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Jüdische Zeitung · 1908-04-15 · 16-17 (15.4.1908) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
16-17 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jftdische Zei tun o-:-u. , Redaktion, Administration und Wochenschrift. Abonnementspreiss: Inseratenaufnahme: Erscheint jeden Freitag. In Oesterreich-Ungarn: IX., <$>äFl<ei)sfrasse $f. 9* Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Telephon Nr. 14.199. In Deutschland: Verkaufstellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Ganzjähr. Mk. 10.—, Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr Z eitungsbureau G old schmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. vormittags. □-c Einzelne Nummern 20 Heller, Im übrigen Ansland ganzj. Frcs. 15.—. J---:-:-C. Vertretnasen ln der Provinz in Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiss Wlozek, Graben 33. — In Lemberg: Karl ßuchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Doppelnummer 16—17. Wien, Mittwoch, den 15. April 1908. II. Jahrgang. Passah-Nummer Passah. Das Judentum begeht wieder einmal das. schönste seiner Feste, das Fest der Freiheit. Mitten im Frühling der Natur, zur Zeit des allgemeinen Erwachens vom winterlichen Schlafe, feiert auch das jüdische Volk sein Auferstehungsfest, sonnt es sich im Lichte seiner vor Jahrtausenden erfolgten ersten nationalen Befreiung. Unter den Strahlen der Freiheitssonne, die damals am ägyptischen Himmel erglühte, schmolz allmählich die dicke Eiskruste der Sklaverei und mit kräftigen Wellenschlägen stürmte mutigen Herzens der Strom befreiter Jungjuden dem gelobten Lande entgegen. Diese merkwürdige historische Erscheinung, die grandiose, vielleicht einzig dastehende Geistesrevolution, die auf fremdem Boden unter fremden Gewohnheiten und Sitten ein Volk entstehen liess, das im Lande seines Aufenthaltes eine Zukunft als Volk nicht erblicken konnte, sondern sich in kühner Entschlossenheit ein weit entferntes Land zur Heimat auserkoren hat, dieser eigenartige Befreiungskampf, der kaum seinesgleichen hat, da er mit dem Schauplatze der Begebenheiten in gar keinem Zusammenhänge stand, das ist der unversiegbare Born, aus dem das jüdische Volk seit Jahrtausenden die Kraft und die Ausdauer für sein nationales Sein schöpft. FEUILLETON. ln der Fremde. Lieber Freund! Die Kastanie in meinem Hofe blüht. Erinnerst Du Dich noch an den Baum? Als Du ihn das erstemal erblicktest, brachst Du in einen Schrei der Bewunderung aus. Sommer war’s und er stand mächtig da in seinergewaltigen Pracht, einfach herrlich anzuschauen. Strotzend von Kraft, ein Titane. Wie herausfordernd waren seine Zweige gegen den Himmel gestreckt! Und schwer hing die Frucht an seinen Aesten, wie goldene Hesperidenäpfel. Die Spatzen aber, die auf seinen festgefügten Zweigen ihre Nester gebaut hatten, wiegten sich ruhig und sicher und johlten tagsüber aus hellem Uebermut. Da hast Du die Worte gesprochen: .Diese Kastanie gleicht dem alten Birnbaum am Klosterhügel unserer Heimat.“ Seither bist Du fort. Dein Besuch bei mir schwand wie ein Traum. Du zogst in die alte, gute Heimat und ich blieb in der Fremde. Deine Worte aber wurden mir unvergesslich und zur Quelle süsser Erinnerung. Ich habe seit jener Stunde einen treuen alten Freund, wie man einen besseren gar nicht findet: den Baum. Denn Eine Geistesrevolution, nannten wir den Aufstand der jüdischen Sklaven und ihren Auszug aus Aegypten, denn der Kampf mit den politischen Machthabern des damaligen Kulturstaates Aegypten wurde in der Tat nur auf rein geistigem Gebiete ausgefochten. Weder Märzgefallene noch Barrikadenkämpfer halten die Erinnerung an die grosse jüdische Revolution wach. In regelrechten diplomatischen Verhandlungen, in Besuchen bei Hofe unter Beobachtung der strengen Vorschriften orientalischer Etikette vollzog sich das welthistorische Ereignis und reiner Herzlianismus war die Vorbereitung zur ersten jüdisch-nationalen Erlösung. Die Führer der damaligen Aufständischen waren keine Anarchisten der Tat oderDynamitarden, sie operierten weder mit Bomben noch mit Revolvern., Nicht:der Terr ir dew.zwaazigaten.i Jahrhunderts war ihrer . Weisheit letzter Schluss, sondern einzig und allein mit den Waffen des Geistes, zur Revolutionierung des gewaltsam niedergehaltenen Intellekts der Juden,, füllten sie ihre Arsenale. Man brauchte nur die auch damals indifferenten