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Jüdische Zeitung · 1908-04-15 · 16-17 (15.4.1908) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
16-17 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 kurrenz und des Antisemitismus, sondern auch in der fernen Zukunft, mit einem Worte immer für alle Menschen gut sein wird, auf eigenem Boden zu leben? Das anerkennen ja heute sogar die Sozialisten, wie es so glänzend Herr Bruno Bauer auseinandergesetzt hat. Alle die Diskussionen darüber, ob der Lebenskampf unter den Menschen i ewig existieren oder mit der Zeit verschwinden wird, ob der Antisemitismus eine ewige Psychose sei oder nicht, sind für jene Erkenntnis vollständig überflüssig. Auch wenn die Menschheit ihre höchsten Ideale der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit realisiert, wird es doch angenehmer sein, mit eigener Seele auf eigenem Boden zu leben. Oder soll die Theorie beweisen, dass der Jude immer Jude bleibt, dass — wenn auch einzelne sich assimilieren — die grosse Majorität sich doch nicht assimilieren kann, wenn sie es auch wollte? Aber Herr Winarsky selbst gesteht es ja zu, indem er zur Assimilation den Taufschein als unentbehrliches Mittel verlangt, denn sonst behält der Jude den spezifischen Judengeruch. Was will das sagen? Der Jude wird nie zum ganzen Deutschen, Franzosen, Polen, Russen usw. Schaben Sie ein wenig den assimiliertesten Juden und Sie finden in ihm den historischen Juden, der eine Heimat sucht, da er kein Heim besitzt. Bei dem einen ist es klarer, bei dem andern unbewusster, bei dem dritten äussert es sich in einer zur Schau getragenen Gehässigkeit gegen das Judentum, aber immer bleibt das beharrliche, wenn auch das passive Judentum. Ich hatte die Gelegenheit Nachkommen der spanischen Marranen näher kennen zu lernen, die schon längst zum Katholizismus übergegangen sind und die heutzutage zur Madrider Aristokratie und zur Barceloner Bourgeoisie gehören. Nicht bloss ich, der Neugierige, bemerkte an ihnen das Judentum, sondern sie selber fühlten es an sich und in sich, denn es ist etwas an ihnen, dass sich nicht formulieren lässt, das aber wohl zu fühlen ist. Und als ich einen von ihnen den Zionismus erklärte, da sagte er mir ganz einfach: Unsere Vorfahren haben nichts erreichen können und ich glaube nicht, dass Sie etwas erreichen werden. Das ist die Erklärung des Bedürfnisses nach Theorien. Es handelt sich nicht darum, die N o t w e n d i gk e i t, sondern die Verwirklichungsmöglichkeit des Zionismus nachzuweisen. Und das, nur das, treibt die Zionisten, Theorien auch für sich selbst zu schaffen. Beweist man die Verwirklichungsmöglichkeit des Zionismus, so werden alle Juden Zionisten. So begriff ich die Nutzlosigkeit aller Theorien. Denn durch keine Theorie kann man die Verwirklichung eines gesellschaftlichen Ideals beweisen. Die Theorie beweist und wiederlegt alles, was Sie wollen, was Ihnen in den Kram passt. Sie ist die Dienerin dej Wunsches, des Glaubens. Und ich erschrak. Steht es wirklich so mit der Theorie des Zionismus? Ich begann, die Theorie verschiedener anderer Volksklassen- und Parteibewegungen genauer zu studieren. Und ich überzeugte mich, dass es überall so ist und war. Ich kann da leider nicht ausführlich sein, aber einige Beispiele werden genügen. Wozu wurden nicht schon die Hegelschen Theorien benutzt? Stöckkonservative und Erzrevolutionäre bedienten sich mit gleicher Sicherheit der Lehren des grossen Philosophen. Und was versuchte man nicht schon mit. dem Marxismus zu beweisen? Bald sollten Marxens Theorien für den Kosmopolitismus, bald für die nationale Autonomie herhalten; die Opportunisten so gut wie die Syndikalisten berufen sich gleichmässig auf die Theorien des Begründers des wissenschaftlichen Sozialismus. Und wie steht es in der Wirklichkeit? Als ob die Arbeiter deshalb Sozialisten werden, weil Marx ihnen eine Theorie geliefert hat? Es ist ja einfach lächerlich. Die grosse Masse der Arbeiter kennt höchstens