Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 16-17 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 16 Wer sich für Palästinaarbeit interessiert, wird sich schon aus Zeitschriften, Propaganda- Schriften und Büchern, z. B. das ÄBC-Bucb, ■das Palästinahandbuch von Trietsch etc. hinreichend darüber zu orientieren in der Lage sein. Nicht nur wird er wissen, was existiert, sondern vor allem auch kennen, was noch fehlt! Es fehlt aber leider noch sehr viel in Palästina; speziell die kulturellen Aufgaben sind seitens der zionistischen Organisation bisher kaum gestreift worden. Wir haben zwar eine Kulturkommission im Palästina- Ressort, aber vorläufig ist sie leider recht wenig arbeitsfähig, da es noch an Leuten fehlt, die gewillt und befähigt sind, die Leitung der einzelnen Abteilungen in die Hand zu nehmen. Da ist das hebräische Gymnasium, dessen Existenz und Weiterbildung eine grosse Organisation erfordert. Vorläufig wird es zwar von dem Odessaer Komitee erhalten, aber jedes Jahr werden die Anforderungen grösser und das Vollgymnasium wird später wohl eines Jabreszuschusses von zirka 60.000 Francs bedürfen. Wo sollen wir diese Gelder hernehmen? Es ist ausgeschlossen, sie durch Jahresbeiträge zu beschaffen; es ist vielmehr nötig, hierzu ein grosses Kapital von wenigstens 1 Million ein für allemal zu sammeln, damit die Existenz des Gymnasiums durch die Zinsen des Kapitals wenigstens einigermassen gesichert wird. Die Summe lässt sich natürlich schaffen, genau so wie der Hilfsverein schon jetzt für das Technikum zirka eine Million Francs gesammelt hat, nur dass letzterer wenige reiche Leute, wir viele arme Leute in Kontribution setzen müssen, denn es ist leichter, 20 Francs für das nationale hebräische Gymnasium zu sammeln, als 5 Francs für den Parteifonds; aber es bedarf einer besonderen Organisation, eines hebräischen Schulvereines, um die Sammlungen zu organisieren und zu verwalten. Da ist sodann die Nationalbibliothek, für die es schon viel schwerer sein wird die nötigen Gelder, mindestens 40.000 Francs jährlich, respektive auch einen Fonds von 1 Million Francs zu schaffen.: Da ist das Museum, zu dem die Grundlage in dem neuen Bezalelhaus schon gelegt ist, in Gestalt einer archäologischen, einer Kunst- und kunstgewerblichen sowie einer naturhistorischen Abteilung. Auch das Museum wird durch neue grosse Mittel so weit zu fördern sein, um wenigstens einem kleinen mitteleuropäischen Provinzialmuseum gleichzukommen. Hierfür wird es wohl noch am leichtesten sein, auch von Nichtzionisten Beisteuern in Form von Geld und Museumsgegenständen zu erhalten, aber es bedarf doch auch hiefür eines Mittelpunktes, einer Organisationszentrale. Das sind nur drei der driugensten kulturellen Aufgaben in Palästina. Von der Versuchsstation, deren Grundlage hoffentlich schon bald gelegt werden wird, von dem hygienischen Institut oder gar von der Universität, die ja noch in weiter Ferne liegt, will ich gar nicht sprechen; ebensowenig, von den gewiss auch nötigen der Kunst dienenden Instituten, wie Konservatorium, Theatern etc. Können wir auch dies alles anderen Organisationen, den Hilfsverein, der zu erfordernden Allianze etc. überlassen? Glauben wir ernstlich dass diese Vereine schon bald an die Verwirklichung dieser Projekte herantreten werden? Nein, unsere Aufgabe ist es, hier den Samen zu streuen, kleine, aber aus sachverständigen und arbeitsfrohen Leuten bestehenden Komitees zu bilden, um die Zentren für diese Organisation zu bilden. Mit der Zeit werden diese Keime schon zu stattlichen Pflanzen erwachsen. In Deutschland haben wir viele Beispiele, wie schnell sich neue Vereine eine geachtete Stellung erwerben und, wenn auch ohne Mittel beginnend, doch grosse Dinge leisteq, indem sie kapitalkräftige Leute dafür zu interessieren verstehen. Dies sehen wir bei dem Hillsvereine der deutschen Juden, der