Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-04-15 · 16-17 (15.4.1908) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
16-17 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438183--0486-2440005
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 16 haben wir den alten Kampf um unsere nationale Integrität wieder aufgenommen undwerdenihnauchun verdrossen siegreich bis zu Ende führen. Denn auch heute, wie einst in Aegypten, ist unser Kriegsschauplatz nur der Geist des gediückten jüdischen Volkes. Auch heute wollen wir nicht in den Ländern der Diaspora unser Heil suchen, sondern richten unsere sehnsuchtstrunkenen Blicke nach Osten, nach dem Orte, wo unsere Sonne aufgeht, dorthin, wo die Wiege unseres Volkes gestanden, nach dem Lande, das wir unsere Heimat nennen, das jüdisch ist und ewig jüdisch bleiben wird, in dem allein wir nach unserer Eigenart frei leben können. Schon sind dort die Anfänge eines jüdischen Gemeinwesens sichtbar und der Wiederaufbau unseres nationalen Lebens hat begonnen. Im jüdischen Land erklingt allüberall die jüdische Sprache: Hebräisch. Jüdische Bauern bebauen die geliebte Erde und jüdische Tatkraft befruchtet das Land. Ein belebender Hauch geht vom Erez Israel wieder aus auf alle Juden der Diaspora. Juda ist erwacht aus tausendährigem Schlaf. Es träumt nicht mehr, es handelt. Unseren Urvätern wollen wir es gleich tun. Das Andenken ihrer Taten ist durch vier Jahrtausende in uns wach geblieben, damit wir in geeigneter Zeit an sie erinnert werden. Die Zeit ist gekommen! Der Wille zur Befreiung ist erwacht! Und die uralten Bücher, die uns von der grossen ersten Befreiung erzählen, zeigen uns den Weg: I m Anfang war die Tat! Triumphgesang am Schilfmeer. (2 Buch Moses, K. .15.) Damals sangen die Kinder Israels dies Lied dem Herrn und sprachen: „Gross ist Gott und hocherhaben, Ross und Reiter stürzt er ins Meer; Mein Sang und Saitenspiel ist er, Der in den Wogen sie begraben. Er ist mein Arm, er ist.mein Schwert,* Er brach der Knechtschaft Joch entzwei, Er ist ein Krieger wohlbewehrt, Ein starker Gott ist Adonai. Die Wagen Pharos rasseln an, Mit Eisentritten stampft das Heer, Die Wogen schluckten Ross und Mann Und Mann und Ross verschlang das Meer. (Die See hat sie hinabgespült, Sie sanken bleischwer auf den Grund, Er hat die Wasser aufgewühlt, Er spaltete des Meeres Schlund.) Er hat die Rechte ausgestreckt, Die Rechte droht vom Himmel schwer, Den Sturm der Wüste aufgeweckt Und aufgepeitscht das träge Meer. Die rechte Hand, die Wunder tut, Die schlug den Feind, der uns bedrängt, So wie des Sommers Mittagsglut Die dürre Frucht des Feldes sengt. (Es blies der Sturm im dumpfen Groll, Hoch türmten sich die Wogen auf, Dass himmelan die Brandung schwoll Und zischend wallt die Flut hinauf.) Wohl dacht’ der Feind in unserem Blut Zu rächen seiner Kinder Tod, Schon hat die Hand am Schwert geruht, Die mit der Peitsche uns bedroht. Da bliesest du mit lautem Hall Und bliesest wie der Wind in Spreu Hoch schäumte auf der Wogen Schwall Und alle sanken tief wie Blei. Wer ist dem Herrn an Allmacht gleich — Ein nimmerleerer Gnadenborn — Wer ist wie er so gnadenreich Und doch so fürchterlich im Zorn. Wenn er die rechte Hand erhebt, So tobt das Meer in Ungewittern. Moab wird feig und Edom bebt Und der Philister Völker zittern. Jedoch das Volk vom alten Bund Hat er geführt durch seine Gnade, Das Meer gespalten in den Grund Und ausgetrocknet seine Pfade. Die Völker schlag mit starker Hand Lass’ sie erstarren wie den Stein, Uns führe ins verheiss’ne Land, In deines Tempels Tore ein. Pflanz’ uns an deinem Weinberg