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Jüdische Zeitung · 1908-04-10 · 15 (10.4.1908) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 führt werden kann. Ihre Zeitungen sind meist daran zu erkennen, dass sie marktschreierisch verkünden, für die gesamten Interessen des Judentums einzutreten und obendrein „unabhängig“ zu sein. Beides ist richtig : Sie treten für die Interessen des Judentums ein, solange sich diese mit ihren Privatinteressen decken, „unabhängig“ sind sie jedoch nur von allen Prinzipien und dem Verantwortlichkeitsgefühl, welches die Vertreter einer grossen Idee leitet, und „unabhängig“ sind sie schliesslich von jenen, die keine Subventionen gewähren. Es kann für alle unsere Gesinnungsgenossen in der nächsten Zeit keine würdigere Aufgabe geben, als die Massen über die Schädlichkeit dieser Geschäftspresse aufzuklären und für die weiteste Verbreitung der zionistischen, einzig dem Wohle des jüdischen Volkes dienenden Blätter zu sorgen. Für unsere Presse muss eine unablässige Werbearbeit geleistet werden. Sie kann aus unserer Partei eine Macht schaffen und dazu kann jeder einzelne Gesinnungsgenosse mit Leichtigkeit beitragen, indem er für ihre Verbreitung sorgt. Mit ihr verbreitet er unsere Ideen auf eine nachhaltigere Weise als durch das gesprochene Wort, aber mit geringer Mühe. Es muss allen Gesinnungsgenossen bewusst werden, dass eine verbreitete, starke Presse erst die Grundbedingungen für jede w e itere Arbeit schafft. Dass sie allen anderen Parteiunternehmungen zum Blühen verhilft, und dass daher die Sorge für die Presse jeder anderen Parteiarbeit vorausgehen muss? G. Palästina. Die Exzesse in Jaffa. Die Berichte über die verabscheuungswürdigen Ausschreitungen ‘in Jaffa haben als unzweifelhaft festgestellt, dass der Schuldige ein vereinzelter böswilliger Beamter war, dass sich die Bevölkerung durchwegs ruhig verhielt, die türkische Regierung aber in der energischesten Weise eiugriff, den Gouverneur von Jerusalem sofort zur Untersuchung beorderte und den als schuldig Ermittelten sofort abberief. Angesichts der bis heute durch nichts geänderten judenfreundlichen Haltung der Pforte, kann man den Exzess eines türkischen Beamten schwer begreifen. Liest man aber, dass der russische Konsul seine Zustimmung zum Eindringen der Gendarmen in ein exterritoriales, russisches Haus gestattet hat, dass der russische Dragoman bei den Ausschreitungen anwesend war, dass die Verletzten russische Untertanen waren, die ohne Zustimmung des russischen Konsulates von der türkischen Polizei nicht angerührt werden durften, so erkennt man plötzlich, wer der spiritus rector des für die Türkei sonst unerklärlichen Vorfalles war. Russische Juden wurden von einem türkischen Beamten mit Zustimmung des russischen Konsuls misshandelt, anstatt dass dieser seiner Pflicht entsprechend, russische Untertanen geschützt hätte. Der Kaimakam muss genau gewusst haben, wie sich der russische Konsul zu einem Pogromversuch stellen wird. Man errät den Zusammenhang, merkt, dass die Bosheit eines lokalen Machthabers, von dem russischen Vertreter zu einem Meinen Pogromversuch benützt wurde. Unsere russischen Brüder, welche vor den Verfolgern nach Palästina fliehen, mögen erkennen,' dass auch im Ausland der russische Konsul sie nicht schützt, sondern im Gegenteil, wenn er es kann, gegen sie hetzt. Sie sollten daraus die Lehre ziehen, türkische Staatsangehörige zu werden, um das Vertrauen und den Schutz der Türkei dadurch nur noch mehr gewinnen, während sie jetzt dadurch, dass sie als russische Untertanen gezählt werden, den russischen Einfluss in Palästina stärken. Die Versuche der russischen Machthaber, einen Pogrom in Jaffa zu inszenieren, musste