Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 Nr. 15 wird Ileissig gearbeitet. Die Wiilvlenlisten sind derartig gemacht, dass man den Einfluss der Juden -auf ein .Minimum reduziert hat. In den 2. tValdkörper. in dein die Juden dominierten, sind 'jetzt bei 70 Ehrenbürger liineinge.-leckt worden, so dass die Juden auch in diesem AValdkörper fast ohne Einfluss sind. Dabei sitzen im hiesigen Gemeindenusseluisse 11 Juden, die zu der Ehrenbiirgorfahrikntion keine Stellung, genommen, 'haben, weil unter den Ehrenbürgern sich auch 6 Juden befinden. Wozu sltzien die Herren Lieh 'b e n stör n, Hilf, Ivatzer, Reick, Schwarz etc. im Gemeindeausschusse? Sollten sie wirklich durch die letzten Landtagswahlen nichts gelernt haben oder sind sie für moralische Ohr-' feigen ganz unempfindlich? Es wäre wirklich hoch an der Zeit, dass s:eh für die Gemeinderaiswahlen ein jüdisches Wnhlkomitec bildet, welches in jüdischem Sinne wirkt und sich von persönlichem Vorteile nicht leiten lässt. Generalversammlung der Volks-Vorschusskassa. Prag. Mit Stolz blickt unsere Organisation auf die Tätigkeit des ersten von Zionisten gegründeten und geleiteten jüdischen Kreditinstitutes, der .,Volksvorschusskassa“ in Prag. Der Bericht, welcher der letzten Generalversammlung, die am 25. März a. c. stattfand, vorlag, zeigte wieder ein Bild des mächtigen Aufstrebens dieses Institutes. Nachstehend teilen wir die Hauptziffern des Geseliäftsverkehrs und der Bilanz für die ■Jahre mit: 1905 1906 drei letzten 1907 .Mitgliederanzahl Wechsel- SSO 1024 1125 zahl 2395 . 301S Kronen 3445 Anteile . Kredit- ■ 106.800 — 134.680 — 16I.5S0 — -mnsatz . Darlehenstand 1,345.6SS16 2,062 33971 2,417.44407 pr. 31. Dez. 509.229'53 Reserve- 781,63221 923.S 16:24 fonde 20.145'65 26.64 LOS 32.43S.08 Gewinn-. Geld- ■ 3.972 — 7.525'97 4.39160*) revirement 8,762.04770 10,507.353 9213,256.803'21 Spareinlagen 200.935'5S 372.212.10 494.221.04 In der vom Apotheker Max F a n t o als Präses geleiteten Generalversammlunng beantragte Direktor Karl R e z e k von dem nach 4 prozentiger. Verzinsung der "Anteile verbleibenden Gewinn per K 439100. 20 Prozent statutengemäss dem Jüdischen Volksverein, Prag und weiter 25 Prozent einem anlässlich des Regierungsjubiläums Sr. Majestät zu gründenden Jüdischen Internates für Volks- und Mittelschüler in Prag zu wenden, welche Anträge einstimmig angenommen wurden. In den Ausschuss wurden die Herren Sigm. Hahn, Dr. Ed. . Kraus, S. L i s s a u, Wilhelm Schick, I wiedergewählt. Galizien. Palästina-Versammlung. Lemberg (Orig.-Korresp.). Ueber Einladung des Lemberger Distriktskomitees kam Samstag, den 4. d. M. abends im Lokale des Vereines , fikwath-Zion“ eine beträchtliche Anzahl unserer Palästinafreunde zu einer vertraulichen Besprechung zusammen. Der Versammlung präsidierte der Obmann des Distriktskomitees Gesinnungsgenosse David Schreiber. Nach der Begrüssung durch den Vorsitzenden, ergriff der Leiter des Palästinalessorts im gah'zischen C.-K., Gesinnungsgenosse Dr. Samuel Rappaport das Wort. In längerer Rede schilderte der Referent die Geschichte der jüdischen Kolonisation in Palästina. Er entwarf dann ein Bild über den jetzigen Stand der Kot lonien, der industriellen Unternehmungen, über die Entwicklung der kulturellen Anstalten und anderer Institutionen im heiligen Lande. Schliesslich kam Redner auf die jüngste zionistische Institution zu sprechen, welche von der Palästinakommission m Berlin ins Leben gerufen worden ist: auf die Land-Development-Comp. Durch kaufmännische und sachliche Argumente wies Redner auf die Notwendigkeit dieser Institution für die Entwicklung des Ackerbaues in Palästina hin und forderte die Anwesenden auf, insofeme sie ihre Liebe zu "on auch durch Taten beweisen wollen, sich mit , *) Nachdem die Anteile bereits mit 4 Prozent verzinst waren. allen Kräften für das Gedeihen der neuen Gesellschaft einzusetzen. Ueber das Referat entspann sich eine lebhafte Diskussion, an der sich unter anderen , der Obmann des C.