Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 16-17 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nr. 1(3 geistigen Kampfes die der Arbeit des Gegners zugrunde legende Idee zu verkleinern. Aus dem gleichen Grunde, um eben die neue Arbeit möglichst als grundsätzlich verschieden herauszuheben, ist auch in der ersten Zeit die praktische soziale Palästinaarbeitför ganz geringwertig angesehen worden und es dauerte bekanntlich eine Reihe von Jahren bis sich die Paiästin aarbeit neben der politischen Arbeit ihre Gleichberechtigung innerhalb der zionistischen Organisation erkämpft hatte, ein Prozess der Entwicklung, der erst. auf dem letzten Kongress seinen befriedigenden Abschluss gefunden hat. Genau so wird es naturgemäss mit dem Wohltätigkeitszionismus gehen. Die zionistische Organisation steht ihm schon jetzt nicht mehr feindlich gegenüber, und es wird gewiss nicht mehr lange dauern, bis auch dieses Arbeitsgebiet als vollberechtigt rezipiert wird. Schon jetzt findet die Verwendung der Gelder des russischen Hilfsfonds zur Erziehung von Waisenkindern in Palästina die Billigung der überwiegenden Majorität der organisierten Zionisten und wenn, ohne Opposition zu erregen, sich während des letzten Kongresses ein Frauenverband für Kulturarbeit in Palästina konstituiert hat, so ist auch dies ein offenkundiger Beweis dafür, dass die Ideen der bewussten Zionisten nach dieser Richtung hin sich einer beträchtlichen Umwandlung unterzogen haben. Selbst die Chaluka, die dort früher ebenso wie die sogenannte Kleinkolonisation von den rechtgläubigen Zionisten als ein Ausbund der Verwerflichkeit angesehen wurde, ist im Begriffe, wenn nicht tür wichtig, so doch für nicht unnützlich gehalten zu werden. Bei all diesen Annäherungsprozessen sind selbstverständlich beide Parteien beteiligt; hat sich bei den organisierten Zionisten das Urteil gemildert und hat das Verständnis Fortschritte gemacht, so sind auch die Ghowewe - Zionisten, sowohl die Vertreter; der reinen Wohltätigkeitsbestrebungen, als auch die der reinen Kolonisationsarbeiten, durch die Kritik der zionistischen Organisation dazu gelangt, ihre Arbeitsmethoden zu revidieren und an Stelle der reinen individuellen Hilfe die soziale Hilfe, an Stelle der Wohltätigkeit die Gemeinnützigkeit zu setzen. Selbst die Ica, die autokratischst geleitete und daher natürlich konservativste Organisation, ist jetzt bei einer ziemlich einwandsfreien arbeitenden Kolonisationsmethode angelangt und für die Palästinavereine kann man - das gleiche von dem Odessaer Komitees sagen; der deutsche Esraverein ist wenigstens auf dem Wege, gemeinnützig anstatt individuell hilfreich zu arbeiten, und was den österreichischen Kolonisationsverein betrifft, so ist zu hoffen, dass er von Anfang an den richtigen Weg betreten wird und nicht erst in die Fehler verfallen wird, welche andere Vereine jetzt überwunden haben, obgleich es freilich sehr selten geschieht, dass jemand von Üen Fehlern der anderen zu lernen imstande ist. Wenn wir die Tätigkeit der Alliance in Palästina teilweise nur mit gemischten Gefühlen, betrachten können, so liegt das weniger an) ihren inneren Prinzipien, als an der Unfähigkeit ihrer in alten und nicht mehr passenden Traditionen versteinerten Zentrale in Paris. Es kann einem Zweifel nicht unterlegen, dass der bessere Teil ihrer Beamten in Palästina unsern neuern Ideen innerlich huldigt, lind nur aus Furcht vor der Pariser Zentrale nicht offen mit Reformbestrebungen hervorzutreten wagt. Freilich kommt hinzu, dass viele der Lehrer der Alliance beim besten Willen kaum noch imstande sind, sich von ihrer francozentrischen Weltanschauung frei zu machen, und das vornehmlich aus dem Grunde, weil sie die hebräische und arabische Sprache nicht genügend beherrschen. Früher oder später wird' sich aber doch die Alliance, will sie nicht jeden Einfluss im Orient dem jugendfrischen Hilfsverein der