an Und mach’ uns reich an Most und Korn. Ein Wunder hast du uns getan Und Pharao erschlug dein Zorn. Mit Mann und Ross und Kriegsgerät Hat sie die jFlut' hinabgeschwemmt, Kein Segel hat der . Wind gebläht, Als du die Wasser aufgedämmt. Ans Ufer schäumt der Wogen Guss Und starrt zur Mauer festgebannt,. Doch Juda zog mit trock’nem Fuss Der Sonne zu ins freie Land! Hugo Zuckermann. Zionistische Rekognoszierungsfahrt längs der Grenze. Von Prot Dr. Otto War bürg. Berlin. Wenn man mit Nichtzionisten über den Zionismus spricht, begegnet man sehr häufig dem Vorwurf, dass der Zionismus^ nichts Praktisches ausführe, wohl viele Worte' mache, aber bei der Durchführung gewöhn-- lieh sehr schnell versage. Es handelt sich hierbei im allgemeinen um eine begriffliche Verwechslung, um eine Identifizierung des Zionismus, das heisst der Idee, die natürr lieh überhaupt nicht in der Lage sein kann, irgendwelche praktische Arbeiten in Angriff zu nehmen, mit der zionistischen Organisation, die natürlich auch praktische Arbeit zu leisten imstande sein sollte. Durch den Zionismus selbst ist dieser sehr wesentliche Unterschied oft nicht ganz klar; manch einem, der aus irgend einem Grunde die Organisation verlassen hat, wird einfach nachgesagt, er habe aufgehört, Zionist zu sein. Namentlich den Territorialisten tut man hiermit gewöhnlich unrecht, und das ist umso bedauerlicher, als man ihnen hierdurch den von manchen von ihnen sicherlich gewünschten und erstrebten Wiederanschluss an die Organisation unnötig erschwert oder gar unmöglich macht. Auch wird den weniger überzeugten. Zionisten unter ihnen sogar schliesslich die Meinung suggeriert, sie seien in der Tat keine Zionisten mehr, so dass sie der Bewegung/lann überhaupt den Rücken kehren. Gerade die bewussten Zionisten sollten nicht in solche Fehler verfallen und sichimmer den Unterschied zwischen der Bewegung als solcher und der Organisation vor Augen halten. Der Zionismus an sich ist eine Idee, die Organisation dasjenige Mittel zu ihrer Verwirklichung, das der Majorität der Zionisten als das geeignetste erscheint. Die Ghowewe-Zion können also, wenn sie nicht die auf Palästina beschränkte Wohltätigkeit als Endziel betrachten, sehr , wohl Zionisten sein, 'auch ohne der zionistischen Organisation anzugehören; ja man darf wohl die systematische Arbeit der Chowewe-Zioii als einen integrierenden Teil der zionistischen Tätigkeit ansehen. Wenn die zionistische Organisation sich selbst mit Wohltätigkeitsfragen [vorläufig nicht oder kaum beschäftigt, so ist dies nur geschichtlich zu erklären. Da der Chowewe- Zionismus schon vor der zionistischen Organisation bestand, so musste sich letzterer im Gegensätze zu dieser sein Existenzrecht erwirken, und es gehört zum Wesen eines Prinzen, die Mütter Prinzessinen. Das Fest zieht sich weit über Mitternacht hinaus mit seinen Gängen und Gesängen. Die Kleinen lauschen den Grossen in Ehrfurcht Jeder Bissen ist ein Symbol, jedes Glas ein Mysterium. Und der Tischbi wandert von Haus zu Haus. So haben unsere Yräter. „Pessach gemacht“, so machen sie es heute. Vier Wochen bereiteten sie sich für den Feiertag vor. Man zählte seine nahenden Schritte. Seine unmittelbar bevorstehende Ankunft war das Ereignis des Jahres für die ganze Gemeinde, für Alt und Jung, für Greis nnd Kind. Hier gibt es von dem allen nichts. Das Chamez ist kein Feind. Die Mazzes besorgen die Maschinen. Du findest sie bei vielen Bäckern, die nicht einmal ihren Ursprung kennen. Der Seder wird „gegeben“. Und die Kinder glauben irgendeine Komödie vor sich zu sehen, die sie sich nicht zu erklären wissen. Und