-K. Gesinnungsgenosse Dr. Markus Brau de, Dr. Isaak Feld, Doktor Kornhäuser aus Jaslo beteiligten. Zum Schlüsse sprach noch der Referent, um auf einige Bemerkungen der Diskutanten zu erwidern und dieselben richtigzustellen. Das Endresultat — und das ist die Hauptsache hei solchen Versammlungen — war ein sehr befriedigendes. Es wurden nämlich 43 Aktien gezeichnet und die Hälfte des hierauf entfallenden Betrages an Ort und Stelle erlegt. — Wie wir vom Leiter des Palästinaressort Dr. Samuel Räp pap orterfahren, werden solche Versammlungen noch vor den Feiertagen und während der Osterfeiertage in mehren Städten Galiziens abgehalten werden, an denen er selber referieren wird. Gleichzeitig werden die Gesinnungsgenossen aus Galizien darauf aufmerksam gemacht, dass laut Beschluss der Palästinakommission in Berlin alle aus Galizien stammenden Spenden und Geldsendungen für Palästinazwecke nur durch die Adresse: Dr.Samuel R a p p a p o rt, Lemberg, Sykstuskagasse 33, befördert werden müssen. Karl Marx-Gedenkfeier. Lemberg. (Orig.-Bericht.) Das Lokalkomitee der vereinigten poale-zjonistischen Vereine in Lemberg veranstaltete Sonntag, den 4. d. M. um 3 Uhr nachmittags im grossen Saale des Vereines Jad. Charuzim eine Gedenkfeier zu Ehren des Begründers der sozialistischen Partei, Karl Marx, anlässlich seines 25jährigen Todestages. Die Feier erörfuete Herr stud. techn. Araold, Obmann des Lokalkomiiees. ln seiner kurzen, aber markanten Aussprache erklärte er. warum das jüdische Proletariat Karl Marx ehre, wiewohl er die Judenfrage nicht nach Gebühr würdigte und verstand. Als Festredner trat der Redakteur des ,,Jüdischen Arbeiter", des Organs der Poale-Ziol'istcn in Oesterreich, Herr 'Kassriel (Nussbaum) auf. In einem anderthalbstiüiidligen, gut durchdachten und wissenschaftlich begründeten Vortrage schilderte der Redner' die historische Entwicklung der sozialen Verhältnisse vor Marx, das Erscheinen Marxens uud den Aufbau seiner Theorie. Er schilderte dann,.seine Bedeutung für das. gesamte Proletariat und. speziell seinen Einfluss in der „jüdischen Gasse". Seine Ausführungen, denen inan mit besonderer Aufmerksamkeit folgte, fanden reichen Beifall. Zur Unterhaltung des Publikums trugen noch Frl. Schorr durch ihr Klavierkonzert und der ruthenische „Banduristen‘‘-Chor ihr Schärflein bei. a. k. Ein Ritual-Mord. - Stryj. Auf welche Art und Weise ,Ritualmorde" fabriziert werden lehrt folgender Vorfall, der sich Sonntag, am 29. März 1. J. in Stryj abspielte, und der sicherlich schwere Folgen nach sich gezogen hätte, wenn der Sachverhalt nicht sofort aufgeklärt worden wäre. Dar Nachbar des Hauseigenthümers Leib M i s c h e 1, der in einer Gasse von durchwegs christlicher Bevölkerung wohnt, ist der christliche Bürger Schöner, der einen Knaben von ungefähr 4 Jahren hat. Letzten Sonntag begab sich das Ehepaar Schöner in die Kirche wohin ihnen das Kind, ohne dass sie es wussten, nachlief. Als Frau Schöner nach Hause kam und den Knaben nicht antraf, lief sie sofort auf die Strasse, schlug einen grossen Lärm, und posaunte weit und breit aus," dass die Juden ihr Kind „für Passah geraubt" haben. Natürlich war die Strasse in einem Augenblicke von einer Menschenmasse erfüllt. Jeder war. fest überzeugt, dass die Juden das Kind zu rituellen Zwecken geraubt haben. Es trafen sich schon sogar Zeugen, die gesehen haben wollten, dass die Juden schon früher das Kind gepflegt hatten, damit es gut aussehe. Die grosse Menge bildete sofort einen Kordon ’um das Haus des M i s c h e 1, damit niemand aus dem Hause entweichen könne. Die Stimmung der angesammelten antisemitischen Masse war eine so gereizte, dass nicht viel fehlte, dass auch in Stryj ein kleiner Pogrom entstanden wäre. Zum' Glücke kam' aber bald.das Kind.gelaufen und die angesammelte fanatische Menge zerstreute, sich enttäuscht, dass aus dem Ritualmord nichts geworden. H. R—n. Der Wunderrabi von Balz gegen das Lemberger Seminar. Beiz. Da3 Komitee des