jetzt schon ein Technikum in Palästina gründet, bei der deutschen Orientgesellschaft, welche schon gewaltige Ausgrabungen in Aegypten, Mesopotamien und Palästina unternommen hat, bei der Deutsch-asiatischen Gesellschaft, welche die Medizinschule in Shanghai veranlasst hat; sollte nicht auch eine zu gründende jüdische Palästina-Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft berufen sein, mit der Zeit Grosses zu leisten? Haben wir nicht unter uns Zionisten schon eine Reihe Archäologen, Orientalisten, Historiker, Naturforscher, Mediziner, sowie Künstler aller Art, und gibt es nicht sonst jüdische Gelehrte und Künstler genug, die doch wenigstens eine schwache Stelle haben, bei der sich ein Interesse für Palästina findet? Haben wir nicht auch schon in Palästina ernste Leute und Vertrauensmänner genug, welche gern ein dortiges Lokalkomitee bilden würden? Sollte es denn nicht auch vielleicht möglich sein, dermal einst einen Mäcen zu finden, der diesen Fragen mehr als platonisches Interesse entgegenbringt? Und wenn auch zuerst im Kleinen gearbeitet werden muss, vielleicht nur an dem Ausbau des Museums, mit der Zeit werden sich aber die Räume füllen und weitere freiwillige Mitarbeiter werden erstehen und wenn jetzt reinliches Festgewand gekleidete Menschen geben still und eilig nach den Gebethäusem, scheu auf dem Weg um sich blickend, ob nicht das blutige Ungeheuer in irgend einer Ecke lauert . . . Da, da, o Entsetzen! glotzt es. Nein, es ist nur ein betrunkener Strassenlump. Gott sei Dank! Aber man muss mit einem freundlichen Lächeln an ihm vorübergehen, sonst wird er wirklich zum Ungeheuer und zieht an den Glockensträngen und trägt den Priestern das Zarenbild voran: „Erschlaget die Juden!“ Aber wenn man ihn freundlich anlächelt, vielleicht bleibt er ruhig im Winkel liegen und schläft seinen Bausch aus. . . und sie können ihr Pessachfest feiern, ohne dass Iwan im roten Blute watet . . . Pessachfest, Freiheitsfest! Blutnebel wallen um die Bethäuser, und die ausgewählten Kinder Gottes und Sklaven Iwans murmeln: „Uebers Jahr...!“ und schauen dabei verstohlen nach der Türe des Betbauses, wer der neue Ankömmling ist . . . Und die Fenster sind verhangen, dass die Sonne, die Verbündete Iwans, kaum hinein kann. Frühlingsfest, Freiheitsfest! Oben läuten die Glocken, die Fahnen wehen und die Sonne leuchtet Ein helles Klingen trägt der Wind her. Oben beginnt der Festtag. Nie fühlen wir Versprengte uns so einsam, wie an solchen Tagen. Alles Sonnige ist nur ein Hinteigrund für die dunkle Wehmut unserer Seelen — und 4der sonnige Hintergrund, der die Augen entzückt mit süssem Glast, gehört nicht uns, nicht zu uns, er ist Besitz und Erbe der anderem Und die fröhlichste Geselligkeit dieser anderen redet eine andere Sprache als wir reden. Das Wort wird nicht zur Brücke, es wird zur Scheidewand. Und die Symbole des Verbundenseins der anderen rufen Dir hundertfach zu: Doch Du bist einsam! Am Vormittag schon hat die Festesfreude ihren Höhepunkt erreicht. Die Schweizer feiern die Freiheit mit der Behaglichkeit der ruhigen Bürger, die sich des schönen Ostertages unter blauem Himmel freuen. Eine Selbsverständlichkeit, die Freiheit — sie Wissens gar nicht anders. Vielleicht deshalb — damit sie ihnen nicht durch die Gewohnheit zur Wertlosigkeit werde, erinnern sie die Patrioten so oft daran, dass es einmal anders war. Heute ist wieder solch ein grosser Gedenktag an eine Befreiung von schwerer Not, die den Bergen von Vaud drohte, vor hundert oder zweihundert oder dreihundert Jahren. Ein mächtiger Chor schallt in die reine Luft: Petit pays, grand dans l’histoire, Nous t’aimerons jusqu’ ä la mort! Nous formerons un peuple fort Pour ta döfense et pour ta gloire ... Et des bords du lac argentö Jusqu’ aux sommets de l’alpe grise Montera, par tous repete, Ce cri du coeur, notre devise: „Patrie et Libertö!... ‘ Freut Euch der „Heimat und Freiheit“ und liebet es, Euer „kleines Land, gross in der Geschichte . . .!