Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 15 A. C.-Mitglieder in Palästina sind als solche nur befugt, zionistische Vereine zu gründen, Gelder zu sammeln usvv. Formell smd die Herren gewiss im Unrecht Wenn aber gesagt wird, es handle sich nicht um Formen, sondern darum, dass jene Gesinnungsgenossen, welche altbewährte Zionisten sind / und schon längere Zeit in Palästina wohnen, — daher die dortigen Verhältnisse kennen, — ein besonderes Recht hätten, in praktischen Palästinafragen mitzusprechen, so ist das von keiner Seite bestritten worden. Das Palästinaamt ist sogar vom grossen A. C. ausdrücklich angewiesen worden, sich mit den Herren zu beraten. Etwas anderes ist es aber, wenn von ihnen eine beschliessende Stimme verlang! wird. Ihnen eine solche einzuräumen, ist vollständig unmöglich. Es muss einmal gesagt werden — und dies soll keine Person treffen, sondern prinzipiell und für alle Zukunft festgestellt werden — dass niemand dadurch allein schon ein besonderer Fachmann in Fragen der zionistischen Palästinaarbeit wird, dass er einige Jahren in Palästina wohnt, so intelligent und vertrauenswert er auch sein möge. Die Qualifikation zum Beamten einer Gemeinschaftsbehörde ist ein Spezifikum, sie erfordert nicht nur ein spezielles Wissen, eine spezielle Geschäftserfahrung, sondern auch eine spezielle Begabung, besonders wenn der betreffende Beamte sich nicht bloss als ausführendes. sondern als leitendes Organ btwähren soll. Wenn demgegenüber gesagt wird, dass viele der in Palästina ansässigen Zionisten ausser in ihrem Beruf auch für die jüdischen Gesamtinteressen tätig sind, sei es bei irgend einer Schule, beim Informationsbureau usw., wo ja gewiss wertvolle Arbeit geleistet wird, so muss entgegnet werden, dass im allgemeinen gerade jene Personen welche in irgend einem Zweig eines grossen ganzen tätig sind, meist viel weniger, Ueberblick über dieses Ganze haben, als fachmännisch gebildete Leute, die von aussen an das Gesamtproblem mit weit grösserem Horizont herantreten. Das scheint auch, soweit man bisher urteilen kann, auf die betreffenden Gesinnungsgenossen in Palästina zuzutreffen. Sie versagten immer dort, wo es sich um das Wichtigste handelte: darum, nach welchen Gesichtspunkten die zionistische Arbeit in Palästina geleistet werden soll, nach welchem System. Ein solches zu haben, ist das erste Erfordernis für den, der eine leitende-Tätigkeit in einem werdenden Gemeinwesen entfalten will. Aber weder am Kongress, noch nachher haben wir von jenen Gg. darüber etwas erfahren können. Einzelarbeit, Kleinarbeit, und dann wird alles gehen, — das ist so ziemlich ihre stereotype Antwort Aus dem Mangel an grossen Gesichtspunkten fliesst auch der Widerstand gegen die Development Co., welchen der Palästinarat erhebt. Die Herren haben ja gewiss Erfahrung mit der Kolonisation. Aber mit jener der Chowewe Zion und des Barons. Daher sagen sie: Ein Kolonist kostet Frcs. 12—14.000, und jeder Versuch mit verhältnismässig geringeren Summen mehr zu leisten, also etwa mit einer Gesellschaft mit 1 Million Kapital, wie es die P. D. C. besitzt, mehr als höchstens ca. 80Kolonisten anzusetzen, muss fehlschlagen. Dass die P. D. G. sich von vornherein, im System, grundlegend von der Wohltätigkeitskolonisation unterscheidet, dass sie überhaupt nicht kolonisieren, sondern dem jüdischen Proletarier durch Erziehung, Gewinnbeteiligung und Ansetzung als Pächter es ermöglichen will, langsam, aus eigener Kraft, ohne Geschenke, zum Bauern zu werden — das wollen die Herren nicht einsehen. An diesem Fall zeigt sich aber am deutlichsten, wie unrichtig es wäre, dem Palästinarat oder sonst irgend einem Faktor in Palästina eine entscheidende Stimme neben dem Palästinaamt zu geben. Dieses ist