jüdisch-theologischen Instituts hat analle Kultusgemeinden Galiziens ein Zirkular gerichtet, in welchem auifgefordert wird, zum Griinthingsfonds beizusteuern und eine jährlich wiedei'kehreiule Beitragsleistung zu bewilligen. Nunmehr liegen die Besel)lüs~e aller Kultusgemeinden vor. Von sämtlichen 300 galizischen Kultusgemeiielen haben bloss 27 Gemeinden sowohl Griiiwtung-- als auch Jahresbeiträge bewilligt. Die Subkriptionen beziffern sich auf 32.220 K. während die Jahresbeiträge nicht mehr als 7835 K ausmachen. Aus dem Miss, erfolge dieser Aktion erkennt man. welcher Sympathien sieh das theologische Institut -i erfreuen wird. Vorige Woche hat sich der Beizer Wimderrabhi nach Lauberg zum Statthalter Potocki begeben, um lx*i -hin zu erwirken, dass die Landtagsliesclili'nsc betreffend des Instituts annulliert werden, da er nicht imstande sei. die Chassidim, in deren Kreisen wegen ib'S Instituts eine furchtbare Aufregung herrsche, zu beruhigen. Wer weiss. ob Graf Potocki. (lern Wablmacher des Y:zepräsidentcii des Abgeordnetenhauses, Professor Starzvnski. die Ritte gewährenwird? Russland. Die ludenfrage vor Gericht Petersburg. Ende März wurde vor der Besonderen Behörde des Appellhofs der Prozess gegen den verantwortlichen Redakteur der „Retsch“ alias „Reforma" C h a r i t o n verhandelt. Am ■ 14. Oktober 1907 stand in der Nr. 193 der „Re- 1 forma" ein Leitartikel, der vom Verhältnis der Regierung zur Judenfrage handelte. Von den Regierungsmassnahmen hiess es, sie widersprächen den elementarsten Forderungen der Gerechtigkeit, demoralisierten die Beamtenschaft und züchteten die Willkür der letzteren. Die Einschränkungen der Juden wurden ein überaus schwerer und sinnloser Schlag genannt. In der Judenfrage widersprechen die Ministerialanordnungen den Allerhöchsten Erlässen. Die Anklage sah in diesem Artikel eine Missachtung und Verspottung der Allerhöchsten Gewalt, die nach dem Krim.-Ges. zu ahnden sei. In der Nummer der „Retsch" vom 5. Juli 1907 hiess es Russland habe ein konstitutionelles Regime und allem Gerede von den historischen Rechten des Monarchen müsse man jetzt ein Ende machen. Die Anklage sah darin dasselbe wie oben. Der Appellhof sah im zweitgenannten Artikel nichts Inkriminierendes wohl aber im ersteren, dem „Reforma"-ArtikeI, und verurteilte den Angeklagten zu 1 Jahr Festung. Gerechtigkeit in Russland. Kiew. Während des grossen Oktoberpogroms vom Jahre 1905, der in Kiew sich durch besondere Grausamkeiten des entfesselten Pöbels auszeichnete, hatte eine Anzahl Offiziere dagegen protestiert, dass die Truppen nicht gegen die rasenden und mordenden Volkshaufen aufgeboten wurden — bekanntlich hatten im Gegenteil Soldaten vielfach an den Schandtaten aktiv Anteil genommen, jedenfalls aber nirgends eine Hand gerührt, um dem Treiben Eiuhalt zu tun. Später hatten diese Offiziere eine gerichtliche Untersuchung gefordert, die natürlich nicht erfolgte, Jetzt sind dafür — Gerechtigkeit muss doch sein! — diese Offiziere selbst vom Kriegsgericht zu mehr oder minder schweren Gefängnisstrafen verurteilt worden. Dieses Urteil steht im herrlichen Einklang mit den Begnadigungen der Pogromhelden, die tagtäglich aus allen Orten gemeldet werden. Ausweisungen aus Kiew. Aus Kiew erhält der Hilfsverein der Deutschen Juden folgendes Telegramm: Die Ausweisungen derjenigen Juden, die ihr Wohnrecht nicht nachweisen können, werden immer umfangreicher. Freitag Nacht nahm die Polizei in Kiew wieder massenhafte Haussuchungen vor, bei denen 84 Juden verhaftet und aus der Stadt verwiesen wurden. Aufruf! RzeSZOW. Den 19. April (4. Tag- Pessach) wird in Rzeszow(Galizien) die zweite Konferenz der Organisation der Talmudr jünger „Haschachar" stattfinden. Wir ersuchen daher alle unsere Organisatiopsmitglieden uns rechtzeitig das Resultat der Delegiertenwahle mitzuteilen, damit wir die nötigen Vorbereitungen treffen können. Für das Zentralkomitee der Organisation „Haschachar*: Berisch Möller, Moses Wiesenfeld, Sekretär. Präses.