Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 15 Seite S JÜDISCHE ZEITUNG diese müssen von den Staatsbürgern die möglichsten Opier gebracht werden, die allerdings in der. Leistungsfähigkeit der Bevölkerung ihre natürlichen Grenzen finden. In seinen weiteren Ausführungen erinnert Redner daran, dass den berechtigten Beschwerden, die seit Jahrzehnten hier und in der Delegation vorgebracht werden, von seiten der Kriegs Verwaltung nicht Rechnung getragen werde. Kr führt eine, Reihe von Beispielen über Soldaten niisshandtu ng e n und Ausschreitungen von Unteroffizieren an und bemerkt, man müsse unter solchen Verhältnissen bedauern, dassi sich zwischen den Völkern Oesterreichs soviel nationaler Hader angehäuft habe, dass die Vertreter dieser Völker im Parlament nicht dazu gelangen,.sich mit aller Kraft für die Beseitigung dieser Missstände einzusetzen. Innerhalb des Militarismus könne auch von einer Gleichberechtigung und Rechtsgleichheit de1- Angehörigen aller Konfessionen keine Retesein. Ais Beweis dafür diene die Tatsache* dass die jüdischen S o 1 d a t e n nicht einen einzigen aktiven Militärseelsorger besitzen, wodurch die Kriegsverwa'tung Demoralisation züchte. Als treue Staatsbürger haben die Juden auch das Recht, in diesem Staate so behandelt zu werden, wie alle übrigen Staatsangehörigen, ln Besprechung der- Zustände ' im m i 1 i t ä r ä r z 11 i c h e u Oi f izierskorps bemerkt Redner, dass seit der Amtswirksarnkeit des General-Oberstabsarztes Dr. v. Uriel sich das militärürztliche Leben zu seinem Nachteil^ verändert habe. Es herrsche derzeitein grosser Aerzremangei, weil Dr. von Uriel bei dei Bestellung von Aerzten eine koniessione,|e Scheidung vornehme. Redner bespricht die Portierungen des militärärztlichen Korps, und g'aubt konstatieren zu können, dass dieselben deie.it bescheiden seien, dass sie von der Heeresverwaltung unbedingt erfüllt werden könnten. Die Massnahmen des General-Oberstabsarztes v. Uriel seien nicht im Interesse des militärärztlichen Offizierskorps gelegen. Uriel sei schmiegsam nach oben und gefürchtet, unsanft nach unten. Abg. Prochazka (christlichsozial): . Er ist halt ein tüchtiger Mann! •Abg. Dr. St rauch er: Ja. Sie loben sein System, weil er eilt Stück von Ihrem Fleische ist. Aus welchen Gründen werden trotz des Staatsgrundgtsetzes über die ^Gleichberechtigung die Juden prinzipiell aus dem A u d i t or i a t ausgeschlossen? Die Partei des Redners verlange die Gleichberechtigung. Redner erwarte, dass alle Parteien, deren Programm auf ■dem Prinzip des Rechtes basiert ist, diesen Beschwerden und Wünschen werden gerecht werden. (Beifall.) Interpellationen des Dr. Gabel. I. Betreffend das Verbot des Gebrauches der jüdischen Sprache in S n i at y ii in G a 1 i z i e n. Am 7. Jänner 1908 veranstaltete der jüdische Verein „Esra"; in Sniatyn einen Abend zu Ehren der iiationaljiidischen Helden, der Makkabäer. Bei dieser Feier sollte Herr Leon Wechsler aus Buczacz eine Rede in jüdischer Sprache halten, während Dr. Kanner aus Czernowitz die Ter.'denzrede hätte halten sollen. Der Bezirkshauptmann von Sniatyn verbot jedoch die jüdische Rede, dem Herrn Dr. Kanner hingegen hat er überhaupt das öffentliche Reden untersagt. Ausserdem liess er das Lokal,;n weichem die Fiier abgehalten wurde, von Gendarmen mit anfgepflauztem Bajonett umzingeln und liess einen ganzen Polizeistab auf der Wachstube zur Bereitschaft zurück. Diese Verfügungen des Herrn Bezirkshauptmannes von Sriatyn widersprechen allen gesetzlichen Bestimmungen, die nirgends ein Verbot des Gebrauches der jüdischen Sprache bei Versammlungen und Feierlichkeiten ausdriieken; durchaus ungerechtfertigt erscheint aber dieses Vorgehen gegenüber dem Dr. Kanner — einem österreichischen Staatsbürger — dem das Recht zum Sprechen überall in