Massen aus ihrer Lethargie zu wecken, ihnen die Ueberzeugung beizubringen, dass sie vom Golus nichts zu erwarten haben und sie eines Bessern zu belehren: dass sie, die Unmöglichkeit eines vollständigen Aufgehens im ägyptischen Volke einsehend, den Schritt wagen müssen, sich eine eigene Heimat zu Du h^st recht, er gleicht dem alten Birnbaum am Klosterhügel meiner Heimat. Im Winter war er einsam und kahl. Die S{ürme haben viele seiner Zweige zerschmettert und ich hörte oft sein Gestöhn bis in mein Zimmer dringen. Wenn aber des Abends die kalten Schatten ihn zauberhaft umhüllten, pflegte ich ans Fenster zu treten, um trauliche Zwiesprache mit ihm zu halten. Er wusste so manches aus alten Tagen zu erzählen. Denn er war ja der Baum am Klosterhügel. Und nun, da er blüht, frische, lebendige Kraft in die tausendfältigen Arme treibt, sie mit weissein Flitter putzt, sich wieder mächtig in die Höhe reckt und von einer milden, herzerquickenden Sonne sich bescheinen lässt — da ist es mir, als wenn ich vor jenem Riesen stünde, der Jahrhunderte lang den Geheimnissen der Weichsel lauscht und den Gesprächen seiner sabbatlichen Sommergäste. In dessen Schattenwir geruht, gespielt und geliebt haben, als Gottes heiliger Odem über unserer Jugend wehte. Wo haben Halevys Zioniden zum ersten Male unsere Augen gefeuchtet? Unter dem Baum. Wo priesen wir Gottes Herrlichkeit, die im Neumond wiederkehrt? Unter dem Baum. Wo hast Du Franias Augen in Terzinen besungen? Wo Deinen Weltschmerz in die Winde geheult? Wo stellen die Brautpaare der ganzen Stadt sich ein? Wo haben wir das Chamez verbrannt? 1 Das. Chamez — ich weiss nicht, mein lieber, gründen. War aber einmal dieses Aufkiärungswerk vollbracht, so war auch schon die Befreiuung eine nicht mehr aufzuhaltende Tatsache. Das ist die e c h t e, man könnte sagen typische, jüdische Revolution, die von ähnlichen staatlichen Umwälzungen bei anderen Nationen ebenso grundverschieden ist, wie das jüdische Volk selbst von den anderen Völkern. Denn das Judentum hat nicht nur seine eigene Kultur, seine eigene Weltanschauung, sondern auch seine eigene Revolution. Deshalb trägt auch die erste jüdische Volksbewegung, wie überhaupt die ganze spätere Entwicklung dieses Volkes den Charakter unverfälschten Judentums. Auch heute, im Zeitalter der Zivilisation, kämpfen wir in den europäischen Kulturstaaten ebenso wie damals im Reiche tdei: -.PhairaQueQ unseren eigentümlichen jüdischen Befreiungskampf. Auch heute - mus*s es von jedem Einsichtigen als unbestreitbar richtig zugegeben werden, dass wir in den Golusländern eine ruhige Zukunft nicht zu erwarten haben, da unser Organismus als Volk von. so eigenartiger Beschaffenheit ist, dass er unter anderen Nationen niemals vollständig aufgehen kann. Daher erstreben wir auch heute für das verjüngte jüdische Volk die Verjüngung seiner alten Heimat, in der allein wir die einzig mögliche Lösung unseres nationalen Problems, die Erlösung aus der modernen Sklaverei sehen. Deshalb wie Du in der Heimat darüber denkst, inmitte11 der alten Welt. Dich hat ja ein gütiges Schicksal an die Scholle gebunden, der wir uns mit kindischem Mut entrissen haben. Du kennst die Fremde nicht und weisst daher die Heimat nicht zu schätzen. Das, was Dir Alltag ist, scheint mir nationale Poesie. Wie haben unsere Mütter nach dem Chamea gefahndet? Wie ein Späher nach dem Feinde. Die Fugen suchten sie ab und die verborgensten Winkel. Auf der Diele knieten sie nieder, bestiegen Sessel, Tische und Schränke. Und die Väter, die alten grauen Väter, haben mit Lichtem nach ihm gesucht, wie nach einem versteckten Dieb. Die Stube aber, wo es nicht mehr war, ward verschlossen und versperrt bis der grosse Feiertag seinen Einzug in sie hielt. Wie haben unsere Väter die Mazzes gebacken? Unter ihrer Bedeckung hat der Träger das Mehl in das Haus gebracht Sie selbst aber haben das Wasser, das „übernachten“ muss, in die Kannen geschöpft und mit eigenen Händen die Last in das Haus getragen. Mit Kindern und Enkelkindern gingen sie zum Bäcker. Dort tauchten sie an, halfen mit, kneteten, walzten, räderten oder „schoben“ die Mazzes in den Herd. Und wenn es dem Grossvater gar gefiel, begann er mit lauter Stimme Hallel zu sagen. Und alle Bäckeijungen . sagten mit. Wie sieht der Seder in unserer Heimat aus? Unsere Grossväter sind Propheten, die Väter

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