die Theorie es so erfordert, nicht deshalb weil ich die traurige Lage der Juden nachweisen kann, sondern weil ich Jude bin und in einem mir zusagenden jüdischen sozialen und kulturellen Milieu leben will, weil ich weil ich mich überall fremd fühle, unter den änderen Völkern keine Wurzeln fassen kann, weil ich mich voll und ganz ausleben will. Und nicht deshalb bin ich Zionist, weil mir jemand die Verwirklichung des Zionismus nachgewiesen hat sondern weil ich es anders nicht kann, weil ich ebenso nach einem Judenheim streben muss, wie der Bulgare, Pole, Tscheche, Italiener, Ruthene nach seinem Heim strebt. Entweder ich werde mein Ziel erreichen, oder ich werde mir den Kopf zerbrechen, aber ich will nicht vegetieren, ich will nicht in der Luft hängen. Ich frage gar nicht nach dem Erfolge, denn ich glaube an ihn, weil ich glauben muss. Sie verstehen, ich kann nicht ungläubig sein, denn darin ist der ganze Sinn meines Lebens. Ich brauche keine Theorie. Was kann sie denn mir geben? Den Glauben? Niemals. Denn der Glaube ist etwas Ursprüngliches, Intuitives, Unbewusstes, abhängig von meinem Fühlen, von meinem unbewussten Ich. Ich bin so beschaffen und kann aus meiner Haut nicht herausschlüpfen. Aber — und wenn die ansie, site können mit Thepri^diesän Glauben schaffen. Wie naiv! Nur die schön sichtbaren und fühlbaren Erfolge können die Verwirklichung des Zionismus nachweisen, dass ist dann, wenn alle Nachweise überflüssig werden. Taten sind notwendig und nicht Theorien, denn ein Volk ist wie ein Kind : es kann nur nach zwei Methoden lernen: entweder mechanisch auswendig, sich stützend auf die Autorität des Lehrers, respektive des Lehrbuches, oder aber durch die Anschauungsmethode, indem es die Objekte, die Wirklichkeit direkt beobachtet und äbgückt. Wir haben nicht die Autorität zum Fenster hinaus; der Grossvater ordnete mit i zitternden Händen die Hagadas, während die I Grossmutter — wie zur Selbstberuhigung — erin- [ nerte: „Vor drei Jahren hat sich mein Herschel J auch verspätet; die Bahn geht nur bis Stryj, von dort muss er bis hieher mit Wagen fahren; aber gekommen ist er, weil er ein guter Sohn ist und ein frommer Jud.* — — — Als der Abend hereinbrach, der Regen aber immer heftiger wurde, schlügen die Frauen jammernd die Hände züsammen. Nur der Grössvat$r bewahrte seine Ruhe. Er veranlasste, dass Jänkei aus dem Winkel, in dem er bislang weinend gesessen, hervorkrieche, um sich feiertäglich zu Heiden. Mit zärtlichen Worten suchte er das Kind zu trösten. Dennoch erfüllte die Seele des Knaben eine Angst, unheimlicher und tiefer, als die am letzten Jom Kippur empfundene . . . Mittlerweile errichtete die Grossmutter eine Art Läger. für den Grossvater, als den König des Abends; Mutter deckte ,den Tisch, zündete Lichter an und rieb sich die Tränen äus den Augen; der Grossväter htiiite sich in däs schneeweisse Sterbehemd, denn es war vorgerückte Zeit und Grdssvafer war fromm. Äüch Jänkei war fromm. Er naiht die Hagädä zur Hand, aber seihb Hand räderte. Die Kferzen flackerten umflort und üüruhig die Stimmen Mangen, wife ängstliche Seufzer und als fankd „Ma nischtarie“ anhub, durdtschüttelte .ihn emSchjuchzen, wie ehrShmn,*&.war nicht imstande, den Singsing des wie^ gewöhnlich zufcegleiten,; wie ATOBfe'jiP £cb dazu muhte, aus furCht vor Gott . . . Denn etb Jude, L | der zu Pessach die Hägäda nicht liest, sündigt — I würden die Chedergenossen sagen — zwar nicht I in dem Masse, wie einer, der am Jom Kippur ein | Licht anzündet, aber er sündijgt doch ... Im zweiten Teile des Seders verliess auch den Grossvater die Rühe. Und wie er eben, nachdem inan , die Tür in der Hausflur geöffnet hatte, den mit Wein gefüllten Becher für Eliahü Hanovi hinstellte, erstarb seine Stimme. — Durch den Schlot pfiff der Wad, als wollte er sich Einlass erzwingen, und Regentropfen klopften an die dunklen Scheiben, wie knochige Finger Verirrter ... Da pochte es am Hause — jetzt drückt es auf die Klinke üud in der Tür erschien eine Gestalt — Jankel schrie auf: „Väter.!“ Aber wie sah nur der Vater aus!? Er konnte sich ja kaum auf den Füssen halten, so dass man ihn zu Belte bringen und ihm einige Tröpfen Wein eihflössen müsste. „Der Regen hät mich überrascht“, flüsterte er, „Kein Bäuer wollte mich von der Bahn herfahren; ich müsste die paar Meilen zu Füss gehen, bin ganz durchnässt und iödinüde . . .* Man entkleidete ihn und deckte ihn .wärm zu. Der herbeigeriifehe Arzt gab seinem Erstaunen darüber Ausdruck^ dass ein. Mensch niit schwerer Lungenentzündung in solchem Wetter eiiieii so weiten und beschwerlicher! Weg zu Füss ziittickiegen könnte. Das düstere^ Antlitz deä Arzte!; verursachte Jänkei einÖ namenlose AnjjsL Er höftefe. die Äugen auf daS teiire Antlitz des Vaters, das ihn durch fählfe Blässe aü das GesicHtcheü seinir vpr.zwei jähren verstorbenen Schwester geinahnte. Ufid ih seinem jtnäern Schrie eine Strriime: Vätlr lebt! Väter muss leben! Sollte inan auch seihen teueren Leib in die feüchte, finstere Erde legen? Das überlebe ich nicht, das werden meine Augen nicht schauen. Sollte diese weisse, gute Hand steif und blau werden? Und die süssen Aügen — sollten die für immer sich schliessen? Nein, das darf nicht sein! Das werden meine Augen nicht schaben! Um Mitternacht führte man Jankel in die Erkerstube, damit er sich schlafen lege. Er lag nun einsam lind verlassen im dunklen Stübche.i, ballte krampfbaft die Fäuste vor Schmerz und biss sich die Lippen wund, um nicht laut aufzuschluchzen. Denn nun konnte leicht eintreten, was er seit dein letzten Jom Kippur befürchtet hatte, es konnte eintreten, trotz des Äufschreiens seines blutenden Herzens ... Und die Nacht des letzten Jom Kippur tauchte griineribaft aus den Fluten seiner Erinnerüng auf: Es war. nach Köl Nidre. Alle im Hause hatten sich zur Rühe begeben. Der Väter, der einen Tag zuvor gekommen war, schlief auch schon. Nur Jänkei vermochte nicht einzüschläfen. Warum, (las weiss er jetzt nicht mehr; er ferihriert sich Jfloss. dass er däiüals hustete; iiüd zivär immer äütir. Da* mochte den Vater geweckt Häbfeh; denn ei Stifeg.ätiü dein Bet{§; fündöte ifi Handumdrehen m täte äü ünä näH§H^ sieb, ütfl Jänkei Wasser zii reäehen. tiä SHqücB dife KSrz6: Jadkdl läg starr vöt Sefiifect: Ädi Jbifi Kijjöur Licht machen! Das

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