Galizien zusteht. Nicht zu entschuldigen ist auch das Vorgehen der Gendarmerie uitd Polizei, denn solche Makkabäer- .eiern werden von den Juden in ganz Oesterreich veranstaltet, ohne dass je die öffentliche Ordnung gestört worden wäre. D:e Unterzeichneten richten die Anfrage an Se. ■ Exzellenz: „Ob er den Herrn Bezirkshauptmann von Sniatyn für dieses iiiuechtmässige und ungerechtrertigte Vorgehen zur Rechenschaft zu ziehen gedenkt?" (Folgen die Unterschriften.) II. Betreffend das Verbot des Unterrichtes der hebräischen Sprache. Aut Grund der von der Statthalterei in Lemberg bestätigten Statuten wurde in Sambor, ähnlich wie in vielen anderen Städten, der Verein ,Sata Berura" begründet, der unter anderem den Unterricht in der hebräischen Sprache zum Ziele hat.. Dieser Verein begründete eine hebräische Schule, in welche sich sofort 200 Schüler beiderlei Geschlechtes eingeschrieben haben. Unter diesen, befanden sich auch üymnasialschiiler. Von der Eröffnung der Schule eriuhr der Direktor des Samborer Gymnasiums, Herr Josef Szairan, und verbot allen Schülern sämtlicher Klassen den Besuch dieser Schule. Dieses Verbot wurde über Auft.ag des Direktors von den Professoren verkündet. Als dieses Verbot bekannt wurde, begab sich eine Deputation, bestehend aus dem Präsidenten des Vereines „Safa Berura". dem Kultusgemeindepräses und zwei weheren Ausschussmitgliedern der dortigen Kultusgeineinde zu Herrn Szairan und setzte ihm auseinander, dass der Verein jeder Politik fernestehe. dass das Smdiurn der hebräischen Sprache sein ausschliessliches Ziel sei und bat um Aufhebung des Verbotes. Direktor Szairan erklärte der genannten Deputation, dass er allein zwar nicht das Verbot rückgängig machen könne, dass er aber von der Wahrheit der vorgebrachten Darstellung überzeugt wurde; er müsse sich vorerst mit dem Landesschulrate verständigen und werde dann das Verbot auvhehen. Trotz dieses Versprechens gab der Direktor eine derartige Meinungsäusserung dem Landesschulrate ab, dass der Landesschulrat dieses Verbot auch seineiseits bestätigte. Der diesbezügliche Beschluss des Landesschulrates ist durch nichts begründet, da die beanständete mangelhafte Qualifikation des Lehrers der hebräischen Sprache des Herrn rränkel, durch Zeugnisse der einzig hiezu berechtigten Körperschaft, des Samborer Kahal, entkräftet wurde. Diese Zeugnisse smd seinerzeit dem Landesschulrate vorgeiegt worden und ausserdem ist dieser Herr Frankel nicht nur österreichischer Staatsbürger, sondern auch Soldat der k. k. Armee. Herr Szairan begnügte sich aber nicht mit dieser Tätigkeit, und da er einer der grössten Gegner dieser Schuie ist, wendete er seinen ganzen Einfluss dazu an, um deren Existenzmöglichkeit zu untergraben. Herr Szafran ist nämlich auch Mitglied des Bezirksschulrates und seinen Bemühungen ist es zuzuschreiben. dass die dortige Bezirkshauptmannschaft ein Verbot an sämtliche Bürger- und Volksschulen erliess, diese Schule zu besuchen. Da ein solches Verbot die Existenz dieser hebräischen Schule in Frage stellte, bestrebte man sich durch Vorstellungen beim Bezirkshauptmann Herrn Kieszkowski diesen zu überzeugen, dass der bezügliche Beschluss des Bezirksschulrates aut Grund irriger Informationen seitens der Herren Szairan und Proiessor Mandel, des damaligen Delegierten zum Bezirksschulrat, geschöpit wurde, dass der Verein durchaus nichts mit Politik zu tun habe. Tatsächlich gelang es auch, den Herrn Bezirkshauptmann zu überzeugen, dass seine Informationen irrige waren, und er gab das Versprechen, dass diese Verbotsangelegeu'neit auf der nächsten Sitzung des Bezirksschulrates neuerlich zur Verhandlung gelangen werde. den Empfindungen eines jeden verwachsen wären, begann man verschiedene Geschichten, unklar, verworren und schrecklich wie Grabesstimmen von maskierten Mördern, von entlaufenen Stnillingen und krummen Messern zu erzählen ... „. . . Einst fand man in einem kleinen Städtchen ein Ehepaar im Blute schwimmend . . . neben ihnen, am Fussboden, ihr kleines Kind ...