das Bild, aber nicht die Theorien Marxens. Und nicht deshalb sind die Arbeiter Sozialisten, weil ihnen jemand die Verwirklichung des Sozialismus nachgewiesen hat — was absolut unmöglich ist, denn in den sozialen Fragen können wir im besten Falle die Vergangenheit erklären, die Gegenwart deuten, aber was die Zukunft anbetrifft, können wir nur wünschen, glauben, hoffen und nichts weiter. Weil sie an die Zukunft glauben deshalb werden die Arbeiter Sozialisten. Und die vielen Völker, die für ihre nationale Befreiung kämpften und noch kämpfen — geschah es auf Grund von Theorien? Wer konnte ihnen aachweisen, dass ihr Kampf vom Erfolg gekrönt sein wird? Hat denn Marx den Tschechen nicht ihr geschichtliches Verschwinden prophezeit? Und trotzdem kämpften sie, weil sie glaubten. Ich weiss wohl, dass später dann viele Theorien entstanden sind, die post factum alles nachweisen wollten und sollten. Aber es war nur Zierat Ich habe noch eine interessante Tatsache feststellen können: wo eine gesellschaftliche Bewegung die grössten Erfolge feiert, da gerade schafft sie am wenigsten Theorien. Und nur wenn sie in ihrem Tempo zu verlangsamen beginnt, wenn der der Ueberzeugung, dass die Menschen sich von ihren Gefühlen und Affekten, nicht aber von Gedanken und Theorien leiten und be-: einflussen lassen. Die Theorie ist immer nur ein angepasstes Zierat, denn der Gedanke ist stets der Sklave der Gefühle und Interessen, obwohl er sehr gerne als Herr in der Welt herumstolziert. Und. trotzdem strebte ich nach einer Theorie, die mir gerade für die Zionisten sehr wichtig erschien. Erstens, weil es sich für eine ganze Bewegung, für eine grosse Volksorganisation nicht ziemt, ohne Theorie zu existieren. Sie muss eine solche haben. So will’s die Sitte. So machen es alle anständigen Leute. Und zweitens glaubte ich, dass eine Theorie dazu notwendig ist die Praxis des Zionismus zu systematisieren, sie planmässiger und zielbewusster zu gestalten. Und meine näheren Gesinnungsgenossen und Freunde waren meiner Meinung. Ich war nicht allein: wir waren der Haufen. Ja, der selige einschläfernde Haufen! Und auf einmal verschwand mein Glaube an Theorien, an Theorien überhaupt. Plötzlich? Nein. Irgendwo, in den Seelentiefen keimte dieser Gedanke, wuchs, reifte bis er plötzlich mein ganzes Wesen ergriff, ausfüllte und für mich zur unumstösslichen Wahrheit wurde. Seitdem widert mich die Theorie an. Denn sie erschien mir als Selbstbetrug, Selbsttrost, Eingeständnis der eigenen Schwäche, ein Feigenblatt auf unsere Schande. Wozu eine Theorie? Um zu beweisen, dass zweimal zwei vier ist, dass die Menschen immer nach Glück streben, dass ein unabhängiges und freies Leben besser sei, als verfolgt, gehetzt, verschmäht, oder im besten Falle als Bürger zweiter Klasse sein Dasein zu fristen? Bedarf es einer Theorie, um zu beweisen, dass die Juden viel glücklicher leben werden, wenn sie ihren eigenen Boden und ihr eigenes Land, ihre eigene Sprache, Verwaltung und Politik, ihre eigenen Tugenden und Fehler besitzen werden? Wer zweifelt daran? Fragen Sie., den heissbljitigsten Assimilaloren und er wird es wohl zugestehen, weil ja das alles selbstverständlich und natürlich ist. Mag es sich um einen Bourgeois oder um einen Proletarier handeln, mag es ein Konservativer oder ein Radikaler, ein Atheist oder ein Orthodoxer, ein West- oder Ostjude sein — alle werden zugeben, dass wenn die Sache möglich wäre, wenn es wirklich in Palästina jüdischen Ackerbau und jüdische Industrie, jüdische Schulen und Akademien gäbe, dies für die Juden sehr gut wäre. Und braucht man zu beweisen, dass nicht nur jetzt, im Zeitalter der kapitalistischen Kon-. fernung erkennen. Und plötzlich durchzuckte es mich wie ein jäher Schmerz; ich fühlte Mitleid mit dem Juden und Zorn gegen die Schwyzer und Beschämung um des Hausierers willen, um meinetwillen, um aller Juden willen. — Ich ging auf ihn zu und fragte ihn: ,Wäs, glaubt Ihr, werdet Ihr heute tagsüber verdienen?