fehlschlagen, weil weder bei Arabern noch bei Türken auch nur die geringste Neigung besteht, die mitihnen im Friedenlebenden Juden zu misshandeln, wie auch umgekehrt diese der einheimischen Bevölkerung wohlwollend gegenüberstehen. Dieses Einvernehmen, das seine Quelle in einer Reihe von Imponderabilien hat, — welche auch die ganze Macht Russlands nicht aus der Welt schaffen kann — und das in Jahrhunderten nicht gestört wurde, verbürgt trotz dieses vereinzelten und beispiellosen Zwischenfalles ein dauerndes friedliches Zusammenleben von Arabern, Türken und Juden im ottomanischen Reich. * * * Nach Schluss des Blattes. Aus Konstantinopel trifft folgendes Telegramm ein: Die Uebergriffe des Kaimakam vo n J aff a haben sehr schne 11 ihre Sühne gefunden. Die bereits gemeldete Absetzung des schuldigen Kaimakam bestätigt sich. Am Donnerstag erhielt der Chacham Baschi vom HofeSeiner Majestät des Sultans die offizielle Mitteilung von der Absetzung. Der Sultan entbietet gleichzeitig den Juden seinen Gruss und drückt ihnen seine Sympathie aus. Klarer als durch djeses Verhalten des Sultans kann die Tatsache, dass die Juden in der Türkei des absoluten Schutzes der türMschen Regierung und des Wohlwollens des Herrschers sicher sein können und dass trotz der bedauernswerten Vorfälle in Jaffa kein Grund zu irgendwelcher Beunruhigung vorliegt. Israel Belkind Uber Palästinaarbeit Montag den 6. d. hielt Herr Israel Belkind, der Leiter der Schule „Kiriath“ Sefer“ aus Palästina, der nach einer Agitationstoumee in England und Deutschland auf der Rückreise nach Palästina sich einige Tage in Wien amhielt, m einer vom i. ö. D. K. einberufenett, gut besuchten Versammlung einen Vortrag über die reale Arbeit . ir. Palästina. Redner führte folgendes aus: ln der zionistischen Bewegung haben sich in den letzten 12 Jahren drei Strömungem bemerkbar gemacht, die politische, die kulturelle und die ökonomische. Die Anhänger der politischen Strömung vertreten die Anschauung, dass keine Arbeit in Palästina geleistet werden dürfe, ehe nicht öifentlich-rechtiiche Sicherungen seitens der Türkei und der europäischeü Staaten gewährt würden. Der kulturelle Zionismus, dessen Vertreter Achad-Haam ist, fordert kulturelle Arbeit in den 'Länden der Diaspora. Diese beiden Strömungen traten insbesondere auf dem 4. und 5. Zionistenkongress hervor. Nach der Minsker Konferenz trat ein grosser Teil insbesondere russischer Zionisten mit der Forderung auf, bei der Tätigkeit in den Golusländern das Hauptaugenmerk auf die wirtschaftliche Hebung der jüdischen Massen zu richten. Dies ist der ökonomische Zionismus. Diese drei Richtungen, deren Anhänger miteinander in fortwährendem Kampie lagen, haben bisher keine positiven’ Resultate gezeitigt. Die politischen Zionisten haben weder den Charter noch Konzessionen 'bekommen. Der Versuch der Kulturzionisten. d:e jüdischen Massen auf ein höheres 'kulturelles Niveau zu bringen, konnte infolge der trostlosen wirtschaftlichen Lage der jüdischen Massen nicht gelingen. Und um die wirtschaftliche Lage der Juden in den Golusländern zu heben, dazu haben wir weder die Mittel, noch die Macht So stehen wir nun vor der Frage: Was weiter? Wir müssen uns klar darüber werden, dass es im Golus überhaupt keine Möglichkeiten. eines Erfolges des Zionismus gibt, sondern nur in Palästina. Dort können wir in politischer, kultureller und ökonomischer Beziehung Eriolge erringen. Politisch: Wiewohl in Palästina bereits eine grosse Zahl von Judm leben — Jerusalem hat bei 70.000 Einwohnern 50.000 Juden — ist der politische Einfluss der Juden sehr gering. Dies ist eine Folge der Zersplitterung und Uneinigkeit der pa'ästinensischer. Judenschaft. So ist z. B. der Chacham Baschi, der