“ „Drei Personen pochten an die Tür; . . . sie brachten eine Depesche ... und töteten eine ganze Familie . . . drei kleine Kinderchen lagen wie geschlachtetes Federvieh übereinander. . .“ „Ein Metzger und sein Weib töteten ihren Gast . . . nachher erkannten sie, dass es ihr einziger Sohn sei . . i beide wurden geistesgestört . . .“ — — — Und im Zimmer begannen blutige Körper von verstorbenen Menschen ihr Spiel zu treiben . . . Das Ehepaar schwebt im Zimmer mit offenen Wunden . . . Und schwarzes geronnenes Blut bedeckt die weissen Unterkleider . . . Drei geschlachtete Kinder schwirren umher . . . Und da sind der verrückte Metzger und sein Weib mit verrauftem Haar ... Eine Angst breitet sich im Zimmer aus, eine furchtbare Angst ... Und als ob keiner je das helle Tageslicht gesehen, schien es jedem, dass es immer so dunkel und finster auf der Welt sei und dass alle Menschen immer blutüberströmt, verrückt mit ausgestreckten Händen tastend, durch die Welt straucheln ... ~ Hinter jedem unterdrückten Worte, hinter jeder Geschichte aber verbarg sich flatternd und unbestimmt der Gedanke: Bald wird rnan kommen . . . man wird morden . . . Still . . . still ... Da beginnen die Hunde traurig molancholisch hinter den Fenstern zu heulen. Und einen Augenblick hindurch scheint es, dass die schwarze Welt einen furchtbaren Traum träumt und dass sie im tiefen Schlafe mit erstickter Stimme jammert, ohne erwachen zu können. — — — Plötzlich schienen sich die Hunde auf etwas zu stürzen . . . und begannen heiser wütend zu bellen . . . Gewiss . . . sie wollen jemanden zerreissen . . . Man hört, wie sie furchtbar gereitzt, sich aufs neue auf jemanden stürzen. „Aus!“ . . . Wie.der helle Glanz eines geschliffenen Messers lief durch jedermanns Hirn der Gedanke und alle erhoben sich blass und die Herzen hörten zu schlagen auf . . . — Jemand scheint in den Hof eingefahren zu sein ... — Als ob jemand vom Wagen springen würde ... — Als ob der Holzstoss zusammengestürzt wäre . - . Eine zittternde Hand fasste unwillkürlich die Hacke, die im Winkel stand... eine zweite zündete eine Laterne an . . . — — — Still ... die Hunde hörten zu bellen auf ... - - In der starren - stummen Finsternis standen alle in einer dichtgedrängten Gruppe und scharf, angestrengt horchten alle . . . Still . . . die Hunde wedeln mit den Schweifen ... Tief in den Gehirnen, in den Herzen, in alten Gliedern lag die Finsternis uuil schien sich von dort aus auf die ganze Welt zu ergiessen . . . (Aas dem Jüdischen übertragen von M. W.) Allerlei. Präsident Lincolns „Hebräische Fahne*. Anlässlich der Jahreswende des Geburtstages des beliebtesten und bedeutendsten Präsidenten der Vereinigten Staaten Amerikas, Mr. Lincoln wird in amerikanischen Blättern eine Episode aus dem Leben des vielgefeierten und hartgeprüften grossen Staatsmannes erzählt, die verdient, auch in europäischen jüdischen Blättern festgehalten zu werden. Am 11. Februar 1861 — so wird erzählt, — veriiess der frischgewählte Präsident der Vereinigten Staaten, Mr. Lincoln, in Begleitungeiniger seiner Freunde seinen Wohnsitz in Springfeld, Illinois, um sein Regierungsamt anzutreten. Seine Mitbürger und Freund» gaben ihm bis znm Bahnhofe das Geleite. Lincoln war ob diesem Zeichen der Sympathie seiner Landsleute tief ergriffen und richtete an Bie einige Abschiedsworte, in denen er sie bat, für ihn za beten, auf dass ihm die göttliche Hilfe zuteil werde, um sein verantwortungsvolles Amt mit Erfolg führen, zu können. Vor seiner Abreise aus Springfeld erhielt er von dem Ghicagoer Kommunalbeamten, Abraham Koho, ein kunst-