deutschen Juden gegenüber einbüssen, genötigt sehen ein Lehrerseminar im Orient zu schaffen, wozu sich vermutlich Konstantinopel — eventuell auch Saloniki oder Smyrna — am besten eignen würden, da der Schwerpunkt ihrer Schulen im türkisch nicht im arabisch sprechenden Teile des Orients liegt. Der Hilfsverein hat glücklicherweise von vornherein den richtigen Weg betreten, und sein beispielloser Aufschwung hat im wesentlichen hierin seine Ursache. Manche Zionisten betrachten diese Erfolge des Hilfsvereines nicht ohne Neid, aber unseres Erachtens mit Unrecht; denn es kann nicht die Aufgabe unserer zionistischen Organisation sein, alle modernen Entwicklungsbestrebungen in Palästina zu monopolisieren. Unsere Aufgabe ist es vielmehr, alle Keime, die wir finden, so lange zu hegen, bis sie sich allein entwickeln können, sowie überall, wo noch keine Keime vorhanden sind, Samenkörner zu streuen, in der Hoffnung, dass siegesunde Keime erzeugen mögen. Finden wir aber Säeleute, die ohne unsere Mitwirkung ihren Acker bestellen wollen und können, so sollen wir uns dessen freuen und haben ja auch dann noch immer die Genugtuung, dass wir es gewesen sind, die den Boden vorbereitet haben, auf dem ihre Saat gedeiht; nur auf eines müssen wir achten, dass die aufkeimende Saat aucn derart behandelt wird, dass sie gesunde Frucht trägt. Diesbezüglich haben wir aller Voraussicht nach bei den Aeckern des Hilfsvereines keine Befürchtungen zu hegen, und können vielmehr hoffen, dass sich schöne und reich tragende Fruchtbäume auf denselben entwickeln werden. Wir dürfen überhaupt nicht vergessen, dass wir in Anbetracht unserer geringen Kräfte Mass zu. halten gezwungen sind. Wenn unsere Organisation in den Ländern der Diaspora aufklärend und werbend wirkt, wenn sie für Palästina politisch arbeitet, und wenn sie mit Hilfe des Nationalfonds national, mit Hilfe der Bank wirtschaftlich und mit der Palestine Land Development Co. grosszügig kolonisatorisch wirkt, so hat sie schon eine so grosse Arbeitstätigkeit, dass sie neue Gebiete nur noch schwer aus eigenen Kräften zu übernehmen vermag. Daher, meine ich, soll sich unsere Organisation im übrigen darauf beschränken, eine anregende Tätigkeit zu entfalten und vor allem muss es ihr Bestreben sein, Gruppen von Personen zu veranlassen, selbstständig die übrigen Aufgabe zu übernehmen. Das schliesst natürlich nicht aus, dass sich die Organisation auch in gewissem Sinne, nach Massgabe ihrer Kräfte, an diesen Aufgaben beteiligt, namentlich in der schweren ersten Zeit. Genau so wie es beim Bezalel und bei dem Palästina - Industriesyndikate geschehen ist, so wird sie auch bei anderen noch zu gründenden Unternehmungen handeln müssen. Sie hilft, indem sie ihre Organisation für die Werbung zur Verfügung stellt, eventuell auch durch kleine Zuschüsse, sowie durch die Mithilfe ihrer Institutionen wie die Bank und den Nationalfonds, im übrigen aber lässt sie die neuen Unternehmungen sich selbständig entwickeln und erproben. Wohl hört man hie und da seitens mancher Zionisten den Einwand, wir haben schon so viele Unternehmungen, dass wir nicht aus, noch ein wissen. Die so sprechen, sind, bei Licht besehen, immer solche Zionisten, die überhaupt kein Interesse tür Palästinaarbeit haben, sondern die entweder nur politisch oder nur diaspora-agitatorisch zu arbeiten lieben; diese gebt es aber ebensowenig an, was noch in Palästina fehlt und zu schaffen ist, wie es einen österreichischen Sportsmann oder Militär interessiert, wie viele Wohltätigkeitsanstalten in Wien sind oder welche noch gegründet werden ' sollen. Nichts für jenes Hohe Lied, das das geheime Gemeingut unserer Ahnen war. Das lässt sich weder lehren noch lernen. Nicht durch Predigt und Exhorte. Das nimmt man in sich mit der Muttermilch auf, mit dem Wiegenliede, in der Zeit der empfänglichsten Jugend. Denn die Jugend ist die einzige Epoche unseres Lebens, die nicht schwindet, die sich im späten Alter in den Träumen wiederholt. Sie ist die - Insel der Glückseligen in unseres Daseins Gehinom. Hier aber gibt es keine Jugend, die im Volke wurzelt, daher das leere nationale Leben der Alten. . .. Jetzt geht die Sonne unter. Eine grosse, rote Sonne, die weit und breit um sich den Himmel in Flammen taucht. Das Haus ist ruhig. Von ungeahnten Fernen kommt ein leiser Ton. Er umschmeichelt die Sinne, schwingt um die Seele und verstummt. Ein seltsamer Ton. Lieber Freund, wie traurig ist die Einsamkeit. Wo bist Du jetzt? 