während Du an diesem Leben Anteil nimmst, als Stück eines Volkskörpers Dich fühlen müsst, selbst gegen Deinen Willen, bin ich hier in der Fremde. Deine Psyche schwingt mit in der Resonanz gleichgestimmter Seelen, ich bin hier einsanj und allein. Es mögen wohl noch andere sich einsam fühlen in dieser grossen Stadt, aber ' selbst vereint, können sie keine Gemeinschaft a bilden. Hier haben sie den Boden hierfür für Jahrzehnte verwüstet Und die ihn urbar machen wollen, gehen falsche Wege. Lieber Freund, hier gibt es keine jüdische Jugend. Kennst Du dieses Wortes grausame Bedeutung? Denke Dir einmal, der Zuzug örtlicher Juden in die Kapitale wäre für zwanzig Jahre verboten, dann gäbe es liier vielleicht am Ende dieses Zeitraumes keinen Juden mehr. Versteh’ mich wohl, keine Juden, denen um ihr Volk was zu tun ist, die für einander bürgen und dulden. Keine Juden, die jenes unsichtbare Band umschlingt, das wir fühlen und nicht sehen, das wir kennen, aber nicht zu benennen vermögen. Denn die Familie, diese ewige Grundlage eines Volkes, ist hier nicht jüdisch. Sie hat keine Tradition und will sich auch keine bilden. Hier wird das Judentum-in Vereinen kultiviert, in Versammlungen gelehrt, in Sitzungen gepredigt . . . Hier wird das Judentum mit Vernunft gelehrt und mit dem Köpfe begriffen. Das Herz bleibt unberührt Alle Wissens hier: Pessach ist das Fest der Freiheit Und sie schreiten in dieses Freibeitsfest mit ihren Wochensliefeln, man kann sagen, sie plumpsen hinein. In den Stuben aber ist vom Feiertage nichts zu spüren und nichts im Gehaben ihrer Kinder. Diese Kinder wissen wohl, was die Mazzes zu bedeuten haben. Frag’ sie nur und sie geben Dir prompt die Antwort: Im Jahre X vor Christi Geburt zogen die Juden aus Aegypten und weil es ihnen eilig war, assen sie das unfertige Brot Es ist für sie ein Datum, wie etwa die Schlacht bei Kynoskephale. Ohne Beziehung, ohne persönliches Erlebnis. Nicht wie es in der Hagädah steht:. Immerfort und immerfort-müsst duglauben, als wennduselbst aus Aegypten gezogen wärest . . . Das ist lieber Freund, die grosse Kluft zwischen uns zu Hause und den Modernen in der Fremde. Wir wurzeln im Altertum, in einer aktiven und agierenden Geschichte, wir setzen fort. Sie aber bilden um. Wir sind eines, sie sind einzelne. Wir sind solidarisch. Sie aber handeln pro rata partis. Wir sagen dem Bettler, dem wir nichts schenken: Nehmet es uns nicht für übel. Sie aber weisen ihn hochmütig von sich. Keiner von uns hat vor dem anderen was voraus, denn das Beste an uns ist die Jüdischkeit und Gottes Geist ist in allen. Sie aber unterscheiden sich schon nach Berufen und Klassen, nach Vermögen und Besitz. Und so kommt es, lieber Freund, dass ich mich in dieser schönen, grandios gebauten Stadt stets einsam und verlassen gefunden habe. Tausendfach einsam, wenn Tage nahten, die geheiligt sind, verlassen in Stunden, die einen gleichen Inhalt haben für ein ganzes Volk. Denn wer einmal in einer Volksgemeinschaft erwachsen und erzogen ist, wer mit seinem Herzen — und nicht mit dem Kopfe — in einem Leben wurzelt, welches das Leben Unzähliger ist — der gleicht in dieser Stadt einem Sträuchlein in der Wüste. Denn nur die Herzen .können gleich empfinden, die Köpfe aber denken verschieden. Und hier haben sie das Judentüm auf den Kopf -rgestellt.. Für das Herz aber geschieht nichts. Nichts für jene höchste Sensation des nationalen Seins, - von der wir, mit - ToÜesgewissheit - annehmen können, dass sie in allen Gleichgesinnten schwingt, wenn sie einmal bei Einzelnen zur Regung kommt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.