Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-04-10 · 15 (10.4.1908) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438182--0477-2439995
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 15 ihm gegründeten Schule „Kiriath-Sefe r“*) hin. entwickelt das Programm derselben und schliesst mit einem warmen Appell zur Unterstützung dieser Schule. Reicher Beifall belohnte die interessanten Ausführungen. G. Die Baumschule für den Herzlwald. Das Palästinaressort erhielt über den Fortgang der Arbeiten folgenden Bericht: „Die Arbeit in Lydda an der Baumschule geht vorwärts. Anfangs arbeiteten Araber, die seit 6 Tagen durch jüdische Arbeiter ersetzt wurden. Trotz allem Suchen konnte ich anfangs keine jüdischen Arbeiter finden, schliesslich kanten aber doch solche aus Petach-Tikwah und erklärten, dass sie immer bereit seien, zur Erledigung der Arbeiten für den Herzlwald in beliebiger Anzahl zu kommen. Ich bin mit den jüdischen Arbeitern ausserordentlich zufrieden, es sind ausgezeichnete Arbeiter, leisten 'das Anderthalbfache wie die Araber und sind höchst anständige Leute. Als man in Jaffa erfuhr, dass bei mir Araber arbeiten, wurden Protestversammlungen veranstaltet und es wurde mir gedroht, die angepflanzten Bäumchen l’.erauszurupfen usw. Jetzt hat sich alles beruhigt, denn Herr Ingenieur Wilbuschewitz und andere Herren bezeugten, dass ich von Anfang an jüdische Arbeiter suchte.“ Durch diesen Bericht sind auch die verschiedenen Mitteilungen int „Rasswjet“ und anderen Blättern über die Nichtanstellung jüdischer Arbeiter bei der Baumschule widerlegt und wurden auch vom Paläsiinaressort dementiert. Die Palestine Land Development Co. Die Agitation für den .Verkauf der Aktien dieser Gesellschaft wird allerorts aufs kräftigste geführt. Auch aus Russland laufen fortgesetzt günstige Berichte ein und verschiedene Gg. haben schon grosse Beträge gesammelt. Dass man selbst dort, wo die politische und ökonomische Lage ungünstig ist, recht viel erreichen kann, geht z. B. aus der Ag'tationsarbeit des .Gg. Dr. ^Uberstrom, Lodz, hervor, der durch persönliche Besuche in einer Woche 69 Aktien per Kassa verkaufte.. An alle österreichischen Vereine und Einzelpersonen ergeht die dringende Bitte, für diese so wichtige und populäre Institution unablässig zu weilten. Prospekte sind durch unser Blatt erhältlich. Die Juden in Österreich. (Nach einer Studie von Dr. Jacob Thon.) Soeben erschien als Heft 4 der „Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden“ die schon lange mit Sehnsucht erwartete Arbeit des Gg. Dr. Jacob Thon: „Die Juden in Oesterreic h“. Man weiss, wie trefflich das von Dr. Ruppin geleitete Bureau arbeitet. Auch die vorliegende Studie unseres Gg. Dr. Thon — der bekanntlich inzwischen nach Jaffa übersiedelte— ist so sorgfältig und übersichtlich gearbeitet, dass sie eine wichtige Grundlage für die politische und wirtschaftliche Arbeit unserer Organisation bilden wird. Angesichts der Bedeutung, welche die Materie für die zionistische Tätigkeit in Oesterreich hat, halten wir es für geboten, auf den Inhalt der Studie etwas näher einzugehen. I. Zahl und Verteilung der Juden In Oesterreich. Von Interesse ist die Mitteilung, dass es im Jahre 1776 nur 200.000 Juden in Oesterreich gab, davon in Wien bloss 387- Noch 1785 machten sie erst 2,6 Prozent der Bevölkerung aus, im Jahre 1900 dagegen über 4,5 Prozent, ln diesem Jahre, von welchem die letzten Daten vorliegen, betrug die Gesamtzahl der in Oesterreich lebenden Juden 1,2 2 4.8 9 9. Davon lebten zwei Drittel, und zwar 81L371 in Galizien, 157.278 in Niederösterreich, 96.150 in der .Bukowina, 92.745 in *)Wir werden in. nächster Nummer ein Expose des Herrn Israel B e 1 k i n d über „Kiriath- Sefer" veröffentlichen. Böhmen, 44.245 in Mähren, 11.988. iir Schles en, der Rest zerstreut in den übrigen Kronländern. In Galizien machen die Juden 11 Prozent, in Niederösterreich 5 Prozent der ortsansässischen Gesamtbevölkerung aus. , In den übrigen Kronländern ist' der Prozentsatz wesentlich geringer. ln Galizien erreichte 1900 der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung in keinem politischen Bezirk 20 Prozent, mit Ausnahme von Lemberg (44.258 Juden), wo er 27,68 und Krakau (25.670 Juden), wo er 28,11 Prozent betrug. Am dichtesten von Juden bevölkert sind die nordöstlichen Bezirke, Ost- und Mittelgalizien und zum Teil auch die an die östlichen Karpathen grenzenden Gebiete. In ganz Ostgalizien betrug die Zahl der Juden 6 2 4.6 3 9 (= 12,75 Prozent der Gesamtbevölkerung), in Westgalizien dagegen 186.544 (d. s. 7,71 Prozent d. g. B.). . Der Zug nach der Stadt ist bei den Juden bekanntlich ein sehr grosser. Tatsächlich ist auch seit 1890 in keiner einzigen österreichischen Stadt ein absoluter Rückgang der jüdischen Bevölkerung nachzuweiseik Ausser Krakau und Lemberg, für welche wir die Zahlen schon mitteilten, sind die von Juden am stärksten bewohnten Städte: Wien mit 146.926 Juden (8,77 Prozent d. G.-B.) Czernowitz mit 21.587 Juden (31,92 Proz. d. G.-B.) Prag mit 18.986 Juden (9,42 Prozent d. G.-B.) Brünn mit 8288 Juden (7,54 Prozent d. G.-B.) Was speziell Wien betrifft, so ist der prozentuelle Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung von 1890—1900 von 8,69 auf 8.77, also unerheblich gestiegen. Die jüdischeste Stadt der Monarchie ist Brody, wo die jüdische Bevölkerung 57,3 Prozent der Gesämtbevölkeruiig ■ ausmachen. Mehr als 50 Prozent Juden weisen auch Rawa, Kalusz, Chrzanmv, Sanok, Zlöczow, Stanislau, Gorlice und Kolomea auf. Aliso'.ut genommen sind nach Lemberg und Krakau' die an Juden reichsten Städte Koiomea (16.417), Stanislau (13.826), Tarnopol (13.330), Przlemysl (13.319), Tarnow (12.484), Brody (11.844), Drohobycz (8678), Stryj (8554).. Es ist interessant, dass selbst die ■ am dünnsten mit Juden bevölkerten Städte noch immer einen hohen Prozentsatz jüdischer Einwohner haben, der geringsteist 13,2 Prozent. Um wieviel mehr die Juden nach der Stadt gravitieren als die Christen, geht daraus hervor, dass in den 40 grösseren Städten Galiziens 34,04 Prozent aller Juden, aber nur 7,30 Prozent aller Christen wohnen. (Wird fortgesetzt.) ,_L__ I . i Der koschere Herr Dr. Bloch. \ Die moralische Ohrfeige, die wir neulich in den zwei Notizen „Eine Meine Abrechnung“ Herrn Dr. Bloch applizieren mussten, hat uns für paar Wochen Rahe vor seinem Gezeter verschafft, Ruhe zu jener sachlichen Arbeit, der wir programmgomäss gewidmet sind. Kaum aber hat Herr Dr. .Bloch sich wieder .erholt, steht er auch schon im vollen Rabbinerornat I oben auf der altgewohnten Kanzel und liest unserer Redaktion, demD.-K. und demDistriktstag, kurz den Wiener ZionisteD, im Tone bebender Entrüstung die Leviten, weil irgendwo rückwärts in der .Jüdischen Zeitung“ drei Annoncen ihr stillbescbeidenesDasein fristen, Annoncen, welche . das sittlich-religiöse Feingefühl des Gottesmannes gröblich verletzen. Wir haben uns zwar nie als religiöse E'ferer aufgespielt, nie etwas scheinen wollen, was wir nicht sind, — aber der .alte Herr“ ist halt so viel streng! Bevor wir jedoch vor Reue zergehen, lasst uns das Männchen, das da so possierlich poiter>, wie weiland Bruder Kapuziner in Wallensieins Lager, unter die Lupe nehmen. Holla! Hier wolle ein verehrtes Publikum aus der Fülle seiner religiösen Grosstaten eine betrachten und bewundern! Im Winter des Judenjahres 5668, anlässlich einer Enquete über die Koscherfleiscbfrage wurde vor der unter Vorsitz des Herrn Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn tagenden Kommission I des Vorstandes der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde der schlagende Beweis erbracht, dass die sogenannten koscheren Selchwaren und Wurstzeug aus den Wiener jüdischen Fabriken in mehrfacher Hinsichst höchst trefe sind. Eine hochlöbliche Kommission hat dieser betrüblichen Tatsache dadurch Rechnung getragen, dass sie die Koscherselchwaren-Fabrikanten aufforderte, Aufsichtsorgane des Rabbinates in ihre Betriebe zuzulässen, widrigenfalls in dem offiziellen Organe der Israelitischen Kultusgemeinde Wien — der Blochischen Wochenschrift — zu publizieren sei, dass das Raöbinat in bezug auf Kaschrus für diese Selchereien jed) Verantwortung ablehne. Die Herren Fabrikanten ihrerseits