dazu bestimmt, auf Grund der Beschlüsse des Kongresses tund des gesamten A. C. die von grossen Gesichtspunkten ausgehende, in jüdisch-staatlichem Interesse zu leistende beratende, konzipierende, organisatorische und leitende Tätigkeit zu entfalten. Die Ratschläge des Palästinarates werden dabei dem Amte von grossem Nutzen sein. Sie werden in vollstem Ausmasse gewürdigt und eingehend erwogen werden, der Leiter des Amtes wird die kollegialsten Beziehungen zu allen unseren Freunden in Palästina pflegen. Unterstellt und verantwortlich aber kann das Amt nur dem vom Kongress eingesetzten Chef ' des Palästinaressorts sein. Daran wird die Organisation nicht rütteln lassen. So sehr auch unsere Gesinnungsgenossen, die das Glück haben, in Palästina zu wirken, von uns geschätzt und bewundert werden, so wenig werden wir es zulassen, dass unsere Verwaltung anders als nach den bewährten Mustern, die wir in allen Kulturstaaten finden, eingerichtet wird. In späterer Zeit, wenn die jüdische Gemeinde in Palästina schon erstarkt sein wird, kann ein weiterer Ausbau eintreten und unseren Beamten ein von allen palästi- . nensischen Juden gewählter Rat zur Seite gestellt werden. Vorläufig aber ist das nach der Struktur und dem Entwicklungsgrad der jüdischen Siedlung noch nicht möglich. Es tut uns leid, in dieser Frage mit einem Teile unserer russischen Gesinnungsgenossen nicht übereinzustimmen. Das kann uns aber nicht hindern, die Ueberzeugüng der österreichischen Organisation auszusprechen und dem Wunsche Ausdruck zu geben, dass in dem Streite der Meinungen über diese und andere Fiagen unserer Politik die österreichische Landsmannschaft den Kristallisationspunkt bilden möge für eine Ralliierung aller klaren Realpolitiker des Zionismus. - Parlament und Politik. Am 2. April trat der „vertagte“ Reiohs- ■rat wieder zusammen, um das Rekrutenkontrngent für das Jahr 1908 im Dringlichkeitswege zu „bewilligen“. Wäre nicht diese „Staatsnotwendigkeit“ zu erledigen gewesen, so hätten die Abgeordneten noch lange vergebens darauf gewartet, einberufen zu werden. Unsere Abgeordneten nützten diese kurze Session genügend aus. A(bg. Gabel brachte zwei- Interpellationen ein, die wir nachstehend. veröffentlichen, ferner einen Antrag wegen E in b e z i -e h u n g der 'Kl ei nhändler und Handwerker in das Pensionsgesetz. und einen zweiten' wegen Berücksichtigung der jüdischen Nationalität bei der nächsten Volkszählung und bei den statistischen Arbeiten des Ministeriums des Imiern. Abg. Straucher hielt am 7. April als Generalredner zum RekrutenkontLngent eine fast zweistündige Rede, die wir nachstehend im Auszuge mitteilen. Eine ausführliche Wiedergabe erfolgt in nächster Nummer. Die Abg. Gabel und Dr. Mahler werden in die Debatte über das Arbeitsministerium eingreifen. Aus der Rede des Abg. Straucher. Dr. Straucher erklärt, seine Partei schliesse sich allen den vom Abg. Seitz vorgebradhtan gcschäftsordnungsmässigen Bedenken an. Um nicht ein solch gefährliches Präjudiz Platz greifen zu lassen, habe seine Partei gegen die Dringlichkeit gestimmt. Nicht als ob sie grundsätzlich gegen die Wehrhaftigkeit des Reiches wäre, als ob es ihr gleichgiltig wäre, der russische!. oder der österreichischen Staatsverwaltung anzugehören. Seine Partei sei im Gegenteil so wie die grossen Parteien des Hause^ eine eitschiedene Anhängerin der Erhaltung' der Wehrfähigkeit des Staates. Für Vor den Fenstern, im Hofe, brummt Rabtschik, der Hofhund, — bellt einmal laut — und verstummt dann traurig heulend und dann schallt es wieder: Wau ... Von einem zum anderen zieht der ängstliche Gedanke: „Er bellt nicht ohne Grund . . . wahrscheinlich sieht er jemand . . .