“ Er sah mich erstaunt an und sagte zögernd „Nu, 3 bis 4 Francs, so Gott will.“ ,Lieber Freund, da habt Ihr 4 Francs, es ist doch Pessachwoche, wozu sollt Ihr handeln?“ sagte ich schnell. „Es ist doch schöner für einen Juden, er ist zu Hause bei seiner Familie.“ Der Jude hatte sich schnell in den unvermittelten Vorschlag gefunden. Er nickte mehrmals mit dem Kopfe. „Gott soll es Euch lohnen. — Ihr habt ja Recht. Kein Geschäft für einen Juden heute!. ..“ Dann ging ich mit ihm ein gut Stück Weges und liess mir seine Geschichte erzählen. Dieselbe Geschichte, die ich. in ihrer fast monotonen Traurigkeit schon von hundert Leibs, Berls und Jilzchaks gehört hatte. Iwan, der. Strassenlump, kommt immer wieder darin vor in allerhand Bollen. Er kann es auch aufnehmen gegen hunderttausend Berls ...- Daheim 'hat mich -der Jude wahrscheinlich als den grossen, vom Himmel gesandten Wohltäter gepriesen! Aber,r wenn. ich mich ehrlich prüfe, war. es nur zum kleinen Teile Mitleid gewesen, weswegen ich ifin aus. dem Kreise der „anderen“ gerissen hatte . ,::-i; i.-.iB e r th ol 4 Feiwel, (Berlin). Das Opfer. Erzählung von M. Scherlag. Durch den Morgen ging der warme Atem des Frühlings. Darum freute sich das kleine Herz des Knaben, der im Sonnenlicht am Flusse sass, mit den Fassspitzen den Wasserspiegel beinahe berührend. Und es freute sich das kleine Herz Jankeis umso inniger, als es in seliger Erwartung schlug, denn jeden Augenblick konnte der Vater ankommen. Der Arme, der vor drei Jahren in die Welt gezogen war, kämpft in Wien mit der harten Not, einsam und allein. Den grösseren Teil des •Verdienstes schickt er nach Hause, damit Eltern, Frau und Kind nicht darben. Sie vergöttern ihn auch alle und hängen an ihm mit einer aussergewohnlichen Liebe und Verehrung. Zweimal im Jahre, zum Pessach- und zum Versöhnungsfeste, trifft der Teure ein und mit ihm gleichsam ein sanfter Glanz, der die Tage ver goldet. So war es gewöhnlich mit Ausnahme des letzten Jom Kippur — — — Hier verdüsterte sich das blatternarbige Gesicht des Knaben, dessen Blick sich nach innen kehrte. Doch bald verscheuchte Jankel die trüben Gedanken an dem seltsamen Versöhnungstag. Er flüsterte nur, was er vielleicht von seinem Vater einmal gehört hatte: „Ja, in der Fremde kann man nichtso leicht seine Frömmigkeit bewahren, wie .hier im polnischen Städtchen!“ dann blickte er vor sich hin, scharf und aufmerksam. Die Erde war halb feucht vom gestrigen Regen.; von der. nahen Zwergweide fiel ein Tropfen ins frische Gras. Ein Spatz schwirrte zwitschernd über Jankeis Kopf vorbei, dann lagerte sich Grabesstille schwer über die Erde. In der Ferne, wo die Fahrstrasse, gleich einem Brette, sich zwischen zwei Bergwänden herausschob, war kein Wagen zu sehen. Dunkle Wolken rollten langsam am Firmament herauf und sammelten sich in Scharen, wie graue Schafe. Da erhob sich der Knabe und eilte nach Hause, damit man ihn nicht suche, zumal da der Grossvater ihm verboten hatte, am Flusse zu weilen und ihn darob des öfteren einen Sonderling nannte. Der Junge war tatsächlich seit dem Tode seiner kleinen Schwester und vielmehr seit dem letzten Jom Kippur wunderlich geworden. Unter den Weiden am Wasser suchte er die Einsamkeit, grübelte und träumte weltvergessen oder starrte in die Flut und lauschte den Melodien der Wellen, wie wohl ihn der Grossvater vor der Flut warnte, die zwar ein verlockendes Aeussere hätte, aber im Grunde, wie eine finstere Seele, schauerlich und trügerisch wäre_Mutter könnte ihn hier finden. ... Der Grossvater würde ihn heute beim Vater verklagen, und der Vater würde sich kränken. — So reimt denn der Knabe, so rasch er kann, durch die engen Gässchen nach Hause. Und kaum hat er die Schwelle des niedrigen, baufälligen Gebäudes übertreten, als schon die ersteh Regenfäden Himmel und Erde verbanden. Im Hause traf man eifrigst Anstalten zum Empfange des Passahfestes.’ Auf Jankel achtete niemand. Ab und zu schaute die Mattiär!1

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