lehnten wohlweislich die amtliche Aufsicht ab, wodurch sie freilich selbst aneikannt habeD, dass ihr Fabrikat nicht koscher ist Sie konnten sich das ruhig leisten, weil (sie gewiss waren, dass der Kultusvorstand nicht den Mut finden werde, gegen so einflussreiche Wähler mit der nötigen Energie einzuschreiten. Dar Vorstand kann sich noch immer nicht schlüssig werden, zu den Referaten lässt er sich Superüber Superreferate erstatten, und der Programmpunkt „Koscherfleisch“ wird von einer Plenarsitzung zur anderen vertagt und verzettelt. Da ist unser Freund Dr. Bloch, dem als Hausfreund der Kuilusgemeinde die ganze Sachlage genau bekannt iBt. ein andrer Mann. Er hat sich gleich sein festes Urteil gebildet. .Koscher“ ruft sein piopnetischer Mund und vertrauensselig lHUschen all die Frommen in Wien und draussen in den KhilLs Mährens, Ungarnsund Galiziens diesem feierlichen Attest Se. Ehrwürden, des berühmten und bewährtenRabbiners Dr. Blocn. U.id „koscher“ ruft es Woche für Woche aus dem Annoncenteil der „Oeslerreichischen Wochenschrift“, wo ihr Herausgeber verantwortlicher Redakteur Herr Dr. Bloch —wie wir vernehmen, nicht gratis — die „Spezialitäten“ sämtlicher jüdischer Selchwarenfabrikanten in schöner, deutlicher und bildlicher Darstellung anpreist. So wird das Gift der Trefa unbedenklich in die jüdischen Familien, Schüsseln und Mägen getragen, und nicht bloss Jüiglinge und Jungfrauen, auch Männer und Frauen in des Lebens Vollkraft, Greise und Greisinnen, die in Ehren grau geworden, werden wider ihren Willen verderbt. Es gibt kein Geschirr mehr im Bannkreise Blochischer Autorität, das nicht unter dem Symbol des Kaschrus wäre trefe gemacht worden! Wie aber kommt Bloch der Gottesmann dazu. Bloch dem Geschäftsmann Agentendienste zu leisten? Auch von einem emeritierten Rabbiner können wir es nimmermehr glauben, dass er schnöder Silberlinge oder selbst Gülderlinge wegen sich eine Ueberzeugunp, dehnbar wie Gummi, anschaffc. Nur einte Deutung mag das Rätsel klären: Blocb, der Gottesmann und Bloch der Geschäftsmann sind nah’, sehr nah’ verwandt! Hoffentlich lässt sich Herr Dr. Bloch gütlich überzeugen, dass wir ihm beim besten Willen das Ehrendiplom als eines Richters in Israel nicht zuzuerkennen vermögen. Quod erat demonstrandum 1 ■ Dr. E. Z. Korrespondenzen. Das Leichenbegängnis unseres Gg. H. Schimmer. Wien. Sonntag, den 29. v. M. fand unter grosser Beteiligung das Begräbnis unseres Gesinnungsgenossen Hermann Schimmer statt. Am Grabe hielt unser Gg. Dr. M. B e r k o w i c z eine Ansprache im Namen der Hinterbliebenen sowie der vielen versammelten Freunde des Verstorbenen und auch im Namen der Wiener Zionisten, in deren Reihe er seit dem Beginne unserer Bewegung treu und ergeben gekämpft halte. Der Redner gedachte der vorzüglichen persönlichen Eigenschaften des Verblichenen, die ihn als Menschen und Juden ausgezeichneten und ihm eine grosse Zahl von Freunden erwarben in den verschiedensten Kreisen des jüdischen Volkes. Nach dem Begräbnis wurde von einem Freunde - des Verstorbenen eine Sammlung eingeleitet, um ihm ins „Goldene Buch“ des Jüdischen Nationalfönds eintragen .zu lassen. Es ergeht an unsere geehrten Gesinnungsgenossen, die Hermann Schimmer persönlich als Menschen und Zionisten kannten und schätzten, die Bitte, ihre dem Nationalfonds zugedachten Spenden dem Zwecke seiner Eintragung ins goldene Buch zuzuwenden und'in ihren Kreisen für diese Sammlung Propaganda zu m ach en. Hermann Schimmer hat diese Ehrung seitens unserer Parteigenossen .verdient! Gemeinderatswahlen. M.-Ostrau, (Orig.-Korr.) Die GemeinderatswaMen stehen vor , der Tür. ln den ersten Wochen des - 'Mai sollen sie stattf indem . Die Juden halten es vorläufig noch nicht, für notwendig, sieh mit den Wahlen zu 'beschäftigen. Sie schlafen und ihre sogenannten Führer tun nichts, . um die Juden , ein wenig aufzurütteln. . Wir werden hier dank der Indolenz der jüdischen Bevölkerung und dank des geradezu verbrecherischen Leichtsinnes der Führer eine zweite , Freisler- Affäre erlebm. Im deutschnationalen Lager

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.