“ Nichts köstlicheres gibt es als solche Freude und liebe! Keiner weiss es wie wir, die wir alles verloren haben ... Und ein zweiter Gesang ertönt: schon unsere braven Kolonisten das in der Erde beim Pflügen und Graben Gefundene zum Bezalel tragen und es ihm schenken, so werden sie dann — dessen bin ich sicher — freiwillige Arbeiter für die Ausgrabungen stellen, so dass die Gesellschaft ohne allzu grosse Mittel der Erde ihre schönsten Schätze wird entlocken können. Und wenn auch die zionistische Organisation bald von der Leitung des Museumvereines zurücktreten wird, nachdem sie dem Museum vermittels des Nationalfonds ein schönes Gebäude zur Verfügung gestellt haben wird, dem Zionismus wird es jedenfalls zur dauernden Ehre gereichen, der Urheber der Idee und' der Schöpfer der die Idee verwirklichenden Organisation gewesen zu sein. Meine Fragen. Von Dr. D. Pasmanik, Genf. Ich möchte dem Leser die mich quälenden Fragen mitteilen. Das ist keine angenehme Sache, sondern eine Art Beichte und nur der liebe Herrgott weiss, wie ungern wir Menschen beichten. Denn ich will dem Leser die Gedanken mitteilen, die weder für Gegner, noch lür Genossen gedacht wurden, sondern die an und für sich da sind, die da quälen und bohren, ohne dass man ihren Anfang und ihre Ursache ihr Ende und Ziel sehen kann, die wie ein innerer Schmerz wie der Geruch mancher Blumen, wie der Sonnenstrahl verfolgen. Gedanken des eigenen Gewissens. Und ich teile sie mit einfach deshalb, weil es wirklich schwer ist, sie herumzutragen. Es wird schwül zu Mute und da muss man aufschreien, einfach weil man nicht anders kann. Vielleicht auch deshalb, weil irgendwo, in den verborgensten Falten der gequälten Seele die verschämte Hoffnung schimmert, den Widerhall zu vernehmen. Ja, die Menschen beichten eben nur, weil sie auf einen Widerhall hoffen . .. dort oben, im Himmel. Ich bin bescheidener: ich möchte' hier, auf Erden, in deii 'Herzen meiner Brüder, von meinen Mitleidern und Mitfragern einen Widerhall vernehmen. Und vielleicht — wer weiss? — bekomme ich aufmeine Fragen eine Antwort? Ja, ja, der Mensch ist wirklich unbescheiden! Er beichtet nicht umsonst. .. * * * Es gab eine Zeit, wo ich nur ein Interesse hatte: eine zionistische Theorie zu schaffen, genauer gesagt, mitschaffen zu helfen. Nicht deshalb weil ich glaubte, durch eine wissenschaftliche Theorie Zionisten zu werben. So naiv war ich nie. Ich war immer O Sion, seche enfin tes larmes . . . „Je ne veux pas, que mon peuple perisse . . .“ Tu verras renaitre ta gloire ... O Judee! La vallee sera comblee . . . La tempete sur ta tete sera muette ... Les palmiers etendront leurs rameaux sur ton front ... „Trockne Deine Tränen, Zion; aufleben wirst Du sehen Deinen Kuhm! . . . Und vom neuen blühen wird Dein Tal!“ Wem singt man das? Die Leute hören andächtig zu, eine prächtige Arie ist’s ihnen, eine religiöse Kantate! Und keiner ahnt auch nur, dass es ein Lied ist für ein ganzes Volk, ein Pessachlied, gesungen den Unfreien in den Niederungen von den Freien der Berge . . . Die Melodie, auf die mein Herz gestimmt war . . . Unwillkürlich suchte ich in der Menge, ob nicht noch einer da sei, den das Lied in der Seele getroffen hätte . . . Aber ich konnte keinen Juden in der Menge entdecken. Nur ganz hinten in einem Winkel sah ich einen: einen Hausierer mit hellrotem Bart. Er drückte sich mit seinem Kasten herum und versuchte an dem Abfalle von der Festesfreude zu profitieren. Pessachtage, teuere Tage — vielleicht lässt sich was verdienen! . . . Und die Glocken läuten wieder. Und wieder hörte ich: Mortuos voco! ... Unwillkürlich folgten meine Augen dem Juden mit dem Hausierkasten. Eben bot er zwei Schwyzern eine Pfeife an. Die Leute hielten ihn in gutmütiger Weise zum besten — ich konnte es aus der Ent-