0, sicherlich stehst Du unter dem alten Birnbaum am Klosterhügel und siehst Dir die jungen Mädchen an, die verschämten, weissgeschürzte. und frischgewaschenen, wie sie nach vollendeter Tagesarbeit lustwandeln. Und um Dich ist ein Feiertag. Feierliche Menschen, feierliche Stimmung. Und an Dir gehen vorbei die alten Männer, in schwarze Seide gekleidet — in Schul und Beth Hamidrasch. Du Gottloser aber wirst den Feiertag im Freien empfangen, unter Gottes unbedecktem Himmel, um dann ins Vaterhaus zurückzukebren, wo der Seder gedichtet wird. Ter quaterque beatus! Die Sonne ist nicht mehr zu sehen, die roten Flammen erblassen. Es dämmert. Der Tag geht zur Neige, mit ihm ein Stück unseres Lebens. Schön und friedlich ist der Abend. Auf leisen Flügeln schwebt es heran, wie ein Fürst aus Zauberland. Und eine feine, zarte, klagende Weise tönt aus den Fernen. Lass’ mich nur selig lauschen... Ich weiss es: Weit von mir entfernt hebt jetzt mein Vater die schwere Sederschüssel und spricht: K’hu lach mu anju di acbulu awhusunu beavu dimizrajim. Dr. David Rothblum. . Tagebuchblatt. Frühmorgens hinunter nach Ouchy. Taufrischer Frühling, die Luft von jener goldig-kühlen Reinheit, dass man unwillkürlich in vollen, freien Zügen atmet, eine köstliche Muskelübung gleichsam, die den ganzen Körper rhythmisch mitschwingen lässt . . Die Stadt liegt noch halb im Schlummer. Die. Leute von Lausanne werden sich freuen, wenn sie den Schlaf aus den Augen gerieben haben werden. Eine richtige Festsonne für den Festtag. — Die Wimpeln und Fahnen haben’s schwer, mit dem goldenen Glänzen zu wetteifern, das über die Dächer fliegt und da und dort ein Stück Kuppel oder ein Erkerfenster in Feuer taucht . . . Wie wundervoll diese Schweizer Städte sind! Auf dem Bergabhang baut sich die bürgerliche Betriebsamkeit ein in enge Gassen, jede Gasse höher und tiefer vom Kerne bedeutet ein Jahrzehnt in der Kultur weiter, immer breiter und schöner werden sie, ausgerüstet mit den letzten Wundern der Technik — und das kühnste Wunder, irgend eine fast senkrecht aufsteigende Zahnradbahn, dient doch nur dazu, schneller zur Natur zn führen, zum See oder zur Alpe . . . So wenn’s schon wäre in unserem Lande! Wie oll haben die Vierzehn taggäste der Schweiz, unsere Kongressdelegierten, dieses letzte Wort bewundernden Entzückens ausgerufen, halb als sehnsüchtigen Wunsch, halb als Stossseufzer! . . . Ein blaues Schimmern. Ein paar Schritte unter der breiten Platane — da liegt der See, blau, klar, heiter. Immer vom neuen entzückendes Schauspiel, plötzlich hinter Berg oder Bäumen den See in seiner wundervoll stillen Spiegelung zu erblicken : Hier ist die Ruh!. . . Ich rudere hinaus . . . Glocken klingen von der Stadt herüber .. . Ich liebe die Glocken nicht, wenngleich ihre Melodie oft einen Zauber hat, dem sich das Ohr nicht entziehen kann. Aber mein erstes Gefühl ist immer: Sie drohen, sie rufen zum heiligen Krieg . . . Kreuzfahrer und Inquisition . . . und ich-sehe lange Schattenzüge der Märtyrer: Mortuos voco! . . . Heute sind es die Osterglocken. Und sie läuten zugleich ein Freiheitsfest des Kantons Vaud ein... Und unsere Pessachwoche ist es auch. Unser Freiheitsfest! Wie mögen sie es feiern, drüben im Osten? „Sieh, o Herr, gnädig hinab auf Deine Knechte!... Dass es uns nicht gehe wie unseren unglücklichen Brüdern von Kischenew!* Und in