* f - ' Und vorsichtig, unruhig, hilflos irren die Blicke durchs Zimmer und haften an allen schweren und scharfen Gegenständen . . . Die Hausfrau und ihre Schwester suchen still und heimlich einen Ort, wo sie sich verstecken könnten . . . Ueberall ist es aber unsicher . . . alles ist leicht zugänglich . . . Der Verstand bleibt still . . . das Herz.sucht Wunder: Wenn man klein würde . . . ganz klein . . . dass man aufsteigen und verfliegen könnte - . . „Die Kohlen im Samowar sind verglommen und der Samowar ist kalt geworden“, sagte einer aus der Runde. Und alle fühlten aut einmal scharf und deutlich, dass der Samowar kalt geworden sei . . . Und in den Herzen ward es auch merkwürdig kalt ... und ein Mitleid erhob sich für etwas Teueres, dass zugrunde gegangen ... * * * An der Tür ein merkwürdiges Kratzen . .'. Als ob jemand die Türklinke suchen würde . . . Alle Herzen erzittern leise ... „Die Hunde wollen Futter . . .“ Einer erhebt sich, öflnet' mit unsicherer, zitternder Hand die Tür — nur einen Augenblick starrt wie mit einem ungeheuren schwarzen Auge die Nacht ins Zimmer ... Man wartet . . . Niemand kommt . . . Ins Zimmer tritt Murin . . . ihm folgt angstvoll geduckt, als ob er etwas Schreckliches, was die anderen nicht sehen, bemerkt hätte, mit verschmierter Schnautze, Rabtschik . . . Murin ist ein faules Geschöpf mit gelblichen ruhig-einfaltigen Augen . . . liebt es ständig zu faulenzen und zu schlummern; er bellt nur hie und da, indem er den Kopf ein klein wenig hebt. Er schmeichelt sich nicht gerne ein. Alles, was er tut, ist so bedächtig: Weniger als zwei Pfund Futter oder ein ganzes Laib Brot stiehlt er nie . . . Rabtschik istkurz geschoren, mit glühenden Augen; ein grosser Schmeichler, obendrein ist er heftig und ein grosser Phantast. Es kommt manchmal vor, dass er ohne Ursache mit den Augen vor sich hinstarrt und plötzlich heftig zu bellen beginnt, ganz zwecklos . . . Als ob er sich einen Bettler mit einem langen Sacke vorstellen würde . . . Man gab zwei Schüsseln Sauermilch und alle stellten sich rings im Kreise um die stummen Geschöpfe und schauten sie freundlich an ... Und dünne geheime Fäden zogen sich von den menschlichen Herzen zu den naiven einfältigen Geschöpfen. Beide schleckten'die Milch mit Wohlbehagen und brummten zufrieden. „Das treueste Geschöpf ist doch ein Hund“, sagte einer und es schien, als ob er den Hunden etwas Freundliches, Schmeichelhaftes sagen wollte. Und etwas Machtloses, Geschmackloses, Niedriges lag darin, dass vernunftbegabte Menschen die stummen Geschöpfe umstanden und bei ihnen Hilfe suchten . . . Jeder fühlte dies unklar und sprach es nicht aus ... Ein Mensch — ein Hund — kein Unterschied! . . . schwirrte es jedem durch den Kopf. Die Hunde waren satt und blieben wartend stehen, indem sie mit den Schweifen wedelten. „Nun geht“, sagte verlegen; gezwungen heiter der Hauslehrer und öffnete -die Türe. Murin liess die Ohren hängen und missmutig verliess er das Zimmer. Rabtschik aber drückte sich an die Wand, duckte sich und wollte nicht hinausgehen. Er knickte zusammen, verkroch sich unter das Sofa und blieb dort knäuelförmig zusammengerollt liegen. Alle' beugten sich hernieder und . trieben ihn hinaus, während sie insgeheim dachten: „Ein Tier fühlt voraus . . . Der Hund hat gewiss Gründe, warum er nicht gehen will * * * Eine Weile scheint es jedem, dass jemand auf dem Dachboden herumgehe . . . Niemand aber äussert diesen Gedanken. Jeder lauscht angespannt und lässt es die anderen nicht merken. Un alle erinnern sich an Vorfälle, wo Räuber durch den Dachboden in die Wohnungen einschlichen. „Ist die Dachbodentüre geschlossen?“ fragt einer unvermittelt und wie von einem Banne erlöst, atmen alle erleichtert auf. Und gleichsam als ob alle Mordtaten, in Beziehung zur Tischgesellschaft stünden und mit