nach dem Gesetze mit grosser Macht ausgestatet ist, de facto vollständig machtlos und ohne jeden Einfluss gegenüber den türkischen Behörden, weil er nur von einem Teil der palästinensischen Juden gewählt ist, während der andere Teil ihn nicht als ihren Vertreter anerkennen will. Hätten wir in Palästina einen Chacham Baschi, der von allen Juden gewählt ist, und dem a'le vertrauen, dann wäre die politische Lage der Juden in Palästina bedeutend günstiger. Die zweite Ursache der politischen Einflusslosigkeit der palästinensische» Juden ist die. dass nur sehr wenige der türkischen Sprache mächtig sind. Mit der Kenntnis der türkischen und arabischen Sprache ausgerüstet, würden die Juden vermöge ihier Intelligenz und Agilität die höchsten Beamtenstellen im türkischen Reiche erringen und so den jüdischen Einfluss im Lande bedeutend steigern können. 'In den Schulen müsste statt der deutschen, englischen und französischen Sprache neben dem Hebräischen Türkisch und Arabisch gelehrt werden. Ein anderes Moment, das diesen Einfluss bedeutend stärken .würde, ist die Erwerbung der türkischer. Untertanenschaüt. Die nach Palästina erwandernden Juden bleiben gewöhnüch Untertanen ihres Emtgrationsiandes, weil sie als Untertanen einer europäischen Macht sich den türkischen Behörden gegenüber ireier ■bewegen zu können glauben. Wir stärken aber so den Einfluss der europäischen Mächte, insbesondere Russlands, und erregen das Missfallen der türkischen Regierung, welche die Juden als Pioniere cLr Mächte betrachtet. Den Einwanderern müsse vor Augen gehalten werden, dass sie als türkische Untertanen den jüdischen Einfluss stärken. Die, Leiter der zionistischen Institutionen müssten mit gutem Beispiele vorangehen. Auch die kulturelle Arbeit kann in Palästina ohne auf Hindernisse zu stossen, geleistet werden. Denn dort existiert keine Politik der Assimilation. Die türkische Regierung verlangt nicht von uns, dass wir Türken mosaischer Konfession werden. Wir können unsere Sprache sprechen, uns national und kulturell ausleben, ohne gezwungen zu sein, türkische Sitten und türkische Kultur auiznnehmen. Und in Palästina finden wir auch Ansätze zu einer nationalen Kultur. Hier brauchen Kultur- und politische Zionisten nicht miteinander zu kämpfen, hier können sie Hand in Hand miteinander an der Regeneration der palästinensischen Juden arbeiten. Was die Tätigkeit für die wirtschaftliche Hebung der Juden Palästinas anlangt, so ist sie wie in den Golusländern auch hier eine Geldfrage. Während wir jedoch dort auf Hindernisse stossen, die zu beseitigen nicht in unserer Macht liegt, können die Juden Palästinas unbehindert auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens tätig sein, ln der Türkei existieren keine Ausnahmsgesetze, welche den wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkelten Schranken setzen. Es bedarf aber der Hilfe aller Juden, um die 50.000 bis 60.000 Juden Palästinas wirtschaftlich zu kräftigen. Dadurch werden wir auch unseren politischen Einfluss steigern. Alle europäischen Mächte suchen sich in Palästina Stützpunkte zu schaffen; Russland unterstützt cfie Griechen, Frankreich die Katholiken, England die Drusen. Mit den Juden wird aber nicht gerechnet, weil sie noch keine wirtschaftliche Macht sind. Hätten wir eine tüchtige Bauernbevölkerung, eir.e wirtschaftlich starke Judenschaft, dann würden sich die Mächte auch um unsere Gunst bemühen und'so unseren politischen Einfluss stärken. Auf die Frage, wie diese Arbeiten in politischer, kultureller und ökonomischer Beziehung zu leisten sind, gibt es nur eine Antwort: Durch Erziehung der Jugend. Redner weist auf die Bedeutung der vo»

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